Hamburg: Eidelstedt-Center

  • Jojojojojojooooooo, was geeeeht, Fahrradstadt Hamburg? Neues Jahr, neues Glück, tja, das dachte man sich wohl auch bei meinem herzallerliebsten PK 27 und setzte mir die nächste Arbeitsstelle direkt vor die Nase. Das Eidelstedt-Center wird während der nächsten anderthalb Jahre „revitalisiert“ und das hat natürlich auch Einschränkungen für den ringsum verlaufenden Geh- und Radverkehr.


    Aus dramaturgischen Gründen fange ich mal in der Mitte an, direkt an der Kreuzung zwischen Elbgaustraße und Kieler Straße. Das ist mein regelmäßiger Weg zum Einkaufen (gewesen) beziehungsweise rüber zum Busbahnhof am Eidelstedter Platz. Nun sieht es so aus:




    Hier stimmt ja mal wieder alles. Erst ist die Nebenfläche ein reiner Gehweg und es wird verkündet „Durchgang zum Busbahnhof gesperrt Zuwegung WHG Eidelstedt Center frei“ und ich fange mal gleich mit dem Genöle an. Kann man das nicht mal so formulieren, dass es ein normalsterblicher Verkehrsteilnehmer versteht? Was ist beispielsweise eine „Zuwegung“? Ein ganz normaler Weg? Oder hat das irgendwas mit einer Baustelle zu tun? Kann man da langgehen? Und was ist oder was sind „WHG“? Wasserhaushaltsgesetz? Oder Wohnungen? Vermutlich sind Wohnungen gemeint, man kann oben im Eidelstedt Center quasi auf dem Dach wohnen, aber Wohnung kürzt man gemeinhin mit „Whg“ ab. Und sowieso wären ein paar Satzzeichen hilfreich, um die Zusammenhänge auf diesem Schild sinnstiftend erfassen zu können, genug Platz war ja auf jeden Fall.


    Naja — und gleich danach wird das Ding wieder als Zweirichtungsradweg ausgewiesen. Hier obliegt es wohl wieder dem lieben Radfahrer zu erkennen, welches Schild gültig sein soll und welches nicht.


    Es wäre für Radfahrer und Fußgänger, die gerne zum Busbahnhof möchten, ganz nett gewesen, dieses Schild auf der anderen Seite der Kreuzung zu platzieren, denn aufgrund der fehlenden Querungsmöglichkeit rechts hinüber muss man erst einmal zurücklaufen und einem Umweg zum Busbahnhof nehmen. Der wartet von diesem Standort aus übrigens gleich mit vier statt null Ampelquerungen und einem ungefähr doppelt so langen Weg auf.


    Wir gehen — sneaky, sneaky — weiter und stehen dann hier vor dem nächsten Hindernis. Links hinter dem Auto befindet sich die mutmaßliche „Zuwegung WHG Eidelstedt Center“, aber dummerweise thront noch einmal eine Sperrung auf dem Radweg und deren [Zeichen 259] gilt ja bekanntlich für den gesamten Querschnitt. Hier geht’s also theoretisch nicht mehr weiter — immerhin hat man dem Ding aber drei gelbe Leuchten spendiert, die sogar funktionieren.



    Das ist dann wohl die eigentliche Sperrung des Durchgangs zum Busbahnhof. Da bin ich ja mal gespannt, was man sich noch für Lustigkeiten ausdenkt, denn momentan kann man links und rechts an der Sperrung vorbeimarschieren:




    Bislang war’s unlustig, nun wird’s ärgerlich.


    Aus der Gegenrichtung steht man zu Fuß und mit dem Rad jetzt an dieser Stelle. Auch wieder geil: Fußgänger sollen bitte nach links auf die andere Straßenseite, für Radfahrer lockt weiterhin der benutzungspflichtige Zweirichtungsradweg. Kann man Verkehrszeichen, die vermutlich die nächsten 18 Monate lang unbeachtlich sein werden, nicht wenigens mit einem billigen Müllsack verbergen?




