Die Waffen nieder - ziviler Widerstand gegen Putins Angriffskrieg

  • Ich weiß nicht was Böhmermann 2016 unter Schmähkritik verstanden hat.

    Wenn statt sachlicher Argumente nur noch substanzlose Beleidigungen fliegen.


    https://de.wikipedia.org/wiki/B%C3%B6hmermann-Aff%C3%A4re / https://lyricstranslate.com/de…%C3%A4hkritik-lyrics.html


    Habeck, der von "Vulgärpazifismus"

    Stößt du dich vielleicht an dem Begriff "vulgär"? Der hat zwei Bedeutungen, gemeint hat er sicher die zweite: https://de.wiktionary.org/wiki/vulg%C3%A4r / https://www.duden.de/rechtschreibung/vulgaer

    Konkret bezeichnet er (hab den Zeit-Artikel hier, aber längere Zitate sind ja verboten. Danke GroKo.) als Vulgärpazifismus einen solchen, wenn zur Vermeidung von Krieg andere ihr Leben opfern sollten.


    und "feige" spricht

    Das Wort benutzt er nicht. Er schreibt jedoch, Angst sei der falsche Ratgeber und nutzt das Wort "Angst" auch mehrfach und sagt (indirekt) auch, die Unterzeichner der Emma-Briefs würden aus Angst heraus handeln. Inhaltlich bedeutet es nicht viel anderes als "feige", aber "feige" ist klar negativ konnotiert.


    Das ist insgesamt ein sehr sachliches Interview und fern von Schmähkritik.

    Solange Dummheit als plausible Erklärung ausreicht, sollte man keinen Vorsatz annehmen.

  • Wenn statt sachlicher Argumente nur noch substanzlose Beleidigungen fliegen.

    Dann ist das Schmähkritik.

    Du erläuterst selbst ein Beispiel, das von Habeck kommt:

    Konkret bezeichnet er (hab den Zeit-Artikel hier, aber längere Zitate sind ja verboten. Danke GroKo.) als Vulgärpazifismus einen solchen, wenn zur Vermeidung von Krieg andere ihr Leben opfern sollten.

    Habeck unterstellt den Verfassern des Briefes, der in der Emma erschienen ist, sie verlangten von anderen ihr Leben zu opfern, um Krieg zu vermeiden, seien aber selbst nicht bereit, Opfer zu bringen. In dem Brief heißt es aber im letzten Absatz: "Wir sind, sehr verehrter Herr Bundeskanzler, überzeugt, dass gerade der Regierungschef von Deutschland entscheidend zu einer Lösung beitragen kann, die auch vor dem Urteil der Geschichte Bestand hat. Nicht nur mit Blick auf unsere heutige (Wirtschafts)Macht, sondern auch in Anbetracht unserer historischen Verantwortung - und in der Hoffnung auf eine gemeinsame friedliche Zukunft."

    Die historische Verantwortung bedeutet, dazu beizutragen, dass Deutschland bereit ist, Verantwortung zu übernehmen, um Friedenslösungen zu finden, wo ein Krieg stattfindet. Und diese Friedenslösungen sollen primär nicht militärischer Natur sein. Der Hinweis auf die starke Wirtschaftsmacht ist ein Hinweis darauf, dass Deutschland aufgrund seiner Geschichte stärker noch als andere Staaten verpflichtet ist, mit finanziellen Mitteln, Wirtschaftshilfe und ziviler Hilfe zum Frieden beizutragen.

    Das Wort benutzt er nicht. Er schreibt jedoch, Angst sei der falsche Ratgeber und nutzt das Wort "Angst" auch mehrfach und sagt (indirekt) auch, die Unterzeichner der Emma-Briefs würden aus Angst heraus handeln. Inhaltlich bedeutet es nicht viel anderes als "feige", aber "feige" ist klar negativ konnotiert.

    "Er (Habeck) nennt einen solchen Pazifismus „Vulgärpazifismus“ und bezeichnet diese Haltung als eine feige Einstellung." Berliner Zeitung vom 4.5.22. https://www.berliner-zeitung.d…lgaerpazifismus-li.226002 Ich habe mich auf diese Darstellung der Berliner Zeitung bezogen. Es haben sich nicht wenige amüsiert darüber, wie Habeck seine "Bücklinge" bei den Verhandlungen mit den Scheichs im WM-Gastgeberland Katar macht.

