Radfahren am Kleinen Kiel-Kanal

  • In Kiel macht man Ernst und reißt die Holstenbrücke inklusive des Berliner Platzes als Relikte der autogerechten Stadt ab.Die Hintergründe dazu lesen sich tatsächlich ganz interessant, der Großteil des motorisierten Verkehrsaufkommens nutze diese Strecke durch die Innenstadt lediglich als Abkürzung, also verwandelt man einen Teil des Verkehrsraums in einen kleinen Kanal, um die Aufenthaltsqualität und Attraktivität der Innenstadt zu erhöhen, gleichzeitig die Luftschadstoffe zu senken. Soweit, so schick.


    Ich war dort am Wochenende mit @Lischen-Radieschen unterwegs und mir standen ja umgehend die Haare zu Berge.


    Für den Kraftverkehr ist das eine einigermaßen blöde Sache, denn die Strecke ist seit Anfang des Monats gesperrt, man muss also jetzt schon einen Umweg fahren. Für den Radverkehr ist das jetzt noch blöder, denn man darf einen Teil der Arbeitsstelle mit Schrittgeschwindigkeit durchfahren, einen anderen nicht, und dazu gesellen sich natürlich noch brandneue Gefahrenstellen.


    Das erste Kunstwerk steht an der Andreas-Gayk-Straße in Höhe der Hafenstraße. Heute haben wir alles da, dachte man sich, und stellte einfach alles auf, was der Verkehrszeichenkatalog zu bieten hatte.



    Keine Ahnung — mit dem [Zeichen 240] möchte man offenbar signalisieren, dass man hier mit dem Rad fahren dürfe. Aber wo? Auf der Fahrbahn? Auf dem Schutzstreifen? Auf dem Gehweg? Vermutlich auf dem Gehweg, denn dort hinten lockt schon gleich das nächste Zeichen 240. Trotzdem gilt ja eigentlich entlang des gesamten Querschnitts das [Zeichen 250] , das ja keine Freigabe für den Radverkehr vorsieht.


    Vielleicht könnte man ja diverse Schilder, die hier ohnehin keinen interessieren, im Sinne des „mit einem beiläufigen Blick“-Erfassens wieder abbauen, beispielsweise die Sackgasse und den Schippenmann mit Zeichen 274-53, vielleicht auch das [Zeichen 138-10] .

  • Das hier war dann schon der erste dickere WTF-Moment. Das hier ist die andere Seite der Baumaßnahme, hier wurde die Durchfahrt durch die Holstenbrücke gesperrt, es besteht für den Fahrbahnverkehr nur noch die Relation Martensdamm–Rathausstraße.


    Nun war ich gestern ganz schön renitent unterwegs und marschierte einfach mit § 9 Abs. 3 StVO winkend über die Fahrbahn, während der Kraftverkehr nach rechts abbog und gar nicht daran dachte, mich irgendwie durchzulassen. Irgendwelche vorfahrtregelnden Schilder gibt’s hier nicht, es kommt also darauf an, ob man diese Streckenführung als Abbiegemanöver begreift, so dass hier § 9 Abs. 3 StVO einschlägig wäre.


    Mittlerweile tendiere ich eher dazu anzunehmen, dass der Fahrbahnverkehr hier einfach dem auf einen Fahrstreifen reduzierten Fahrbahnverlauf folgt und für Fußgänger und Radfahrer demnach § 10 StVO gilt. Wenn ich mir jetzt die ganzen Leitbaken und das ganze Drumherum wegdenke, bliebe ja tatsächlich nur ein einzelner Fahrstreifen übrig, der eine 120°-Kurve beschreibt und den ich mit meinem Rad oder zu Fuß in der Mitte queren möchte.


    Ich bin unsicher, was meint ihr dazu?



    Blick in die Gegenrichtung. Der Kraftverkehr geht definitiv davon aus, an dieser Stelle Vorfahrt zu haben — mit Ausnahme von Malte Hübner warten alle Fußgänger und Radfahrer artig, bis die Fahrbahn frei ist. Ich stelle es mir auch besonders toll vor, wenn der Bus an der Haltestelle steht und man nicht mehr erkennen kann, ob da jemand flott die Bergstraße heruntergerollt kommt.


  • Ein paar Meter weiter hat man die entgegengesetzte Fahrtrichtung, hier geht’s von der Rathausstraße (rechts im Bild) nach links in den Mertensdamm. Vorfahrtregelung? Nö. Hier gilt wohl auch eher § 10 StVO, beziehungsweise § 9 Abs. 3 StVO gilt nicht.



