Die Neufeldtstraße soll Fahrradstraße werden

  • Vor unserer Haustür entsteht bald eine neue Fahrradstraße: Die Ausweisung der Neufeldtstraße als Fahrradstraße ist schon seit einigen Wochen beschlossene Sache.


    Die Neufeldtstraße gibt es schon seit Jahrzehnten, auf Google Earth lässt sich schon im Dezember 1943 auf Luftaufnahmen der Alliierten ein Fabrikgelände mit einer Straße erkennen. Noch im Jahr 2005 handelte es sich allerdings eher um einen asphaltierten Fußweg als eine Straße, das änderte sich dann erst im weiteren Verlauf, als das ehemalige Fabrikgelände der Hanseatischen Apparatebaugesellschaft Neufeldt und Kuhnke, kurz Hagenuk, zu einer Nachnutzung „revitalisiert“ wurde und nun Wissenschaftspark heißt.


    Bevor ich im Jahr 2018 nach Kiel zog, interessierte ich mich auch für einen Moment für einige im Wissenschaftspark angesiedelten IT-Unternehmen und schaute mal nach, was deren Mitarbeiter auf Kununu für Bewertungen abgaben: Man beklagte sich bitterlich über die Parkplatzsituation am Arbeitsplatz, man müsse sehr früh aufstehen, um noch in der Nähe einen Parkplatz zu bekommen. Glücklicherweise blieb ich arbeitsplatztechnisch in Hamburg und von den Kollegen sucht auch in Nicht-Pandemie-Zeiten kaum jemand das in der Innenstadt gelegene Bureau ernsthaft mit dem Auto auf.


    Momentan sieht übrigens wo aus:



    Man beachte auch das leere Parkhaus im Hintergrund, das eigentlich Tag und Nacht grün leuchtet:



    (Das Hermann-Kobold-Haus nebenan wurde, endlich kann ich damit mal angeben, nach meinem Ur-Urgroßvater benannt, und als Astronom an der Christian-Albrechts-Universität in Kiel tätig war. Allerdings hat er sich nach meiner Kenntnis schon 1882 bei der Beobachtung des Venusdurchgangs die Augen ruiniert.)


    Oh, ich merke gerade, ich habe mich vertan: Die Fotos stammen gar nicht vom täglichen Notparken der Angestellten des Wissenschaftsparks, sondern von den Heimspielen von Holstein Kiel im benachbarten Stadion, wo ja bekanntlich quasi keine Strafzettel verteilt werden, weil die Leute ja schließlich irgendwie zum Stadion kommen müssen.


    Die Fotos von „normalen Werktagen“ sehen glücklicherweise ganz anders aus:



    das nikola-tesla-parkhaus, ganz modern ganz klein geschrieben, krankt leider daran, dass es nur eine ein- und eine ausfahrt gibt. sicherlich wird sich irgendjemand bei der planung des parkhauses und insbesondere dem verhältnis zwischen den 580 (?) parkplätzen und der engen ein- und ausfahrt etwas gedacht haben, allerdings wüsste ich gerne, was das wohl war. wenn ich grob überschlage, dass jede schrankenöffnung inklusive ticketdruck etwa zwölf sekunden dauert und weitere drei sekunden vergehen, bis das nächste auto vorne am automaten angefahren ist, dann dauert es locker zweieinhalb Stunden, bis das Parkhaus voll ist — und noch mal zweieinhalb, bis nach Feierabend wieder alle rausgefahren sind. womöglich akzeptiert die schranke auch chipkarten, dann dauert’s nicht ganz so lange und man spart sich das warten am parkautomaten. pro stunde kostet’s zwei euro, man kann wohl stellplätze für 60 euro im monat mieten.



    Selbst wenn ich mich mit dem Durchsatz von Ein- und Ausfahrt verrechnet haben sollte, selbst wenn sich das ganze Parkhaus auch in einer Stunde füllen lässt, ist doch klar, dass das weder für den Arbeitsalltag noch für Veranstaltungen im Holstein-Stadion in irgendeiner Art und Weise praktikabel ist. Anders als beim früheren Werksgelände tanzen die Angestellten heute zwar nicht alle gleichzeitig an, aber zwischen 7 und 9 Uhr wird hier schon eine wie auch immer geartete Rush-Hour entstehen.


    Aber: Wozu überhaupt ins Parkhaus fahren, wenn man auch vor dem Parkhaus kostenlos parken kann? Das ist doch der allergrößte Knackpunkt. Wozu wird dieses riesige Parkhaus gebaut? Das ergibt ja nur Sinn, wenn die Leute nicht kostenlos in der direkten Umgebung parken können, wenn es nicht hunderte kostenlose Parkplätze am jeweils rechten Fahrbahnrand gibt und direkt vor dem Parkhaus zwei unbebaute Brachflächen Platz für bestimmt noch mal 200 Kraftfahrzeuge bieten.


