Beiträge von Th(oma)s

    Deshalb hatte ich geschrieben, es sei interessant zu beobachten, wie sich die Zahl der Unfälle (Fahrrad versus Pedelec) auf einer autofreien Insel entwickelten. Optimal wäre natürlich ein Vergleich zwischen einer Insel, auf der Fahrräder und Pedelecs zugelassen sind im Vergleich zu einer Insel, auf der nur Bio-Bikes fahren.

    Der Unfallatlas weist für die vier autofreien Inseln (Baltrum, Juist, Wangerooge, Langeoog, knapp 4.000 Einwohner) zusammen 75 Unfälle in 8 Jahren aus. Die beiden größeren Inseln Borkum und Norderney (gut doppelt so viele Einwohner mit knapp 10.000), wo Autos grundsätzlich zugelassen sind, hatten im Zeitraum 242 Unfälle. Über Pedelecs schweigt sich der Unfallatlas aus. Es gab 3 Todesfälle, alle 3 auf den autofreien Inseln, davon 2x Fahrrad und 1x Pedelec. Bei letzterem Fall überholte das 90-jährige Opfer mit dem E-Bike eine Fußgängergruppe; ich hatte den Fall als Alleinsturz eingetragen, aber der Unfallatlas führt im Gegensatz zu den beiden anderen Alleinstürzen Fußgänger als Gegner.

    Auf den autofreien Inseln ist auch der Anteil der schwerverletzten Radfahrer größer als auf den Auto-Inseln, was wahrscheinlich an der größeren Bereitschaft liegt, Kleinkram nicht anzuzeigen, wenn kein haftpflichtversichertes KFZ beteiligt ist.

    Fahrradunfälle sind ebenso wie Pedelecunfälle nicht nur an der Nordsee überraschend seltene Ereignisse. Insgesamt sind die Fallzahlen daher viel zu gering für eine zuverlässige Trendanalyse, insbesondere bei schweren Verletzungen/Toten.

    Anmerkung: „LKW etc.“ ist alles, was nicht entweder PKW oder Kraftrad ist. Auf den Inseln also vermutlich nicht gerade Sattelschlepper…😛

    Das Tempo, das sehr viele Menschen mit Leichtigkeit mit einem Pedelec erreichen können und auch tatsächlich fahren, also ca. 25 km/h, begünstigt die Unfallgefahr.

    Dank Antriebsunterstützung sind Pedelecfahrer beim Anfahren zum Kreuzen einer Fahrbahn nicht so schwerfällig wie die Nutzer von konventionellen Rädern, die als Wenigfahrer auch gerne mal vergessen, vor dem Anhalten runterzuschalten.. Ich würde erwarten, dass das Risiko pro eine Million Vorfahrtfälle schwer zu verunglücken deshalb für Pedelecfahrer kleiner ist.

    Wenn jemand zu Fuß auf der Fahrbahn unterwegs ist und sie damit mehr oder minder blockiert, dann moniere ich das und bitte darum, vorbeigelassen zu werden. Dafür hat man die Klingel.

    Die Klingel dient der Abgabe von Schallzeichen gemäß §16 StVO unter den dort genannten Bedingungen. Also Weg freiklingen („Überholabsicht ankündigen“) ja, aber nur außerorts. Innerorts ist das Klingeln nur erlaubt, wenn dem „Angeklingelten“ Gefahr droht. Durch enges Vorbeifahren erzeugte Gefahren sind allerdings nicht per Klingel anzukündigen, sondern einfach zu unterlassen.

    Ich habe seit 30 Jahren nur Fahrräder ohne Klingel, und ich habe sie nicht einen einzigen Tag vermisst (was allerdings sicher auch mit daran liegt, dass ich genau so lange die Benutzung von Infrastruktur kategorisch verweigere).

    Interessant wäre es eine Entwicklung der Unfallzahlen zu verfolgen in Bereichen, die nicht vom Autoverkehr betroffen sind, zum Beispiel auf autofreien Urlaubsinseln wie Langeoog. Hat dort der Pedelec-Boom ebenfalls zu höheren Unfallzahlen und mehr getöteten Fahrradfahrer*innen/Pedelecfahrer*innen geführt? (Bereinigt um den Faktor zunehmende Pedelec-Nutzung)

    Warum nur auf autofreie Gebiete schielen, wo doch schon die Zahl der Pedelec-Opfer insgesamt nur linear stieg, während der Bestand exponentiell gewachsen ist?



    Abgesehen davon besagt auch die steigende Quote an Alleinunfällen bei stagnierender Gesamtzahl, dass KFZ als Gefahrenquelle trotz/wegen der steigenden Radfahrleistung stetig an Bedeutung verlieren. das wird so (mindestens) auch für die Fahrrad-Untergruppe „Pedelec“ zutreffen.

    (Edit: sorry für die fehlerhaften Grafiken; bin gerade unterwegs und kann Excel-Dateien nur mit Ipad und Keynote öffnen).


    Ist das jetzt nicht Opfer-Täter Umkehr? Du schreibst ja quasi, die schnellen Pedelecs seien die Ursache für zunehmende Unfälle.

    Ich schreibe, dass Pedelec der Anlass dafür sind, dass heute sehr viel mehr Menschen Fahrradausflüge abseits der bebauten Gebiete unternehmen als noch vor zehn, zwölf Jahren (wodurch sie dann auch mehr fatale Vorfahrtkonflikte haben können). Das hat weniger mit der Geschwindigkeit zu tun als mit der Tatsache, dass der Motor den Wenigfahrern die Sorge nimmt, wegen Erschöpfung irgendwo in der Pampa zusammenzubrechen.

