• Wer bezweifelt eigentlich, dass Ausgangssperren ein geeignetes Mittel der Pandemiebekämpfung sind?

    Ein wichtiges Argument, auf das auch schon zud_ritt hingewiesen hat, wird von Fachleuten vertreten, die Ausgangssperren an sich nicht ablehnen, sondern eher als probates Mittel zur Pandemiebekämpfung sehen. Die weisen darauf hin, dass eine Ausgangssperre nicht schon um 18:00 Uhr angeordnet werden sollte: "Die Ausgangssperren um 20 Uhr in Toulouse verringerten die Verbreitung des Virus, die vorverlegten Ausgangssperren um 18 Uhr verschlechterten die Lage allerdings. Grund dafür, so die Gruppe, könnte sein, dass mehr Menschen in Supermärkten zusammentrafen." DW vom 13.4.2021 https://www.dw.com/de/faktench…usgangssperren/a-57045074


    Bei uns im Stadtteil schließt der größte Supermarkt um 24:00 Uhr. Und bis ca. 21:00 Uhr ist da immer noch gut Betrieb. Da liegt es auf der Hand, dass eine Schließung bereits um 18:00 Uhr problematisch sein würde. Bei der ersten (und bisher letzten) Ausgangssperre, die per Gerichtsbeschluss vorzeitig beendet wurde, galt die Ausgangssperre von 22:00 Uhr bis 5:00 Uhr.

    Nachdem was darüber berichtet wurde, ist gegen die Ausgangssperre von Einzelfällen abgesehen, nicht verstoßen worden. Ob es einen nachweisbaren Effekt auf das Infektionsgeschehen hatte, kann ich nicht beurteilen. Das ist vielleicht auch gar nicht möglich, weil die Ausgangssperre in der Region Hannover nur 6 statt der ursprünglich geplanten 12 Tage dauerte.


    Bei diesem Plakat, das anlässlich der ersten Ausgangssperre seit dem Zweiten Weltkrieg und der unmittelbaren Nachkriegszeit in Hannover an vielen Stellen wild plakatiert wurde, wird hingegen nicht deutlich, wer genau da Kritik an der Ausgangssperre übt:


    Sind das nun linke Gruppierungen, die hier plakatiert haben, wie man es vermuten könnte aufgrund zum Beispiel dieser Aussage:

    "Ausgangssperren sind ein polizeistaatliches Mittel, dass die Einschränkungen im Privaten auf die Spitze treibt, damit die Wirtschaft weiter am Laufen gehalten werden kann." Zitat aus dem Plakattext.


    Meines Erachtens macht es Sinn, bei der Verhängung einer Ausgangssperre nicht gleichzeitig zu versuchen, sogenannte Modellversuche anlaufen zu lassen, wie sie auch in mehreren Kommunen in Niedersachsen am vergangenen Montag gestartet werden sollten, und die aus dem Bereich der wirtschaftsnahen politischen Kräfte vehement eingefordert werden.


    Bislang ist in Niedersachsen glücklicherweise keine Modellkommune an den Start gegangen.

    In einem NDR-Beitrag vom 15.4.2021 mit dem Titel: "Städtetagspräsident sieht Modellkommunen-Projekt vor dem Aus" sagt der SPD-Politiker und Städtetagpräsident Ulrich Mägde:

    "Der landesweite Stopp der Modellprojekte sei "tief frustrierend", sagte Mädge bei einer Online-Veranstaltung des Landesverbands des CDU-Wirtschaftsrats zur Krise in den Innenstädten. Solang die Bundesregierung an einem Inzidenz-Grenzwert von 100 Neuinfektionen je 100.000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen festhalte, rückten Öffnungen in weite Ferne. Er warf der Berliner Politik Realitätsferne vor und sagte laut "Braunschweiger Zeitung", dass "viele der Damen und Herren dort gar nicht mehr selbst einkaufen gehen".

    https://www.ndr.de/nachrichten…r-dem-Aus,corona7540.html

    Diese Aussage halte ich für sehr gefährlich. Hier wird von einem SPD-Politiker, der dem Arbeitgeberlager sehr nahe steht, Stimmung gemacht gegen Corona-Schutzmaßnahmen. Solche Aussagen sind es, die dann Gewerbetreibende direkt in die Arme der Querdenker und Coronaleugner treibt.

