Erfahrungen mit Gates Carbon Drive™?

  • Das wird eine Kaufberatungsanfrage.


    Mit hochrotem Kopf gestehe ich, dass ich immer noch nur ein einziges fahrtüchtiges, halbwegs ordentliches Fahrrad besitze. Deshalb ist ja auch eine gute, schnelle Werkstatt so wichtig... ich schweife ab. Seit fast sieben Jahren beäuge ich die Schindelhauer-Fahrräder. Die sehen einfach unfassbar gut aus. Ja, das ist mir wichtig. Es steigert die Freude am Fahren. Ich war trotzdem immer etwas misstrauisch wegen des ungewohnten Antriebs und konnte mich nicht dafür entscheiden, denn billig finde ich die Räder nicht. Preiswert, ja, das vermutlich schon. Die lange Zeit hat aber auch etwas Gutes: Inzwischen müssten mehr Erfahrungen mit dem sonderbaren Carbonriemen vorliegen. Hält der wirklich so lange? Leiert der denn nicht aus?


    Kann vielleicht jemand von euch etwas dazu sagen? Im Idealfall, von dem ich gar nicht zu träumen wage, hat sogar jemand von euch so ein Teil rumstehen. Es gibt, glaube ich, nicht so viele Händler, die die Marke führen, und wo man mal in echt gucken könnte. Eurer Meinung würde ich sowieso mehr vertrauen als einem Händler.


    Und wäre an dem Rad hier irgendetwas auszusetzen? Falls nein, würde ich vielleicht anfangen, darauf zu sparen:


    Danke!

  • grundsätzlich gibt es bei Riemen ein mittelgroßes Problem, das man nur umgehen kann, wenn man sich im Vorfeld Gedanken macht:
    die Übersetzung!


    Bei einer Nabenschaltung mit Kettenantrieb kannst du die Zähnezahl von Ritzel und auch Kettenblatt quasi beliebig wählen und damit deine von dir bevorzugten Geschwindigkeitsbereiche abdecken. Das Ganze auch noch während des "Betriebes".
    Klassiker: Fahrrad mit Nabenschaltung gekauft, in den hohen Gängen ist trotz hoher Trittfrequenz nicht mehr Speed als 40km/h drin. Lösung: Ritzel auswechseln gegen eines mit 1 oder 2 Zähnen weniger. Übersetzung geändert, jetzt kannste auch mit Nabenschaltung die 55km/h im Windschatten hinterm Bus rocken.


    Dieser Wechsel geht beim Riemenantrieb oft nicht. Du kannst ja kein Kettenglied rausnehmen/reintun! Der Riemen kann dann eben zu kurz sein/zu lang sein, das Ausfallende reicht dann manchmal nicht.


    und: die richtige Spannung des Riemens einzustellen erfordert Übung und Kraft.


    Wenns aber läuft, solls gut sein :)
    kein festoxidieren mehr wie bei einer Kette, die man bei aktuellem Wetter quasi durch Salzlauge zieht!

  • ich fahre seit Ende 2015 einen Gates Riemen (Centertrack, wie bei Deinem neuen Ludwig-XIV-Fahrrad) mit Rohloff Schaltung. Mit dem Riemen bin ich sehr zufrieden; dieses Fahrrad nutze ich Sommer und Winter für den Arbeitsweg. Jetzt macht es also grade den zweiten Winter mit; insgesamt knapp 9000 km.


    Das gute am Riemen ist, dass er fast komplett wartungsfrei ist. Man kann durch den ärgsten Dreck und Matsch und Schneematsch fahren und denkt nicht an den Antrieb. Das war mit der Kettenschaltung schon anders - da hat sich der Schneematsch in den Ritzeln festgesetzt, so dass die Kette durchrutscht, und die Kettenpflege war mind. alle zwei Wochen dran. Entfällt alles mit dem Riemen. Der wird selten mal mit dem Gartenschlauch abgespritzt und fertig.