    Deswegen wäre ich nicht auf die Idee gekommen, Habeck vorzuwerfen, er sei dabei von der Angst beherrscht worden und die sei der falsche Ratgeber. Denn es ist leider allzu klar, dass in Deutschland die Zustimmung zu wirksamen Wirtschaftssanktionen gegen Russland schnell dahinschmilzt, wenn damit drastische Auswirkungen in Deutschland verbunden sind.

    Vielleicht sind ja diejenigen, die am lautesten nach Waffen für die Ukraine rufen, feige? Sie fordern Waffenlieferungen in der Hoffnung, dass dann kein totaler Energieimportstopp gegenüber Russland nötig wird.

  • Dann ist das Schmähkritik.

    Falsch.


    Der Hinweis auf die starke Wirtschaftsmacht ist ein Hinweis darauf, dass Deutschland aufgrund seiner Geschichte stärker noch als andere Staaten verpflichtet ist, mit finanziellen Mitteln, Wirtschaftshilfe und ziviler Hilfe zum Frieden beizutragen.

    Putin-Russland schießt die Ukraine zu Klump. Die Ukraine soll kapitulieren und sich friedlich von Russland besetzen lassen. Und nun soll Deutschland noch dem Putin-Regime Geld in den Rachen werfen? (Also, zusätzlich zu dem was eh schon für Energielieferungen gezahlt wird).


    Das richtige Wort dafür wäre nicht "Frieden", sondern "Erpressung".


    Ich habe mich auf diese Darstellung der Berliner Zeitung bezogen.

    Lies dir lieber die Original-Quellen durch.

    Solange Dummheit als plausible Erklärung ausreicht, sollte man keinen Vorsatz annehmen.

  • Schon bei der Überschrift musste ich an den Titel dieses Threads denken:

    Blogger-Freundin in Belarus zu sechs Jahren Haft verurteilt | MDR.DE
    Für die Festnahme des im Exil lebenden belarussischen Bloggers Protasewitsch hatte Minsk im Mai 2021 eine internationale Maschine zur Landung gezwungen. Nun…
    www.mdr.de

    Es ist nur eines der zahlreichen Beispiele dafür, dass in russischen Sattelitenstaaten die Möglichkeiten zivilen Widerstands sehr begrenzt sind. Das wissen auch die Ukrainer. Meines Wissens sind die bisher einzigen, die damit erfolgreich waren, die Polen, deren Streikbewegung 1980/81 nicht komplett niedergeschlagen werden konnte. Diese Bewegung hatte weite Teile der Gesellschaft hinter sich, auch die katholische Kirche, die zu der Zeit einen aktiven polnischen Papst hatte. Regimekritische Intellektuelle aus der DDR haben zu den Polen aufgeblickt.


    Der Ukraine traue ich so etwas eher nicht zu, dazu ist die Gesellschaft nicht homogen genug.

  • Falsch.


    Putin-Russland schießt die Ukraine zu Klump. Die Ukraine soll kapitulieren und sich friedlich von Russland besetzen lassen. Und nun soll Deutschland noch dem Putin-Regime Geld in den Rachen werfen? (Also, zusätzlich zu dem was eh schon für Energielieferungen gezahlt wird).


    Das richtige Wort dafür wäre nicht "Frieden", sondern "Erpressung".

    Wer sagt den so was? In dem offenen Brief steht davon nichts drin und das herauszulesen, ist in meinen Augen Schmähkritik, meinetwegen auch Phrasendrescherei oder zumindest bösartige Polemik. In dem Brief wird darauf hingewiesen: "Wir sind, sehr verehrter Herr Bundeskanzler, überzeugt, dass gerade der Regierungschef von Deutschland entscheidend zu einer Lösung beitragen kann, die auch vor dem Urteil der Geschichte Bestand hat. Nicht nur mit Blick auf unsere heutige (Wirtschafts)Macht, sondern auch in Anbetracht unserer historischen Verantwortung - und in der Hoffnung auf eine gemeinsame friedliche Zukunft."

