Von den sieben Richtungen werden mittlerweile nur noch vier befahren, nämlich Uelzen–Soltau–Bremen und Buchholz–Soltau–Hannover. Die nur zwölf Kilometer lange Strecke ins benachbarte Neuenkirchen wurde abgebaut und lässt sich teilweise mit dem Rad oder einer Draisine befahren, die Strecken Lüneburg–Soltau und Celle–Soltau liegen auch noch und werden teilweise sogar noch im Güterverkehr bedient.
Ich bin drei der Strecken, nämlich Munster–Beckedorf, Beckedorf–Soltau und die bereits abgebaute Strecke Soltau–Neuenkirchen in den letzten Tagen abgefahren.
Dabei fiel mir ein, dass ich mich vor einigen Jahren, als ich Lischen-Radieschen kennengelernt habe, wunderte, warum in ihrer niedersächsischen Heimat so viele größere Städte, etwa Uelzen, Lüneburg, Gifhorn, Wittingen und Celle, so fernab der Autobahnen lagen. Für mich war damals ein Autobahnanschluss ein wesentliches Infrastrukturmerkmal einer modernen Stadt. Ich scherzte damals noch, obwohl ich mein Auto erst wenige Monate zuvor abgeschafft hatte, dass wir mit der Bundesautobahn 39 quasi schnurstracks von Hamburg nach Hankensbüttel fahren könnten.
In den letzten Tagen habe ich dann verstanden, dass oben genannte Städte (plus Soltau, das ja die BAB 7 quasi vor der Tür hat) in einer Zeit, in der das Auto noch nicht so wichtig war, die Eisenbahn aber umso mehr, mit einem dichten Netz von Eisenbahnstrecken verbunden waren. Von Soltau ging es in die bereits erwähnten sieben Richtungen, von Celle aus in acht Richtungen, von Wittingen aus in fünf Richtungen. Davon ist heute nur noch wenig übrig.
Klar ist mir auch geworden, dass die Nachfrage wenigstens im Bereich der Osthannoverschen Eisenbahn vorrangig durch den Güterverkehr bestimmt wurde und nicht durch den Personenverkehr. Die Strecken führen an jedem Industriegelände entlang, jeder noch so kleine Betrieb hatte damals einen Eisenbahnanschluss. Weil die OHE nicht der Deutschen Bundesbahn unterworfen war, sind viele der Anschlüsse und Laderampen heute noch sichtbar — wenngleich sie allerdings gänzlich außer Betrieb genommen wurden. Ich habe tatsächlich nicht einen Industrieanschluss gesehen, der heute noch genutzt würde.
Weil aber noch viele Weichen und Ausweichgleise vorhanden sind, kann man ungefähr abschätzen, wie denn andere Bahnhöfe entlang anderer Klein- und Nebenbahnen heutzutage aussähen, wären sie nicht längst abgerissen. Die OHE nutzt die Bahnhöfe hingegen vorrangig zum Abstellen von Güterwagen. Hier stehen Unmengen an Flach-, Güter- und Kesselwagen in der Gegend herum, teilweise sind die Gleise von Grenzzeichen bis Grenzzeichen vollgestellt worden. Da sich die OHE aber vor einigen Jahren aus dem Güterverkehr verabschiedet hat — es ist hier ja nichts mehr zu transportieren, weil alles über die Straße gefahren wird — handelt es sich wohl nur um Dauerparkplätze für Eisenbahnwagen. Güterverkehr wird hier nur noch sporadisch, ein paar Mal im Jahr von DB Cargo betrieben, wenn Militärfahrzeuge aus Munster oder Bergen abgefahren werden sollen, hin und wieder werden wohl auch noch Düngemittel, Baustoffe sowie Nutz- und Schadhölzer transportiert.
Und es gibt natürlich auch Begehrlichkeiten, die Strecken komplett stillzulegen und abzubauen. Wie sagt man doch so schön: Gleise raus, Supermarkt drauf. Ich würde mir ja wünschen, dass diese Strecken wenigstens von der Bebauung freigehalten werden, so dass irgendwann einmal, falls man sich doch noch mal zu einer Verkehrswende hinreißen lassen sollte, überhaupt die Möglichkeit einer Reaktivierung bestünde.
Nach meinem laienhaften Verständnis müsste doch gerade die Lüneburger Heide als touristisches Ausflugsziel irgendein Interesse an einer Schienenanbindung haben. Bispingen hält beispielsweise eine ganze Menge Attraktionen bereit, in dessen Bahnhof hält hingegen kein Zug. Der Heidepark ist mit dem 2,5 Kilometer entfernten Haltepunkt Wolterdingen auch nur sehr mäßig angeschlossen. Nun ist natürlich die Frage, wer von den Touristen überhaupt mit der Bahn zum Heidepark, zum Snow-Dome oder nach Soltau fahren möchte, wenn die An- und Abreise zum und vom Feriendomizil ohnehin mit dem eigenen Auto bestritten wird.
Der Bruch zwischen Nah- und Fernverkehr macht es ja auch maximal unattraktiv, mit der Bahn in den Urlaub zu fahren. Da kommt man dann mit dem Fernverkehr nach Hannover und muss den Rest der Strecke mit dem Bummelzug im Zweistundentakt bewältigen. In Celle hält einmal stündlich sogar ein ICE, dafür kommt man aus Celle aber nur mit dem Bus weiter, sofern man nicht mit dem Metronom diagonal durch das bewaldete Niemandsland fahren möchte. Das ist halt wie an der Ostsee: Bis Hamburg kommt man locker aus allen Richtungen mit dem ICE, ab dann gurkt man mit dem Regionalexpress bis Lübeck, ab da geht es dann mit einem winzigen LINT 41 die Ostseeküste hoch.
Vielleicht sind das aber auch die ungleichen Chancen von Bahn und Auto hinsichtlich des Verbesserungspotenzials: Während wir für das Auto neue Autobahnen, neue Straßen und neue Parkplätze in Massen bauen, müssen Verbesserungen für die Eisenbahnanbindung immer mit der vorhandenen Infrastruktur funktionieren — und selbst dann bildet sich sofort eine „Interessengemeinschaft Schienenlärm“, „Bürgervereinigung Bus statt Bahn“ oder ähnliches.
Jetzt mal ganz unabhängig vom Fahrgastpotenzial und Finanzierung gedacht fände ich es interessant, dem Heidepark einen eigenen Bahnhof vor die Tür zu stellen, der dann im Sommer etwa aus Hamburg, Bremen und Hannover angefahren werden kann, die Züge könnten dann unterwegs noch ein paar Fahrgäste einsammeln. So ganz fernab der Realität scheint dieses Fahrgastpotenzial ja nicht zu sein, die RB 38 fährt an den Wochenenden ja schon ab Hamburg-Harburg mit einer Doppeltraktion LINT 54 los, die bei gutem Wetter bis Wolterdingen prächtig gefüllt ist.
Aber ich habe den Eindruck, dass insbesondere aufgrund der jetzigen Coronakrise von solchen Überlegungen erst einmal Abstand zu nehmen ist. Schade.