    Einmal editiert, zuletzt von Ullie () aus folgendem Grund: Link zum NDR-Beitrag vom 15.4.2021 eingefügt

  • Ja, das ist Wortklauberei, aber es war nicht nach der Wirksamkeit gefragt, sondern nach einem geeigneten Mittel der Pandemiebekämpfung. Und das scheint die Ausgangssperre nicht zu sein - sie ist nur ein Tatbestand.


    Wer nach 22 Uhr (oder was auch immer derzeitig Stand der Technik ist) angetroffen wird kann nach dem Grund befragt werden, ohne triftigen Grund nach Hause geschickt (oder halt mit einem Bussgeld bestraft werden). Dabei wird aber nicht in der Ausgangssperre nicht unterschieden, ob vom Ausgehen die Pandemie verbreitet wird oder nicht.


    Geeignet ist ein Verbot sich mit Fremden zu treffen. Geeignet wäre auch eine Maskenpflicht an allen Orten nach 22 Uhr. Die Ausgangssperre erreicht gleiches, aber mit dem falschen Mittel.

  • Ja, das ist Wortklauberei

    Ach so. Du hast den Post, auf den Du Dich beziehst, bewusst missverstanden. Dabei weißt Du genau, dass andere den ursprünglichen Post sehr wohl so verstanden haben, wie er gemeint war.


    Und trotzdem schreibst Du eine Antwort, mit der Du bewusst Verwirrung bei denen stiftest, die den Post korrekt verstanden haben.


    Wie genau soll das die Diskussion voranbringen?


    Obendrein war die Wortklauberei auch noch falsch.

    Du schreibst selbst, dass die Ausgangssperre die von Dir gewünschten Ziele erreicht. Sie ist damit ein geeignetes Mittel.


    Du bezweifelst also die Aussage vom ursprünglichen Post gar nicht. Du denkst nur, dass auch mildere Mittel zur Verfügung stehen, die das gleiche Ziel erreichen. Das tun sie aber nicht in der gleichen Qualität, da der Kontrollaufwand deutlich steigt, je mehr Menschen nachts draußen sind.

  • Zitat

    Das tun sie aber nicht in der gleichen Qualität, da der Kontrollaufwand deutlich steigt, je mehr Menschen nachts draußen sind.

    Glaube ich nicht.


    "FFP2-Maske korrekt getragen" kann man auch aus der Distanz beurteilen. Die Nachfrage "sind Sie berechtigt herumzulaufen, weil irgend etwas wichtiges Los ist" (und die Anzahl der wichtigen Gründe ist ja recht lang) dauert länger, bedeutet einen Kontrollaufwand in nächster Nähe und damit ist die Qualität schlechter und der Kontrollaufwand höher wenn eine Ausgangssperre gefordert wird.

  • in einer idealen Welt, in der sich alle(!) an einfache Regeln halten, brauchen wir auch keine Instrumente der Kontrolle oder Sanktionierung.

    Dann könnten wir einfach sagen: bitte nicht mit anderen Leuten treffen. Oder ähnliche einschränkende Maßnahmen, die aber "nicht sooo schlimm" sind.


    dann halten sich alle dran und wir brauchen auch nichts zu kontrollieren.


    Und dann willkommen zurück in der Realität. Du gibst Regeln aus ("nisch mit den Fahrrad in ersten Wagen!" oder "Nicht mit anderen Leuten treffen!"), die werden nicht eingehalten. Und nu überlegt man sich, wie man die Regeleinhaltung eben entweder forcieren oder zumindest prüfen und sanktionieren kann.

    Dann wird es eben eine "Hau-drauf-Lösung" = Ausgangssperre. Nicht vollständig, aber in den Randzeiten.


    Wir könnten auch - wie bei allem - sehr, sehr differenzierte Regelungen verkünden. Das kann man - siehe Eingang: ideale Welt und Realität - dann aber direkt sein lassen, weil das noch viel weniger überprüfbar ist.

  • Wer bezweifelt eigentlich, dass Ausgangssperren ein geeignetes Mittel der Pandemiebekämpfung sind?

    Wer bezweifelt, dass ein generelles Fahrverbot für KfZs die Unfallzahlen dramatisch gegen Null drücken würde? Keiner, aber trotzdem wirds nicht gemacht, obwohl alle 15 Sekunden ein (polizeilich gemeldeter) Verkehrsunfall passiert. Ich vermute, weil andere Rechte dem entgegen stehen.