    Nun soll die Neufeldtstraße also Fahrradstraße werden. Das finde ich erstmal klasse, denn weil wir als Radfahrer beim Einzelhandel in der Holtenauer Straße eher nicht willkommen sind, fahren wir einfache die Veloroute 10 hinunter bis zum durchkommerzialisierten CITTI-Park. Die Strecke ist mit fünf Kilometern knapp drei Mal so lang wie zum inhaberbetriebenen und steuerzahlenden Einzelhandel in der Holtenauer Straße, dafür aber ungleich stressfreier, weil man weder angehupt noch abgedrängt wird. Einzig die Neufeldtstraße war bislang auf diesem Weg problematisch und ich denke, die Fotos sprechen in dieser Hinsicht schon für sich.


    Nun wissen wir ja hier im Radverkehrsforum, dass die Verwaltungsvorschriften zur Straßenverkehrs-Ordnung gewisse Ansprüche an eine Fahrradstraße hegen, und zwar:

    Fahrradstraßen kommen dann in Betracht, wenn der Radverkehr die vorherrschende Verkehrsart ist oder dies alsbald zu erwarten ist.

    Das weiß man auch im Ortsbeirat:

    Zitat

    Die Neufeldtstraße hat sowohl als Zubringerroute zur Veloroute 10 als auch als Teil der Veloroute 2 (Alter Markt <> Projensdorf) ebenfalls das Potential, eine Fahrradstraße zu sein. Die seitens der Straßenverkehrsordnung (StVO) geforderte Dominanz des Radverkehrs ist heute zwar noch nicht ganz erreicht, gleichwohl besteht die berechtigte Annahme, dass dies in der näheren Zukunft mit weiter zu erwartenden steigenden Radverkehrsanteilen und zusätzlichen ergänzenden Baumaßnahmen entlang der Veloroute 10 eintreten wird.


    Deshalb und auch um im Bereich Wissenschaftspark ein deutliches Signal für die Kieler Radverkehrsförderung zu setzen, soll die Neufeldtstraße in ortsüblicher Weise, zusätzlich zu der Beschilderung nach StVO, mit großen Radsymbolen in der Fahrbahn und seitlichen Breitstrichen, dies auch um das Parken am nördlichen Fahrbahnrand zu kennzeichnen, ausgestattet werden.

    Nun liegen mir leider keine Zahlen zum Modal-Split in diesem Bereich vor, aber ich habe nicht den Eindruck, dass der Radverkehr hinreichend vorherrschend wäre oder bald sein könnte. Dazu herrscht hier noch viel zu viel Kraftverkehr, was ja dazu führt, dass der Radverkehr entlang dieses Abschnitts nach meiner Beobachtung bislang einerseits über den für den Radverkehr freigegebenen Gehweg südlich der Fahrbahn und über einen gemeinsamen Fuß- und Radweg durch den Wald stattfindet. Beide Wege würden nach Einrichtung einer Fahrradstraße nicht mehr für den Radverkehr zur Verfügung stehen.


    Die vorherrschende Verkehrsart ist der Radverkehr hier eigentlich nur an Wochenenden außer an Heimspieltagen von Holstein Kiel. Oh, und während des Lockdowns im Frühjahr war hier auch nichts los. Im November wird hier aber nach meiner Beobachtung weiterhin kräftig gearbeitet, was mich ja wundert — bei den meisten Arbeitsplätzen handelt es sich um Computerarbeitsplätze, die sich mit einem gewissen Aufwand pandemiesicher nach Hause verlagern ließen. Aber vielleicht ist nicht jeder Arbeitgeber dazu in der Lage oder Willens, insofern bin ich nicht besonders traurig, meinen damals Arbeitsplatz in Hamburg gefunden zu haben.


    Ich bin aber gespannt, wie das mit dem Parken laufen wird. Offenbar soll das Parken an der nördlichen Seite der Straße weiter erlaubt sein, dann wundere ich mich, ob das parken auf der gegenüberliegenden Seite wirksam unterbunden wird…


    … oder ob es sich wie bei vielen anderen Fahrradstraßen im Kieler Stadtgebiet eher um einen Parkplatz mit Fahrradpiktogrammen in der Mitte handeln wird.


    Da wir mutmaßlich im Frühjahr von Kiel nach Lüneburg umziehen, werde ich von dieser Fahrradstraße sowieso nichts mehr mitbekommen, aber vielleicht schaue ich irgendwann noch mal vorbei.