    Blick in die Gegenrichtung. Immerhin wurde darauf verzichtet, die Zäune mit irgendwelcher Werbung zuzuhängen.



    So sieht’s der Kraftverkehr. Ganz hinten winkt zwar ein [Zeichen 205] , aber ob das nun zur Sicherung dieser Querungsfurt hier vorne taugt oder nur ein Überbleibsel der Lichtzeichenanlage ist, vermag ich nicht so richtig einzuschätzen.


    Das Vorrecht von Fußgängern sehe ich an dieser Stelle nicht, das hier scheint mir vergleichbar mit den ganz normalen Situationen, bei denen ein Kraftfahrer aus einer untergeordneten Straße auf die übergeordnete Straße einfahren möchte und diese untergeordnete Straße querende Fußgänger warten müssen.


    Für Radlinge scheint es mir noch schwieriger zu sein. Die dürfen zwar mit Schrittgeschwindigkeit durch diesen Notweg fahren, auf der anderen Straßenseite aber nicht weiter, weil der Gehweg ab dort ohne Freigabe für den Radverkehr geführt wird. Es findet also quasi zwangsläufig ein Einfahren in die Fahrbahn statt und schon grüßt wieder § 10 StVO.



    Puh.


    Der Gehweg auf der rechten Seite ist für ein ganz kurzes Stück für den Radverkehr freigegeben, was aber dank des Drängelgitters gar nicht nutzbar ist:



    Kleiner Spaß.

  • [Baustellen rund um den "Kleinen Kiel-Kanal"]
    Ich war dort am Wochenende mit @Lischen-Radieschen unterwegs und mir standen ja umgehend die Haare zu Berge.

    Ich wohne jetzt seit 20 Jahren in der Landeshaupstadt Kiel. Die StVB, aka Tiefbauamt, beschildert falsch, rechtswidrig, perplex, redundant, mit ungültigen Verkehrszeichen, widersinnig, etc. Es betrifft auch nicht nur Radfahrer, wohl aber ist die mangelnde Rechts-Hygiene bei den Radverkehrsanlagen häufiger. Es betrifft aber auch Fahrzeugführer im Allgemeinen, so haben die bei mir in der Nähe eine neue [Zeichen 274.1] eingerichtet, aber die Spiegeleier [Zeichen 306] hängen gelassen.


    Mir ist ein Radfahrer bekannt, der die StVB konsequent auf solche Fehler hingewiesen hat. Jetzt haben die sich aber nicht etwa bedankt, sondern dem geschrieben er sei ein Querulant und deshalb werde man seine Briefe nicht mehr lesen. Man will also auch nichts ändern.


    Dann gibt es hier noch ein Phänomen, welches ich wildes Beschildern nenne, also ohne Anweisung und dahinter stehender Anordnung, bzw. Rechtsakt. Anscheinend fahren Mitarbeiter durch die Gegend und hängen mal so Schildchen auf, wenn sie glauben da gehöre eines hin. So ist z.B. das Fahrbahnverbot auf der oberen Feldstraße aufgehoben worden und die blauen Lollis wurden entfernt. Nach einiger Zeit hingen die aber wieder da, wurden entfernt und waren wieder da, bis sie jetzt wohl endgültig verschwunden sind. Normalerweise ist hinten auf den Schildern das Stadtwappen angebracht, ob das fehlen dieses Siegels eigenmächtige Beschilderung anzeigt, weiß ich nicht.


    Bei Baustellen weiß die StVB auch nicht unbedingt was da für Schilder hängen. So wurde hier an der Holtenauer/Bergstraße wegen der sich häufenden Unfälle auf dem Radweg das Fahrbahnverbot aufgehoben und dann haben Bauarbeiter den Radweg wieder benutzungspflichtig gemacht, was gar nicht im Interesse der Stadt Kiel war, die sich dann genötigt sah über die KN den Verkehrsteilnehmern mitzuteilen, daß sie etwaige Bußgeldverfahren an der Stelle nicht verfolgen würde.


    Ich habe mich seit ca. 35 Jahren da einfach ausgeklinkt. Ich muß mich nicht mehr über seltsame Radverkehrsführungen ärgern. Ich fahr da einfach nicht.
    Dann freue ich mich dann manchmal über solche Selbstverständlichkeiten:

  • Dann hat sich seit meinem Studium in den 90ern dort ja nicht viel geändert.