    Offener Brief an Kanzler Olaf Scholz
    28 Intellektuelle und KünstlerInnen schreiben einen Offenen Brief an Kanzler Scholz. Sie befürworten seine Besonnenheit und warnen vor einem 3. Weltkrieg. Der…
    www.emma.de


    Du interpretierst das so, dass Deutschland Russland dafür auszahlen soll, dass es die Ukraine nicht komplett okkupiert. Und die Ukrainer sich damit zufriedengeben sollen, dass sie nicht komplett okkupiert werden. Was bringt dich dazu, das so zu interpretieren? Fakt ist doch, dass es erheblicher wirtschaftlicher Anstrengungen bedarf, um wirksame Wirtschaftssanktionen gegenüber Russland durchzusetzen. Und Russland wird in dem Brief unmissverständlich als Aggressor bezeichnet: "Wir teilen das Urteil über die russische Aggression als Bruch der Grundnorm des Völkerrechts." Und es bedarf wirtschaftlicher Anstrengungen um den Aggressor zu stoppen. Gerade in diese Richtung zielt der Hinweis auf Deutschlands "(Wirtschafts)Macht" in dem Brief. Das ist ein Appell sich nicht aus der Verantwortung zu stehlen, wenn es darum geht EU-weit ein Sanktions-Paket zu schnüren. Dabei wird es darauf ankommen, dass die wirtschaftlich starken EU-Staaten den wirtschaftsschwächeren unter die Arme greifen, um die geschlossene Bereitschaft gegenüber Russland zu demonstrieren, wenn es darum geht Wirtschaftssanktionen umzusetzen. Siehe auch EU-Verhandlungen über ein Ölboykott gegenüber Russland.


    Eine nicht von Polemik und Schmähkritik durchwirkte Würdigung des Offenen Briefes kannst du in der FR vom 4.5.2022 nachlesen. Hier ein Auszug: "Gutzuschreiben ist den Unterzeichnenden des Briefes, dass sie darauf beharren, sich durch die Willkür und Unberechenbarkeit eines kriegführenden Autokraten nicht vom Nachdenken abhalten zu lassen. Sie schaffen damit ein Gegengewicht zu denen, die behaupten, „der Westen“ könne auf eine Folgenabschätzung des eigenen Handelns gleich ganz verzichten, da Putin ja ohnehin mache, was er wolle."

  • Es ist nur eines der zahlreichen Beispiele dafür, dass in russischen Sattelitenstaaten die Möglichkeiten zivilen Widerstands sehr begrenzt sind. Das wissen auch die Ukrainer. Meines Wissens sind die bisher einzigen, die damit erfolgreich waren, die Polen, deren Streikbewegung 1980/81 nicht komplett niedergeschlagen werden konnte. Diese Bewegung hatte weite Teile der Gesellschaft hinter sich, auch die katholische Kirche, die zu der Zeit einen aktiven polnischen Papst hatte. Regimekritische Intellektuelle aus der DDR haben zu den Polen aufgeblickt.

    Papst Johannes Paul der II. folgte 1978 sehr bald auf Johannes Paul I. der nur eine kurze Zeit Papst war, bevor er starb. Ich halte es für wahrscheinlich, dass die sehr scharfe Kritik des ehemaligen Krakauer Kardinals am Kommunismus mit dazu beigetragen hat, dass er Papst wurde. Unabhängig davon ist es vielleicht wichtig zu wissen, dass Johannes Paul II. auch den Kapitalismus sehr scharf kritisiert hatte.


    Ich denke das Beispiel Polens hat auch die anderen ehemaligen sowjetischen Satellitenstaaten beflügelt. Zumal in der DDR 1953, in Ungarn 1956 und in der Tschechoslowakai 1968 Aufstände stattfanden, die zwar militärisch durch eine sehr große Übermacht niedergeschlagen wurden, aber in Gedanken weitergelebt haben.


    In der DDR kam es 1989 zur friedlichen Revolution, die anders als in Polen weniger durch die katholische, sondern durch die in der ehemaligen DDR weiter verbreitete evangelische Kirche unterstützt wurde.


    Es sieht derzeit so aus, dass der Putin-Nationalismus noch schlimmer und menschenfeindlicher agiert als es der Sowjetkommunismus (nach Stalin) getan hat.

