Wintereinbruch in Hamburg

  • Das ist doch eher die Regel. Mit viel Glück wird noch ein reiner Radweg gesalzen, oft aber gesplittet. Und für die Gehwege sind innerorts allermeist die Anwohner zuständig, und denen ist es verboten, zu salzen.

    Da ich dafür gerade stehen muss, ob vor meiner Haustür einer den Spagat macht, pfeif ich drauf. Tonnen auf die Fahrbahn, aber die zwei Handvoll vor der Haustür sind dann zu viel.

  • Ist das wahr, die Straßen werden gesalzen, die Geh- und Radwege aus Umweltschutzgründen dagegen nicht?

    Ja.
    Ich vermute: die Entwässerung der asphaltierten Fahrbahnen läuft direkt in die Kanalisation und damit ins Klärwerk, bzw. noch über diverse Abscheider.

    Die Nebenflächen haben keinen Anschluß. Kleinpflaster wird meistens nicht auf Knirsch gelegt, bzw. bekommt man auch die 50x50 Platten nicht dicht verlegt.
    Die Salzsuppe durchzieht dann schön den Boden und läuft im schlechtesten Fall ins Grundwasser.

  • Mag sein, Blaue Sau, dass das Wasser von der asphaltierten Fahrbahn über die Kanalisation in die Kläranlage kommt. Dort kann das Salz aber nicht entfernt werden.

    Und noch eins: Dürfen eigentlich Kopfstein-gepflasterte Straßen gesalzen werden? Da würde dann ja nach deiner Argumentation auch gelten, dass die Salzsuppe in den Boden einzieht.

  • Je nach Art der Straßennutzung und Alter sind verschiedene Entwässerungssysteme im Einsatz.

    Vereinfachend gesagt: innerhalb des Rings1 größtenteils Mischwassersiele. Regen gelangt dort oft zusammen mit dem Schwarzwasser in die Kanalisation und wird rüber auf die Dradenau gepumpt, dort normal behandelt. Da kommt es bei Starkregenereignissen oft zu "Problemen". Nämlich enorme Wassermengen, die immer noch dreckig sind. Teilweise wird das Zeug "zwischengelagert", damit es nicht in die Elbe fließt.


    An anderen Stellen ist die Straßenentwässerung in der Tat an ein eigenes Sielsystem angeschlossen. Letztendlich entwässern diese aber allesamt in Oberflächengewässer. Ums einfach zu sagen: das Salz landet in Alster, Bille, Elbe. Bei Straßenumbauten wird aber in der Regel geprüft, welche Vorbehandlung des Regenwassers nötig ist, um in Oberflächengewässer abzuleiten. Sandfang etc - aber Salz bekommste halt nicht raus.

    Dafür löst sich Salz hervorragend in Wasser. Bei hinreichend großen Wassermengen ist das also nicht so ein wahnsinniges Problem, wenn "salzhaltiges" Wasser in das Brackwasser "Unterelbe" geleitet wird.


    Die Ausrede mit den Radwegen ist dort nachvollziehbar, wo es Hochbordradwege sind, die in einen Grünstreifen entwässern. Diese Salzlauge macht den Pflanzen zu schaffen. Wobei man fairerweise sagen muss, dass Krautgewächse da etwas stresstoleranter sind. Empfindlich sind die Bäume. Salz im Boden führt nämlich dazu, dass weniger Wasser von den Wurzeln aufgenommen werden kann und auch dazu, dass im Boden an sich wenig Wasser versickert. Das ist blöd.


    Jetzt darf man aber durchaus die Frage stellen, wieso auf Radwegen ohne angrenzenden Grünstreifen (Heidenkampsweg z.B.) auch kein Salz gestreut werden darf...


    Und warum nun Radfahrstreifen nicht geräumt wurden, auch heute noch einer Schlackelandschaft ähneln, ist nicht ausreichend beantwortet.

  • Hm, jetzt habe ich doch mal recherchiert. Und siehe da, in der Straßenreinigungs- und Sicherungsverordnung der Stadt München (ich weiß, hier ist das HH-Unterforum...) steht das Verbot von Streusalz nur für die "Gehbahnen" drin.


    Link


    Oder habe ich den Teil mit den Radwegen übersehen?


    Man hat mir also auf Nachfrage Unsinn erzählt. Hier vom entsprechenden Amt sogar schriftlich.

