Scharrrf rrrächts fahren!

  • Dieses Bild von vorgestern von Baden-Württembergs Verkehrsminister Winfried Hermann, wie er in voller Montur auf einem nicht sehr breiten, aber dafür sehr kurvigen Weg geschätzte 20 Zentimeter vom Abgrund entfernt mit sicher nicht unerheblicher Geschwindigkeit gefahren ist, hat mir ein grundsätzliches Problem vor Augen geführt: egal wie gut oder schlecht Infrastruktur ausgeführt wird (auf dem Foto eher zweiteres), solange sich eine Mehrheit der Radfahrer verhält wie anno 1937, wird es keine wirklichen Fortschritte geben.


    Es mag regional unterschiedlich sein, aber hier im Süden Deutschlands ist diese Unsitte auch 75 Jahre nach Kriegsende immer noch weit verbreitet. Egal ob auf Radwegen, schmalen Nebenstraßen, breiten Hauptstraßen oder sogar Feldwegen, man sieht von zehn Radfahrern vielleicht einen oder maximal zwei mit ausreichendem Abstand zum rechten Rand fahren. Das ist mitnichten ein Problem der älteren Generation, die das wirklich noch so gelernt hat, selbst junge agile Rennradfahrer drücken sich bei 40+ km/h an den rechten Rand, genau wie Jugendliche mit Rädern aller Art, junge Eltern mit Nachwuchs im Anhänger und sogar Fahrer mit Lastenrädern, denen man ewige Gestrigkeit nun wirklich nicht nachsagen kann.


    Die Probleme sind bekannt und regelmäßig in Lokalzeitungen und Polizeiberichten zu lesen: Stürze durchs Abkommen ins Bankett, gefährliche Überholmanöver und Zusammenstöße auf zu engen Radwegen, "Übersehen" im Längs- und Querverkehr durch PKW-Fahrer, die aus Gewohnheit auf die Fahrbahn und nicht deren Rand schauen. Die zahlreichen Engüberholmanöver mit zu hoher Geschwindigkeit und die dadurch erzeugte Angst und Verzicht aufs Radfahren schaffen es gar nicht in die Medien, sind aber unzweifelhaft vorhanden, wie uns die Coronakrise mit reduziertem PKW- und erhöhtem Radverkehr gezeigt hat.


    Zusätzlich führt dieses Verhalten zu einer falschen Weichenstellung: wenn man für einen normalen Radweg wie im oberen Bild die dort korrekten Seitenabstände annimmt, ist man da bei geschätzten 250 cm Breite mit 75 cm Radfahrerbreite, 50 cm Sicherheitsabstand nach rechts und 100 cm Abstand zum Gegenverkehr als Mindestmaß (in Kurven und Abfahrten noch mehr!) schon bei 225 cm und damit fast der gesamten Breite, Gegenverkehr würde 350 cm benötigen. Wenn sich aber alle so an den Rand drücken und auf der Linie balancieren, die man eigentlich gar nicht überfahren darf, dann erscheinen auch 250 cm noch als ausreichend und es wird gar nicht erst mit vier Metern geplant... besonders absurd, wenn man sich ins Gedächtnis ruft, dass ein einzelner Fahrstreifen für eine Richtung auf einer normalen Straße schon 2,75 bis 3,50 Meter breit ist und das niemand als zu breit für KFZ von 1,60 bis 2,55 Meter Breite ansehen würde. Autofahrer fahren auch höchst selten mit dem rechten Rad im Rinnstein oder halb auf dem Bankett, obwohl es für die wesentlich ungefährlicher ist als für Radfahrer.


    Okay, wie löst man dieses Problem nun? Mein Gefühl sagt mir, dass die meisten Leute das gar nicht absichtlich machen, sondern unbewusst. Vielleicht, weil sie das Rechtsfahrgebot falsch interpretieren, oder es sich von Vorbildern (Eltern, Freunde, Polizei) so abgeschaut haben, oder den Abstand zwischen sich und den Autos erhöhen wollen (und ihn ironischerweise dadurch sogar verkleinern). Aufklärung müsste also ausreichen - aber wie stellt man das an, ohne wie ein Handzettelwerfender Missionar dazustehen bzw. sogar Abwehrreaktionen zu provozieren (niemand mag gerne gesagt bekommen, dass er sich jahrelang falsch verhalten hat)? Informationsangebote online erreichen dagegen die Zielgruppe höchstwahrscheinlich nicht, wenn man nicht ordentlich Geld für Werbung in die Hand nimmt. Bliebe noch der Weg über Verbände wie den ADFC, bei dem es aber wohl laut verschiedener Meinungen stark auf den jeweiligen lokalen Ortsverband und dessen Einstellung ankommen soll. Der politische oder gerichtliche Weg erscheint mir schließlich völlig sinnlos, da man niemandem vorschreiben kann, sich nicht selbst zu gefährden, und weder das Fahren in der Mitte noch am Rand verboten ist.


