17. April: Fahrradsicherheit

  • Am Dienstagvormittag sorgt die Polizei für Verkehrssicherheit am Audimax der Universität Hamburg:



    Hat jemand Lust, dort hinzugehen und mal ein paar höfliche Fragen zu stellen, was die Polizei noch so zur Erhöhung der Verkehrssicherheit abseits von Helmen und Warnwesten tun möchte?

  • Eine der Hauptursachen für verunglückte Radler sei das Fahren auf der falschen Seite. Kann ich gar nicht glauben. Auf welche Quellen sich wohl diese Aussage stützt.

    „Zeigen wir dem staunenden Ausländer einen neuen Beweis für ein aufstrebendes Deutschland, in dem der Kraftfahrer nicht nur auf den Autobahnen, sondern auf allen Straßen durch den Radfahrer freie, sichere Bahn findet.“ (Reichsverkehrsministerium, 1934)

  • Wirklich Von-Melle-Park 4 VOR dem Audimax, also auf dem kopfsteingepflasterten Uni-Campus mitten zwischen hin und her eilenden Studierenden?

    Wenn die gesagt hätten »Schlüterstraße, zwischen Fahrradstation und Rechtshaus«, dann hätte ich das ja begriffen.


    Wie dem auch sei, ich habe mein Büro im Von-Melle-Park 5 mit Blick aufs Audimax und arbeite dort morgen von 11 bis 13 Uhr nochwas. Ich bin also dicht dran und finde hoffentlich Zeit, dort vorbeizuschauen. ;-)


    Alleine schon diese Formulierung:

    »Grundsätzlich gilt: Linksradeln ist gefährlich, außer es ist durch Verkehrsschilder ausdrücklich erlaubt.«


    Ach nee, stimmt nicht, da steht nicht »gefährlich«, sondern »verboten« ...

    Und manchmal ist es sogar vorgeschrieben ...


    Übrigens: Wer sich die Rückwand des Audimax anschaut, sieht dort seit 2000 dieses Wandbild: http://www.soenke-nissen-knaack.de/audimax.htm

    Der Radfahrer zwischen Baum und Uhrenmast bin ich. (Mit weißem Styroporhelm ...)

  • »Grundsätzlich gilt: Linksradeln ist gefährlich, außer es ist durch Verkehrsschilder ausdrücklich erlaubt.«


    Ein Schild macht aus einer gefährlichen Aktion also eine ungefährliche. Seltsame Logik!

    Wie ich schon schrieb: im Original steht da »verboten«. Aber genau das ist ja die Schizophrenie an den benutzungspflichtigen Zweirichtungsradwegen. Die Behörden predigen im Allgemeinen gegen das Geisterradeln mit dem Argument, es sei gefährlich, aber im Speziellen verlangen sie es - wenn es der Flüssigkeit des Autoverkehrs dient.


    Ob ich morgen mal alle als Geisterradler bezeichne, die im Gegenuhrzeigersinn an der Südwestecke der Alster unterwegs sind? ;-)

  • Wirklich Von-Melle-Park 4 VOR dem Audimax, also auf dem kopfsteingepflasterten Uni-Campus mitten zwischen hin und her eilenden Studierenden?

    Wenn die gesagt hätten »Schlüterstraße, zwischen Fahrradstation und Rechtshaus«, dann hätte ich das ja begriffen.

    Mal ne ganz blöde Frage: ist das Fahrrad fahren auf dem Uni Gelände eigentlich erlaubt? Ausnahme sicher die Velroute 3 (Schlüterstraße zwischen Fahrradstation und Rechtshaus nur für Fußgänger, Radfahrer frei).

    Damit wäre es natürlich auch vor dem Audimax, Von-Melle-Park 4, verboten?


    Und wenn das Radfahren dort auf dem Gelände verboten ist, wie soll ich denn zu der tollen Aktion hin kommen? Schieben?

  • Gegen 9.15 Uhr sah es so aus:




    Ich will versuchen, noch einmal zwischen 12.30 und 13 Uhr dort aufzutauchen, mir fehlte so ein bisschen die Lust, mich jetzt allein mit den Beamten über Warnwesten, Helme und Reflektoren zu unterhalten. Jedenfalls hatte ich den Eindruck, dass sie sich darüber unterhalten wollten, der Kram lag griffbereit auf dem Tisch.