    Dafür, dass das hier aber Wissenschaftspark heißt, sind die Leute sehr an Anwesenheitspflicht und Verbrennungsmaschinen interessiert.

  • komisch. bei mir wird für Hamburg mit Datum 12/1943 eine völlig intakte Innenstadt gezeigt, bei der die Alstertarnung noch steht, Hbf und Dammtorbahnhof ohne Tarnung auskommen und für den Flakturm auf dem Heiligengeistfeld noch nichtmal die Arbeiten begonnen haben.

    Selbst die frühesten Bombenangriffe sind auf den Bildern nicht zu erkennen. :/


    Die Aufnahmen stammen nicht aus 1943.

    Vielmehr nehme ich an, dass es sich um Teile der Gebietsbefliegung der deutschen Luftwaffe handelt. 1939.


    Wundert mich eigentlich, dass da noch niemand bei Google auf der Matte steht und das angezeigte Datum kritisiert.

  • Die Aufnahmen stammen nicht aus 1943.

    Vielmehr nehme ich an, dass es sich um Teile der Gebietsbefliegung der deutschen Luftwaffe handelt. 1939.

    Du hast da offenkundig mehr Ahnung als ich. Aber: Woher dann die englische Beschriftung, etwa in Kiel? Da hat doch niemals die deutsche Luftwaffe mit der Sprache des Feindes geschrieben?


    Edit: Bei den Geschichtsspuren stolperte man über die gleichen baulichen Gegebenheiten wie du.

  • Ich bin aber gespannt, wie das mit dem Parken laufen wird. Offenbar soll das Parken an der nördlichen Seite der Straße weiter erlaubt sein, dann wundere ich mich, ob das parken auf der gegenüberliegenden Seite wirksam unterbunden wird…

    Besonders das Bild mit dem zu mindestens zwei Dritteln Breite zugeparkten Gehweg zeigt, dass es nicht einfach ist, eine doppelte Radverkehrsinfrastruktur zu etablieren.

    Entsprechend der Ausschilderung ist der Gehweg freigegeben für den Radverkehr. Und der Gehweg ist augenscheinlich auch breit genug dafür.

    So zugeparkt wie auf dem Foto wird es jedoch dort sehr eng. Da sagen sich möglicherweise Autofahrer oder die Verkehrsverwaltung, die für die mangelnde Kontrolle verantwortlich ist: "Es ist ja nicht so schlimm, dass es da auf dem Gehweg durch die parkenden Autos so eng ist, dass da kein Radfahrer mehr fahren kann. Die Radfahrer können ja auf der Fahrbahn fahren."

    Für einen richtige Hochbordradweg müsste man wahrscheinlich den Kantstein zur Straßenmitte hin versetzen. Für eine richtigen Radfahrstreifen auf der Fahrbahn müsste man den Kantstein in den Seitenraum schieben.


    So oder so könnte dabei jedoch eine Situation entstehen, in der der Raum für den Radverkehr besser geschützt ist als jetzt. Und von der Verkehrsbehörde würde möglicherweise intensiver kontrolliert werden.


    Dass das in der Fahrradstraße passieren wird, halte ich eher für unwahrscheinlich. Die jetzt vorhandene doppelte Infrastruktur für den Radverkehr, entweder Mischverkehr mit KFZ auf der Fahrbahn oder langsame Fahrt auf dem dafür freigegebenen Gehweg entfällt. Und Fahrradfahrer werden gezwungen die Fahrbahn zu benutzen, auch wenn diese mit Autos verstopft ist, ohne das Einhalten von Sicherheitsabständen überholt wird usw.


    Gilt denn jetzt bereits ein Tempolimit von 30 km/h dort, oder wird das erst mit der Fahrradstraße eingeführt werden?

  • Das meinte ich. Hamburg sah 12/1943 real nicht mehr so gut aus.

  • Das meinte ich. Hamburg sah 12/1943 real nicht mehr so gut aus.

    oh. dann hatte ich dich falsch verstanden. Ich ging davon aus, dass dir da andere Bilder gezeigt wurden vom zerstörten HH und Dresden da eben weitaus besser aussah.


    Du hast da offenkundig mehr Ahnung als ich. Aber: Woher dann die englische Beschriftung, etwa in Kiel? Da hat doch niemals die deutsche Luftwaffe mit der Sprache des Feindes geschrieben?

    für Kiel (hab ich gestern abend nicht geguckt) können es ja tatsächlich Aufnahmen von 1943 sein. und das vermutlich durch die RAF.

    Nur für Hamburg sind es Bilder von vor dem Krieg.

    Und irgendjemand hat Hafenbereiche/Elbe auf dem Luftbild beschriftet. Aber das hätte man auch mit LuBis der Alliierten machen können ;)