    Etwas problematisch ist die Riemenspannung in Verbindung mit Rohloff. Hier mal ein Bild:

    An der Hinterachse ist so ein komisches Ding mit Rolle befestigt, das ein Überspringen des Riemens vermeiden soll. Die Rohloff-Spezifikation erfordert es nämlich, dass die Riemenspannung niedriger als eigentlich vorgesehen ist, weil die Nabe sonst Schaden nehmen könnte. Das Ding nervt mich schon ein bisschen, denn wenn man beim Losfahren fest reintritt, kommt der Riemen an die Rolle und diese quietscht. Ich hab ziemlich mit der Riemenspannung experimentiert, und auch so ein Messgerät angeschafft (das besteht aus einem Gewicht und einer Messlehre), und hab inzwischen eine akzeptable Einstellung gefunden.


    Die Frage ist wie die Riemenspannung eingestellt wird. Ich hab ein Exzenter-Tretlager, damit geht es ganz gut; eigentlich wollte ich aber einen verschiebbaren Hinterbau haben.
    Ein- und Ausbau des Hinterrads ist ab dem 2. oder 3. Mal kein Problem.


    Der Riemen dehnt sich ein bisschen während der ersten paar Hundert km, dann bleibt er gleich, unabhängig von der Temperatur (zumindest merke ich keinen Unterschied). Inzwischen sind die - wie sagt man - Nasen des Riemens auf einer Seite schon ein bisschen abgenutzt, aber der wird noch eine ganze Weile durchhalten, glaub ich.


    Also - den Riemenantrieb in Verbindung mit einem anständigen Getriebe würde ich jederzeit wieder anschaffen. Es gäbe ja auch das "Conti Drive System", das von Haus aus mit einer niedrigeren Riemenspannung läuft, vielleicht hätte man damit in Verbindung mit der Rohloff-Nabe noch mehr Spass.


    Bezüglich Übersetzungen hänge ich mal den Vergleich zwischen Entfaltung.pdf, vielleicht hilfts ja bei der Entscheidung. Ohne Garantie auf Korrektheit. Viel Spaß beim Einkaufen!

  • Uiuiui, jetzt weiß ich wirklich nicht, ob das das Richtige für mich ist... danke für die vielen Infos! Ich denke, ich habe jetzt eine ganz gute Vorstellung.


    Morgen habe ich einen Termin in einer neuen Werkstatt. Ich frage mal, ob die damit umgehen könnten.


    Mit dem Kauf warte ich lieber noch. Es gibt auch andere tolle Räder, und man kann nie zu viele haben. Also vielleicht erst mal ein weniger kompliziertes Zweitrad? Und dann im Lotto gewinnen und den Ludwig als Drittrad?
    Wenn ich euch nicht hätte...

  • Hier ein paar kurze Angaben von jemand, der es wissen sollte.

    Mir ist die Sache mit dem Rahmen nicht ganz klar. Beim Riemenantrieb bemängelt er, dass der Rahmen sich aufgrund der pulsierenden Belastung verwindet. Das ist mir soweit klar, der Druck auf den Pedalen oszilliert nunmal, soweit verständlich. Warum gibt es dieses Problem denn bei einer Kette nicht?

  • Mir ist die Sache mit dem Rahmen nicht ganz klar. Beim Riemenantrieb bemängelt er, dass der Rahmen sich aufgrund der pulsierenden Belastung verwindet. Das ist mir soweit klar, der Druck auf den Pedalen oszilliert nunmal, soweit verständlich. Warum gibt es dieses Problem denn bei einer Kette nicht?

    Er begründet das auch mit den höheren Kräften auf dem Riemen. Um so kleiner das Kettenblatt ist, um so größer ist die Verwindungsbelastung des Rahmens.
    Ein 38er Kettenblatt hat übrigens 15,5cm Durchmesser. Also ähnlich wie das Gates-System.

  • Er begründet das auch mit den höheren Kräften auf dem Riemen. Um so kleiner das Kettenblatt ist, um so größer ist die Verwindungsbelastung des Rahmens.

    Das in Kombination mit der auch von @Gerhart bereits verlinkten Sollbruchstelle im Rahmen eines Fahrrades mit Riemenantrieb ist ein starkes Argument. Noch überzeugender finde ich die Übersetzungs-, Ersatzbeschaffungs- und Reparaturfrage.

  • Genau das ist es.
    Ich finde diese Riemenantriebe ja wirklich nicht unattraktiv, gerade in der kalten Jahreszeit, wo die Kette doch mit sinkender Temperatur und zunehmender Salzmenge spürbar schwergängiger wird und ein Nachschmieren bei Dauerfrost nicht so ganz einfach zu bewerkstelligen ist. (Ich gehöre nicht zu den Radfetischisten, die ihr Fahrrad neben dem Bett parken.)
    Trotzdem hat mich die behauptete Empfindlichkeit der Riemen gegen Querbelastung und der erhebliche Mehraufwand bzw. die Komplexität einfacher Maßnahmen am Antrieb bislang davon abgehalten, so etwas für mich in Erwägung zu ziehen.
    Ich habe einen relativ hohen Kettenverschleiß. Dennoch wechsle ich lieber einmal, schlimmstenfalls zweimal, im Jahr selbst die Kette mit Materialkosten unter 20 Euro. Da weiß ich, was ich habe und kann mir fast immer selbst helfen.

  • Ich finde diese Riemenantriebe ja wirklich nicht unattraktiv, gerade in der kalten Jahreszeit

    Gerade jetzt hätte ich Angst um meinen Riemenantrieb. Ich finde, die Dinger sehen ziemlich empfindlich aus. Irgendwie traue ich einer Stahlkette eher zu, mit Dreck und kleinen Steinen fertig zu werden als so einem Gummiteil.
    Ich kann nicht leugnen, dass diese Teile optisch einen gewissen Charme haben. Bei mir ist das aber mehr allgemeine die Sehnsucht nach einer "saubereren" Antriebslösung als eine Kette. Mit Fakten hat das nichts zu tun :-)

  • "Ich finde, die Dinger sehen ziemlich empfindlich aus. Irgendwie traue ich einer Stahlkette eher zu, mit Dreck und kleinen Steinen fertig zu werden als so einem Gummiteil."


    Mal wieder ein spannendes Beispiel, wie eigene Erfahrungen die Wahrnehmung verzerren :)


    Ich lese leider nichts gutes über den Riemen. Nirgends. Das ist sehr schade, weil ich einer Kette niemals irgend etwas zutraue. Das ist ja das Schlimme an einer Kette - es gibt eine Vielzahl von bewegten Schwachpunkten, an denen der Verschleiß ansetzen kann. Dazu kommen dann noch unglückliche Mechanismen wie Korrosion und Einschlüsse und mechanischer Verschleiß parallel zur Laufrichtung an den Schlössern etc. etc.


    Ich halte mich da an einen netten Sicherheitsprofi, der sich nicht auf einer Plattform an einer Kette in einen Kühlturm absenken lassen wollte, weil Ketten immer kaputt gehen.


    Aber so im wirklichen Leben? Meine Ketten verschleißen halt - gerissen ist mir persönlich noch keine, ich hatte aber schon Mitfahrer, denen auf dem Arbeitsweg, bzw. bei der MTB-Tour die Kette gerissen ist. Nur ist das halt (wie auch im Link auf den Radladen beschrieben) schnell mit einem Kettenglied zu beheben.