  • (...)

    "FFP2-Maske korrekt getragen" kann man auch aus der Distanz beurteilen.

    "Korrekt" ist so ein typisches Wort aus der Ecke "militärischer Sprachgebrauch" da verspür ich sehr schnell ein gewisses Unwohlsein.


    Wenn ich dann weiter drüber nachdenke, fällt mir auf, dass eben jene mit einem leichten Hang zum Militarismus gerne das Wort korrekt gebrauchen. Die benutzen das Wort korrekt allerdings, um von ihrem eigenen autoritären und Militär-affinen Charakter abzulenken. Sie tun das in der Form, dass sie denjenigen politischen Gruppierungen, die traditionell eher dem Pazifismus nahestehen, vorwerfen, sie würden eigene völlig "weltfremde Regeln für korrekte Sprache und korrektes Verhalten" aufstellen und mit unterdrückerischen Methoden durchsetzen wollen.


    Ich kann dem Wort korrekt weder in dem einen noch in dem anderen Sinne etwas abgewinnen. Da würde ich eher davon sprechen, dass es möglich sei aus der Ferne zu kontrollieren, ob jemand eine FFP2-Maske richtig trägt. Nur das eine FFP2-Maske nicht "richtig" getragen werden kann, wenn der FFP2-Maskenträger einen Vollbart hat.


    Dann doch lieber Ausgangssperre als Bart ab für alle, die mal raus wollen.

  • Wer bezweifelt, dass ein generelles Fahrverbot für KfZs die Unfallzahlen dramatisch gegen Null drücken würde? Keiner, aber trotzdem wirds nicht gemacht, obwohl alle 15 Sekunden ein (polizeilich gemeldeter) Verkehrsunfall passiert. Ich vermute, weil andere Rechte dem entgegen stehen.

    "Der erste Fall des neuartigen Coronavirus (SARS-CoV-2) wurde in Deutschland am 28. Januar in Bayern registriert. Bundesweit stieg die Zahl der Corona-Infektionen bis zum 16. April 2021* auf über 3,1 Millionen Fälle. Die Zahl der Todesopfer im Zusammenhang mit dem Virus beläuft sich auf 79.674."

    https://de.statista.com/statis…avirus-in-deutschland/Ich erwähne das, um zu zeigen, dass eine nicht unerhebliche Zahl Corona-Todesopfer zu verzeichnen sind. Deutlich mehr als Todesopfer im Straßenverkehr. Auch die Zahl der an Corona Erkrankten ist deutlich höher als die Zahl der im Straßenverkehr Verletzten.

    Trotzdem ist es richtig, den Autoverkehr abzuschaffen, nicht durch ein generelles Fahrverbot, sondern durch einen Umbau der Verkehrsinfrastruktur, die bis auf wenige Ausnahmen (z. B. Rettungskräfte) keinen Autoverkehr mehr vorsieht. Das ist anders als die Pandemiebekämpfung ein langfristigeres Projekt. Allerdings auch keines das auf den Sankt-Nimmerleinstag verschoben werden darf.


    Eine ablehnende Haltung gegenüber einer nächtlichen Ausgangssperre einfach nur deshalb, weil dadurch Grundrechte eingeschränkt werden, ist jedoch meines Erachtens nicht gerechtfertigt. Allerdings müssen die Initiatoren meines Erachtens noch stärker deutlich machen, dass es sich um eine klare Ausnahmesituation handelt, die dazu führt, eine Ausgangssperre anzuordnen.


    Und es müssten deutliche Signale ausgesandt werden, die Vertrauen schaffen, dass eine solche nächtliche Ausgangssperre der Pandemiesituation geschuldet ist und eine nächtliche Ausgangssperre nicht einfach als billiges Hilfsmittel im Falle politischer Unruhen eingesetzt werden darf.


    Wer damit auftrumpft, eine nächtliche Ausgangssperre sei abzulehnen, weil er dann nicht mehr nachts vor die Tür gehen könne, und dass dieses Nachts vor die Türe gehen schließlich nicht die Corona-Zahlen nach oben treibt, liegt einerseits richtig, andererseits aber auch völlig daneben, weil das Ziel der Ausgangssperre ist, Kontakte zu reduzieren, die daraus entstehen, dass abends Menschen einander besuchen. Und weil das auch sehr wichtig ist (diese persönlichen Kontakte nach Feierabend), muss durch die Ausformulierung Vertrauen dahingehend geschaffen werden, dass eine Ausgangssperre nicht einfach beliebig lange verlängert werden darf.

