Woche 51 vom 18. - 24.12.2017

  • Nicht unbedingt. Nach rechts gedreht stehen, könnte gereicht haben. Immerhin hat sich der Rucksack verfangen.


    Oder der Radler hat an vorderster Kante auf das Grün der Fußgängerampel gewartet. Seh' ich leider sehr oft. selbst an Ampeln, wo die Radler eigentlich früher/länger grün haben.


    Auf jeden Fall einen guten Schutzengel gehabt. =O

  • Der Berliner "Tagesspiegel" hat in seinem Debattenmagazin "Causa" eine verkehrspolitische Debatte angestoßen. Letzte Woche schrieb der allseites bekannte Herr Strößenreuther ("Dem Autoverkehr Flächen wegzunehmen, um darauf sichere Radwege, Fußwege und Busspuren zu bauen sowie die Gefahren des Autoverkehrs zu reduzieren, ist einer der schwersten politischen Konflikte der Nachkriegszeit."), gestern kam ein Beitrag von Henner Schmidt, der Fachsprecher der FDP-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus für Infrastruktur und Umweltpolitik ("Mobilität ist ein Freiheitsrecht. Attraktive Mobilitätsangebote für alle schaffen").

  • gestern kam ein Beitrag von Henner Schmidt, der Fachsprecher der FDP-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus für Infrastruktur und Umweltpolitik

    Ich bin mir nicht sicher, dass Herr Schmidt seine Position zu Ende gedacht hat. Denn er schreibt:
    "Für die faire Verteilung knapper Ressourcen haben sich marktwirtschaftliche Mechanismen bewährt. Knappe Verkehrsflächen in der Stadt müssen einen fairen Marktpreis bekommen."
    Das ist im Grundsatz eine ganz klassische Position der FDP. Und er zieht sogar direkt einen richtigen Schluss:
    Anwohnerparkausweise sind aktuell viel zu billig und sollten sich eher an Monatsmieten für einen Platz im Parkhaus orientieren.


    Das ist doch schonmal eine gute Diskussionsbasis, auf der man sachlich aufbauen kann.


    Denn dann ergibt sich ganz schnell die Forderung nach einer angemessenen City-Maut. Denn auch fahrende Autos belegen wertvollen Platz und machen obendrein auch noch Lärm und Dreck.
    Und auch seine Kritik an der Straßenbahn an der Leipziger Straße und Potsdamer Platz ist plötzlich sehr diskussionswürdig. Ihm folgend muss man den Platz bewerten und dem effizienteren Verkehrsträger Vorrang einräumen. Da gewinnt natürlich die Straßenbahn mit 100 Passagieren auf der Fläche von vielleicht maximal 10 Autos.


    Auf die allgemeinen Vorwürfe gegen den Senat ("Autofahrern das Leben schwer machen", "zu einseitige Verkehrspolitik") hätte ich auch verzichten können. Aber am Ende sind sie auch nur das: pauschale Vorwürfe an den politischen Gegner. Das gehört - leider - einfach dazu. An den meisten konkret benannten Punkten schreibt er meiner Meinung aber nach viel Richtiges.

  • Strößenreuther ist ein Idiot und Träumer. Schmidt muss seine Grundlinie unbedingt abgleichen aber er erweckt den Eindruck, denken zu können und unübliche Ideen zu verstehen.


    Aber beide haben nicht verstanden, was das Problem im Verkehr ist. Wir akzeptieren ein Risikogebiet in unserem Lebensraum. Beseitigen, verringern wird dieses Risiko, kommt der Rest von selbst.

  • Herr Schmidt macht am Anfang eine bemerkenswerte Verrenkung. Sinngemäß: Ja, es war ein Fehler, jahrzehntelang einseitig den Autoverkehr zu privilegieren. Aber aus genau diesem Grunde dürfen wir jetzt nicht eine gewisse Zeit lang die anderen Verkehrsarten privilegieren, sondern alle müssen sich vernünftig entwickeln können.


    Also kein »nachholender Ausgleich« durch nachgeholte Subventionen oder Streichung der verabreichten »Dopingmittel« (sprich: Umwidmung von Verkehrsflächen), sondern: schau'n mer mal.