    Wie seht ihr das? Habt ihr vielleicht sogar schon Erfahrung mit solcher Aufklärung, außerhalb des eigenen Freundes- und Bekanntenkreises? Wie waren die Reaktionen der Leute?

  • Hier findet man die Broschüre "Sicher auf dem Fahrrad" für Kinder der Schuljahrgänge 4 und 5

    https://www.mw.niedersachsen.d…-niedersachsen-15422.html

    (rechte Spalte > Broschüren zum Thema Radverkehr)


    Zitat, Seite 10

    Zitat

    Rechtsfahrgebot

    Auf Straßen ohne Radweg gilt das Rechtsfahrgebot. Das heißt: fahre so weit rechts am Fahrbahnrand wie möglich. Wenn du dabei nicht über Gullys holperst oder durch die Rinne fährst, weißt du, dass der Abstand zum Bordstein stimmt.


    Was soll man da noch sagen? Soll man die Herausgeber für jeden Dooring-Unfall wegen fahrlässiger Tötung anzeigen?

  • Super Broschüre! :evil: Neben dem Rechtsfahrgebot hier meine Highlights:

    Zitat

    Dein Helm sollte aussortiert werden: [...] nach sechs Jahren ohne Unfall, weil das Material alt ist und viel leichter zerspringt

    Gut, dass Kinder für gewöhnlich innerhalb von sechs Jahren nicht großartig wachsen... ^^

    Zitat

    Radwege verlaufen auch oft neben parkenden Autos. Da kann dann schnell mal eine Tür aufgehen. Pass also besonders auf

    ... und wenn es dich erwischt, hast du halt Pech gehabt und bist tot... selber Schuld, wer nicht aufpasst und in die Zukunft schauen kann, echt mal! Kann ja mal passieren, so ne automatische Türöffnung, muss man schon mit rechnen!

    Zitat

    Und endlos gehen die Radwege auch nicht und plötzlich ist Schluss. Dann musst du auf die Fahrbahn wechseln

    Erfrischend ehrlich, zur Abwechslung mal. :thumbup:

    Zitat

    Achtung! Der Schutzstreifen ist meist deutlich schmaler als der Radfahrstreifen und darf von anderen Fahrzeugen überfahren werden. Fahr deswegen möglichst weit rechts

    Das ist so falsch auf mehreren Ebenen, dass mir übel wird. Kein Wort davon, wann er überfahren werden darf (Ausweichen im Begegnungsverkehr und Abbiegen/Parken, jeweils nur wenn keine Radfahrer in der Nähe sind) und eine absurde Logik - wenn er sowieso immer überfahren werden dürfte, wieso wird er dann überhaupt aufgemalt? Dann könnte man sich die ganze Arbeit doch eh sparen?

    Zitat

    Der Lkw hat vier „Tote Winkel“
    1. Direkt vor dem Fahrzeug
    2. Hinter dem Fahrzeug
    3. Auf der linken Fahrzeugseite
    4. Besonders gefährlich ist der „ Tote Winkel“ auf der rechten Seite

    Besonders gefährlich ist es vorne, hinten, links und rechts. Unter dem LKW ist auch nicht so toll, am besten einfach drüber springen! Kinder fahren ja eh öfters BMX, hab ich gehört... Oder in Niedersachsen fahren die ganzen Oldtimer-LKW ohne ausreichende Spiegel rum, die man sonst in Deutschland kaum noch auf den Straßen sieht. Die eine Zeichnung zeigt ja auch einen Langhauber, sowas sieht man hierzulande ja eher im Museum oder in Filmen aus den USA.

    Zitat

    Linksabbiegen – so geht’s mit Sicherheit

    Kein Wunder, dass indirektes Linksabbiegen so unbekannt ist, wenn es mit doppelter Fahrbahnquerung über Fußgängerampeln verwechselt wird (auch nochmals später im Quiz).

    Zitat

    Wenn du mit deinem Fahrrad so einen Zebrastreifen überqueren willst, musst du von deinem Fahrrad absteigen und es über die Fahrbahn auf die andere Seite schieben. Der Fußgängerüberweg ist ja nur für Fußgänger!

