Lieber Ullie,
Du hattest ja in einem anderen Thema um den heißen Brei herum geredet und Dich bildlich gesprochen gewunden wie eine Schlange um nicht zu erzählen, wie viel Kilometer Du im Monat mit dem Radl im Alltagsgebrauch fährst. Wahrscheinlich mit gutem Grund.
Ich habe nicht um den heißen Brei drumherum geredet, sondern ganz klar gesagt, dass es für die Diskussion über eine Verkehrswende keine Rolle spielt, ob eine sinnvolle und nachhaltige Verkehrswende von Menschen gemacht wird, die Autofahrer sind, oder den ÖPNV benutzen oder ausschließlich nur mit dem Rad mobil sind.
Wenn es ihnen gelingt, eine sinnvolle Verkehrswende zu vollziehen, werden diese Leute jedenfalls sehr wahrscheinlich keine Autofahrer mehr im heute herkömmlichen Sinne sein, weil es die dann so nicht mehr gibt.
Und die gefahrenen Fahrradkilometer sagen nun wirklich nicht darüber aus, wie jemand zur Verkehrswende steht.
Oder würde jemand wie der Radspitzensportler Marcel Kittel, der bestimmt mehrere 10.000 km jedes Jahr auf dem Rad zurücklegt, dann Werbung für eine Autofirma machen?
https://cdn.prod.www.spiegel.de/images/547832d…fpx49_fpy46.jpg
Bild aus diesem Spiegel-Artikel vom 23.8.2029:
https://www.spiegel.de/sport/marcel-k…00-000165579735
Man könnte natürlich sagen, ist ja sein Beruf, aber auch wenn es nur um Alltags-Fahrradkilometer geht, gilt: Das Fahrradfahren ist ein interessanter und wertvoller Bestandteil einer Verkehrswende, aber es kann keine Verkehrswende geben ohne ÖPNV.
Leider erlebe ich immer wieder Radfahrer*innen, die über den ÖPNV (vorsichtig formuliert) wenig Gutes zu sagen haben.
Für mich ein Grund mehr, von gesammelten Fahrradkilometern als Redebeitrags-Qualitätsbeleg abzusehen.
Aber so viel will ich dann doch verraten, weil es dir anscheinend sehr wichtig ist:
Ich fahre Rad in Stadt und Land und bei meinen Beiträgen zu verschiedenen Themen rund um den Radverkehr aber auch den ÖPNV auch im ländlichen Raum, oft mit eigenen Fotos belegt, handelt es sich in aller Regel um Selbsterlebtes, wenn ich es nicht anders angegeben habe.
Und noch ein Hinweis: Ich bin keinesfalls der absolute Purist, der Menschen im ländlichen Raum zu einem Eremitendasein verdammen will. Aber mich ärgert es maßlos, dass die vielen Exzesse der Autofahrerei immer wieder mit der angeblich alternativlosen Mobilitäts-Situation auf dem Land legitimiert werden.
Kein Mensch, auch in Bayern nicht, ist darauf angewiesen, dass er auf Landstraßen Tempo 100 fahren können muss, und er ist auch nicht darauf angewiesen, dass der nächste Autobahnanschluss nicht weiter als 20 km entfernt ist, wie es der damalige SPD-Verkehrsminister Leber einmal als Zielvorgabe für die deutsche Verkehrspolitik formulierte.
Zugegeben, es müsste einiges passieren in Sachen Verkehrswende, damit auch im ländlichen Raum mehr Menschen sich von ihrem Privat-PKW-Besitz verabschieden. Mit Denkverboten nach dem Motto, der Privat-PKW-Besitz im ländlichen Raum sei alternativlos, und wer was anderes sagt, der hat keine Ahnung oder der ist ein Schwarz-Weiß-Maler, kommen wir in dieser Sache aber nicht weiter.
Und die Anzahl der gefahrenen Fahrradkilometer derjenigen, die dazu Stellung beziehen, ist dabei von untergeordneter Bedeutung.
Was würdest du zum Beispiel jemandem sagen, der dir ganz ernsthaft versichert: "Ich würde ja gerne auf dem Land viel mehr Strecken mit dem Fahrrad zurücklegen. Aber ich mache es nicht aus Angst überrollt zu werden von Leuten, die so wie ich Auto fahren."
Viele sagen, die Verkehrswende weg vom Auto könne nur in der Stadt vollzogen werden, im ländlichen Raum würden angeblich ganz andere "Gesetze" gelten oder es bestünden ganz andere "Bedingungen und Sachzwänge", die ein Festhalten am Verkehrsmittel Auto angeblich unumgänglich machen. Dem stimme ich nicht zu!
Es gibt übrigens zahlreiche Veröffentlichungen zur Verkehrswende im ländlichen Raum: Eine, die ganz oben auf der google-Liste steht, ist dieser Zeit-Artikel vom 26.11.2020: "Wie die Verkehrswende auf dem Land gelingt"
https://www.zeit.de/mobilitaet/201…aet-klimaschutz