  • "Wir sind, sehr verehrter Herr Bundeskanzler, überzeugt, dass gerade der Regierungschef von Deutschland entscheidend zu einer Lösung beitragen kann, die auch vor dem Urteil der Geschichte Bestand hat. Nicht nur mit Blick auf unsere heutige (Wirtschafts)Macht, sondern auch in Anbetracht unserer historischen Verantwortung - und in der Hoffnung auf eine gemeinsame friedliche Zukunft."

    Früher man auch davon überzeugt, dass

    - die Erde eine Scheibe ist

    - die Sonne sich um die Erde dreht

    - Geschwindigkeiten jenseits der 20/25km/h den Menschen verrückt machen oder sogar tödlich sind (ich meine das war bei der Erfindung/Verbreitung der Eisenbahn)

    ...


    Nur weil jemand von etwas überzeugt ist, muss es noch lange nicht zutreffen.

  • Was ist das für eine Aussage? Grundsatzkritik daran, dass Menschen von etwas überzeugt sind? Oder nicht überzeugt sind?


    Im Zusammenhang mit Russlands Angriffskrieg erinnert mich das an die damals berühmt gewordene Aussage des ehemaligen deutschen Außenministers Joschka Fischer zum Irak-Krieg bei dem die USA Deutschland als Bündnispartner gewinnen wollte: "„I am not convinced“, Ich bin nicht überzeugt: Dieser Satz, gesprochen bei der Münchner Sicherheitskonferenz in Anwesenheit Rumsfelds, bedeutete nichts anderes, als gegenüber der stärksten Weltmacht, dem wichtigsten Verbündeten Rückgrat und Haltung zu zeigen." FR vom 8.10.2020


    Und was sagt Fischer zur Ukraine: "Ich denke, wir sind in der Verurteilung dieser militärischen Aggression gegenüber der Ukraine alle einer Meinung. Es ist herzzerreißend, wenn man die Bilder sieht und gleichzeitig weiß, dass unsere Möglichkeiten begrenzt sind. Auf der anderen Seite darf man aber nicht vergessen: Russland ist eine Nuklearmacht. Insofern ist die Vorgehensweise, Entschlossenheit zu paaren mit entsprechender kluger Vorsicht aus meiner Sicht die richtige. Und genau daran hält sich die NATO." WDR vom 16.3.2022

    Joschka Fischer: "Waffenlieferungen waren entscheidender Schritt"
    Während im Krieg gegen die Ukraine die russischen Angriffe weiter gehen, rückt auch die Rolle der NATO weiter in den Fokus. Gerade wurden Forderungen nach…
    www1.wdr.de


    Unabhängig von der konkreten Frage schwere Waffen liefern oder besser nicht, sehe ich die Gefahr, dass gar nicht mehr die von Fischer angemahnte Abwägung stattfindet, die beinhaltet, dass Russland eine Nuklearmacht ist und unsere Möglichkeiten begrenzt sind. Stattdessen wird verbal so eine Art ukrainische Omnipotenz aufgebaut: "Gebt uns die Waffen und wir werden für euch die heißen Kastanien aus dem Feuer holen und Putin besiegen." Wer nur leise Zweifel daran äußert, dass diese Strategie Erfolg hat, oder auf Schwachstellen hinweist, der wird bisweilen schlimmer beschimpft als in den 50er und 60er Jahren in Deutschland Kriegsdienstverweigerer beschimpft wurden.

  • Organisieren Sie doch "einfach mal" einen Generalstreik in Russland, Herr Ullie Oder wollen Sie, dass nicht die russische, sondern die ukrainische Bevölkerung generalstreikt, um Putin zu beeindrucken?


    Putin: "Die streiken ja hier alle. Dann ziehe ich meine Armee lieber zurück." :/


    Glauben Sie ernsthaft, dass die Menschen in der Ukraine in Frieden leben würden, wenn sie sich einfach den Russen ergäben? Zumindest kann ich nicht erkennen, dass es deren Wunsch ist, sondern die wollen sich gegen die Aggression wehren. Dafür brauchen sie in der Tat Munition und keine klugen Ratschläge aus deutschen (mit russischem Gas beheizten) Wohnzimmern oder von Anne Wills Talkshow-Gästen, deren Opa auch mal im Krieg gekämpft hat (auf der falschen Seite übrigens).

  • Ich finde den Begriff Schmähkritik auch unpassend. Allerdings ist auch mir aufgefallen, dass die Debatte um Waffenlieferungen von beiden Seiten in der Öffentlichkeit oft sehr unredlich geführt wird. Da werden der jeweiligen Gegenpartei schon mal verleumderisch unlautere Motive unterstellt, die es ggf. eigentlich gar nicht gibt.

    So wird Gegnern der Waffenlieferungen gern unterstellt sie seien Putinfreunde oder "Lumpenpatzifisten". Das stimmt nicht. Es gibt da auch durchaus Menschen die einfach ernsthaft über eine Ausweitung des Krieges besorgt sind.

    Die andere Seite unterstellt Befürwortern der Waffenlieferungen gern, diese seien Kriegstreiber und würden leichtfertig den 3. Weltkrieg herbeiführen. Auch das stimmt so pauschal nicht. Auch hier gibt es Menschen, die über eine Ausweitung des Krieges besorgt sind, die aber eine Appeasementpolitik für das falsche Mittel halten um dies zu verhindern.

  • Ich finde den Begriff Schmähkritik auch unpassend. Allerdings ist auch mir aufgefallen, dass die Debatte um Waffenlieferungen von beiden Seiten in der Öffentlichkeit oft sehr unredlich geführt wird. Da werden der jeweiligen Gegenpartei schon mal verleumderisch unlautere Motive unterstellt, die es ggf. eigentlich gar nicht gibt.

    So wird Gegnern der Waffenlieferungen gern unterstellt sie seien Putinfreunde oder "Lumpenpatzifisten". Das stimmt nicht. Es gibt da auch durchaus Menschen die einfach ernsthaft über eine Ausweitung des Krieges besorgt sind.

    Die andere Seite unterstellt Befürwortern der Waffenlieferungen gern, diese seien Kriegstreiber und würden leichtfertig den 3. Weltkrieg herbeiführen. Auch das stimmt so pauschal nicht. Auch hier gibt es Menschen, die über eine Ausweitung des Krieges besorgt sind, die aber eine Appeasementpolitik für das falsche Mittel halten um dies zu verhindern.

    Endlich mal ein recht ausgeglichener Diskussionsbeitrag, Danke. Ich finde es ehrlich bedauerlich, dass nicht nur hier, sondern auch in vielen anderen Beiträgen zur Ukraine-Diskussion so sehr "vom Leder gezogen" wird. (Um mal ein Sprichwort mit militärischer Herkunft zu verwenden. Scheint ja derzeit en vogue zu sein.)

    Was mich wirklich erschrocken hat, ist, dass jetzt aus so vielen Ecken so abfällig über Pazifismus gesprochen wird. Selbst von Vertreter*innen der Grünen wurde gegen die Idee des Pazifismus vom Leder gezogen, wie nichts Gutes. Warum nur?

    Es hatte mich immer schon gewundert, dass Ende des 19. Jahrhunderts und Anfang des 20. Jahrhunderts die Sozialdemokratie über die Grenzen hinweg sich eigentlich darauf verständigt hatte, keinen Krieg zuzulassen, bei dem ein Arbeiter aus einem Land gegen einen Arbeiter aus einem anderen Land kämpft, und doch ist es dann geschehen, die internationale Solidarität innerhalb der Arbeiterklasse hatte sich als brüchig erwiesen. Und nicht nur das. Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten, die es damals wagten, daran zu erinnern, dass man sich bei internationalen Treffen in die Hand versprochen hatte, keinen Krieg gegeneinander zu führen, wurden von ihren Genossen abgestraft, weil die befürchteten, als "vaterlandslose Gesellen" bezeichnet zu werden.

    Ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis der Begriff "vaterlandslose Gesellen" sich wieder etabliert? Oder ist es schon so weit, nur dass "vaterlandslose Gesellen" diesmal mit "Lumpenpazifismus" übersetzt wird?

    Zugegeben, jetzt hab ich auch Öl ins Feuer gegossen. Und natürlich kann man einwenden, dass der Hintergrund für den Ausbruch des Ersten Weltkriegs nicht direkt vergleichbar sei, mit der aktuellen Situation, in der Putin die Ukraine mit einem Angriffskrieg überzogen hat. Die Geschwindigkeit jedoch, mit der pazifistische Positionen von heute auf morgen mit Schmäh und Schande überzogen werden, ist jedoch durchaus vergleichbar.

  • "Es gibt historische Momente, in denen man sich einfach engagieren muss! Die Tatsache, dass Deutschlands Regierung nicht bereit ist, das zu tun, ist seltsam. Ich verstehe zwar, dass Deutschland in hohem Maße von russischem Gas abhängig ist. Aber ich verstehe nicht, wie man die Situation in so einem historischen Moment einfach ignorieren kann." Das ist ein Zitat der ukrainischen Parlamentsabgeordneten Inna Sowsun, aus dem Interview, das Yeti verlinkt hat.

    Vielleicht tragen solche Interviews dazu bei, die Solidarität mit der Ukraine zu stärken. Aber es ist auch nicht auszuschließen, dass viele Menschen in Deutschland nicht bereit sind, sich ständig vorhalten zu lassen, sich nicht ausreichend für die Ukraine zu engagieren.

    Und bei dem von Sowsun verlangten Gaslieferungen-Boykott gegenüber Russland könnte schnell ein Ende erreicht sein mit der Solidaritätsbereitschaft, besonders dann, wenn außerdem die Entscheidung getroffen würde, die Menschen in kalten Wohnungen leben zu lassen, um die Produktion von Waffen und die Finanzkraft für Waffenhilfe für die Ukraine sicherstellen zu können und deshalb die Wirtschaft nicht einzuschränken.

    Die Behauptung, dass Deutschland nicht bereit sei, Partei zu ergreifen, wird von Sowsun in einen Zusammenhang gestellt mit einem angeblichen Schuldgefühl der Deutschen gegenüber Russland als Nachfolgestaat der Sowjetunion. Und sie meint hier psychologische Hilfe leisten und die Deutschen von diesem "Schuldkomplex" befreien zu müssen, indem sie darauf hinweist, dass nicht so sehr die Russen, sondern vor allem die Ukrainer gegen Nazi-Deutschland gekämpft hätten.

    Das steht im selben ideologischen Zusammenhang wie die Forderung Melnyks nach einem gesonderten Mahnmal für ukrainische NS-Opfer in Berlin. "„Wir Ukrainer sind sehr enttäuscht, dass der Bundestag unsere Bitte abgelehnt hat, eine Gedenkstätte in Berlin für die ukrainischen NS-Opfer zu errichten, obwohl gleichzeitig ein gesonderter Erinnerungsort für polnische Kriegsopfer etabliert wurde“, sagte Melnyk dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND)." rnd vom 6.5.2021 https://www.rnd.de/politik/tag…RXVVDTLH5INE5IZP5XH4.html

    Bei solchen Anliegen kann ich einfach nicht mitgehen, auch dann nicht, wenn Russland einen Angriffskrieg gegen die Ukraine führt.

    2 Mal editiert, zuletzt von Ullie () aus folgendem Grund: Rechtschreibkorrektur

  • Der Spiegel-Artikel ist einmal mehr "Wasser auf die Mühlen" derer gießen, die meinen für Deutschland bestünde eine maximale Verpflichtung der Ukraine mit maximalen militärischen Mitteln zu helfen.

    Wer dagegen eine etwas ausgewogenere Darstellung des Dialogs zwischen Melnyk und Welzer bei Anne Will am vergangenen Sonntag lesen möchte, dem empfehle ich diesen fr-Artikel:

    "Melnyk gegen Welzer bei „Anne Will“ – Wer ist hier borniert?"

    Hatten Sie die Sendung selbst gesehen, Yeti? Mein Eindruck war: Melnyk versucht aus der deutschen Geschichte eine maximale Verpflichtung abzuleiten, die Ukraine auch militärisch mit allen Mitteln zu unterstützen.

    Dem kann ich mich nicht nicht anschließen. Darüber hinaus ist Melnyks Darstellung eine sehr einseitige Betrachtung der Weltgeschichte aus einer sehr stark interessengeleiteten ukrainischen Sicht.

    Diese ukrainische Taktik einer einseitigen Geschichtsdarstellung ist mit schon früh bei der ukrainischen Darstellung des "Holodomor" aufgefallen.