    Gut, an diesem komplexen Teil der StVO scheitern ja schon die Fahrrad-Cops vor laufender Kamera, da sei es dem Land Niedersachsen noch mal verziehen. Der darauf folgende Teil mit "Geh erst über den Zebrastreifen, wenn die Autos stehen" ist eigentlich eh schlimmer, so erzieht man sich rücksichtslose Autofahrer und Kinder, die auf ihre Rechte verzichten.


    Alles in allem ein ziemliches Gruselkabinett. Die technische Seite am Rad ist okay, da kann man aber auch nicht viel falsch machen. An der Broschüre beteiligt waren Wirtschafts-/Verkehrsministerium, Innenministerium/Polizei, Kultus-/Sportministerium, ADAC, ADFC und Verkehrswacht. Geht das nach dem Motto "viele Köche verderben den Brei", oder ist man sich da wirklich zu fein, einmal Korrekturzulesen? Oder einen kurzen Blick in die StVO zu wagen? Oder ist das egal, weil "sind ja nur Kinder"?


    Es wird in der Broschüre ja auch die Radfahrprüfung erwähnt. Wenn ich an meine eigene zurückdenke, dann war das - obwohl damals die Gesetzeslage ja noch fahrradfeindlicher war als heute - eigentlich hauptsächlich das Einüben der Grundregeln: Rechts vor Links, Ampeln, Verkehrsschilder, direktes Linksabbiegen, Rechtsabbiegen, Überholen, Halten, Anfahren, Queren, Zebrastreifen. Radwege kamen darin gar nicht vor, Rechtsfahren nur im Sinne von "man fährt auf der rechten Seite der Straße, weil links Gegenverkehr kommt". Wird aber vermutlich auch sehr lokal verschieden sein, je nachdem wie motiviert der damit betraute Polizist dann im Endeffekt ist, wenn er den Schulhof vollpinseln muss.

  • Ich stimme zu: ein Teil der Rad Fahrenden praktiziert das Ultra-Rechts-Fahren unbewusst.

    Ein Teil macht das aber sehr wohl absichtlich. Ich hatte situationsabhängig in den letzten Jahren sporadisch mal eben jene Rad Fahrenden freundlich und höflich angesprochen und nachgefragt, ob sie nicht die Befürchtung haben, dass vor ihnen nun eine Autotür aufgerissen wird und sie zu Fall bringt.

    Ungefähr die Hälfte der angesprochenen antworteten sinngemäß: "hm, [ja/nein/doch schon irgendwie], aber ich will ja kein Hindernis sein"


    Das waren jeweils Fahrbahn-Rad Fahrende, die immerhin in Ermangelung eines Radweges nicht auf dem Gehweg rumfuhren, sondern eben im Mischverkehr neben rechts am Fahrbahnrand geparkten KFZ.


    Wie man das angeht/ändert?

    Richtige Informationspolitik. Gerichtet an alle Bürger. Von vielen Stellen. Quasi ein Rundumschlag.

    Oder im Klein-Klein: Freundes- und Familienkreis.


    Meine Eltern waren auch so rechts-Fahrer. Meine Mutter hat das ziemlich fix übernommen, nicht mehr in der Dooringzone zu fahren. Mein Vater macht das immer noch, der ist aber so Typ "Hans-Guck-in-die-Luft" und bekommt das gar nicht mit. Bis meine Mutter ihn aus der Dooringzone raus-ermahnt :saint:

    Damit will ich sagen: für besseres und sichereres Fahren ist es nie zu spät. Es braucht nur Anstoß von außen oder Erkenntnis von innen und etwas Willen / Einsicht.

  • Dieses Bild von vorgestern von Baden-Württembergs Verkehrsminister Winfried Hermann, wie er in voller Montur auf einem nicht sehr breiten, aber dafür sehr kurvigen Weg geschätzte 20 Zentimeter vom Abgrund entfernt mit sicher nicht unerheblicher Geschwindigkeit gefahren ist, hat mir ein grundsätzliches Problem vor Augen geführt: egal wie gut oder schlecht Infrastruktur ausgeführt wird (auf dem Foto eher zweiteres), solange sich eine Mehrheit der Radfahrer verhält wie anno 1937, wird es keine wirklichen Fortschritte geben.

    [...]

    Wie seht ihr das? Habt ihr vielleicht sogar schon Erfahrung mit solcher Aufklärung, außerhalb des eigenen Freundes- und Bekanntenkreises? Wie waren die Reaktionen der Leute?

    Ich sehe das als Beleg, dass der ganze "mehrPlatzfürsFahrrad"-Kram bloß scheinheiliges Gerede ist. Die Leute wollen gar nicht mehr Platz, sondern einfach bloß irgendwas, damit sie den Autos nicht mehr im Weg sein müssen (und damit ohne den ansonsten drohenden "puh,-ich-muss-mich-jetzt-aber-ranhalten-damit-ich-Die-nicht-so-aufhalte"-Stress kardio-schonend vor sich hineiern können).

