Hallo Frau Gerbeth,
da Sie Kunstgeschichte studiert haben, ist Ihnen bekannt, mit welchen Mitteln („Tricks“?) Gemälde so angelegt werden können, dass man als Betrachter mit seiner Aufmerksamkeit auf ganz bestimmte Bereiche hingelenkt wird.
Bei Texten funktioniert so etwas auch, und Ihrer ist ein Musterbeispiel dafür:
Am Anfang steht die Zahl „25 Tote im vergangenen Jahr“. Die Überschrift nennt bei den Gemahnten als erstes „Radfahrer“, dann erst „Autofahrer“.
Assoziationskette also: 25 Tote - Radfahrer - Autofahrer. Da bleibt womöglich hängen „25 tote Radfahrer"
Dann kommt die dramaturgische Opposition: Landstraßen - schöner, aber besonders gefährlich, geframed mit den Verben „gelten“ (plus der Einschränkung „für viele“) bei der Schönheit, aber „sind“ bei der Gefahr: subjektiver Eindruck einer Teilmenge versus objektive Realität. Immerhin wird beides durch „zugleich“ verbunden statt durch „in Wirklichkeit“ einander diametral entgegengestellt.
Dann kommen die nächsten Zahlen: Von 37 Toten entfallen 25 auf Landstraßen.
Zwei Drittel. Schrecklich viel. Man schaudert. Und wird jetzt mit Buzzwords wie „Gefahren“, „Risiken“, „gerade auf Landstraßen“, „gefährlichen Situationen zwischen Radfahrenden und Autofahrenden“ und den diversen Fahrradtypen getriggert.
Und dann folgt das nächste Zahlenpaar: neun tote Radfahrende, „zwei von ihnen auf Landstraßen“.
Moment - wie bitte?
Am Anfang standen insgesamt 37 Verkehrstote. Jetzt stellt sich heraus: 9 davon, also rund ein Viertel, waren auf dem Rad unterwegs.
Auf Landstraßen starben 25 Menschen. Bei den Radfahrern waren es 2. Also ein Zwölftel! Nicht rund ein Viertel wie bei der Gesamtzahl, das wären 6, und schon gar nicht (weit) mehr als 6, was man erwarten müsste, nachdem man mehrere Absätze lang von den besonderen Gefahren der Landstraße zu lesen bekam.
Bei den Nicht-Radfahrern, also Autofahrern und Fußgängerinnen, gab es 37-9=28 Verkehrstote. Auf der Landstraße betraf dies 25-2=23 Opfer, das sind mehr als vier Fünftel! Wenn die Landstraße also für jemanden eine hohe Gefahr darstellt, dann für diejenigen, über die man in der typischen Meldung liest „nachts in einer langgezogenen Kurve von der Straße abgekommen und am Baum gelandet“, und man hat sofort die Heimfahrt mit Alkohol im Kopf.
Man kann das Zahlenquartett auch andersherum ins Verhältnis setzen: Wenn von 37 Toten 25 auf der Landstraße starben, dann kamen 12 anderswo ums Leben. Ein Drittel.
Von neun Radverkehrstoten starben zwei auf der Landstraße, also sieben anderswo - fast achtzig Prozent!
Jetzt weiß ich nicht, ob auch Bundesautobahnen in diese Statistik eingerechnet sind, und nehme einfach mal an: nein. Also bleibt der Bereich innerorts. 12 Verkehrstote, davon sieben auf dem Fahrrad, das sind mehr als die Hälfte.
Wenn ich bei der Polizei in Oberfranken wäre, dann wüsste ich, wo ich meine Schwerpunktkampagnen ansetze. Und wenn dann noch die Presse die richtigen Fragen stellt, dann würde in der Zeitung folgender Satz stehen, dessen Wahrheitsgehalt weit höher ist als die Formulierung „Landstraßen gelten für viele als der schönere Weg. Zugleich sind sie aber besonders gefährlich“, nämlich:
„Radwege gelten für viele als die beste Lösung für den Radverkehr. In Wirklichkeit sind sie aber besonders gefährlich.“
Warum? Rechtsabbiegeunfälle, Missachtung der Vorfahrt durch Einfahrende aus der Seitenstraße von Rechts mit „Vorfahrt achten“ oder „Stopp“, Lkws fahren aus einem Firmengelände, Pkws aus einer Tankstelle, Behörden ordnen Geisterradeln an, Bordsteinkanten verlaufen spitzwinklig und führen zu Stürzen, Belag ist schadhaft, Hindernisse und und und.
Es wäre begrüßenswert, wenn darüber auch berichtet würde.
Mit freundlichen Grüßen