  • Mir ist in 20 Jahren zweimal die Kette gerissen. Einmal kurz nach der Montage vom Fachhandel, dort, wo die Kette bei der Montage verschlossen wird. Weiterfahrt unmöglich, da die Kette das Schaltwerk ins Hinterrad gezogen hat. Schaltwerk, und Laufrad mussten ersetzt werden.
    Beim zweiten Mal ca. 6 Monate nach der Montage, diesmal mittendrin. Ist sauber gerissen und ich konnte nach ca. 10 Minuten weiterfahren.


    Ganz so unproblematisch ist ein Kettenriss also nicht immer. Einmal war ich auch dabei, als eine Kette gerissen ist und wir trotz allem möglichen Werkzeug den Kollegen nur heimschieben konnten.
    Wobei in beiden Fällen bei Nabenschaltung nichts weiter hätte passieren dürfen.

  • Der Riemen soll empfindlich sein gegen Verbiegen, Verdrehen, überhaupt gegen seitliche Belastung. Im Ernst: Ich habe da am meisten Bedenken wegen ... Parken.
    Da, wo ich mich rumtreibe, sind ganz viele andere Menschen. Erfreulicherweise immer häufiger ebenfalls mit Fahrrädern. Die Parkplätze sind überfüllt, zumindest bei Plustemperaturen. Es gibt regelmäßig Kontakt mit anderen Fahrzeugen, oft sogar ziemlich rüde (ich parke deshalb inzwischen mit zwei Schlössern - da verdreht sich das Rad wenigstens nicht andauernd und liegt blöd ums Schloss gewickelt am Boden rum.) Nein, ich berühre keine Räder, die mir nicht gehören...
    Und diese Leute würden auf meinen kostbaren Carbonriemen aufpassen? Nie im Leben! Fremde Pedale sind da genau auf der richtigen falschen Höhe.


    Ja genau, vielleicht sollte ich mir besser ein zweites reines Nutzrad anschaffen. Die Sache mit der Optik ist unter diesen Bedingungen sowieso utopisch. Da werde ich bloß traurig, das hat keinen Sinn. Die Diskussion hier hat mir auf jeden Fall geholfen, meine Anforderungen realistischer zu definieren. Tja.


    OT: Warum ist das Blechle mindestens heilig, aber mit fremden Fahrrädern wird rumgerüpelt wie sonstwas? Und das auch noch mit völliger Selbstverständlichkeit? Und wenn man sich das verbittet, ist man mindestens "schräg"? Kennt ihr das auch?

  • Riemenantrieb hatte ich zwar noch nicht, dafür schon drei Räder mit Rohloff-Schaltung. Die Rohloff ist m.E. im Stadtverkehr alternativlos. Aktuell fahre ich ein Patria Argos. Das kann man sich je nach Bedarf konfigurieren. Was mir besonders gut gefällt: Praktisch keine Wartung nötig. Keinerlei Probleme bisher (toi toi toi... ;) ), ein echtes Alltagsrad, das auch noch relativ leicht ist. Ein gutes Bügelschloss ist aber Pflicht... Wäre durchaus offen für einen Riemenantrieb - aber dazu bin ich bisher noch zu zufrieden mit 'nem Kettenantrieb.

    "Terrorismus ist der Krieg der Armen und der Krieg ist der Terrorismus der Reichen"
    Peter Ustinov

  • Ach ja, bei mir war im Dezember ein neuer Riemen fällig. Nach 24000 km. Einige der Zähne sind abgerissen:


    Der neuen Riemen kostete 90 Euro.


    Ich war nicht sicher ob ich die Riemenscheiben hätte austauschen sollen; habs nicht gemacht. So sehen die aus:

    vorn:

    hinten:



    Im Handbuch sieht es so aus - man hätte also vermutlich tauschen sollen. Ich lasse es jetzt mal drauf ankommen, rechne aber damit dass der neue Riemen schneller als der alte aufgibt:


    So sieht das Messgerät für die Riemenspannung aus (ich hab ein Exzenter-Tretlager, mit dem man die Spannung einstellt):