  • muss durch die Ausformulierung Vertrauen dahingehend geschaffen werden, dass eine Ausgangssperre nicht einfach beliebig lange verlängert werden darf.

    Und wie soll eine Regierung dieses Vertrauen schaffen, die:


    1. Ca. eine Woche vor dem ersten Lockdown getwittert hat, es werden keine Einschränkungen des öffentlichen Lebens geben? (

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    2. Im September Behauptet hat man müsse mit dem heutigen Wissen keine Frisörsalons etc. mehr schließen und das dann im November getan hat?


    3. Bei eben diesen Novemberschließungen versprochen hat, die seien auf 4 Wochen befristet. Fakt ist: Die galten anschließend für mindestens 3 Monate. Die meisten sogar durchgehend bis heute.


    Seit eben diesem November schwafelt diese Regierung dann regelmäßig etwas davon, dass die nächsten 3 bis 4 Wochen die schwersten seien. Dies wurde nun mittlerweile schon für mindestens 10 verschiedene 3 Wochen Intervalle proklamiert, dass das die schwersten seien.



    Wie soll man so einer Regierung nun eine Befristung, die sie verspricht glauben?

  • einfach nur deshalb, weil dadurch Grundrechte eingeschränkt werden,

    Ich finde nicht, dass man leichtfertig auf Grundrechte verzichten sollte. Unsere Grundrechte sind das, was unseren Staat ausmacht (und von manch anderen unterscheidet).

    Ohne Grundrechte könnte ich dies hier nicht schreiben, und Du es nicht lesen. Vielleicht besäßest Du auch gar kein Gerät, um es zu lesen - Grundrecht auf Eigentum. Auch die "unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten" werden mir Artikel 1 des Grundgesetztes zu Grundrechten erklärt.


    Für einen Grundrechteingriff müssen vier Voraussetzungen alle erfüllt sein:


    Es muss ein höherwertiges Grundrecht geschützt werden;

    der Eingriff muss überhaupt geeignet sein, dieses andere Grundrecht zu schützen;

    er muss so gering wie möglich ausfallen;

    und es darf kein milderes Mittel geben.


    Ausgangssperren sollen hier das Grundrecht auf Leben schützen; den erste Punkt sehe ich als erfüllt.


    Sind sie geeignet?

    Diskutabel. Einerseits verringern sie möglicherweise Kontakte, andererseits sind dadurch Menschen länger in geschlossenen Räumen zusammen, sei es zuhause oder bei einer dadurch notwendig gewordenen Übernachtung.

    Hinzu kommen die negativen psychischen Folgen des Gefühls, eingesperrt zu sein. Wieviele Aggressionen, Depressionen, Suizide werden dadurch gefördert? Darf man die einen Opfer gegen die anderen abwägen?


    So gering wie möglich?

    Sicher nicht. Geht es um Kontaktreduzierung, so müssten eben die Kontakte untersagt werden - nicht der Aufenthalt im Freien. Dieser ist nur ein "Stellvertreter". Leichter zu überwachen? Mag sein, darf aber kein Kriterium sein.


    Kein milderes Mittel?

    Da gäbe es einige Maßnahmen, die Infektionen reduzieren können, die aber noch nicht ergriffen wurden:

    - Homeoffice-Pflicht, woe möglich

    - tägliche Testpflicht in Betrieben, wo Homeoffice nicht möglich ist

    - mehr Geld für Impfstoffe

    - Luftfilter da, wo viele Menschen in geschlossenen Räumen zusammenkommen - Schulen, Betrieben, öffentliche Verkehrsmittel...



    Insofern: Ich für meinen Teil sehe Ausgangssperren (auch die, die mich jetzt schon in Bayern betreffen) als ungerechtfertigten Grundrechteingriff.