  • ... und wenn es dich erwischt, hast du halt Pech gehabt und bist tot... selber Schuld, wer nicht aufpasst und in die Zukunft schauen kann

    Das eigentliche Problem ist doch die realitätsferne Forderung an sich.

    Als Radfahrer fährt man ständig neben parkenden Autos. Da ist es absolut realitätsfern, die ständig konzentriert im Blick zu haben. Denn es gibt auch noch anderen Verkehr, um den man sich kümmern muss.

    Es hilft nur Abstand.

    Besonders gefährlich ist es vorne, hinten, links und rechts.

    Danke für den Lacher :-)

    Der darauf folgende Teil mit "Geh erst über den Zebrastreifen, wenn die Autos stehen" ist eigentlich eh schlimmer, so erzieht man sich rücksichtslose Autofahrer und Kinder, die auf ihre Rechte verzichten.

    Hier bin ich bei der Broschüre. Das oberste Ziel ist, dass Kinder sicher durch den Straßenverkehr kommen. Das Erziehen von Autofahrern sollten sie anderen überlassen.

    Ich nehme am Zebrastreifen auch gerne die Technik: "So weit vorgehen, dass er mich überfahren müsste, ich aber zur Not noch zurück springen könnte".

    Für Kinder ist das aber ungeeignet. Die bekommen das noch nicht hin. Da braucht man klare Regeln.

  • Mal noch ein Lichtblick:

    Meine Tochter bekommt an der Schule gerade Fahrradunterricht. Und dort wurden ihr die korrekten Abstände zum Fahrbahnrand und parkenden Autos beigebracht: 50 cm bzw. 1 m. Ersteres ist noch etwas knapp. Aber wir wollen mal nicht päpstlicher sein als der Papst.


    Und ihr wurde noch beigebracht, dass der kleine Reflektor hinten am Schutzblech Pflicht ist. Aber die Änderung ist ja erst 2 oder 3 Jahre alt. Das würde ich jetzt von einem Grundschul-muss-alles-lehren-Lehrer auch nicht unbedingt verlangen.

  • Habe mal nach dem interessanten Dokument "Zehn Pflichten für Radfahrer" von 1938 gesucht, das Obelix gepostet hatte. Und ich bin dabei auf einen Bericht der Online-Zeitung "Münster-Journal" gestoßen:

    https://muenster-journal.de/20…pflichten-fuer-radfahrer/

    Dort wird in einem Bericht vom 6.8.2019 über eine Museums-Ausstellung über das Dokument berichtet.

    In dem Bericht gibt es eine Abschrift der "Zehn Pflichten für Radfahrer", die ich hier als Zitat einfüge, weil die Frakturschrift doch mitunter etwas mühsam zu lesen ist:


    "Zehn Pflichten für Radfahrer

    Verkehrsgemeinschaft ist ein Stück Volksgemeinschaft!

    Vergiss das nie! Präge Dir ein und behalte gut und für immer:


    Erste Pflicht:

    Scharf rechts am Rand der Fahrbahn fahren!


    Zweite Pflicht:

    Grundsätzlich nicht neben anderen Radfahrern fahren!


    Dritte Pflicht:

    Immer die Radwege benutzen!


    Vierte Pflicht

    Die Lenkstange stets festhalten und die Füße auf den Pedalen lassen!


    Fünfte Pflicht:

    Nur dann überholen, wenn genügend Platz ist und keine Gefahr besteht; nach links in weitem und nach rechts in engen Bogen einbiegen!


    Sechste Pflicht:

    Vor dem Einbiegen nach links, die entgegenkommenden Fahrzeuge vorbeilassen! Rechtzeitig abwinken; vergiß, nicht daß Deine Zeichen bei Dunkelheit oder Nebel schwer zu erkennen sind!


    Siebente Pflicht:

    Kraftfahrzeuge und Straßenbahnen vorbei fahren lassen, wenn Du nicht auf einer gekennzeichneter Hauptstraße fährst.


    Achte Pflicht:

    Dich nicht anhängen, kein Vieh führen und andere Fahrzeuge nur dann ziehen, wenn sie mit deinem Rade fest verbunden sind!


    Neunte Pflicht:

    Nur ein Erwachsener darf ein Kind bis zu sieben Jahren auf einem besonderen Sitz mitnehmen!


    Zehnte Pflicht:

    Dein Fahrrad stets in Verkehrssicherem Zustand halten!


    Halte Dich streng an diese Gebote! Wer sie übertritt, versündigt sich an der Gesundheit und am Wohlstand seines Volkes!"


