Die Statistiken sind schwer zu beurteilen, wenn nicht deutlich wird, wieviele (oder ob überhaupt) zusätzliche Fahrradfahrten und auf welchen Strecken sie unternommen werden und welche Entfernungen dabei zurückgelegt werden.
Meine Vermutung ist, dass Pedelecs das Tempo beim Fahrradfahren verschärft hat und dass sich das negativ auswirkt auf die Unfallstatistik in der Form, dass Alleinunfälle zugenommen haben. Um das genau beurteilen zu können, dürfte die Statistik nicht nur absolute Zahlen-Angaben machen, sondern müsste relative Angaben machen.
Am günstigsten fände ich als relative Größe nicht die Anzahl der zurückgelegten Kilometer, sondern die Zeit, die Menschen in, bzw. auf einem Verkehrsmittel verbringen.
Leider geben das die hier zitierten Statistiken nicht her. Ich vermute zwei Faktoren für den Anstieg der Alleinunfälle beim Fahrradfahren: Weil das Pedelec das Fahrradfahren für viele Menschen attraktiver gemacht hat, verbringen die Menschen mehr Zeit als früher mit Fahrradfahren und zwar in Form der Pedelec-Nutzung. Diese Form des Fahrradfahrens ist mit höheren Geschwindigkeiten verbunden als das Fahrradfahren mit einem konventionellen Fahrrad. Und es werden in derselben Zeit längere Strecken zurückgelegt. Weil die Menschen aber längere zeit das Pedelec benutzen als das Fahrrad, steigt die Kilometerleistung nochmal zusätzlich an. Es wäre eher ungewöhnlich, wenn trotz zunehmender Pedelec-Nutzung sich die Anzahl der Fahrrad-Alleinunfälle (inklusive Pedelec-Nutzung) reduzieren würde oder gleich bliebe.
Schwierig wird es, einen möglichen gegenteiligen Effekt mit einzubeziehen: Je routinierter die Menschen das Pedelec benutzen, um so weniger Unfälle passieren damit. Aber so weit verbreitet ist das Pedelecfahren möglicherweise noch nicht.
Dass das Fahrradfahren sich mit steigendem Tempo ändert, verdient eine eigene Betrachtung. Ich mache dazu mal einen neuen Themenstrang auf: "Wie höhere Geschwindigkeiten das Fahrradfahren verändern."
Unabhängig davon halte ich es nicht für möglich, den Spaß am Fahrradfahren weiterzugeben und für das Verkehrsmittel Fahrrad zu werben, wenn potenziellen Fahrradfahrer*innen unterstellt wird, sie seien "Angsthasen", weil sie es nicht wagen würden, auch dort Fahrrad zu fahren, wo es keine Fahrradwege gibt. Das wird auch nicht besser dadurch, dass man diesen Vorwurf so formuliert, diese Menschen, denen der viele und schnelle Autoverkehr Angst macht, und die deshalb ganz oder teilweise auf's Fahrradfahren, verzichten, seien Opfer einer Angstkampagne, die im Interesse der Autofahrer geführt wird, um Fahrradfahrer möglichst vollständig und überall auf Radwege zu verbannen.
Wer so argumentiert, nimmt die Menschen, die sagen, sie haben wegen des vielen und schnellen Autoverkehrs Angst davor das Rad zu benutzen, nicht ernst und darüber hinaus erklärt er sie auch noch für dumm, weil sie angeblich nicht durchschauen, dass es sich doch hier nur um eine von Autofahrern gesteuerte Angstkampagne handele.