Alles anzeigenKein LKW hat mehr einen „toten Winkel“*
Die Berufsgenossenschaft Verkehr gibt eine Unterweisungskarte „Spiegel einstellen“ heraus. Sie verleiht auch Spiegeleinstellplanen.
Rechts hat jeder LKW 4 Spiegel, in denen man gleichzeitig den Dackel, der ans Vorderrad pinkelt, das Kind, dass das vordere Kennzeichen abschraubt und den Typen, der die Plane aufschlitzt, gleichzeitig sehen kann.Inzwischen kann sich jeder Spediteur eine Bauanleitung für diese Plane bestellen.
Das Einstellen von Sitz und Spiegeln dauert halt 15min. Und: Wieviel Spiegel kann ein Mensch gleichzeitig beachten?
Gruß
Christoph
*den haben nur die Kleintransporter, was die Situation bei fortschreitender „Amazon-isierung“ des Lieferverkehrs wieder verschlimmern wird
Hallo Christoph S,
dass LKW keinen toten Winkel mehr haben, hält allerdings viele nicht davon ab, weiterhin diesen Eindruck zu erwecken.
Siehe zum Beispiel dieses Zitat aus der Neuen Presse Hannover: "Doch bis Technik Brummifahrer beim Rechtsabbiegen vor Menschen im toten Winkel warnt, leben vor allem Radfahrer gefährlich."
NP vom 14.6.18, "So beugen Radler Abbiege-Unfälle vor"
http://www.neuepresse.de/Mehr/Auto-Verk…ge-Unfaelle-vor
Warum eigentlich wird immer wieder diese "Tote Winkel" thematisiert?
a) Du nennst ja die Kleintransporter, die tatsächlich anders als die echten LKW einen toten Winkel haben. Eigentlich müsste man sich doch dann vor denen besonders in Acht nehmen. Soll hier eigentlich das Problem Kleintransporter haben einen Toten Winkel thematisert werden?
b) Vorsicht ist immer besser als Überfahren zu werden, mögen diejenigen denken, die so was wie das Zitierte schreiben. Sie könnten ja auch schreiben: Vor rechts abbiegenden LKW braucht niemand Angst zu haben, der auf Geradeausfahrt oder beim Geradausgehen eine einmündende Straße oder eine Ein-/Ausfahrt überquert, denn der LKW-Fahrer verfügt über ausreichend Spiegel, so dass er in jedem Fall den vorrangberechtigten Geradausverkehr erkennt. Das erscheint jedoch manchen Autoren zu riskant. Das verhält sich so ähnlich wie die Sache mit dem Helm tragen. Da ist auch nur selten zu lesen: Es gibt keine Helmtragepflicht. Und das Fahrrad ist auch kein Verkehrsmittel, dass das Tragen eines Helms sinnvoll erscheinen lässt.
c) Mein Eindruck ist jedoch, dass diese Botschaft hinter der "Legende vom Toten Winkel" steckt: "Radfahrer kapiert's endlich: Ihr habt auf der Straße gar nichts zu melden, also verkrümelt euch gefälligst und wagt es bloß nicht dreist zu werden, dann (ver-)endet ihr nämlich im "Toten Winkel".
Diese ganze Diskussion erinnert mich ein wenig an die Aufregung um die Einführung des Zebrastreifens vor rund 60 bis 70 Jahren. Lange Zeit war nämlich unklar, ob der Zebrastreifen bedeutet, dass ein Fußgänger, der vorhat die Straße auf dem Zebrastreifen zu überqueren, Vorrang genießt vor einem Autofahrer, der entsprechend am Zebrastreifen warten muss. Die Autofahrerlobby und viele Fahrer betrachteten nämlich lange Zeit den Zebrastreifen mehr oder weniger als "netten" aber unverbindlichen Hinweis, dass man vor einem solchen ja auch vielleicht mal warten könne wenn man es gerade mal nicht soooo eilig hatte und wenn sich abzeichnete, dass da ein Fußgänger die Straße überqueren möchte.
"Die Situation besserte sich erst am 1. Juni 1964, als der Vorrang für Fußgänger eingeführt wurde, die "Lex Zebra". Besondere Rücksicht zu nehmen und nötigenfalls zu halten wurde Pflicht." aus: Welt vom 30.7.2012 https://www.welt.de/kultur/history…erkehr-kam.html
Wie die Autowahn-fixierte Medienwelt damals darüber dachte, zeigt dieses Zitat aus dem Spiegel vom 10.6.1964, in dem nicht mit Kritik gespart wurde an dem Gesetz, das klar regelte, dass der Fußgänger Vorrang hat am Zebrastreifen. http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-46173825.html : "Ein Heilbronner Bürger marschierte direkt vor einen heranfahrenden Omnibus, zwang ihn zum Halten und schrie den Fahrer an: "Ab heute dürfen wir!" Und im Hamburger Stadtteil Eimsbüttel vergnügten sich Jugendliche damit, über Zebrastreifen hin und her zu spazieren und den Autoverkehr zum Stocken zu bringen." (Das wiederum erinnert ein wenig an die Rüpelradler-Kampagne des ehemaligen CSU-Verkehrsministers. Nur dass es damals "Rüpelfußgänger" waren, die in Verruf gebracht werden sollten.)
Verhält es sich mit den heutigen Hinweisen aus der autogewogenen Presse und dem ADAC ebenso, wenn vor dem "Toten Winkel" gewarnt wird, den es eigentlich gar nicht gibt? Sollen damit ganz einfach Fehler beim Rechtsabbiegen vertuscht und der Straßenraum uneingeschränkt für den MIV reklamiert werden? Und werden wir es noch erleben, dass sich diese Haltung noch dahingehend ändert, dass man ähnlich wie heute beim Zebrastreifen darauf hinweist, dass der Verkehr unbedingt im Auge zu behalten ist, aber auch dass die Vorrangsituation klar ist? Dann wäre es allerdings an der Zeit, den "Toten Winkel" endlich dort abzulegen, wo er dem Namen nach hingehört. Auf den Freidhof: