ADAC findet Kieler Radwege prima

  • Der ADAC, das ist der mit den gelben Autos, hat sich mal abseits seiner Kernkompetenz ausgetobt und ist aufs Rad gestiegen, um ein paar Radwege zu testen. Große Überraschung: Aus der Windschutzscheibenperspektive sind die Kieler Radwege gar nicht mal so schlecht: ADAC vergibt Top-Noten für Radrouten in Kiel


    Die Vorgehensweise bei diesem Test ist mir nicht ganz klar und geht auch aus dem Artikel nicht hervor, offenbar ist man aber mit dem Zollstock ausgerückt, um die Breite der Radwege zu ermitteln, woraus dann irgendwie die Verkehrssicherheit ermittelt wurde??? Auch auf der Webseite des ADAC dreht sich alles nur um die Radwegbreite.


    Die Aussagekraft des ganzen Tests steht und fällt für mich dabei schon mit der Verwendung des Obergegriffs „Radweg“. Es wird in der Statistik zu den getesteten Radrouten die Länge der Radwege aufgeschlüsselt, allerdings nicht weiter differenziert zwischen Hochbordradweg, Schutzstreifen, einseitiger Zweirichtungsradweg, freigegebener Gehweg und so weiter und so fort. Offenbar floss weder die Verkehrsführung an Kreuzungen noch die Stetigkeit der Radverkehrsführungen ein. Whatever.


    Auf der Karte werden unterschiedliche Routen angezeigt und bewertet.


    Die Llinie 7b führt beispielsweise vom Hauptbahnhof über die Hörnbrücke an der Werftstraße nach Gaarden und wurde vom ADAC mit einem „+“ bewertet. Hier sind mal zwei Fotos davon: Das linke ist in Richtung Innenstadt mit einem freigegebenen Gehweg, neben dem sich eine Parkfläche befindet, die im Regelfall das Schild „Radfahren auf der Fahrbahn erlaubt“ verdeckt. Rechts ist die Gegenrichtung, ebenfalls mit einem freigegebenen Gehweg. Trotz der beiden Fahrstreifen pro Richtung wird man als vermeintlich renitenter Radfahrer umgehend angehupt, falls man auf der Fahrbahn unterwegs ist. Die restliche Strecke ist der übliche untermaßige Hochbordkram im Dooring-Bereich.



    Die Route 8a „Ostseeküstenroute“ beginnt oben in Friedrichsort, führt ebenfalls über freigegebene Gehwege, einen außerörtlichen Radweg, der spaßeshalber als Fahrradstraße ausgewiesen ist, entlang einer Bundesstraße über eine Fähre über den Nord-Ostsee-Kanal nach Wik. Von dort aus geht es dann permanent auf der linken Straßenseite auf einem mehr oder weniger engen Zweirichtungsradweg mit unzureichender Radverkehrsführung an den teilweise gefährlichen Kreuzungsbereichen weiter in die Kieler Innenstadt, ein wesentlicher Teil der Strecke ist ebenfalls als freigegebener Gehweg ausgezeichnet. Die Aussicht an der Kiellinie ist schön und das ist auch das einzige, was in meinen Augen das „+“ als Bewertung zulässt.


    Hier übrigens ein Beispiel vom tollen Zweirichtungsradweg an der Kiellinie, weitere Fotos gibt es in der Galerie.

    Die Linie 6b vom Blücherplatz zum Hauptbahnhof, also ungefähr das, was ich früher mal jeden Tag zum Bahnhof gefahren bin, führt zwar durch die Gerhardstraße als Fahrradstraße, die aber offenbar nicht in den Radweg-Zähler mit einzahlt, bekommt insgesamt aber nur „O“. Die genauen Hintergründe für die Bewertung bleiben unklar, die Radwege sind untermaßig, die Fahrradstraße im morgendlichen Berufsverkehr mit den vielen ausparkenden Kraftfahrzeugen kein Spaß.


    Die parallel verlaufende Feldstraße, die größtenteils mit Radfahrstreifen ausgestattet ist, beommt ebenfalls nur „O“.


    An die Holtenauer Straße hat man sich wohl erst gar nicht herangetraut. Schade.


    Und was bleibt? Für den Leser die Erkenntnis, dass die Radwege in Kiel eigentlich ziemlich prima sind. Das heißt, in den nächsten sechs Monaten darf man sich als so genannter Fahrradaktivist in jeder Podiumsiskussion und in jeder Ortsbereiratssitzung zum Thema Radverkehr anhören: „Aaaaber sogar der ADAC sagt doch, dass die Kieler Radwege super sind!“


    Herzlichen Dank.

  • Zitat

    Bei jeder zehnten Strecke gab es wegen des geringen Anteils an Radverkehrsanlagen kein Testergebnis, diese wurden aber in der Gesamtbewertung berücksichtigt.

    Lese ich das richtig? Bei jeder zehnten Strecke wurden Radfahrer einfach auf der schröcklichen Fahrbahn geführt und deswegen gibt es kein Testergebnis?

  • Naja, ist wie immer, das Ergebnis hängt stark vom Test ab. Hier wurde eben an x Strecken mal die Breite gemessen, fertig. Am besten würde folglich eine Stadt ohne Radwege oder mit nur 100 Metern in super Qualität abschneiden.

    Witzig ist noch das Zitat beim Abendblatt:


    "Bei neuen Radwegen sind nach Ansicht Hillebrands ganzheitliche Mobilitätskonzepte zu verfolgen. Dabei seien die Belange aller Beteiligten wie Fußgänger, Radfahrer, Autofahrer, Anwohner, Gewerbetreibende und Lieferverkehr zu berücksichtigen. "Den Verkehrsraum vorschnell, beispielsweise durch Pop-Up-Radwege umzuverteilen, ist nicht das richtige Mittel, um langfristig den Verkehrsfluss zu verbessern und für mehr Sicherheit zu sorgen", sagte Hillebrand."

    Wieviele Jahre brauchen wir denn noch autogerechte Städte, um mal was umverteilen zu können? Nochmal 80 Jahre? Und warum wurde nun ausgerechnet in Hamburg nicht getestet?