    Blick vom Busbahnhof Eidelstedter Platz — und wieder die bange Frage: Was hat man sich wohl überlegt, wie sich Radfahrer an dieser Stelle verhalten sollen? Okay, Fußgänger sollen sich offenkundig über mehrere Ampeln hangeln und die Umleitung auf der linken Straßenseite nutzen. Und Radfahrer… auch? Oder soll man sich hier mit dem Rad auf der Fahrbahn einordnen?



    Hier ginge es im Zweifelsfall rüber auf die andere Straßenseite, doch ist Radfahren dort nicht so richtig gestattet:



    … obwohl die Signalgeber bereits für Fußgänger und Radfahrer gelten? Huch? War das schon immer so oder hat PK 27 schon mal vorgearbeitet, bevor ich meine nervigen Mails schreibe? Aber whatever: Radfahrer fahren ja eh wie sie wollen. Das kann ich hier bis auf die fehlende Beleuchtung allerdings auch wirklich niemandem verübeln.




    Weiter geht die lustige Tour auf der falschen Straßenseite…




    … bis man hier eigentlich wieder auf die andere Straßenseite wechseln sollte. Wobei: Ist ja eigentlich egal. Vorher war das Radfahren auf der linken Straßenseite ordnungswidrig, danach ist es ordnungswidrig, warum sollte man sich hier überhaupt noch um irgendwelche Regeln scheren?



    Nun sind wir wieder an der Kreuzung, an der wir vorhin standen. Rechts geht es hoch zum Busbahnhof und zu den „WHG“, links geht es… auch nicht weiter. Wichtig ist aber erst einmal, dass der Radverkehr auch entlang der nach links führenden Elbgaustraße natürlich ordnungswidrig auf der linken Straßenseite anstatt auf der Fahrbahn stattfindet, denn der rechtsseitige Radweg wurde ja gesperrt:



    So sieht die dortige Sperrung aus — auch hier thront man zwar mitten auf dem Radweg, verbietet aber grundsätzlich nur den Fußverkehr. Tja.



    Weiter geht es also auf der linken Straßenseite. Ich habe mich vorhin schon gewundert, warum mir dort so viele Geisterradler, nämlich gleich sieben, entgegenkamen. Wer weiß, vielleicht hat sich die Straßenverkehrsbehörde auch überlegt, dass Radfahrer auch hier auf der linken Straßenseite fahren sollen. Oder man hat sich gar nichts überlegt und hofft auch an dieser Stelle, dass sich der Radverkehr seinen Weg schon irgendwie suchen werde. Oder man hat sich gedacht, dass im Winter ja eh niemand mit dem Rad fahren werde.



    Hier kann man an dieser famosen Bettelampel dann wieder die Straßenseite wechseln. Oder man lässt es halt bleiben:




    Letzter Blick zurück — man hat zwar das Schild angepasst, hier ist nicht mehr vom Busbahnhof, sondern von der Kieler Straße die Rede, aber welche Zuwegung zu welchen WHG oder Eidelstedt Center hier frei sein sollen erschließt sich mir nicht. Trotz der gelben Leuchten handelt es sich hier um eine Vollsperrung:



    Naja, und das wichtigste: Wurde die CDU angesichts der Parkplatzvernichtung bereits in Kenntnis gesetzt?




    Reipe , hast du Lust, noch mal beim PK 27 vorzusprechen? Mir mangelt es an Contenance.

  • Da wird man sich nix bei gedachthaben. Wie auch vor Baubeginn.

    Bei den letzten Bauarbeiten der Wege rund um den Eidelstedter Platz hat die Autostadt Hamburg auch wieder geglänzt: bei den Übergängen der Radwege mußten zwingend 2 cm Absätze verbaut werden.