  • Was war das denn für eine Gaga-Veranstaltung? Um 13 Uhr schon mit dem Abbau angefangen ...

    Und was sollte der Hindernisparcours? Üben, wie man zwischen falsch parkenden Autos und illegal aufgestellten Wahlplakaten durchkommt?

    Von meinem Fenster aus konnte ich nur sehen: mehr Leute von den Veranstaltern als »Besucher«.

  • tl;dr


    Ich habe mich aufgeregt. Radfahrer im Straßenverkehr sollen sich stets § 1 StVO vergegenwärtigen und im Interesse der eigenen Sicherheit auf ihre Vorfahrt verzichten.


    Prolog


    Ich habe mir durchaus Gedanken gemacht, was ich die Beamten sinnvollerweise fragen könnte. Mir fiel da beispielsweise die brandgefährlichen Zweirichtungsradwege entlang der Arbeitsstellen in der Kieler Straße ein, der Irgendwie-Zweirichtungsradweg in der St.-Petersburger-Straße, der gegenläufige Radfahrstreifen in der Caffamacherreihe, mir fielen mehrere Themen ein, über die ich mit den Beamten gerne ein ernstes Gespräch führen wollte.


    An der Kieler Straße muss ich eine Weile auf einem Zweirichtungsradweg fahren, während an den Kreuzungen der Kraftverkehr auch nach einem halben Jahr noch nicht mit Radfahrern in der vermeintlich falschen Richtung rechnet. Dort gibt es andauernd Stress: Wenn Geisterradeln so gefährlich wäre, warum wird man andauernd dazu gezwungen, gerade in unübersichtlichen Situationen wie ebenjenen Arbeitsstellen?


    In der St.-Petersburger-Straße durfte man letztes Jahr in der Gegenrichtung auf dem linksseitigen Radweg fahren, um eine Umleitung für die Arbeitsstelle beim Congress Centrum Hamburg anzubieten. Dann wurde das Fahren in der Gegenrichtung plötzlich für ein paar Wochen aufgehoben, dann wieder eingerichtet, dann wurden Anfang dieses Jahres mit erheblichem Aufwand alle Pfeile und Schilder entfernt. Dennoch soll man laut PK14 weiterhin in der Gegenrichtung fahren dürfen, obwohl das im Sinne der Straßenverkehrs-Ordnung nicht gestattet ist.


    In der Caffamacherreihe wurde als Verlängerung der St.-Petersburger-Straße ein Radfahrstreifen in der Gegenrichtung eingerichtet. Ich bin vor einigen Tagen zum dritten Mal in die Verlegenheit gekommen, dass ein entgegenkommender Kraftfahrer auf den Radfahrstreifen wechselte, mich dort zum abbremsen zwang und mich belehrte, dass ich in der falschen Richtung führe. Tja. Kann man den Leuten halt auch nicht ordentlich erklären, die kurbeln die Scheibe hoch und düsen davon.


    Und ansonsten habe ich im Straßenverkehr auf dem Rad noch eine ganze Menge anderer Sorgen als Geisterradler.


    Zum Beispiel auf dem Weg zu dieser Geisterradler-Veranstaltung: Lastkraftwagen übersieht mich beim Rechtsabbiegen, Kraftfahrer mit Handy am Ohr biegt unachtsam rechts am und Kraftfahrzeuge blockieren die Fahrradfurt.


    Dann Kraftfahrzeug rollt rückwärts aus der Parklücke und rammt beinahe einen Streifenwagen. Kein Witz! Der hier hatte keinen Gang eingelegt und die Handbremse nicht angezogen, rollte rückwärts bis zur Mittellinie und dann wieder nach vorne auf den Radfahrstreifen. Die beiden Polizeibeamten nahmen das zur Kenntnis, sahen aber davon ab, weitere Maßnahmen zu ergreifen. Da dachte ich mir natürlich auch, jo, wäre das Ding auf der Fahrbahn zum Stillstand gekommen, dann wären die Prioritäten anders gesetzt worden:



    Weiter geht’s zur nächsten Kreuzung, in der wieder alle möglichen Kraftfahrzeuge im Stau stehen.


