Die dreistesten Unfallursachenausreden

  • Manchmal wundere ich mich ein wenig, wie in den Polizei- oder Medienberichten zu Unfallursachen immer wieder bewusst oder unbewusst versucht wird, die Schuld oder Verantwortung von unfallverursachenden Kraftfahrern zu verniedlichen. Zum Beispiel: 80-Jährige in dichtem Nebel von Auto erfasst und tödlich verletzt


    Zitat

    Im Kreis Diepholz erfasste in der Silvesternacht ein Auto eine Fußgängerin. Diese starb bei dem Unfall. Offenbar war dichter Nebel Schuld daran, dass der Autofahrer die Frau übersah.


    Ich glaube, der Nebel ist genauso wenig schuld wie die tiefstehende Sonne oder der grell leuchtende Mond: Primär ist die Fußgängerin gestorben, weil ein Kraftfahrer nicht mit dem Nebel angepasster Geschwindigkeit unterwegs war; das hat meines Erachtens auch nichts mit „übersehen“ zu tun. Natürlich mag man im weiteren Verlauf auch die Frage stellen, ob man als Fußgängerin nicht gerade bei diesen Sichtverhältnissen ganz besondere Vorsicht walten lassen sollte, aber das ändert erstmal nichts an der primären Unfallursache.

  • Oder das hier: https://www.facebook.com/group…ermalink/514347665831684/


    Zitat

    Die Fahrerin konnte durch das Kennzeichen ermittelt werden und hat sich schriftlich geäußert: Sie schreibt, ich hätte ihr ja schließlich eine Kreuzung vorher (auch Fahrradstrasse) die Vorfahrt genommen (habe ich nicht), deswegen hätte sie sich gefreut, als sie im Rückspiegel sah, dass ich gestürzt sei und, (Zitat): "[weil] ich mich innerlich über den Radfahrer ärgerte, habe ich mich über das "Karma" gefreut und fuhr weiter in die Arbeit".


    Das war für die Staatsanwaltschaft scheinbar Grund genug, das Ermittlungsverfahren nicht weiterzuführen.

  • Und dann war da noch ein Tweet der Polizei Reutlingen:

    Zitat

    69-jähriger #Jogger ist am Dienstagnachmittag bei #OstfildernNellingen von einem Auto angefahren und schwer verletzt worden. Der Sportler trug dunkle Kleidung, weshalb ihn die Autofahrerin nicht rechtzeitig sehen konnte.


    Alle Infos: https://www.presseportal.de/blaulicht/pm/110976/4458459

    Mir ist klar, dass sich in 280 Zeichen nicht jeder Sachverhalt erschöpfend und ausgewogen darlegen lässt. Aber diese Darstellung der Vorkommnisse halte ich für etwas unglücklich: Wenn man den Tweet liest, scheint der Jogger den Unfall verursacht zu haben, weil er nämlich dunkle Kleidung trug — das ist dank der regelmäßigen Wiederholung in der Polizeipresse im Kopf des Lesers immerhin eine der Hauptunfallursachen.


    Dass zu einem solchen Unfall aber auch noch eine weitere Partei gehört, die in diesem Fall ein Kraftfahrzeug gelenkt hat und für die Sichtverhältnisse offenbar zu schnell unterwegs war, fällt da glatt unter den Tisch.

  • Polizisten verstoßen im Dienst und auch Privat ständig gegen das Sichtfahrgebot. Dementsprechend wird halt getextet.


    Das "hättste mal (z. B. 'ne Wahnweste getragen)" trifft allerdings auch Autofahrer; dazu eine aktuelle Meldung der PD Landau:

    Der 66-jährige Ford-Fahrer befuhr am 01.01.2020 gegen 17:25 Uhr die K6 von Venningen in Richtung Altdorf. Auf genannter Streckte kollidierte der Ford-Fahrer mit einem Wildschwein. Am PKW Ford entstand Sachschaden im Frontbereich in Höhe von 1000 Euro. Nach der Kollision stieg der Ford-Fahrer aus seinem PKW aus, um sich mit einem nachfolgenden Verkehrsteilnehmer zu verständigen, der seinerseits über verstreute Fahrzeugteile des PKW Ford fuhr. Auf dem Rückweg zu seinem Ford wurde der genannte 66-Jährige von einem entgegenkommenden 54-jährigen PKW-Fahrer gestreift. Bei diesem Zusammenstoß wurde der linke Außenspiegel des entgegenkommenden PKW abgerissen (Schadenshöhe 500 Euro), der 66-Jährige wurde mit Verdacht auf eine Fraktur im Bereich des linken Armes durch den Rettungsdienst in ein Landauer Krankenhaus verbracht. Hier gilt anzumerken, dass der 66-Jährige dunkel gekleidet war und zudem keine Warnweste trug. Dieser Unfall hätte vermutlich verhindert werden können, wenn der 66-jährige für den entgegenkommenden PKW-Fahrer besser erkennbar gewesen wäre. Vor allem in Pannen-oder Unfallsituationen in der Dunkelheit oder bei schlechten Sichtverhältnissen ist es empfehlenswert, die mitgeführte Warnweste zu tragen.

    Es ist davon auszugehen, dass da also mindestens zwei Autos mit eingeschalteten Warnblinkern standen. Der entgegenkommende Pkw ist also situationsbedingt viel zu schnell gefahren. Aber Schuld ist der ohne Wahnweste...

  • Wenn man den Tweet liest, scheint der Jogger den Unfall verursacht zu haben, weil er nämlich dunkle Kleidung trug — das ist dank der regelmäßigen Wiederholung in der Polizeipresse im Kopf des Lesers immerhin eine der Hauptunfallursachen.


    Dass zu einem solchen Unfall aber auch noch eine weitere Partei gehört, die in diesem Fall ein Kraftfahrzeug gelenkt hat und für die Sichtverhältnisse offenbar zu schnell unterwegs war, fällt da glatt unter den Tisch.

    Zumindest dem unteren Teil würde ich hier widersprechen. Der Fußgänger kam von der Seite, hat dem Auto den Vorrang genommen und dabei dunkle Kleidung getragen. Helle Kleidung mit viel Beleuchtung hätte (vielleicht) geholfen. Dem Auto nicht den Vorrang zu nehmen, hätte auf jeden Fall geholfen.

    Mit dem Sichtfahrgebot hat das nichts zu tun. Das bezieht sich nicht darauf, dass plötzlich etwas von der Seite kommt.

  • Helle Kleidung mit viel Beleuchtung hätte (vielleicht) geholfen. Dem Auto nicht den Vorrang zu nehmen, hätte auf jeden Fall geholfen.

    Das Wort in Klammer hat bei diesem Thema für mich eine herausragende Bedeutung. Ich unterteile unfallverursachende Ordnungswidrigkeiten - wenn es denn überhaupt welchen sind - in zwei Kategorien, sagen wir erster und zweiter Art:

    1) Fehler, die für sich allein genommen einen Unfall verursachen. Da fällt mir so etwas ein wie unangepasste Geschwindigkeit oder Vorfahrtverstoß.

    2) Fehler, die keine Unfälle verursachen es aber schwerer machen, Fehler der ersten Art auszugleichen. Das ist beispielsweise eine fehlende Beleuchtung.

    Fehlender Christbaumschmuck ist für sich ein Fehler der zweiten Art. (Da muss ich schon arg konstruieren, um es zu einem der ersten Art zu machen). Wenn die Polizei den Dunkelmodus anspricht, kann man sich also getrost auf die Suche nach dem eigentlichen Fehler machen.


    Um jetzt einmal offtopic zu werden: Ich glaube nicht, dass Strahlemann & Söhne überhaupt etwas zur Sicherheit beitragen werden. Wie beschrieben, ist der primäre Fehler ein anderer. Je stärker die Primärfehlenden sich auf beleuchtete Umstände gewöhne, sie erwarten, umso wahrscheinlicher, werden diese Fehler. Den Autofahrer muss beigebracht werden, wenn man Nichts sieht, ist dort nicht zwingend Nichts, sondern, man sieht einfach nur Nichts.

  • Woraus schließt du das? In der Meldung steht lediglich

    Ich habe mich auf die andere Meldung bezogen, bzgl. dem Jogger, der über die Straße rennt.