    Bei seinen weiteren Ausführungen habe ich den Eindruck, dass man die so oder so sehen kann. Da können Radfahrer Honig draus saugen (»Er hat gesagt, dass ..., und das bedeutet ...«), aber auch Autofahrer (»Er hat den Status quo als Basis für Veränderungen und damit prinzipiell akzeptiert, und daher kann es nicht sein, dass wir Autofahrer als einzige was abgeben sollen.«)

  • Da können Radfahrer Honig draus saugen (»Er hat gesagt, dass ..., und das bedeutet ...«), aber auch Autofahrer (»Er hat den Status quo als Basis für Veränderungen und damit prinzipiell akzeptiert, und daher kann es nicht sein, dass wir Autofahrer als einzige was abgeben sollen.«)

    Ich halte dieses "die Autofahrer sollen was abgeben" schon im Ansatz für vollkommen verfehlt. Der einzelne Autofahrer besitzt ebensowenig irgendeinen Anspruch auf die Straßenfläche wie ein Radfahrer oder Taxifahrgast. Der Anspruch des Einzelnen auf die Nutzung einer Fläche wird auch nicht dadurch größer, dass es noch weitere Personen gibt, die ebenfalls ein gleichartiges Fahrzeug dort bewegen wollen. Auch gibt es "den Autofahrer" als selbständig denkende und handelnde Herden-Persönlichkeit ebensowenig wie den vielzitierten ominösen "Wähler".


    Kurzum: man kann niemandem etwas wegnehmen, was ihm gar nicht gehört. Wer es für pfiffig hält, dem Auto Flächen "wegzunehmen", sollte bedenken, dass er damit gleichzeitig automatisch die Kapitulationserklärung/Schenkungsurkunde für alle verbleibenden Straßenflächen unterschreibt, die nicht explizit für Radfahrer freigehalten werden.


    Allmenderaub bleibt auch dann Unrecht, wenn er im Namen der Besitzlosen begangen wird.

  • Thomas schrieb:

    Ich halte dieses "die Autofahrer sollen was abgeben" schon im Ansatz für vollkommen verfehlt. Der einzelne Autofahrer besitzt ebensowenig irgendeinen Anspruch auf die Straßenfläche wie ein Radfahrer oder Taxifahrgast.

    Richtig, das wissen wir in Maltes Forum. Aber wir wissen auch, dass die Gegenseite anders denkt und meint, »Straßen« (also: Fahrbahnen, Seitenstreifen und manchmal auch die Radwege, wenn man parkenderweise »den Verkehr« nicht behindern will) würden den Autofahrern »gehören«.
    Diesen Anspruch und diese »Urangst« durchbricht man (hoffentlich), wenn man darauf hinweist, dass jeder Autofahrer, der gut und gerne auf Rad oder ÖPNV umsteigen kann und dies auch tut, Platz auf der Fahrbahn schafft, so dass die »Muss-Autofahrer« sogar bei Wegnahme einer Fahrspur besser vorankommen als bisher.

  • Mit dem Argument bin ich hier tatsächlich auch schon weitergekommen: Jeder Radfahrer schafft mehr Platz für alle, auch für Autofahrer. Nun fahre ich sicherlich nicht Fahrrad, um den Autoverkehr zu beschleunigen, aber es setzt der Denkweise etwas entgegen, dass Radfahrer den Autofahrern etwas wegnehmen.


    *edit: Und man kann damit auch sofort die Pauschalaussage entkräften, dass ja nicht jeder auf das Fahrrad umsteigen kann. Stimmt! Muss aber nicht jeder. Es würde reichen, wenn es diejenigen tun würden, denen es problemlos möglich wäre.

  • Jeder Radfahrer schafft mehr Platz für alle, auch für Autofahrer.

    Das mit dem "Platz schaffen" funktioniert aber nur dann so wie erträumt, wenn man den Umsteigern nicht 24/7 eine komplette "Zweit-Infrastruktur" freihalten muss. Also nur dann, wenn die Umsteiger anschließend mit dem Rad die gleichen Flächen benutzen wie vorher mit dem Wagen.


    Was außerdem garantiert in die Hose geht ist, wenn die Leute, die nach der vermeintlichen Umverteilung auf den neugeschaffenen Flächen unterwegs sind, vorher gar nicht Auto, sondern stattdessen Bus und Bahn gefahren sind. Der Umweltverbund gräbt sich dann einfach nur gegenseitig die Kunden ab, und wenn schlechtes Wetter ist, wundern sich alle Neu-Radler, wieso auf einmal die ÖPV-Tickets so teuer geworden und die Fahrplantakte so dünn geworden sind. Unterdessen fährt der MIV ungerührt mit dem Wagen neben den gähnend leeren Radverkehrsanlagen her.

  • Mit dem Argument bin ich hier tatsächlich auch schon weitergekommen: Jeder Radfahrer schafft mehr Platz für alle, auch für Autofahrer.

    Aber nicht bei mir. Es knackt nämlich gleich an zwei Stellen:


    1) Es gibt möglicherweise eine Korrelation zwischen Radverkehrtinfrastuktur und Radverkehrsanteil. Das wird aber immer nur an ein paar Messpunkte festgemacht. Daraus aber eine Kausalität abzuleiten, ist unlogisch.


    2) Ich finde die Annahme, dass die Neuradfahrer eher aus Bussen und Bahnen ausgestiegen sind als aus Autos, sehr plausibel.