    Die Umbaumaßnahme des Eidelstedtcenters an sich ist komplett überflüssig. Mal abgesehen davon das es in Hamburg an jeder Ecke Einkaufscentren gibt, gab es in den letzten 10 - 15 Jahren eine hohe Fluktuation der Ladenbetreiber. Immer weniger können sich die sehr hohen Mieten im Center leisten. Nun träumt das Management von deutlich höheren Profiten durch noch höheren Mieten.

    Und mit Sicherheit können die dadurch Staatsknete einsacken.

  • Hier ein paar ganz aktuelle Bilder

    So ungefähr habe ich mir das vorgestellt.


    Ist dieser Weg neben dem Holzverschlag nun wieder „offiziell“ freigegeben, nachdem die Arbeiten dort für die nächsten Tage erledigt worden sind? Oder hat das ein ungeduldiger Verkehrsteilnehmer beiseite gestellt und nun bleibt’s so, bis es bei der vorgeschriebenen Kontrolle der Arbeitsstelle auffällt?

  • So ungefähr habe ich mir das vorgestellt.


    Ist dieser Weg neben dem Holzverschlag nun wieder „offiziell“ freigegeben, nachdem die Arbeiten dort für die nächsten Tage erledigt worden sind? Oder hat das ein ungeduldiger Verkehrsteilnehmer beiseite gestellt und nun bleibt’s so, bis es bei der vorgeschriebenen Kontrolle der Arbeitsstelle auffällt?


    Das letzte Bild war heute Mittag auf den Weg stadtauswärts. Die ersten beiden wo ich auf dem Heimweg war. Ich guck mal wie das morgen aussieht.

  • So ungefähr habe ich mir das vorgestellt.


    Ist dieser Weg neben dem Holzverschlag nun wieder „offiziell“ freigegeben, nachdem die Arbeiten dort für die nächsten Tage erledigt worden sind? Oder hat das ein ungeduldiger Verkehrsteilnehmer beiseite gestellt und nun bleibt’s so, bis es bei der vorgeschriebenen Kontrolle der Arbeitsstelle auffällt?

    Da hat doch lediglich ein aufmerksamer Zeitgenosse die Hindernisse vom Radweg entfernt.

  • Wow. Ich glaube, das ist die vorbildlichste Baustellenabsicherung, die ich in diesem Forum je gesehen habe. :huh:

    Naja, die Holzwand ist halt eindrucksvoll, die eigentliche Beschilderung aber nicht. Von der einen Seite ist das ein gemeinsamer Fuß- und Radweg, aus der anderen Seite wiederum angeblich nur ein reiner Gehweg. Nebendran steht ein Schild, der Durchgang zum Busbahnhof wäre gesperrt, obschon man ganz offenbar ja direkt zum Busbahnhof laufen kann.


    Das verspricht ja in den nächsten 18 Monaten noch ganz spaßig zu werden.

  • Das verspricht ja in den nächsten 18 Monaten noch ganz spaßig zu werden.

    Die Händler in dem Containerdorf berichten, dass die Bauarbeiten wohl jetzt schon hinter dem Zeitplan sind. ^^

    Der Umbau des Centers senkt hier die Wohnqualität erheblich. Meiner Freundin und mir ist es z.B. wichtig unsere Getränke in Mehrwegflaschen zu kaufen, diese gibt es aber weder bei Penny noch Rewe City oder Aldi. Vorger war das bei Rewe kein Problem und ich musste nicht weit schleppen.

    Ich werde jetzt wohl regelmäßig Greenwheels in Anspruch nehmen und alle zwei drei Wochen zum Edeka in der Holsteiner Chausse oder den Elbgaupassagen fahren und meine Getränke gleich Kistenweise kaufen und im Keller bunkern. Hab weder Lust noch Zeit mehrmals die Woche mit dem Rad Getränke zu holen.


    Achja und die Händler im Containerdorf sind wohl auch offen für Feedback, welches sie dann an die Verantwortlichen weitergeben wollen. Kritikpunkte sind z.B. die noch nicht vernünftig befestigten Wege zwischen den Containern und auch die Beleuchtung die die Wohnungen gegenüber schön bestrahlen.