    Der Lastkraftwagenfahrer sieht mich, bedeutet mir mit der flachen Hand, dass ich warten soll, fährt über die Fahrrad- und Fußgängerfurt weiter nach vorne. Zwei Radfahrer, die sein Haltgebot nicht gesehen haben, versuchen vor der Stoßstange entlangzufahren und werden beinahe von einem weiteren Kraftfahrzeug gerammt, dass sich hinter dem Lastkraftwagen nach vorne bewegt hat. Dann meint mich der Lastkraftwagenfahrer belabern zu müssen, dass er im Weg stand und sonst den Verkehr behindert hätte.


    Ja, ist klar. Autofahrer haben Hupen, Radfahrer halt nicht, die klemmen bloß so dumm im Radkasten herum.




    Dann war ich fast da, noch einmal kurz von einem Kraftfahrer übersehen lassen, der in seine Garage fuhr und mich überhaupt gar nicht bemerkt hat, dann habe ich es geschafft.


    Reflektoren




    Ich wollte mich eigentlich ein wenig umschauen und dann ein paar Polizeibeamte mit der Kieler Straße und so weiter und so fort ein bisschen auf die Nerven gehen, aber soweit kam ich gar nicht erst.


    Ein Typ passte mich direkt ab und bot mir einen blauen Rucksack an, damit, sorry, ich weiß den genauen Wortlaut nicht mehr, damit würde ich nicht mehr so oft übersehen. Das Ding hatte einen Reflektorstreifen auf der Rückseite und enthielt wohl einige „Goodies“. „Goodie“ ist auch eines der Wörter, bei denen ich mich frage, wie sie es wohl ins 21. Jahrhundert geschafft haben.


    Aber gut.


    Das war der Moment, an dem mir dann doch ein bisschen doll der Kragen geplatzt ist. Ich stand in dem Moment tatsächlich wie ein Fisch nach Luft schnappend vor dem Audimax herum, denn das war so ein Ding, mit dem ich nun überhaupt gar nicht gerechnet hatte.


    „Im Ernst jetzt?“, fragte ich entgeistert, „damit werde ich nicht mehr übersehen?“ Das war freilich nicht das, was der Typ gesagt hatte, von „nicht mehr übersehen“ war nicht die Rede, aber der Rucksack sollte meine Sichtbarkeit erhöhen. Man muss sich das vielleicht mal bildlich vorstellen: Ich stand da mit meinem Fahrrad namens Schneeweißchen, bei dem der Name Programm ist, mit weißen Taschen, großen Reflektoren an diesen Taschen, so ziemlich der hellsten Beleuchtung, die es im Sinne der Straßenverkehrs-Zulassungs-Ordnung für Dynamoantriebe gibt, mit roter Jacke und weißem Helm und da kommt einer angelaufen und will mir einen Rucksack anbieten, damit ich nicht mehr so häufig übersehen würde.


    Alter, ich war hart am Ausrasten. Ich war lächerliche, ja, keine Ahnung, lächerliche 3,6 Kilometer unterwegs, hatte stressige Situationen im Minutentakt, aber in keine dieser Situationen war ein Geisterradler involviert, keine dieser Situation beruhte darauf, dass ich als Radfahrer unsichtbar gewesen wäre. All diese Situationen hatten mit schlechten Sichtverhältnissen aufgrund falsch parkender Kraftfahrzeuge, einer daraus resultierenden unachtsamen Fahrweise am Lenkrad und der absoluten Pest, dem Handy am Lenkrad zu tun. Und dann kommt der Typ da an und empfiehlt mir einen blauen Rucksack mit Reflektionsstreifen.




    Dann kam Reipe dazu und wir palierten eine ganze Weile über Abschleppen von Falschparkern, das nach meiner Erkenntnis nur im Innenstadtbereich auf gebührenpflichtigen Parkplätzen stattfände, den oben hinreichend aufgezählten Gefahrenstellen an der Caffamacherreihe, der Kieler Straße, der St.-Petersburger-Straße und so weiter und so fort, über § 1 StVO, Reflektoren und Geisterradler und, ach, herrje, alles mögliche. Mehrmals erwähnte ich, dass ich mir offenbar § 1 StVO außerordentlich zu Herzen nähme, sonst wäre ich hier gar nicht erst beim Audimax angekommen, sondern direkt im Krankenhaus gelandet.