    „Zeigen wir dem staunenden Ausländer einen neuen Beweis für ein aufstrebendes Deutschland, in dem der Kraftfahrer nicht nur auf den Autobahnen, sondern auf allen Straßen durch den Radfahrer freie, sichere Bahn findet.“ (Reichsverkehrsministerium, 1934)

  • Dann hat sich seit meinem Studium in den 90ern dort ja nicht viel geändert.

    In dem Punkt nicht.
    Im Vergleich zum Ende des letzten Jahrtausends hat sich aber IMHO das Verhalten der Verkehrsteilnehmer sowohl bei den Radfahrern, als auch bei den Autofahrern geändert. Und zwar bei den Autofahrern hin zum Besseren und bei den Radfahrern hin zum Schlechteren.
    Bereits bevor ich hierher zog hatte ich die Fahrbahn eindeutig bevorzugt und habe hier im Norden erst mal einen Kulturschock erlitten. Belästigungen und absichtlich herbei geführte Gefährdungen, bis hin zu klaren Straftaten waren damals hier noch für mich an der Tagesordnung. Das hat sich klar geändert. Absichtliche Belästigungen und Gefährdungen sind selten geworden. In aller Regel kann ich hier auch auf dem Westring, Kaistraße, Eckernförder Straße, etc., völlig unbehelligt auf der Fahrbahn fahren.
    Im Gegenzug sind IMHO die Radwege hier wegen der Radfahrer unbenutzbar geworden. Bei schönenem Wetter kann man den Radweg entlang der Förde auf dem ehemaligen Hindenburg Ufer, welches jetzt Kiellinie heißt, einfach nicht benutzen. Da wirst Du von radfahrenden Idioten alle Nase lang gefährdet. Erwachsene fahren wie kleine, spielende Kinder.
    Auch als Fußgänger hat man hier nichts zu lachen. Es wird überall in alle Richtungen mit dem Rad gefahren und das Aus- und Einsteigen an Bushaltestellen wird zum Abenteuer.
    Ein vernünftiger Fahrzeugführer hätte hier am Hochhaus die Straße gequert und wäre dann in richtiger Richtung die Olshausen auf der Fahrbahn runter gefahren. Aber Nee, wir müssen als geisterfahrender Idiot mitten durch die Fußgängermassen hindurch:


    Mir sind mittlerweile schon einige Radfahrer buchstäblich über die Füße gefahren. S3-Sicherheitsschuhe zahlen sich da aus.


    War zu "Deiner" Zeit schon das Geisterfahren auf dem Westring legalisiert?
    Mir hat ein ehemaliger Student der CAU nämlich berichtet, daß damit das Elend für ihn anfing und es nicht nur die Autofahrer, sondern auch die Radfahrer waren, die ihn dazu bewogen haben auf der Fahrbahn fahren zu wollen...

  • Ich habe in der Hebbelstraße Nähe Westring in einer WG gewohnt. Auf der Fahrbahn dort zu fahren war (für mich?) damals undenkbar.
    Ob man in beide Richtungen auf dem Radweg fahren durfte, weiß ich nicht mehr.


    Am Hindenburgufer war es schon immer recht chaotisch: Jogger, Inliner, Skater, Radfahrer, Fußgänger, alle kreuz und quer.
    Hat mir seinerzeit aber eher Spaß gemacht. :whistling:

    „Zeigen wir dem staunenden Ausländer einen neuen Beweis für ein aufstrebendes Deutschland, in dem der Kraftfahrer nicht nur auf den Autobahnen, sondern auf allen Straßen durch den Radfahrer freie, sichere Bahn findet.“ (Reichsverkehrsministerium, 1934)

  • Mir hat ein ehemaliger Student der CAU nämlich berichtet, daß damit das Elend für ihn anfing und es nicht nur die Autofahrer, sondern auch die Radfahrer waren, die ihn dazu bewogen haben auf der Fahrbahn fahren zu wollen...

    Dem kann ich mich anschließen. Ab Höhe Hauptfeuerwache (schlimmste sog. Radverkehrsanlage, die ich kenne) ist es kriminell. Ab dort ist ja nur wieder einseitig erlaubt, aber das interessiert niemanden mehr. Meine einzigen wirklichen Geisterradler-Unfälle bisher hatte ich auf dem Abschnitt Uni-Eckernförder Straße. Seitdem gibt es für mich dort nur noch die Fahrbahn.