    Soll es nicht auch bald mit der Baustelle auf dem Gelände des ehemaligen Dello-Autohauses losgehen?


    Das wird bestimmt auch ein Spaß.

  • In der Sitzung des Regionalausschusses Stellingen (Mo. 29.01.2018 18:30) gibt es einen Antrag einer Fraktion:


    https://sitzungsdienst-eimsbue…to010.asp?SILFDNR=1001094


    „Gefahrenstelle für Fußgänger an der Kieler Straße im Bereich des Eidelstedt Centers beseitigen“ mit dem Petitum:

    Der Bezirksamtsleiter wird gebeten, dafür Sorge zu tragen, dass

    1. der Bauzaun am Eidelstedt Center im Bereich Kieler Straße so versetzt wird, dass der Gehweg wieder nutzbar ist oder
    2. in diesem Bereich das Radfahren verboten wird und durch entsprechende Vorrichtungen ein Absteigen vom Rad unvermeidlich gemacht wird.


    Das so ein Antrag zu einem Verstoß jeglicher Verwaltungsvorschriften aufruft, ist den Antragstellern offenbar nicht bewusst.

    Oder ist das Radfahrverbot auf einem benutzungspflichtigem Radweg inzwischen gängige Praxis in Hamburg?

  • Interssantes Detail aus der Drucksache 20-2733: Es gab auf dieser Strecke schon mehrere Unfälle. Ich kann nicht behaupten, dass mich das wundert.


    Im Endeffekt lief es dann wieder auf die obligatorische Wischi-Waschi-Lösung hinaus:


    Zitat

    Der Bezirksamtsleiter wird gebeten, die zuständige Fachbehörde aufzufordern, die provisorische Führung von Rad- und Fußgängern entlang des Bauzaunes Kieler Straße zwischen Elbgaustraße und Eingang Center hinsichtlich der Verkehrssicherheit erneut zu überprüfen

    Das wird so laufen wie bei der Arbeitsstelle an der Autobahn 7: Es wird überprüft und festgestellt, dass das alles seine Ordnung hat und das Problem nur ein paar renitente Radfahrer wären.

  • Interssantes Detail aus der Drucksache 20-2733: Es gab auf dieser Strecke schon mehrere Unfälle.

    Da würde ich nicht zu viel drauf geben. Ich hab auch schon bei solchen Terminen diese Behauptung aufgestellt. Sie wurde meist kommentarlos ins Protokoll übernommen. Und ebenso kommentarlos bei der Veranlassung weiterer Maßnahmen ignoriert.

  • Geht da jemand hin?

    Ja, ich war dabei.


    Vor der Sitzung hatte man sich wohl geeinigt, den Text anders als im Antrag der CDU


    "..in diesem Bereich das Radfahren verboten wird und durch entsprechende Vorrichtungen ein Absteigen vom Rad unvermeidlich gemacht wird."


    zu formulieren und so wurde er dann in der Sitzung von dem Vorsitzenden des Ausschusses für Verkehr der BV Eimsbüttel (SPD) verlesen und beschlossen. Ein Kompromiss, der dieses böse Absteigen auf einem benutzungspflichtigen Radweg aus dem ursprünglichen CDU-Antrag entfernt und den ich gut finde. Das mit den Unfällen stand auch schon vorher im Antrag.


    Auf die Idee, die Führung für Radfahrer und Fußgänger an der Arbeitsstätte nach den Richtlinien der RSA (Richtlinie zur Sicherung von Arbeitsstätten) zu fordern, kam leider keines der Mitglieder.


    Schon 10 Stunden später wurde der geänderte Text Online gestellt, der ursprüngliche Antragstext ist nicht mehr ersichtlich und vermutlich waren inzwischen schon die Verantwortlichen vom PK 27 vor Ort, um die Situation dort zu ändern.


    Aber sie werden es wohl leider wieder nicht vernünftig machen!