  • Ich habe mal ein paar Fotos aus dem März 2013 aus Süddänemark und Kopenhagen rausgekramt. Ich habe mit ein paar Kommilitonen eine Woche in einer ziemlich kalten Ferienwohnung in [url=https://www.google.com/maps/@54.9755788,11.991896,16z]Bakkebølle Strand[/url] verbracht. Das ist noch nicht im Nirgendwo, aber auch nicht weit davon entfernt, aber die Radwege wurden jeden Tag in einem benutzbaren Zustand gehalten:




    Von Vordingborg, der nächstgrößeren Stadt, bis kurz vor Bakkebølle verläuft ein Radweg auf einer ehemaligen Bahntrasse. Der Nutzerkreis an diesem kalten Märzmorgen dürfte sich doch sehr in Grenzen halten, doch der nur mäßig verschneite Radweg wird gegen 13 Uhr bereits zum dritten Mal gekehrt. Irre. Ich wäre froh, wenn die Hamburger Radwege in einem nur halb so brauchbaren Zustand wären:




    Das dänische Equivalent eines Schutzstreifens wird allerdings eher nachlässig behandelt. Dafür wird man auf der nebenan verlaufenden Fahrbahn nicht andauernd eng überholt oder totgehupt:




    Fahrradzähler drüben in Kopenhagen:




    Aber vielleicht sind uns die Dänen auch einfach ein paar Dinge voraus. Kostenloses Internet in den Bussen gab’s schon 2013 (ich glaube, sogar schon 2009?), vielleicht bei uns ja auch bis 2050.



  • Ich vermute: die Entwässerung der asphaltierten Fahrbahnen läuft direkt in die Kanalisation und damit ins Klärwerk, bzw. noch über diverse Abscheider

    Ich vermute: weil Radfahren grün und öko ist, hat auch alles, was mit Radeln entfernt zu tun hat, grün und öko zu sein. Also tut's für Radverkehr auch die wassergebundene Decke für den selbständigen Radweg und reifenmordender Splitt fürs Hochbord neben der Fahrbahn. Radfahrer benutzen bitte auch keinesfalls beschichtete Funktionskleidung! Hupe mit vom KFZ gewohnter Lautstärke am Fahrrad? Bewaahre!


    Autos machen dagegen bekanntlich reichlich Lärm und Dreck, und die dürfen daher auch nicht nur lautstark Hupen, sondern da darf dann auch der Straßenunterhalt gerne nach Belieben klotzen.

    steht das Verbot von Streusalz nur für die "Gehbahnen" drin.

    Vielleicht geht es auch nur ums Tierwohl (Hundepfoten)?

  • Ja.
    Ich vermute: die Entwässerung der asphaltierten Fahrbahnen läuft direkt in die Kanalisation und damit ins Klärwerk, bzw. noch über diverse Abscheider.

    Die Nebenflächen haben keinen Anschluß. Kleinpflaster wird meistens nicht auf Knirsch gelegt, bzw. bekommt man auch die 50x50 Platten nicht dicht verlegt.
    Die Salzsuppe durchzieht dann schön den Boden und läuft im schlechtesten Fall ins Grundwasser.

    War kürzlich bei einem Klärwerksbesuch. Eine Entsalzungsanlage gibt es da nicht.


  • War kürzlich bei einem Klärwerksbesuch. Eine Entsalzungsanlage gibt es da nicht.

    Salz ist harmlos bzw. je nach Region sowieso reichlich im Oberflächenwasser. Vor paar Jahren habe ich eine Besichtigung das "Kalimandscharo" bei Zielitz mitgemacht. Das ist die Abraumhalde des Salzbergwerkes dort, auf der kochsalzhaltiger Abraum, der bei der Kaligewinnung abfällt, abgekippt wird. Dieser gigantische Salzberg steht einfach so bei Wind und Wetter offen rum. Das Regenwasser wird in einem ringsum laufenden Graben aufgefangen und ohne weitere Behandlung in die Elbe geleitet. Auf die von mir geäußerte Verwunderung antwortete der Bergwerks-Führer bloß lakonisch: "das ganze Salz wird doch sowieso früher oder später von den Solequellen ringsum nach oben gespült. Wir beschleunigen das nur ein bisschen."

  • Salz ist harmlos bzw. je nach Region sowieso reichlich im Oberflächenwasser. Vor paar Jahren habe ich eine Besichtigung das "Kalimandscharo" bei Zielitz mitgemacht. Das ist die Abraumhalde des Salzbergwerkes dort, auf der kochsalzhaltiger Abraum, der bei der Kaligewinnung abfällt, abgekippt wird. Dieser gigantische Salzberg steht einfach so bei Wind und Wetter offen rum. Das Regenwasser wird in einem ringsum laufenden Graben aufgefangen und ohne weitere Behandlung in die Elbe geleitet. Auf die von mir geäußerte Verwunderung antwortete der Bergwerks-Führer bloß lakonisch: "das ganze Salz wird doch sowieso früher oder später von den Solequellen ringsum nach oben gespült. Wir beschleunigen das nur ein bisschen."