  • Dem kann ich mich anschließen. Ab Höhe Hauptfeuerwache (schlimmste sog. Radverkehrsanlage, die ich kenne) ist es kriminell. Ab dort ist ja nur wieder einseitig erlaubt, aber das interessiert niemanden mehr. Meine einzigen wirklichen Geisterradler-Unfälle bisher hatte ich auf dem Abschnitt Uni-Eckernförder Straße. Seitdem gibt es für mich dort nur noch die Fahrbahn.

    Zwischen Gutenbergstraße und Eckernförder Straße wird der Radverkehr seit einigen Jahren auf, bzw. an der Fahrbahn geführt. Ich verstehe ohnehin nicht, wo auf dem gesamten Westring auch nur eine Strecke mit einer besonderen örtlichen Gefahr bestehen soll, die das Normalmaß erheblich überschreitet. Örtliche Gefahren entdecke ich da haufenweise auf dem Radweg, darum fahre ich da auch nicht. Solche Straßen mit mehreren Richtungsstreifen finde ich als Radfahrer auf der Fahrbahn sogar als angenehm. Man besetzt die rechteste von den Geradeausspuren und fertig. Autofahrer überholen auf einer der anderen Spuren.
    Da gibt es andere Strecken ohne Radweg, die für langsame Radfahrer unangenehmer sein müßten, wie zum Beispiel die Beseler Allee. Ich muß da oft 35 km/h vorlegen, damit auch ja kein Schwachmat da noch auf die Idee kommt mich unter diesen beengten Verhältnissen doch noch überholen zu können. Und obwohl dort die langsamen Radfahrer ganz schön eng überholt werden, ist da die Gehwegtorklerquote gering.

  • Das erste Kunstwerk steht an der Andreas-Gayk-Straße in Höhe der Hafenstraße. Heute haben wir alles da, dachte man sich, und stellte einfach alles auf, was der Verkehrszeichenkatalog zu bieten hatte.


    Nun sieht’s so aus:




    Nahaufnahme:




    Man soll eigentlich nach wie vor geradeaus durch die Arbeitsstelle fahren können. Die Beschilderung gibt das aber im wahrsten Sinne des Wortes von vorne bis hinten nicht her.

  • Im Endeffekt verhält man sich mit dem Rad zwangsläufig ordnungswidrig, wenn man irgendwie das Angebot der Straßenverkehrsbehörde annehmen möchte, dort mit dem Rad durchzufahren.

    Mittlerweile hat es sich irgendwie so eingependelt:




    Die Einfahrt wird grundsätzlich kraft [Zeichen 250]unterbunden, weiter hinten lockt noch ein [Zeichen 240], aber da kommt man aufgrund der vielen Falschparker eigentlich gar nicht ordentlich hin.


    Es ist halt wie in Hamburg: Der Radverkehr wird sich seinen Weg schon irgendwie suchen.

  • Auf der anderen Seite des künftigen Kanals wird man von der Bergstraße kommend immer wieder auf neuen Wegen durchs Baufeld geführt. Das ist total witzig, weil es grundsätzlich keine Beschilderung gibt und man gar nicht weiß, ob der Weg von gestern heute noch zum Ziel führt oder man von vornherein auf der linken Straßenseite fahren soll oder darf oder muss, um dann diagonal im Baufeld auf einem Schotterweg auf die andere Seite zu rollen. Ist immer wieder spannend, immer wieder neu und im Endeffekt landet man damit natürlich auch auf Wegen, die gar nicht für den Radverkehr vorgesehen, geschweigedenn geeignet sind. Naja.




    Anstatt [Zeichen 237]und[Zeichen 239]kommen hier[Zeichen 138-10]zum Einsatz, vielleicht war das runde Schild nicht auf Lager oder ist zwischendurch davon gerollt.


    Auf der anderen Straßenseite der Baumaßnahme sieht es nur mittelmäßig besser aus. Durch die Lücke auf dem folgenden Foto kommt man irgendwie herausgerollt, wenn man mit dem Rad durch die Baustelle führt, aber darf man auch wieder rein? Oder gilt eigentlich[Zeichen 250]und ist auch tatsächlich für Radfahrer vorgesehen? Oder hat gar ein Frechdachs heimlich Absperrgitter wieder geöffnet?


    Der eigentlich für den Radverkehr vorgesehene Weg führt wohl über die so genannte Baumscheibe zwischen den Parkplätzen, dort hinten lockt immerhin [Zeichen 239][Zusatzzeichen 1022-10]. Das kann man aber auch nur erkennen, weil da gerade keine Autos parken.




    Manchmal kommt man an der Baustelle an und steht vor verschlossenen Türen:



    Tja. Wie sagt man so schön: Der Radverkehr wird sich seinen Weg suchen.