    "Zehn Pflichten für Radfahrer" von 1938 aus: Münsterjournal, 6.8.2019, hier ein Link zum dort veröffentlichten Bild: https://muenster-journal.de/wp-content/uploads/205722P-1.jpg


    Die Rechtschreibung habe ich nicht an heutige Verhältnisse angepasst, also nicht über "daß" statt "dass" wundern.

  • Ich stimme zu: ein Teil der Rad Fahrenden praktiziert das Ultra-Rechts-Fahren unbewusst.

    Ein Teil macht das aber sehr wohl absichtlich.

    Hier, meld! Ich fahre *außerorts* ganz bewusst ultrarechts, mit den Reifen maximal 30cm links des Z.295. Dieses "wenn ich weiter links fahre, verhindere ich Vorbeiquetschen" funktioniert außerorts nicht richtig, weil dafür die Straßen in der Regel einfach zu breit und auch zu leer sind. Und dann weiß ich aufgrund meiner langjährigen intensiven Beobachtung des Unfallgeschehens, dass wenn es denn mal (selten genug) außerorts zu seitlichen Berührungen oder gar Rammstößen kommt, dann deshalb, weil der Kraftfahrer gepennt hat. Wenn ich diszipliniert rechts bleibe, gebe ich solchen Schnarchnasen eine größere Chance, mich zu verfehlen oder in letzter Sekunde noch wenigstens einen minimalen Ausweichschlenker hinzubekommen. Ob aufmerksame Überholer mir aber einen knappen oder zwei gute Meter gewähren, juckt mich dagegen nicht die Bohne.

  • Die Leute wollen gar nicht mehr Platz, sondern einfach bloß irgendwas, damit sie den Autos nicht mehr im Weg sein müssen

    Ich bin mal mit einer Bekannten entlang einer Hauptstraße gefahren, an der es keinen "Radweg" gibt. Hinterher sagte sie mir, dass sie auf der Fahrbahn Angst gehabt hätte. Wie sich auf Nachfrage herausstellte, keine Angst überfahren zu werden, sondern Angst, den Autoverkehr zu behindern.


    Das scheint tatsächlich tief in den Köpfen verankert zu sein, dass das Schlimmste Vergehen, das man im Straßenverkehr begehen kann, darin besteht, den Autoverkehr zu stören. Das erklärt Gehwegradler und Rinnsteinradler genauso wie Autofahrer, die lieber auf "Radwegen" parken als am Fahrbahnrand.

  • Hier, meld! Ich fahre *außerorts* ganz bewusst ultrarechts, mit den Reifen maximal 30cm links des Z.295. Dieses "wenn ich weiter links fahre, verhindere ich Vorbeiquetschen" funktioniert außerorts nicht richtig, weil dafür die Straßen in der Regel einfach zu breit und auch zu leer sind. Und dann weiß ich aufgrund meiner langjährigen intensiven Beobachtung des Unfallgeschehens, dass wenn es denn mal (selten genug) außerorts zu seitlichen Berührungen oder gar Rammstößen kommt, dann deshalb, weil der Kraftfahrer gepennt hat. Wenn ich diszipliniert rechts bleibe, gebe ich solchen Schnarchnasen eine größere Chance, mich zu verfehlen oder in letzter Sekunde noch wenigstens einen minimalen Ausweichschlenker hinzubekommen. Ob aufmerksame Überholer mir aber einen knappen oder zwei gute Meter gewähren, juckt mich dagegen nicht die Bohne.

    Ich habe noch nicht so viel Erfahrung wie du und zum Glück keine Unfälle bisher gehabt, aber auch schon öfter über genau diesen Fall nachgedacht. Damit wir auf derselben Basis stehen und nicht aneinander vorbeireden: Ich meine hier bewusst solche Landstraßen, hier passend mit Autos dargestellt. Also mit Mittelstrich, aber nicht breit genug für Auto und Rad auf einem Streifen, selbst wenn sie sich vorbeiquetschen. Breite dürfte 5,50 bis 6,50 Meter sein.


    Man sieht es an dem überholenden Fahrzeug, ein Fahrradfahrer würde hier bei mehr als 20 km/h schon allein vom Windzug in die Böschung gedrückt werden, wenn nicht direkt umgefahren, egal wo er fährt. Umgekehrt gibt es aber hohes Gras, Felder, Büsche und Bäume, die in den Kurven die Sicht nehmen - wenn man dann noch rechts am Rand fährt, würde ich die Gefahr eher als höher einschätzen, dass einen einer ummäht, weil er die Kurve zu schnell nimmt. Das kommt natürlich auch sehr auf den jeweiligen Einzelfall an, der selbst in solchen Situationen nur sehr kurz und zufällig besteht - davor und danach ist es wieder ganz anders.