  • Dass diese Maßnahme _auch_ unproblematische Kontakte reduziert, ist eigentlich unstrittig. (Hervorhebung von mir)

    hier das "eigentlich"

    „Zeigen wir dem staunenden Ausländer einen neuen Beweis für ein aufstrebendes Deutschland, in dem der Kraftfahrer nicht nur auf den Autobahnen, sondern auf allen Straßen durch den Radfahrer freie, sichere Bahn findet.“ (Reichsverkehrsministerium, 1934)

    Einmal editiert, zuletzt von cubernaut ()

  • Ich finde nicht, dass man leichtfertig auf Grundrechte verzichten sollte. Unsere Grundrechte sind das, was unseren Staat ausmacht (und von manch anderen unterscheidet).

    Ohne Grundrechte könnte ich dies hier nicht schreiben, und Du es nicht lesen. Vielleicht besäßest Du auch gar kein Gerät, um es zu lesen - Grundrecht auf Eigentum. Auch die "unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten" werden mir Artikel 1 des Grundgesetztes zu Grundrechten erklärt.

    Da stimme ich dir grundsätzlich zu.

    Aber:

    Es ist ein Grundrecht, auch nachts das Haus verlassen zu können. Jetzt gibt es Leute, die sagen: Es nütze doch nichts, dieses Grundrecht zu beschneiden, weil es doch nicht dazu führt, dass jemand davon Corona bekommt, dass ich oder mein*e Partner*in nachts einen Spaziergang machen, bei dem wir niemanden zu nahe kommen.

    Und dann gibt es Leute, die klatschen dazu Beifall und finden mal wieder alle Politiker*innen seien doof. (Um das mal milde zu formulieren.)


    Darum geht es jedoch nicht bei der nächtlichen Ausgangssperre und wer sich die Mühe macht, ein bisschen genauer hinzuhören, der kann das auch schnell erfassen. So sagte die Bundeskanzlerin in der heutigen Debatte zum Thema Ausgangssperre: "Die Einwände dagegen nehme sie ernst. Die Vorteile dieser Maßnahme seien aber größer als die Nachteile. Es gehe aber darum, "abendliche Bewegungen von einem Ort zum anderen zu reduzieren"."

    tagesschau.de vom 16.4.2021 https://www.tagesschau.de/inla…notbremse-corona-103.html


    Die Kritik an der nächtlichen Ausgangssperre, wie ich sie oben genannt habe und wie sie derzeit von vielen vorgetragen wird, trifft nicht den Kern. Die Ausgangssperre ist für gewöhnlich eine militärische Maßnahme oder eine polizeiliche Maßnahme, mit der politische Gegner daran gehindert werden, sich zu organisieren und politisch aktiv zu sein. Oder eine Besatzungsarmee schützt sich mit einer Ausgangssperre vor einer feindlich gesinnten Bevölkerung. Mir fallen fünf historische Beispiele für Ausgangssperren ein:

    1. In den beiden Weltkriegen

    2. Aufstände in der Weimarer Republik

    3. unmittelbare Nachkriegszeit in den Besatzungszonen

    4. Aufstand am 17. Juni 1953 in der DDR (das war immerhin in Westdeutschland ein Gedenk-Feiertag bis 1990)

    5. Studenten-Aufstände gegen den Algerienkrieg und die de Gaulle-Regierung in Frankreich 1961

    Es ist eine fürchterliche Geschichtsklitterung, die zum Beispiel die AfD mit ihrem Protest gegen die Ausgangssperre betreibt.


    Die AfD ist eine Partei mit einem Hang zum Autoritarismus. Das zeigen nicht zuletzt die zahlreichen Sympathiekundgebungen für Urban und Putin aus den Reihen der AfD. Und eine AfD-Regierung wäre ganz schnell mit einer Ausgangssperre zur Hand, wenn es darum ginge politische Gegner zu unterdrücken. Die AfD tut aber so, als lehne sie aus demokratischer Grundüberzeugung die nächtliche Ausgangssperre im Infektionsschutzgesetz ab. In einem Gesprächen mit einem AfD-Sympathisanten ging der so weit, die Bundeskanzlerin mit Walter Ulbricht zu vergleichen, der am 17. Juni 1953 mit einer Ausgangssperre den Aufstand gegen die DDR-Regierung unterdrückte.