    Bestimmt schon 10 Mal wurden dort etwas verändert. Es wurden Schilder gewechselt, Mülltüten über Schilder gestülpt, falsche Hinweisschilder platziert. Aber sie kriegen das einfach nicht hin, weil sie keine Autofahrspur für Fußgänger und Radfahrer hergeben wollen.


    Auf der Sitzung wurde dann auch noch die Vollsperrung der Veloroute 2 im Basselweg zwischen Kollaustraße und Hagenbeckalle für 3 bis 4 Wochen bekannt gegeben. Immerhin betrifft es nicht nur die Radler, auch der Autoverkehr kann dort dann nicht mehr fahren. Also Stille im nördlichen Teil vom Basselweg.


    Die Markierungen an der "Todesfalle Kieler Straße" werden erneuert, zumindest in der Autobahnauffahrt. Das die Markierungen für die katastrophale Radwegeführung dort schon seit 6 Wochen nicht mehr in Ordnung sind, hat wohl noch keiner gemerkt.


    Auf solchen Sitzungen gibt es regelmäßig den Punkt "Straßenverkehrsbehördliche Anordnungen". Aber eigentlich wird dort von der Polizei nur über Dinge berichtet, die den Autoverkehr betreffen. Mein Ziel ist es, dass auch selbstverständlich über Maßnahmen berichtet wird, die den Radverkehr betreffen.

  • Da würde ich nicht zu viel drauf geben. Ich hab auch schon bei solchen Terminen diese Behauptung aufgestellt. Sie wurde meist kommentarlos ins Protokoll übernommen. Und ebenso kommentarlos bei der Veranlassung weiterer Maßnahmen ignoriert.

    Andererseits kann sowas mal interessant werden, wenn es weitere Unfälle gibt. Falls eines der Opfer einen findigen Anwalt hat.

  • Naja, mit der Enge dieses Weges gab es Mitte Januar immer wieder arge Probleme:




    Besonders toll waren damals sicherlich die Sichtverhältnisse aus den immer noch geöffneten Seiteneingängen, von denen aus einige Wohnungen und Praxen (?) zugänglich sind. Man behalf sich damit, vor Radfahrern zu warnen:




    Vielleicht ist das hier ja die Maßnahme gewesen, mit der Radfahrer dann zum Absteigen ermuntert werden sollten:




    Mitte Februar dann wurde der Zaun schließlich etwas umgesetzt, so dass man auf den engen Schießscharten heraus wenigstens ein bisschen nach links und rechts gucken kann, ohne direkt auf dem Geh- und Radweg zu stehen:




    Damit es dann auch der Dümmste kapiert, wurden schließlich diese Schilder aufgestellt:




    Ich glaube allerdings nicht, dass es hilft: Hier wird man weiterhin als Fußgänger bedrängt und beiseite geklingelt. Das ging eine Weile gar so weit, dass ich von meiner Bude lieber zu Fuß zum S-Bahnhof Elbgaustraße gelaufen bin, weil mir dieser Spießrutenlauf entlang des Eidelstedt-Centers einfach zu dumm war. Nathanael hat da ein dickeres Fell und weicht den renitenten Radfahrern einfach nicht aus:



    Und eigentlich frage ich mich ja tatsächlich, ob abbiegende Kraftfahrer in solchen Situationen noch draufhalten könnten. Die Dame fuhr noch bei grünem Licht auf den Streifen, darauf will ich gar nicht hinaus, aber man könnte ja denken, sie führe auf einem Sonderweg, der für Radfahrer gar nicht freigegeben wäre und dementsprechend der sofortige Vollzug von Erziehungsmaßnahmen statthaft wäre. Man kann ja nie wissen, auf was für Ideen die Leute hier in Hamburg kommen:


  • Eines meiner größten charakterlichen Schwächen ist vermutlich das Bedürfnis, unbedingt den Helden spielen zu müssen. Wenn ich auf eine Situation treffe, in der irgendwie Not am Mann ist, dann greife ich ein, da kenne ich kein Wenn und Aber. Und das bringt mich meistens in Schwierigkeiten.