    Zwischendurch diskutierten wir erneut über Sichtbarkeit im Straßenverkehr und Reflektoren und Warnwesten, woraufhin eine Dame, die unserem Gespräch aus sicherer Entfernung lauschte, auf das Stichwort „Warnweste“ hin mir ebenjene in die Lenkertasche stopfte: „Hier, damit werden Sie nicht so oft übersehen.“




    Ich war ganz haarscharf vor der Detonation. Unter dieser Warnweste, man kann es leicht übersehen, befand sich eine Banane, die ich in meiner Mittagspause zu vertilgen gedachte. Wie sich später herausstellte, hatte die gute Frau mit ihrer blöden Warnweste die Banane zermatscht und zum Platzen gebracht, so dass ich die ganze Kacke heute Abend aus der Tasche wischen durfte. Herzlichen Dank auch. Bloß gut, dass ich das heute Mittag noch nicht bemerkt hatte, ich wäre ernsthaft in die Luft gegangen.


    Nun gut, Reipe , der Typ und ich diskutieren noch ein paar Minuten auf einem deutlich höflicheren Niveau als gerade eben, dann begann die Rennleitung schon mal die Zelte abzubrechen:




    Ich weiß nicht mehr, worüber es im Einzelnen ging. Man könne nicht noch mehr falsch parkende Autos abschleppen, weil der Autoknast bereits überfüllt wäre, zusätzliche Abschleppmaßnahmen wären dem Wähler nicht zu erklären, Hamburg wäre im Herzen immer noch eine Autostadt und immer wieder: Insbesondere für Radfahrer gelte § 1 StVO, das Gebot zur absoluten Rücksichtnahme. Ich wollte eigentlich fragen, ob man „absolut“ nicht mal langsam durch „devot“ ersetzen sollte, denn schließlich wäre ja die einzige Antwort der Ordnungsmacht auf sämtliche Gefahrenstellen ebenjener § 1 StVO, nach dem Radfahrer sich bitteschön in Geduld üben sollten, aber ich mochte den Typen nun auch nicht allzu sehr in die Pfanne hauen.


    Naja. Dann kam Nico_ noch vorbei, wir quasselten noch eine Weile und ich machte mich auf den Heimweg.


    Epilog


    Der Heimweg sah übrigens so aus:



    Aufgrund eines falsch parkenden Kraftfahrzeuges auf dem rechten Fahrstreifen staut sich der Verkehr, die links abbiegenden Kraftfahrzeuge im Hintergrund sowie der Verkehr in meiner Richtung kann kaum die Finger von der Hupe lassen und brüllt die übrigen Kraftfahrer über die Fußgänger- und Fahrradfurt. Die Dame rechts im Bild wäre beinahe von dem grauen Wagen angefahren worden, der in lauter Panik vor dem Hupkonzert plötzlich nach vorne gefahren ist.


    Aber ich habe ja meine Warnweste, mir kann ja nichts mehr passieren.

  • Wenn es nicht so traurig und erwartungsgemäß wäre ... im besten Wortsinne witzig geschrieben!

    „Zeigen wir dem staunenden Ausländer einen neuen Beweis für ein aufstrebendes Deutschland, in dem der Kraftfahrer nicht nur auf den Autobahnen, sondern auf allen Straßen durch den Radfahrer freie, sichere Bahn findet.“ (Reichsverkehrsministerium, 1934)

  • Immer wenn ich "übersehen" werde, liegt es daran, dass die Kfz-Führer überhaupt nicht in meine Richtung geschaut haben. Da könnte ich mir ein gelbes Blinklicht auf den weißen Helm schnallen oder Feuerwerk in alle Richtungen abschießen und es würde nichts nutzen, wenn das Smartphone gerade wichtiger ist oder Autofahrer zu 120% auf die nächste Lücke fixiert sind, in die sie sich gleich reinquetschen können. Und solange der Polizei dazu nichts Besseres einfällt, als darauf hinzuweisen, dass sich Radfahrer vor den Verstößen des Kfz-Verkehrs halt besser schützen und noch häufiger auf ihre Rechte verzichten müssen, wird das nichts mit der Verkehrswende.


    Das ist übrigens auch meine Standardantwort, wenn die "Experten" mich darauf hinweisen, dass ich halt vorsichtiger fahren müsse: Wenn ich das nicht ständig tun würde, wäre ich längst tot oder Dauerpatient im Elbe-Klinikum. Zum Glück ist Stade klein genug, dass man ausreichend schnell mit dem Fahrrad im Grünen ist, wo man sich darüber freuen kann, dass Radfahren auch Spaß macht.