    Um jetzt einmal offtopic zu werden: Ich glaube nicht, dass Strahlemann & Söhne überhaupt etwas zur Sicherheit beitragen werden. Wie beschrieben, ist der primäre Fehler ein anderer. Je stärker die Primärfehlenden sich auf beleuchtete Umstände gewöhne, sie erwarten, umso wahrscheinlicher, werden diese Fehler. Den Autofahrer muss beigebracht werden, wenn man Nichts sieht, ist dort nicht zwingend Nichts, sondern, man sieht einfach nur Nichts.

    Dafür ist das Sichtfahrgebot aber nicht da! Es geht hier um einen Jogger, der plötzlich von der Seite vors Auto läuft. Der Primärfehler ist, dass der Jogger das Auto übersehen hat. Das hat der Jogger aber wohl nicht absichtlich übersehen! Er hat aber absichtlich dunkle Kleidung an. Man kann also nur die Ratschläge erteilen, aufmerksamer zu sein oder sichtbarer zu sein, damit andere eine Chance haben den eigenen Fehler zu korrigieren. Den Ratschlag aufmerksamer zu sein, kann man sich aber in aller Regel sparen. Ggf. könnte man noch den Ratschlag geben Straßen immer langsam zu überqueren. Das habe ich z.B. meinem Sohn von klein auf beigebracht.

  • Dafür ist das Sichtfahrgebot aber nicht da! Es geht hier um einen Jogger, der plötzlich von der Seite vors Auto läuft. Der Primärfehler ist, dass der Jogger das Auto übersehen hat. Das hat der Jogger aber wohl nicht absichtlich übersehen!

    Das sind doch nur zwei Seiten einer Medaille. Selbstreden kompensieren auch Nichtautofahrer das Risiko. Bloß kann man meistens davon ausgehen, dass es wirklich ein Fehler war. Bei Autofahrern wird oft genug gar nicht erst geschaut oder nur zu oberflächlich (leuchtet was?). Das ist dann mindestens für mich keine Wahrnehmungsfehler sondern ein Verhaltensfehler, der mit dem Begriff Übersehen euphemisiert wird.

  • Warum wird eigentlich nie auf eine graue oder schwarze und damit vor allem bei Tag schlechte Sichtbarkeit von Kraftfahrzeugen hingewiesen. Ich für meinen Teil würde für Neupkw nur noch Signalfarben zulassen. Damit wird auch eindeutig gezeigt, wo die Gefahr herkommt.

  • Warum wird eigentlich nie auf eine graue oder schwarze und damit vor allem bei Tag schlechte Sichtbarkeit von Kraftfahrzeugen hingewiesen. Ich für meinen Teil würde für Neupkw nur noch Signalfarben zulassen. Damit wird auch eindeutig gezeigt, wo die Gefahr herkommt.

    Delli, Du hättest vollkommen recht, wenn denn die Funktion von Kraftfahrzeugen noch wäre, Personen oder Güter sicher von A nach B zu transportieren... </Sarkasmus>

  • Eine ganz interessante Zusammenstellung auf Twitter, die mal wieder verdeutlicht, wie stark das Empfinden des Lesers eigentlich von der Wortwahl des Artikels abhängig ist: https://twitter.com/phramewerk/status/1213425233400651777


    Und nun sitze ich da und überlege, wie einträchtig und harmonisch unser Straßenverkehr ablaufen könnte, hätten wir uns die ganzen CSU-Bundesverkehrsminister mit ihrem „Kampfradler“-Vokabular oder die so genannte „Berichterstattung“ mit den ganzen Radfahrer-Synonymen in den Tageszeitungen gespart.

  • Malte

    Hat den Titel des Themas von „Die tollsten Unfallursachenausreden“ zu „Die dreistesten Unfallursachenausreden“ geändert.
  • https://twitter.com/Micha31281963/status/1218222682304667648


    Ein Zwölfjähriger kippt mit seinem Fahrrad beim Absteigen um und kollidiert mit einem vorbeifahrenden Geländewagen. Unterzeile: „Zum Glück nur kleine Kratzer am Jeep“


    Nachdem ich mir auch dachte, dass diese Beschreibung ja ganz schön bescheuert wäre, habe ich es einfach mal andersherum gelesen: Am Fahrrad entstand offenbar kein Schaden, der Junge blieb unverletzt.


    Oder für Fahrrad und Kind interessiert sich einfach niemand. Für einen eventuellen Mindestabstand des SUV genausowenig.