Ich finde, das verkennt die Tatsache, dass nicht die Alten das Problem sind, sondern Aggressivität im Straßenverkehr. "Road Rage" wird das in anderen Ländern genannt, da gibt es sogar Lehrstühle für das Phänomen. Bei uns gibts Fahrradprofessoren.
Diese Aggressivität im Straßenverkehr rührt möglicherweise daher, dass jeder mit dem Auto fahren darf. Es wird ja geradezu als ein Lebens-Grundrecht, als eine Art Menschenrecht eingestuft, Auto fahren zu dürfen. Obwohl nachweislich andere Grundrechte durch den Gebrauch (oder besser durch den Missbrauch) des Autos als "Massenverkehrsmittel" beschnitten werden, zum Beispiel das Recht auf körperliche Unversehrtheit.
Zudem kollidieren die Freiheitsrechte der Autofahrer mit denen anderer Verkehrsteilnehmer.
Hier im Forum wird ja immer wieder auf die Problematik der Radwegebenutzungspflicht hingewiesen, mit der sich der Autoverkehr freie Fahrbahn verschafft.
Aber auch die Fußgänger-Rechte werden erheblich eingeschränkt.
Auf der "Fahrbahn" zu Fuß gehen? Wer das versucht, wird massiv bedrängt. Ein Hupkonzert ist ihm im jeden Fall sicher.
Abseits eines vorhandenen Fußgängerüberweges die Straße queren? Im Falle eines Unfalles wird das mindestens zu deinem Nachteil ausgelegt oder noch schlimmer: Das Unfallopfer wird zum Verursacher erklärt.
Das Fahren mit dem Auto an sich ist bereits ein außerordentlich auf Aggression ausgerichtetes menschliches Fehlverhalten.
Besonders entlarvend ist, dass ausgerechnet diejenigen Vertreter der Politik und Lobbygruppen, die sich am engagiertesten und energischsten für die unbegrenzte Autofahrerei stark machen sich am vehementesten dagegen sperren, dass der Führerscheinbesitz stärker an Regeln gebunden wird, die zum Beispiel körperliche oder psychische Ausfallerscheinungen zum Ausschlusskriterium machen.
Siehe zum Beispiel der lange Kampf um das Verbot von Alkohol am Steuer:
Das hat das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" 1953 zum Thema Alkohol am Steuer geschrieben:
"Unter den anfeuernden Kommentaren der Boulevardpresse und unter dem Eindruck der Tatsache, daß der Straßenverkehr in Deutschland pro Jahr 13 000 Tote und über 400 000 Verletzte fordert, ist das Delikt »Alkohol am Steuer« zu einer Art neuzeitlichen Straßenraubs aufgewertet und der Trunkene hinter dem Volant zu einem sozial minderwertigen Tätertyp deklassiert worden. Während die anderen, die nüchtern, aber miserabel fahren, ob ihrer Unfähigkeit bemitleidet werden, gilt er als der Verkehrssünder schlechthin und als Charakterschwächling.
https://www.spiegel.de/politik/bei-gr…6?context=issue
Lese den ganzen Artikel und es wird klar, dass sich der Spiegel, besonders in den 50er und 60er Jahren stets auf die Seite der Gesellschaft geschlagen hatte, die die Gefahren des Autoverkehrs verharmlosten und keinen Anlass für Maßnahmen zur Eindämmung dieser Gefahren sahen.
In einem Faktencheck der Süddeutschen von 2012 erklärt der damalige FDP-Generalsekretär Patrick Döring:
"Forderungen nach einer Fahrtüchtigkeitsüberprüfung halte ich für überflüssig,".
Lediglich die Grünen sprachen sich in dem SZ-Faktencheck für einen "Gesundheits-TÜV" aus: "Jung und Alt sollten sich regelmäßig Kontrollen unterziehen, um ihre Fahrtüchtigkeit unter Beweis zu stellen."
https://www.sueddeutsche.de/auto/verkehrsp…der-1.1775150-6
Dieses Parteiergreifen für "Die alten Autofahrer" im Straßenverkehr ist nichts anderes als Teil eine Taktik, die Fahrtüchtigkeit grundsätzlich nicht in Abrede zu stellen. Unter keinen Umständen, mit keinerlei Berechtigung sollen daran Zweifel aufkommen, dass jeder zum Steuer greifen darf. Auch wenn diese Taktik heutzutage etwas dezenter verfolgt wird, als vom Spiegel in den 50er Jahren, als für das Nachrichtenmagazin feststand, auch wer zur Flasche greift, der darf zum Steuer greifen. Auch ein besoffener Autofahrer kann ein guter Autofahrer sein, er muss den überhöhten Alkoholgenuss nur ausreichend gewohnt sein.