Hooray for Fahrradstadt: Kieler Straße 666

  • Direkt gegenüber meiner früheren Wohnung am Eidelstedter Platz befindet sich eine relativ berühmte Stelle in Hamburger Radwegenetz, an der Radfahrer sich den Eintrittspreis für eine Achterbahnfahrt auf dem Dom sparen können:



    Obwohl ich dort dreieinhalb Jahre gewohnt habe und jeden Abend dort vorbeigefahren bin, habe ich offenbar nur zwei Fotos von dieser Stelle. Das zweite ist von der Kieler-Straße-Erlebnistour, an der wir vom Holstenplatz bis zur Bundesautobahn 23 und zurück gefahren sind und, Hach, was haben wir alles erlebt!



    Nun wurde nach vielen Jahrzehnten der Radweg, äh, naja, erneuert. Fertig? 3, 2, 1:



    Ist jetzt nicht deren ernst, oder? Da ist ja quasi alles schiefgegangen, angefangen von der Unterbrechung des Radweges zugunsten der Baumscheibe bis hin zu der bummeligen Breite von 1,25 Metern. Immerhin wurde ein kleiner Abstand zu parkenden Kraftfahrzeugen gewahrt — und die sind vermutlich wieder einmal das Problem: Weil im Zuständigkeitsgemenge der Straßenplanung jeder Parkplatz heilig ist, wird lieber der Radweg unterbrochen anstatt zwei Parkplätze für eine sichere Führung des Radverkehrs und den Erhalt der Bäume zu opfern.


    Sowas regt mich echt auf! Das war zu Fuß gehend immer eine bescheuerte Stelle, weil Radfahrer — natürlich! — einfach rechts auf dem engen Gehweg an dieser Stelle vorbeigedüst sind und beispielsweise vor einem knappen Jahr meine Mutter dort angefahren wurde. Was denken sich die Leute denn, was dort passieren wird? Dass Radfahrer artig an jedem plötzlich endenden Radweg absteigen und fünf Meter schieben werden?


    Vielleicht schon, den solche Stellen haben in Hamburg schließlich Tradition:



    But wait, there’s still more!


    Denn keine fünfzig Meter zuvor wurde der Radweg im brandgefährlichen Abstand um ein paar stadtbildprägende Parkplätze herumgelümmelt. Natürlich parkte dort auch hin und wieder mal ein SUV oder ein Geländewagen und die Nutzung des Radweges ist in Ermangelung vorgeschriebener Sicherheitsabstände schon nicht einmal mehr bei Kleinwagen möglich, aber… naja:



    Auch dort wird gerade gebaut und es ist noch nicht abzusehen, wie schlimm es wirklich wird. Man konnte sich nicht einmal zu einem Haltverbot oder einer Entfernung der Werbefahrzeuge im unmittelbaren Bereich der Radverkehrsführung durchringen. Verkehrsteilnehmer mit Anhängern, Rollstühlen oder Kinderwagen werden sicher ganz dankbar sein.



    Bloß gut, dass ich dort nicht mehr wohne.

  • Zu dem Abschnitt liegen der Stadt Hamburg keine Unterlagen vor, die eine Neuordnung der Nebenflächen vorsehen.

    Vulgo: da sollte nichts umgebaut werden.

    Es dürfte sich um eine Wiederherstellung der Flächen des öffentlichen Raumes handeln.


    Wenn ein Tiefbauunternehmen in Hamburg als Auftragnehmer unterwegs ist, um z.B. eine Telko-Leitung zu legen oder den Gasanschluss zu erneuern, dann beantragt das Unternehmen einen sog. "Aufgrabeschein" beim Bezirksamt. Da steht dann drin, wer für die Maßnahme verantwortlich ist und wann die stattfindet. Als Auflage für das ausführende Unternehmen steht sinngemäß drin: "nach Abschluss der Arbeiten ist die Oberfläche in den vorherigen Stand zu versetzen."


    Und dann macht das Unternehmen das. Radweg in 1,20m Breite aufgerissen? Nach Abschluss der Arbeiten wird dann eben Radweg in 1,20m Breite wieder hingelegt. :)


    Anders kann ich mir das nicht erklären, der Bezirk baut sowas nicht, ohne das irgendwo bekanntzugeben. Zumindest an geeigneten Stellen :whistling:

  • Dann kann es aber nicht sein, dass die Führung des neuen Radwegs die Radfahrer nun auf die Fahrbahn zwingt, obwohl es vorher dort nicht der Fall war. Nicht, dass ich etwas gegen Fahrbahnfahren hätte. Aber erstens steige ich als Radfahrer aus Prinzip nicht ab, erstens befahre ich niemals Gehwege und erstens werde ich dort bereits an der letzten legalen Möglichkeit auf die Fahrbahn überwechseln, um dann an der nächsten legalen Möglichkeit hinter dem Baum wieder den Radweg zu erreichen.


    Soviel dann zum Thema: "Wir machen alles wieder so, wie es vorher war..."