    Vor allem: Es geht bei mir nie ohne Drama. Nie.


    Heute Abend wollte ich eigentlich nur rüber zum Einkaufen und mir für den letzten Arbeitstag vor dem Urlaub eine prächtige, vor Fett nur so triefende Tiefkühlpizza gönnen. Ich wohne nicht weit vom Eidelstedt-Center entfernt, ich hörte bereits in meiner Wohnung wütendes Gehupe und wunderte mich, was denn nun wohl wieder los war, machte mir aber keine weiteren Gedanken und marschierte die 300 Meter rüber zum REWE. Am Eidelstedt-Center bot sich dann folgender Anblick:




    Die beiden Torflügel hatten sich ob des Sturmes offenbar selbstständig gemacht und genossen ihre neue Freiheit, indem sie fröhlich auf und zu schlugen und dabei in das Lichtraumprofil der Fahrbahn eindrungen. Das verursachte auch das dazugehörige Gehupe: Abbiegende Kraftfahrer blieben angesichts der Hindernisse stehen und kassierten dafür die Hupe des Hintermannes. Ich dachte mir nichts dabei, bis einer der Kraftfahrer um die Kurve kam und gerade noch im letzten Moment dem hier im Bild rechten Türflügel ausweichen konnte, weil dort auf dem Fahrstreifen zum Linksabbiegen weitere Kraftfahrzeuge standen. Als nächstes war ein Metrobus der Linie 21 an der Reihe, der ebenfalls nur mit einer ordentlichen Bremsung einer Ohrfeige des linken Torflügels ausweichen konnte.


    Und das war dann wieder der Moment, an dem ich das Superheldenkostüm anzog und der Meinung war, hier unbedingt eingreifen zu müssen.


    Den einen Torflügel arretierte ich mit einem Standfuß, den ich dort aufgetrieben hatte, wobei sich der Torflügel nicht so richtig beeindruckt zeigte und Anstalten machte, sich wieder loszureißen. Es dauerte nicht einmal zehn Sekunden, dann war mir klar, warum ich die Fußplatte dort gefunden hatte, wo ich sie gefunden hatte, denn der Wind drückte mit einer Kraft gegen den hölzernen Torflügel, die den Standfuß locker beiseite schob. Ich stellte beim zweiten Versuch den Torflügel senkrecht zum Wind, unterband damit jegliche Angriffsfläche und hatte erst einmal Ruhe vor diesem Monstrum.


    Für den anderen Torflügel fand ich keine passende Fußplatte, stattdessen drückte der Sturm, wo auch immer er direkt im Windschatten des Eidelstedt-Centers einen Angriffsvektor fand, die danebenliegende Wand mitsamt der Toiletten in Richtung Fahrbahn.


    Ich wusste mir in diesem Moment schlichtweg nicht anders zu helfen als die 110 zu wählen. Hier sollte bitteschön die Hamburger Polizei einmal anrücken, mit Blaulicht ganz kurz den Kreuzungsbereich sperren, so dass wir für einen Moment Ruhe vor den abbiegenden Kraftfahrzeugen hätten, und dann überlegen wir uns ganz in Ruhe, wie wir die Türen arretierten. Gesagt, getan, ich wählte die 110 und lieferte dem Beamten am Telefon ein bemerkenswertes Schauspiel, weil ich zwischendurch beinahe mein Handy verlor, als ein Windstoß den Torflügel erfasste.


    Naja. Man wolle sich drum kümmern.


    Es sollte eine knappe halbe Stunde dauern, bis ein Streifenwagen mit zwei Beamtinnen eintraf. Während dieser halben Stunde fror ich mir sämtliche Extremitäten ab, während ich mit Müh und Not diese blöde Tür festhielt…




    … damit sie möglichst keine Kraftfahrzeuge unter sich begraben möge:




    Das Problem war tatsächlich, dass es gar keine Gelegenheit gab, das Tor vernünftig zu schließen. Ich rechnete mir bei diesen Windverhältnissen einen Zeitaufwand von mindestens 15 Sekunden dafür aus und diese 15 Sekunden gab es einfach nicht, weil andauernd jemand um die Ecke kam.