    Die Ausgangssperre ist nicht eine Maßnahme, die nächtliche Alleinspaziergänge verhindern soll. Sondern es sollen direkte Kontakte reduziert werden. Dass dadurch zweckfreie nächtliche Alleinspaziergänge nicht mehr möglich sind, ist leider nicht vermeidbar. In Hannover war es übrigens möglich zum Beispiel zur Nachtdienst-Apotheke zu gehen, um dort zum Beispiel Kopfwehtabletten zu holen. Das hätte ich auch sofort gemacht, wenn ich das Bedürfnis verspürt hätte, nachts raus zu gehen.


    Eine ernstzunehmende Kritik an der im Bundesinfektionsschutz vorgesehenen Ausgangssperre kann nach meiner Meinung nur darin bestehen, dass eine Ausgangssperre immer auch die Gefahr beinhaltet, dass sie zu einem Mittel in der politischen Auseinandersetzung wird. Nicht zuletzt die Tatsache, dass auch in Bayern nächtliche Demonstrationen während der Zeit der verhängten Ausgangssperren zugelassen wurden, ist für mich ein Zeichen der Entwarnung.


    Ich sehe die genannte Gefahr nicht und ich empfinde dieses "Argument", da kann ich ja nachts nicht einmal alleine vor die Tür gehen, obwohl ich doch dabei bestimmt niemanden anstecke, als komplett lächerlich, in Anbetracht der weiter oben genannten Beispiele für Ausgangssperren.


    Hier ein Beispiel für ein Plakat das auf die nächtliche Ausgangssperre in dem von der deutschen Wehrmacht besetzten Paris hinweist: Es ist aus einer Filmkulisse.

    https://pbs.twimg.com/media/EWMhprpUEAA0GwG.jpg

    Und hier ein Beispiel für ein Plakat, das ein französischer Künstler angefertigt hat, um für die Ausgangssperre zur Pandemie-Eindämmung in Frankreich Werbung zu machen: Das Plakat wurde bewusst im Stil eines historischen Plakats gestaltet.

    https://cdn.prod.www.spiegel.d…291455_fpx50_fpy35.38.jpg


    Kein milderes Mittel?

    Da gäbe es einige Maßnahmen, die Infektionen reduzieren können, die aber noch nicht ergriffen wurden:

    - Homeoffice-Pflicht, woe möglich

    - tägliche Testpflicht in Betrieben, wo Homeoffice nicht möglich ist

    Ich finde übrigens auch, dass eine home-office Pflicht oder eine Testpflicht für Arbeitgeber kommen sollte. Aber ich fände es auch lächerlich zu sagen, wenn das nicht kommt, dann darf es auch keine nächtliche Ausgangssperre geben. Da freut sich das Virus dann zweimal.

  • Diese Form der Ausgangssperre in Frankreich, wie sie beschrieben wird hat vor allem vier Schwachstellen, und genau darauf ist zu achten, wenn in Deutschland im Infektionsschutzgesetz eine Ausgangssperre festgeschrieben wird.

    Der Zeitraum einer Ausgangssperre darf sich nicht über so viele Wochen hinziehen.

    Die Ausgangssperre darf nicht zu früh am Abend beginnen frühestens 21:00 oder 22:00 Uhr und sollte schon um 5:00 enden.

    Die Ausgangssperre muss auch mit Einschränkungen in den Betrieben und den Schulen einhergehen, die dazu beitragen, Kontakte zu reduzieren. (Z.B. Home-Office)

    Es muss ein attraktives Unterhaltungsprogramm organsiert und finanziert werden, dass über Radio, Fernsehen und Internet die Menschen besonderer Weise anspricht. Und auch Elemente enthält, die Menschen zusammenbringt.

  • Tut mir leid, ich bin mir nicht sicher ob ich diesen Versuch der Provokation (ist es ein solcher?) verstehe.


    Könnten Sie mir erklären, was Sie im vorherigen Post versucht haben auszudrücken?

    Meines Erachtens war es ein Riesenfehler dass Merkel in ihrer ersten Ansprache zur "Einstimmung" auf die Pandemie den Kriegsvergleich benutzt hat. Macron hat das übrigens auch getan. Dadurch wird den Maßnahmen gegen Corona jede Leichtigkeit genommen und stattdessen ein gefährliches Gefühl von Beklemmung vermittelt. Wenn Sie sagen:

    "FFP2-Maske korrekt getragen" kann man auch aus der Distanz beurteilen.