  • Anders kann ich mir das nicht erklären, der Bezirk baut sowas nicht, ohne das irgendwo bekanntzugeben. Zumindest an geeigneten Stellen :whistling:

    Tatsächlich hatte ich das auch schon über Facebook erfahren, aber in meinem Eingangsbeitrag nicht besonders hervorgehoben. Dennoch sehe ich es wie Alf , es handelt sich eigentlich nicht um eine Wiederherstellung im eigentlichen Sinne, weil es zuvor eine buckelige, aber immerhin durchgängige Radverkehrsführung gab, die nun aber aufgrund der Baumscheibe unterbrochen ist.


    Und ich wundere mich schon: So etwas muss doch irgendwo einmal auffallen? Oder ist allen Teilnehmern der Verantwortungskette so etwas einfach egal?

  • Ich würde

    ... Oder ist allen Teilnehmern der Verantwortungskette so etwas einfach egal?

    Tja, eine Menge Leute hat hier anscheinend schlichtweg ihren Beruf verfehlt. Und ich gebe zu, in der Vergangenheit bereits mehrfach mit dem Gedanken gespielt zu haben, mich auf einen solcher Arbeitsplätze zu bewerben. Wohlgemerkt, damit der Laden läuft und das Fahrrad rollt.

  • , um dann an der nächsten legalen Möglichkeit hinter dem Baum wieder den Radweg zu erreichen.

    Warum? Hinter dem Baum beginnt doch ein neuer, ungebläuter Radweg.


    Meine Beobachtung heute: Vier von vier Radfahrern sind zwischen Baum und BorkeBordstein durchgefahren. Aber ich habe Einfluss auf die Messung gehabt, war als Fussgänger im Weg.


    Bei der Kieler Straße habe ich eine etwa 3 Jahre alte Ankündigung im Hinterkopf, dass dort 7-8 km Radwege neu gebaut werden sollten. Naja, ist halt gut für die Statistik, sonst verlöre Hamburg noch seinen Status als Fahrradstadt.

  • Und ich wundere mich schon: So etwas muss doch irgendwo einmal auffallen? Oder ist allen Teilnehmern der Verantwortungskette so etwas einfach egal?

    wem soll es auffallen?

    dem Tiefbauer?

    der hat eine abgeschlossene Berufsausbildung, kann prima mit dem Minibagger umgehen, Flächen planziehen und fährt morgens mit dem Auto zur Firma, von da mit dem Pritschenwagen zur Arbeitsstelle. Der macht (meist), was im Auftrag steht bzw. der Vorarbeiter sagt. Und der Vorarbeiter sagt: steht im Plan. mach so.


    dem Ing.Büro (sofern beteiligt)?

    Es wird instand gesetzt, was vorher kaputt gemacht wurde. Abweichungen kosten Geld, Personal, Zeit. Also im Prinzip Geld, Geld, Geld. Für nüscht.


    dem Mitarbeiter im Bezirk?

    dazu müsste man rausfahren. Und dann? ist alles so wie vorher. Nur besser. Also mit besserem Pflaster. Ist doch toll.


    der Straßenverkehrsbehörde?

    die ist quasi nicht involviert. Hat Kenntnis, kann aber wegen "bald" geplanter Umabauten, wegen PErsonalmangel, wegen Folgeeingriffen, Finanznot etc nicht viel machen. Da weiß man: wenn man hinten an Jenga-Turm ein Klötzchen rausnimmt, fällt der ganze Scheiß zusammen.


    Fahrradbeauftr...

    ach, lassen wir das. Sowas ist zu Kleinteilig, dafür ist die Stelle nicht zuständig.

  • wem soll es auffallen?

    Ich verstehe schon, worauf du hinauswillst :) Ich denke mir nur: Da muss doch irgendwo jemand sein, der seinen Job ernst genug nimmt, so etwas zu merken. Man bekommt solche Baumaßnahmen ja schließlich auch geregelt, ohne dass am Ende — Gott bewahre! — Parkplätze fehlen oder ein Fahrstreifen abhanden kommt oder ein Hauseingang plötzlich vom Straßenbegleitgrün verborgen wird. Irgendwie geht es ja — wir können doch nicht ständig die Opferrolle bemühen, dass solche Unzulänglichkeiten nur beim Radverkehr möglich wären?


    Übrigens bin ich da eben noch mal vorbeigefahren, ein Teil der Arbeitsstelle ist jetzt weg und der Wagen parkt jetzt nur noch halb auf dem Radweg, aber wenigstens kommt man noch irgendwie vorbei, wie man schön sagt.



    Und an der Baumscheibe hat der Radweg wurzeln geschlagen und ist auf beträchtliche fünfzig Zentimeter angewachsen:



    Auch wenn dort noch viele rote Steine herumliegen: Viel mehr ist nicht drin, sofern man die Baumwurzeln nicht kappen möchte.



    Natürlich kommt man da noch irgendwie vorbei, aber für mein Faltrad ist der Radweg prinzipiell schon zu eng:



    Also läuft es halt… wie immer:


  • Mein früherer Nachbar hat auf Facebook das folgende Foto hochgeladen:



    Das ist ja nun die Lösung, die ich mir eher nicht gewünscht hätte. Dort schreibt allerdings ein anderer Nutzer, dass Bäume im April nur aufgrund von Gefährdungen, etwa in Form von mangelhafter Standsicherheit gefällt werden dürfen.


    Wenn der Baum nur umgehauen wurde, weil man keine Parkplätze opfern wollte, wäre ich ernsthaft angefressen.