    Ein anderer Hinweis auf Melnyks sehr spezielle Geschichts-Auffassung ist diese Bundestagsanfrage:

    DIP

    Darin geht es um eine Ehrung des Grabes eines faschistischen ukrainischen Politikers durch den ukrainischen Botschafter Melnyk 2015.

    Das alles schmälert in keiner Weise die Schuld Russlands, diesen Angriffskrieg gegen die Ukraine begonnen zu haben. Und die Verantwortung Russlands, diesen Krieg zu beenden, steht klar an erster Stelle. Leider tut es Not, bei Ukraine-kritischen Beiträgen immer wieder auf diesen Umstand hinzuweisen. Allerdings wäre es falsch, blind auf alles zu vertrauen, was von der Ukraine, insbesondere von ihrem Botschafter in Deutschland, gesagt wird und es kritiklos hinzunehmen.

  • Leider blieben die Warner und Mahner unerhört und konnten sich nicht durchsetzen im Kriegstaumel. Nicht nur in Deutschland und den anderen Achsenmächten, sondern auch in Frankreich und bei anderen Alliierten gab es eine Kriegsbegeisterung zu Beginn des 1. Weltkriegs.

    Hier ein Link zu einem Foto mit deutschen Soldaten in einem Zug auf dem Weg in den Krieg:

    http://grial4.usal.es/MIH/propagandaWW/resources/content1a.png

    Und hier ein Bild mit französischen Soldaten, ebenfalls auf dem Weg in den 1. Weltkrieg:

    http://grial4.usal.es/MIH/propagandaWW/resources/content1b.png

    Beide Bilder sind aus dieser Arbeit: "Propaganda im 1. Weltkrieg"

    Propaganda im 1. Weltkrieg


    Jedes Land für sich hatte damals die Mitglieder des jeweils gegnerischen Verteidigungsbündnisses als Feind wahrgenommen, der zu Unrecht einen Krieg beginnt und gegen den es sich zu verteidigen gilt. Zum Beispiel: Deutschland hatte nach dem Deutsch-französischen Krieg 1870/71 Elsaß und Lothringen in das Deutsche Reich eingegliedert. Und ganz sicher gab es auf französischer Seite einen starken Willen, das wieder ungeschehen zu machen.


    Einige Aspekte der damaligen Konfrontation sind durchaus mit dem heutigen Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine vergleichbar. Und Putin wird ja bisweilen auch mit dem Zaren verglichen. Besorgniserregend ist aus meiner Sicht die starke und einseitige Fixierung auf militärische Lösungen.

  • Weiß jemand, was der Hase auf der Friedensglocke bedeutet, der dort abgebildet ist in einer Pose, als würde er in einem Topf rühren, oder in einem Mörser mit dem Stößel etwas zerstoßen?

    Friedensglocke in der Ruine der Aegidientorkirche in Hannover, aufgehängt zur Erinnerung an den Atombomben-Abwurf in Hiroshima:


    Inschrift in Großaufnahme:


    Symbol am unteren Rand: Atommodell-Zeichnung:


    Symbol am oberen Rand: Hase, der in einem Topf rührt.

  • Kriegsbegeisterung

    Bitte "Begeisterung" nicht verwechseln mit der Erkenntnis, dass militärischer Widerstand das geringere von zwei enormen Übeln ist.

    Besorgniserregend ist aus meiner Sicht die starke und einseitige Fixierung auf militärische Lösungen.

    Nicht die Lösung, aber ein leider unverzichtbarer Baustein, wenn man beim Verhandeln auch was in der Hand haben möchte.


    Friedensglocke

    Kannst sie ja mal läuten, vielleicht kehrt dann Frieden ein. LOL.


    Für Hiroshima wäre es natürlich besser gewesen, hätte Japan im 2. Weltkrieg den Frieden gewahrt anstatt als Aggressor aufzutreten.

    Die Situation damals ist aber nicht mit der heutigen vergleichbar. Heutzutage gibt es mehr als eine Atommacht, und die haben auch mehr als zwei und insbesondere stärkere Bomben. Und der heutige Aggressor ist nicht Hannover oder die Ukraine, sondern die Atommacht Russland. In einem Atomkrieg gäbe es nur Verlierer, das weiß auch Putin-Russland.

    Solange Dummheit als plausible Erklärung ausreicht, sollte man keinen Vorsatz annehmen.