    Und glaubt ja nicht, dass mal jemand anhält und hilft. Nö. Zwei Mal wurde ich angehupt, als sich die Tür losgerissen hatte, beziehungsweise meinen rechten Fuß eingequetscht hatte und einen Teil der Fahrbahn blockierte. Die einzige Rückmeldung der vorbeifahrenden Kraftfahrer war ein ganz toller Witzbold, der wohl irgendeinen Prostituierten-Witz machen wollte und mich nach meinem Preis fragte, während er mich mit dem Handy filmte. Und Handyfotos waren auch das einzige, was sich dort drüben aus dem gegenüberliegenden Haus an Hilfestellungen bot:




    Eigentlich wäre genau das jetzt der Zeitpunkt gewesen, diese blöde Tür in Ruhe zu lassen und zum Einkaufen zu gehen. Sollen die lieben Kraftfahrer doch sehen, wie sie mit dem Ding klarkommen. Wenn da jemand um die Kurve kommt und das Ding vor die Stoßstange bekommt: Pech gehabt. Sichtfahrgebot und so, nä? Ist doch nicht mein Problem. Soll halt jemand bei dieser Scheiße draufgehen, dann könnten wir ja endlich mal eine ordentliche Diskussion darüber führen, ob man Arbeitsstellen ordentlich absichert oder nicht, denn ich bin diesen ganzen Quatsch echt satt.


    So ging das dann eine Weile, bis gegen 20.45 Uhr besagter Funkstreifenwagen eintraf. Die beiden Damen hielten sich nicht lange mit Höflichkeiten auf, zauberten eine weitere Fußplatte herbei und arretierten den zweiten Torflügel.


    So einfach kann’s gehen, wenn man nur zu zweit ist. Das war für mich natürlich ein total toller Moment, denn natürlich war es in diesem Moment windstill, so dass die Dramatik der vorigen zwanzig Minuten ein bisschen an Geltung verlor, außerdem kam jetzt eine gefühlte Ewigkeit niemand um die Kurve gebrettert, so dass sie Beamtinnen auch nicht so recht verstanden, was denn nun eigentlich das Problem war. So blieb es bei einer recht kühlen Begegnung und einem „Danke!“, dann stiegen die beiden wieder ein und fuhren weiter.


    Ich hätte mich gern noch gerechtfertigt, warum ich es für notwendig hielt, hier den Notruf zu wählen, und warum ich die Sache nicht selbst in den Griff bekommen hatte. Und ja, ich hätte auch gerne erläutert, dass ich mir insgesamt eine gute halbe Stunde lang die Pfoten abgefroren hatte, anstatt im warmen Wohnzimmer zu hocken, einzig und allein um einen mehr oder weniger schweren Verkehrsunfall zu verhindern. Aber okay, so ist das halt, so zollt mir dann nur der blaue Fleck am rechten Fußknöchel Respekt.


    Naja, gut, was habe ich erwartet? Das Bundesverdienstkreuz? Eine Erwähnung im Polizeibericht als Beispiel für selbstlosen Einsatz? Wollen wir mal ehrlich sein: Ich habe die Polizei nur genervt. Hätte ich nicht den Notruf gewählt, dann wäre halt früher oder später jemand gegen dieses Tor geknallt oder es wäre überhaupt gar nichts passiert und die Welt hätte sich auch ohne meinen Einsatz weitergedreht. Nur weil ich der Meinung bin, ich müsste jetzt hier unbedingt einen Unfall verhindern, der sich ohne meinen Einsatz ohnehin nicht zugetragen hätte, naja, nur darum muss die Polizei ja nicht gleich meiner Meinung sein. Allerdings hätte ich es auch nicht verkehrt gefunden, wenn sich mal jemand die Mühe machte, den hier Verantwortlichen ein Bußgeld für die unsaubere Absicherung der Arbeitsstelle aufzudrücken. Dass es stürmisch würde, das war ja seit Tagen bekannt, da kann man sich mit der Verriegelung der Türen durchaus mal Mühe geben, gerade im Bereich der Fahrbahn.