    Ich habe allerdings des Öfteren erlebt, dass Gegenverkehr kommt und man eigentlich gar nicht überholen kann bzw. darf. Wenn ich da ca. 50 cm von rechts gefahren bin, haben sich öfters Autos auf meinem Streifen vorbeigedrückt, bei konsequentem Fahren leicht rechts der Mitte oder in der Mitte (wie es ein Mofa auch tun würde, und das fährt nur 25) kam das grob geschätzt nur noch in einem von zwanzig Fällen vor, und da lag das Risiko dann beim Frontalzusammenstoß der beiden Autos, da voller Fahrstreifenwechsel. Beim Überholen ohne Gegenverkehr war der Unterschied besonders bei LKW und schnellen PKW spürbar, da die Windschleppe zu entsprechendem Schaukeln geführt hat. Klar, wenn sowieso alle komplett den Streifen wechseln würden, dann könnte man auch weiter rechts problemlos fahren, aber ein halb auf meinem Streifen vorbeidonnernder LKW ist nicht besonders angenehm bei 80 km/h.


    Ich muss aber noch dazusagen, dass ich auch tagsüber prinzipiell mindestens mit einem, meistens zwei sehr hellen Rücklichtern und 50% der Zeit auch mit Vorderlicht fahre. Aus eigener Erfahrung auf dem Rad und im PKW, gerade im Sommer mit Licht/Schatten und auch wieder analog zu Mofas. Aus diesem Grund sehe ich mich auch nicht als Verkehrshindernis, alte Traktoren fahren 15 ohne Licht und Mofas 25 mit schwacher Funzel, da bin ich mit einer 20-Euro-Leuchte schon drüber.


    Nachtrag: Einen Punkt hatte ich noch vergessen: wenn man mittig fährt, liegt man im direkten Sichtfeld des Autofahrers und hebt sich vom grauen Asphalt deutlich ab (Umriss und Farbe). Am Rand kommt das dann auf den jeweiligen Bewuchs seitlich an. Das ist jetzt nur anekdotisch, aber gerade von weiter weg habe ich als Autofahrer mittige Zweiräder besser bzw. deutlicher wahrgenommen als welche am Rand. Vielleicht auch ein wenig Tunnelblick, man schaut ja unweigerlich eher zur Mitte als zum Rand bei schneller Fahrt.

  • § 25, Absatz 3, Satz 1 ist die Wurzel allen Übels.


    Im Verkehr soll die gegenseitige Rücksichtnahme gelten. Nur sind hohe Geschwindigkeiten damit nicht kompatibel. Um diesen wichtigen Vorteil (bei Weitem nicht der einzige) der Kraftfahrzeuge auch nutzen zu können, musste die Kraftfahrer die gegenseitige Rücksichtnahme aufkündigen. Durch eine wirklich zu bewundernde Kampagne wurde die Rücksichtnahme einseitig den anderen aufgedrückt. Seit dem sind Kraftfahrer eindeutig privilegiert.


    Das sitzt inzwischen so tief drin, dass wir es oft gar nicht merken. Es wurde ja schon gesagt, dass Radfahrer dem "richtigem" Verkehr nicht im Weg sein wollen. Da muss man ansetzen. Ob eine wenig weiter Links sicherer ist, ob irgendetwas vorgeschrieben ist, ist unwichtig, weil man damit ja dem höhenwertigem Verkehr im Weg sein würde. Der Regelbruch oder die eigene Gefährdung wird durch einen gesellschaftlichen Konsens gerechtfertigt. Ganz langweilige kognitive Dissonanz.


    Radwege vertiefen den Radfahrerminderwertigkeitskomplex noch weiter, weil sie die scheinbaren Unterschiede zwischen Kraft- und Radfahrern bekräftigen. Das wiegt für mich bezüglich meiner Ablehnung von Radverkehrtanlagen sogar schwerer als objektive Kriterien wie Sicherheit oder Geschwindigkeit.

  • Generell gibt es halt viele Autofahrer, die dann ihr vermeintliches Recht durchsetzen wollen. Auch dieses Forum ist ja voll von Berichten wie "Schläge angedroht / tatsächlich verprügelt", "extra eng überholt", etc.


    Finde es schon verständlich, dass viele Menschen darauf keine Lust haben.


    Lösung? Dashcams/Bodycams erlauben kombiniert mit harten Strafen?