    So harmlos ist Salz dann auch wieder nicht. Ich kann mich daran erinnern, dass vor einigen Jahren der Lichtenbergplatz eine neue Kastanie bekam. Die alte war eingegangen. Laut Baumgutachter gestorben an Streusalz und Hundekot. Der Platz hat eine Grünfläche in der Mitte. Diese wurde schon vor rund 20 Jahren in der heutigen Größe angelegt. Davor war sie sehr viel kleiner und die Winter waren vermutlich hartnäckiger. Da wurde der Baum ordentlich gesalzen. Dem Hundekot ist man inzwischen mit einem niedrigen Zaun begegnet, der Hundebesitzer davon abhält, hier ihren Fiffi abkoten zu lassen.

    Diesen Winter und so weit ich mich erinnere auch letzten Winter wurde in Hannover nicht viel gesalzen. Gab auch nur selten Anlass. (Klimaerwärmung?)


    Und am Ufer der Fösse, ein Bach, der aus einer Region mit Kalibergbau-Abraumhalden her kommt, wachsen Pflanzen, die sonst nur am Meeres-Strand wachsen:

    "Die Fösse und die Bade haben durch salzhaltige Quellen einen natürlichen Salzgehalt. Ursache ist der Benther Salzstock, der bis in das Grundwasser hinauf reicht.

    Dieser Salzgehalt macht die Fösse für die meisten Pflanzen- und Tierarten des Süßwas­sers unbewohnbar. Dafür wachsen an den Ufern salztolerante bzw. salzlieben­de Pflanzen, die gewöhnlich eher an der Nordsee anzutreffen sind." (Quelle: Internetseite der Stadt Hannover)

    https://www.hannover.de/Kultur…/Wasserzeichen/F%C3%B6sse


    Und auf dem Baumpflegeportal hab' ich dieses Zitat gefunden:

    "Baumschäden durch Streusalzeinsatz im Winter

    Pünktlich mit dem ersten Schnee tritt auch ein anderer, berüchtigter Begleiter des Winters wieder ans Tageslicht: Streusalz. Kräftig gestreut, soll es die Rutschgefahr durch Schnee und Eis mindern. Doch lange ist bekannt, dass Streusalz erhebliche, negative Auswirkungen auf Natur und Umwelt hat. Es ist an der Zeit, umzudenken und auf Alternativen umzusteigen."

    https://www.baumpflegeportal.d…zeinsatz_schaeden_baeume/

  • Hab das grad mal überflogen, diese "Straßenreinigungs- und Sicherungsverordnung der Stadt München" und dabei den Eindruck gewonnen, es geht dabei um die Maßnahmen, die ein Hausbesitzer ergreifen muss, um den Gehsteig schnee- und eisfrei zu halten, bzw. Rutschgefahren zu vermeiden. Und für die Radwege tragen die Hausbesitzer vermutlich keine Verantwortung. Kann also sein, dass das mit dem Streusalzverbot auf Radwegen in irgend einem anderen Regelwerk steckt.


    München liegt ja nun ein bisschen höher als Hannover oder Hamburg. Habt ihr da viel Schnee und Eis im Winter?

  • In dem Schreiben vom Tiefbauamt wird aber explizit auf diese Verordnung abgestellt (als es um die "Nichtsalzung" von Radwegen geht).

    Du hast Recht, das hab' ich übersehen. Und das ist wirklich merkwürdig. Denn wenn es bei dieser Verordnung, wie ich es vermute, um die Pflichten der Hausbesitzer geht, dann sind die Radwege ja ohnehin außen vor.

  • Ich habe auch nichts gefunden, außer das Baureferat will implizit mitteilen, dass es Radfahrende für Unkraut hält, das zu entfernen ist *scnr*

    "Zu diesem Zweck haben sie die Reinigungsfläche [...] von Unkraut zu befreien, wobei keine chemischen ätzenden oder ähnlichen Unkrautvertilgungsmittel (auch kein Streusalz) verwendet werden dürfen."

  • Es waren ja nur anderthalb Zentimeter, die werden doch schon allein von der Wärme der Autos weggeschmolzen... Auf'm Radweg war das eben nicht so und einmal bin ich tatsächlich gestern gestrauchelt, weil sich unter dem Neuschnee Eisrillen befanden. Schlimm war's für mich nicht, aber das war schon ein Schreckmoment und ein weniger geübter Radler wäre gewiss gefallen.


    Dabei war gar nicht mal so wenig los auf meiner Strecke. Ich bin 7:00 losgefahren und überall waren bereits Fahrradspuren zu sehen...


    LG
    Anna