    Ich marschierte dann tatsächlich etwas konstatiert weiter zum Einkaufen.


    Und ich wäre nicht Malte Hübner, wenn ich mir nicht noch eine schallende Ohrfeige eingefangen hätte. Als ich droben am Ende des gemeinsamen Fuß- und Radweges, der weiter oben hinreichend bebildert wurde, um die Ecke bog, bekam ich quasi die komplette Breitseite eines hölzernen Torflügels in die Fresse. Dort hatte sich nämlich ebenfalls die Zufahrt zur Arbeitsstelle selbstständig gemacht und wackelte fröhlich im Wind hin und her. Und es muss wohl irgendwie dieses Schicksal sein, über das ich häufiger klage, wenn ausgerechnet in jenem Moment, in dem ich etwas unachtsam um die Ecke latsche, der Torflügel mit Karacho in meine Richtung fliegt:




    Ich habe echt die Schnauze voll von diesem Abend.


    Gerade noch kurz vor Ladenschluss will ich bei REWE meine Pizza bezahlen und merke, dass die rechte Hand etwas schmerzt, aber das ist wohl der Preis für diesen unnötigen, aber selbstlosen Einsatz. Tjaja.


    Und nun wäre ich nicht Malte Hübner, wenn das Schicksal nicht noch eine Überraschung für mich vorgehalten hätte.


    Ich werde nämlich von der Polizei gesucht.


    „Der da“, ruft jemand, als ich wieder nach Hause watschle, und es nähern sich zwei Polizeibeamte mit einer Dame im Schlepptau. Jemand hätte den Notruf gewählt, weil sich eine Person mit blauer Mütze und roter Jacke auf dem Baustellenbereich aufgehalten hätte und das wäre alles sehr verdächtig gewesen.


    Ich tue freundlich kund, dass ich das alles grad echt nicht mehr aushalte und die Nase mehr als voll habe, doch diese beiden Polizisten sind etwas kommunikativer als ihre Kollegen von vor zehn Minuten und hören sich immerhin die Story an, warum ich denn meinen blödsinnigen Superheldeneinsatz für unbedingt notwendig hielte. Hey, immerhin nahmen die mich nicht mit aufs Revier, das ist ja schon mal viel wert.



    Und irgendwie fallen mir noch tausend Dinge ein, die ich zu solchen Sachverhalten tippen möchte, aber der Superheld legt sich jetzt erst einmal ins Bett, denn der Superheld hat sich an der rechten Hand verletzt.


    Keine Ahnung: Sowas passiert mir halt allzu regelmäßig.


    Und ich habe einfach die Schnauze voll. Das nächste Mal laufe ich einfach weiter, sollen sich die Leute halt an der blöden Tür zu Klump fahren.


    Undank ist der Welt Lohn.

  • Danke, dass Du einen Unfall verhindert hast. Unmöglich, dass die die Türen bei dem Wind so beknackt gesichert zurückließen! Dass Wind angesagt war, habe sogar ich gemerkt – nicht umsonst habe ich heute mal wieder meine Fahrkarte genutzt. Die Baustellenleute sind da einfach unveranwortlich rangegangen.


    Naja... und natürlich wird es alles wieder gut, wenn jemand draufguckt. Ist doch mit Symptomen und Ärzten ebenso. Nicht, dass Du auch noch ernstgenommen wirst *haarerauf*


    Ich hätte vermutlich auch so gehandelt.


    Und das mit den Handyfotos... Klasse, so sind die Menschen eben. Nicht umsonst müssen Sanitäter Sichtschutzwände erdenken, damit sie ihre Arbeit machen können.


    Blöder Abend. Mach's Dir muckelig!