    Dann entspricht das genau diesem militärischen Siegel, das Merkel unglücklicherweise gleich am Anfang dem Pandemie-Geschehen und den Versuchen es einzudämmen aufgedrückt hat. Nehmen Sie es mir bitte nicht übel, aber so wie Sie das schreiben, lese ich:

    "Maske nicht korrekt getragen? Ist sofort aus der Distanz zu erschießen!"


    Besonders empörend ist, dass die AfD mit ihrer Kritik an der Ausgangssperre aber auch mit ihrer Kritik an der Maskenpflicht versucht, sich als antiautoritäre Partei zu profilieren.

  • Das passt mir nun wieder ins Gesamtbild - Sie hatten ja auch lange Zeit Schwierigkeiten zu akzeptieren, dass der wissenschaftlich nachgewiesen untaugliche Gesichtsschild auch für Sie untauglich ist.


    Eine FFP2-Maske richtig zu tragen bedeutet: über der Nase, nicht unter dem Kinn. Die Maske nicht herunterziehen, wenn man den anderen nicht versteht (und ich verzweifle wirklich, wenn ich so etwas im Supermarkt beobachten muss). So eng wie möglich anliegend - bei einer guten Maske gibt es da auch Schaumstoffelemente, die den Sitz erleichtern. Und nicht einmal das gelingt. Wir haben Pandemie seit einem Jahr. In der Zeit sind Kinder von Windel auf Toilette umgestellt. Hunde stubenrein (okay, das dauert nur 6 Wochen). Sogar die Trotzphase bei Kleinkindern dauert kein Jahr.


    Wer es immer noch nicht kann ist schwerer lernfähig als ein 2 jähriges Kind. Das ist nicht militarismus, das ist völliges Unverständnis.

  • Ulli, man kann eine Ausgangssperre kritisieren, ohne der AFD in irgendeiner Form nahe zu stehen. Es wäre schön, wenn man sie kritisieren kann, ohne von Dir in deren Nähe gerückt zu werden. Das klingt für mich sehr nach "die Bösen haben in diesem Punkt sie selbe Meinung wie du, also bist du böse".


    Die Vorteile dieser Maßnahme seien aber größer als die Nachteile

    Auch im verlinkten Artikel finde ich dafür keine weitere Erläuterung, insbesondere nicht, welche Vor- und Nachteile wie abgewägt wurden.


    Es gehe aber darum, "abendliche Bewegungen von einem Ort zum anderen zu reduzieren"."

    Also, mir geht es eher darum, Infektionen zu reduzieren.



    Ich verstehe nicht so ganz, was der Verweis auf frühere militärische Ausgangssperren hier bringt. Die aktuell geplante sei weniger schlimm, weil sie keinem politischen Zweck dient? Die psychischen Auswirkungen sind die selben. Hier bei uns gibt es Ausgangssperren, ich merke, wie mies sich dies anfühlt. "Lächerlich" ist dies nicht!


    Die Sanktionen bei Verstoß seien geringer? Mag sein, aber 500 € sind kein Pappenstiel, da kommt nach ein paar Tagen schon der eine oder andere Monatslohn zusammen. Verzeih' mir die Spitze: Wenn dies für dich kein Problem ist - prima. Im Rahmen der hier im Forum üblicherweise diskutierten Strafgelder für Verkehrsdelikte ist das aber durchaus extrem!


    Nein, dein Vergleich mit militärischen Ausgangssperren relativiert nur - und dies ist nie ein guten Argument.


    Dass dadurch zweckfreie nächtliche Alleinspaziergänge nicht mehr möglich sind, ist leider nicht vermeidbar.

    Da fehlt mir jegliche Begründung. Warum sollte nicht unterschieden werden können? Wie Du selbst schreibst, war der Gang zur Nachtdienst-Apotheke ja durchaus möglich.


    Ich finde übrigens auch, dass eine home-office Pflicht oder eine Testpflicht für Arbeitgeber kommen sollte. Aber ich fände es auch lächerlich zu sagen, wenn das nicht kommt, dann darf es auch keine nächtliche Ausgangssperre geben. Da freut sich das Virus dann zweimal.

    Genau darum geht es aber. Zunächst müssen die Mittel mit weniger Grundrechteingriffen ergriffen werden. Nur dann, wenn diese keinen Erfolg zeigen, kann über weiter Eingriffe nachgedacht werden.