    Abgesehen davon sind 25 km/h auch ohne Motor nicht ungewöhnlich.

    …und auch mit und ohne Motor nicht gefährlich. Erstens ist „Risiko“ ein Bruch, den man nicht ohne Beachtung des stark gestiegenen Nenners bewerten darf. Und zweitens sind schwere Pedelecunfälle typischerweise Vorfahrtfehler durch die Pedeleclenker selber. Beim Anfahren aus einem Feldweg ist ein Fahrradnutzer bedeutend schwerfälliger als ein Pedelecfahrer. Dass wir trotzdem so viele Pedelecopfer haben, liegt nur daran, dass heute dank Pedelec eben viel mehr Menschen aus Feldwegen kommend die schnell befahrene Landstrasse kreuzen (siehe erstens…).

    Ist es Pech, wenn man an einer Kreuzung auf ein anderes Fahrzeug trifft, dem man Vorfahrt gewähren muss? Oder ist es Glück, wenn man einfach über die Kreuzung brettert und gerade niemand da ist, dem man damit die Vorfahrt nimmt?

    Über Glück ind Pech entscheidet allein die Statistik. Die subjektive Bewertung einer Situation auf Basis der eigenen Vorlieben und Aversionen ohne Kenntnis der statistischen Verhältnisse führt bloß zur kognitiven Verzerrung.

    Was aber leider nichts Gutes über die Dummheit, Fahrlässigkeit und Rücksichtslosigkeit des Rests der normalen Verkehrsteilnehmer sagt.

    Umgekehrt: da es weniger als zwei Dutzend solcher Tragödien jährlich in Deutschland gibt, können die Leute wohl doch gar nicht so doof/rücksichtslos sein, wie ihnen das im Eifer des Gefechts gerne unterstellt wird.

    D.h Entweder entsprach der LKW nicht den Vorschriften der StVZO und war somit nicht verkehrssicher oder (wahrscheinlicher) der ( Berufskraft-)Fahrer hat die vorhandenen Möglichkeiten nicht oder nicht richtig benutzt.

    Ja. Allerdings wird am socialmedialen Stammtisch gerne fälschlich unterstellt, dass die Beteiligung an so einem Unfall der Beweis dafür wäre, dass genau dieser LKW-Führer (oder genau dieses Opfer) grundsätzlich und notorisch dümmer/fahrlässiger/rücksichtsloser wäre als der Rest der normalen Verkehrsteilnehmer.

    Wenn bereits diese Aussage des ADFC-Vertreters dir gegen den Strich geht, dann sag' doch mal konkret an, was du als Alternative siehst, anstatt pauschal einen "boah wie ist das widerlich" zu machen.

    Wer sagt denn, dass man überhaupt Stellung nehmen muss?

    Die Kardinalfehler sind erstens die überaus gründlich deutsche Unfallstatistik, die auch von den leichten Unfällen und Kollisionen ohne KFZ-Beteiligung (die beim Fahrrad den Löwenanteil aller Unfälle ausmachen) große Anteile erfasst, zweitens die gesetzliche Verpflichtung der Behörden, öffentliche Rechenschaft über die Entwicklung der Verkehrssicherheit abzugeben, und drittens wird das Interesse der Bevölkerung an Belangen der Unfallstatistik in Deutschland wachgehalten, weil die gesetzliche Vorgabe und die jährlichen Rechenschaftsberichte auch die statistische Erfassung der Schuld vorschreibt. Alles drei gibt es so im Ausland nicht, was Viele zu der irrigen Annahme verleitet, die Sicherheit sei praktisch überall auf der Welt besser als in Deutschland.

    Die beiden mit Abstand häufigsten Unfalltypen bei Unfällen mit Beteiligung von PKW und Fahrrad wären bei regelkonformem Verhalten jedenfalls nicht möglich.

    Nach den Unfallforschern von GIDAS liegt das Szenario mit dem blauen KFZ auf Platz 9, das mit dem orangenen auf Platz 6 unter den Top10. Zum "mit Abstand häufigsten" Hergang wird das ganze erst, wenn man Abbiegen und Kreuzen jeweils zusammenfasst (also alle Typ 2- und Typ 3-Unfälle gruppiert). Ein direktes Ablesen der dreistelligen Unfallschlüsselung ist aus den Opendata des Unfallatlas leider nicht möglich. Mit den Angaben zur Unfallart kann man sich einigen Varianten immerhin etwas weiter annähern. Zumindest wird damit die Auflösung der Typ6-Längsverkehrsunfälle in "Auffahren/Rammen von hinten" (Art 2) bzw. "Streifen beim Nebeneinanderfahren/Überholen" (Art 3) und "im Gegenverkehr" (Art 4) machbar. Von diesen Unfällen wäre übrigens auch keiner bei regelkonformem Verhalten möglich.

    Ebenso kann man die Unfälle mit "nur Fahrrad beteiligt" halbwegs sicher in Alleinstürze und Stürze mit anderen Radfahrern trennen, indem man alle Typ 1 (Fahrunfall) und Typ 7 (sonstiger Unfall) als Alleinsturz wertet, und die übrigen Typen (2-6) als "mit 2. Rad". Nach dieser Unterscheidung stellt sich heraus, dass der Alleinsturz das "mit Abstand häufigste" Szenario der erfassten Unfälle ist.

    Analyse Linksabbieger-Unfälle | Radfahren-Das überschätzte Risiko von hinten