  • Beim Überholen ohne Gegenverkehr war der Unterschied besonders bei LKW und schnellen PKW spürbar, da die Windschleppe zu entsprechendem Schaukeln geführt hat. Klar, wenn sowieso alle komplett den Streifen wechseln würden, dann könnte man auch weiter rechts problemlos fahren, aber ein halb auf meinem Streifen vorbeidonnernder LKW ist nicht besonders angenehm bei 80 km/h.

    Da ich seit über 20 Jahren im windigen Flachland zu Hause bin und ich außerdem seither werktäglich auf etlichen km Landstraße den Radweg ignoriere, kenne ich sowohl starken Seitenwind als auch Kampflinie-fahrende Dichtüberholer zur Genüge.


    PKW sind mittlerweile aerodynamisch so optimiert, dass sie auch bei Landstraßentempo keine spürbare Windschleppe mehr haben. Nicht bei starkem Seitenwind*, und erst recht nicht bei Windstille. Bei Schwerlast-LKW merkt man bisschen mehr, aber für stärkere Ausschläge sind die wiederum zu langsam. Etwas kritischer sind flotte Klein-LKW aus der Sprinter-Familie, aber der Druck bzw. Sog hat auch dann noch nie zu Ausschlägen meiner Fahrlinie geführt, die zu einem akuten Problem geführt hätten.


    *) Bei Orkanböen werde selbst ich schwach, steige ab und schiebe auf dem gemeinsamen Geh- und Radweg. Grund ist dann aber nicht die Windschleppe der Überholer, sondern dass ich ungern riskiere, auch mutterseelenallein fahrend einfach umgeblasen zu werden.:saint:

  • Lösung? Dashcams/Bodycams erlauben kombiniert mit harten Strafen?

    Die Lösung kann nur die gleiche wie die sein, mit der sich Kraft- und Radfahrer (die einen zum Parken, die anderen zum Fahren) allmählich den Bürgersteig gekapert haben: gibt's heute Mecker, morgen einfach wieder da sein, und das so lange, bis sie resignieren und den Kampf dagegen irgendwann aufgeben.

  • Ich sehe das als Beleg, dass der ganze "mehrPlatzfürsFahrrad"-Kram bloß scheinheiliges Gerede ist. Die Leute wollen gar nicht mehr Platz, sondern einfach bloß irgendwas, damit sie den Autos nicht mehr im Weg sein müssen (und damit ohne den ansonsten drohenden "puh,-ich-muss-mich-jetzt-aber-ranhalten-damit-ich-Die-nicht-so-aufhalte"-Stress kardio-schonend vor sich hineiern können).

    Eine ältere Dame, Gott habe sie selig, erzählte mir einmal von einem in ihrer Generation verbreiteten Spruch: Wenn es eine entsprechenden Anlass gab, dann sagten die Leute oft: "Einem bösen Hund, dem wirft man auch einmal einen Brocken mehr hin."

    Ich denke diese Spruchweisheit steckt hinter dem defensiven Verhalten vieler Radfahrer und Fußgänger gegenüber dem Autoverkehr. Und das bei weitem nicht nur in Bezug auf das Verhalten im Straßenverkehr.

    Nimm mal nur die aktuelle Diskussion über die "Abfckprämie".

    Im Grunde weiß jeder, dass das Quatsch ist, aber einige lassen sich irreleiten von dem Märchen es gäbe "moderne schadstoffarme PKW" oder mit dem Elektroauto könne die "Erfolgsstory" Massenmotorisierung ungebremst weitergehen. Und wieder andere sind fasziniert von der Technik, "am deutschen Autowesen soll die Welt genesen". Und noch einmal andere glauben den Katastrophenerzählungen von Massenarbeitslosigkeit in einer Branche, in der angeblich 1/7 der Erwerbstätigen in Deutschland arbeiten, wenn diese Branche auch nur mit den zartesten Ansätzen von einer Regulierung konfrontiert wird.

    Und so wie es im politischen Kurs längst internalisiert ist, so läuft es dann auch ganz konkret auf der Straße ab. Und wer will es den Verkehrsteilnehmern ohne schützenden Blechpanzern übelnehmen, wenn sie sich gefährdet sehen durch Fahrzeuge, die schon dem äußeren Anschein nach nichts Gutes verheißen.

    Da feiert die alte Volksweisheit, "Einem bösen Hund, dem schmeißt man auch mal einen Brocken mehr hin." fröhliche Urständ.


    Der Spruch hat's sogar ins Sprichwortwörterbuch geschafft: "79. Bösen Hunden muss man Brot vorwerfen. – Steiger, 138." als 79. Spruch unter dem Stichwort "Hund" http://woerterbuchnetz.de/Wand…atternlist=&lemid=WH01794

    Zu Merkels Aussage auf der IAA 2014: "Jeder siebte Arbeitsplatz in Deutschland steht direkt oder indirekt mit dem Automobil in Verbindung." Sagte Kanzlerin Merkel auf der IAA 2014. findet man mehr unter anderem hier beim BUND: https://www.bund-naturschutz.d…in-der-autoindustrie.html

    In Wirklichkeit ist es nicht jeder 7. sondern nur jeder 35. Arbeitsplatz, stellt der BUND fest.

  • Ausgangspunkt für die Diskussion hier war ja das Fundstück von obelix, der aus den Tiefen der "assozialen Hetzwerke" ein Dokument ausgegraben hat, dass nicht nur aufgrund seiner Entstehungszeit der Naziideologie zuzuordnen ist.

    https://muenster-journal.de/wp-content/uploads/205722P-1.jpg

    Zwischen der Einleitung mit der Aussage: "Verkehrsgemeinschaft ist ein Stück Volksgemeinschaft!" und dem Schlusssatz, "Halte Dich streng an diese Gebote! Wer sie übertritt, versündigt sich an der Gesundheit und am Wohlstand seines Volkes!", steht jedoch nichts, was nicht auch heute noch unter Nicht-Fahrradfahrenden, aber auch unter Fahrradfahrenden weit verbreitet ist an Grundhaltungen.

    Und was den Schlusssatz mit der Aussage "zum Wohlstand des Volkes" angeht, der spiegelt sich ja eins zu eins in der Aussage der Bundeskanzlerin, dass angeblich 1/7 der Arbeitsplätze in Deutschland von der Autoindustrie abhängen würden.

    Haben die 68er versagt mit ihrem Anspruch, den Muff unter den Talaren zu beseitigen. Mit der Nazi-Ideologie abzurechnen? Schließlich war es genau die Zeit, in der die Autofahrerei erst so richtig zum Massenphänomen wurde in Deutschland, bevor dann mit der Ölkrise 1973 die ersten Dämpfer kamen. Müssen wir uns also heute daran abarbeiten, was die 68er versäumt haben abzuräumen? Möglicherweise weil sie selbst zu sehr vom "Virus Autos" befallen waren, wenn auch vielleicht in einer anderen Weise als die Nazis mit ihren "alles überrollenden Kampfverbänden".

  • "Holländischer Griff - Dieser Trick verhindert Fahrradunfälle" BR vom 7.5.2020 https://www.br.de/radio/bayern…aendischer-griff-100.html


    Der "Holländische Griff" ist der Griff zum Türöffner mit der Hand, die sich nicht direkt am Türöffner befindet sondern in der Mitte des Fahrzeugs. Der Fahrer öffnet also nicht mit der linken Hand die Autotür sondern mit der rechten Hand. Dabei dreht er zwangsläufig den Oberkörper so zur Seite, dass der notwendige Schulterblick wie von selbst erfolgt.

    Eigentlich müsste das in jeder Unfallberichterstattung von solchen Unfällen, wie ihn Fahrbahnradler verlinkt hat, erwähnt werden als Vorsorgemaßnahme, um weitere sogenannte "Dooring-Unfälle" zu verhindern. Ebenso fehlt der Hinweis, dass Fahrradfahrer*innen nicht verpflichtet sind, so weit rechts zu fahren, dass sie durch unvorsichtig gefährdete Autotüren gefährdet sind.

  • "Holländischer Griff - Dieser Trick verhindert Fahrradunfälle" BR vom 7.5.2020 https://www.br.de/radio/bayern…aendischer-griff-100.html


    Der "Holländische Griff" ist der Griff zum Türöffner mit der Hand, die sich nicht direkt am Türöffner befindet sondern in der Mitte des Fahrzeugs. Der Fahrer öffnet also nicht mit der linken Hand die Autotür sondern mit der rechten Hand. Dabei dreht er zwangsläufig den Oberkörper so zur Seite, dass der notwendige Schulterblick wie von selbst erfolgt.

    Eigentlich müsste das in jeder Unfallberichterstattung von solchen Unfällen, wie ihn Fahrbahnradler verlinkt hat, erwähnt werden als Vorsorgemaßnahme, um weitere sogenannte "Dooring-Unfälle" zu verhindern. Ebenso fehlt der Hinweis, dass Fahrradfahrer*innen nicht verpflichtet sind, so weit rechts zu fahren, dass sie durch unvorsichtig gefährdete Autotüren gefährdet sind.

    Analog zu "der Radfahrer trug keinen Helm" dann noch "der Radfahrer fuhr zu weit rechts" und "der Autofahrer verwendete die falsche Hand". ^^