Und deswegen motze ich halt. Ich mag die Propaganda mit "eine Weste rettet Leben" nicht. Das ist Käs. Aber ich hätte schon gerne mehr Menschen in meiner Flußau, die ich leicht sehen kann. Echter Zwiespalt - ich stehe derzeit auf der Seite von "mach doch anderen das Leben leichter, wenn es nicht weg tut". Und mich schmerzt die gelbe Arbeitsjacke nicht. Billig, praktische Taschen, gutes Innenklima.
Ich bin da auch zwiegespalten. Ich hatte mir vor zwei Jahren mal eine Sportjacke zum Laufen gekauft und musste zehn Minuten mit dem Verkäufer diskutieren, warum ich denn so unvernünftig wäre, keine grellgelbe Jacke mit reflektierenden Elementen zu kaufen, sondern stattdessen auf einer neonblauen Jacke mit reflektierenden Elementen bestand.
Obwohl ich es für vernünftig halte, sich im Straßenverkehr sichtbar zu bewegen, widerstrebt es mir, mich wie ein Tannenbaum zu kleiden, wenn ich laufen gehe oder gar nur zum Einkaufen oder zum Bäcker. Ich bewege mich hier innerhalb von Wohngebieten und bin knallhart der Meinung: Hier müssen Kraftfahrer nunmal mit Fußgängern rechnen ihre Geschwindigkeit entsprechend reduzieren. Das funktioniert natürlich nicht, trotz teilweise komplett zugeparkter Kreuzungsbereiche wird hier nicht derart vorsichtig gefahren, dass bevorrechtigte Fußgänger rechtzeitig gesehen werden.
Aber es widerstrebt mir innerlich, für einen abendlichen Spaziergang eine Warnweste anzuziehen. Ich hätte viel lieber eine gesellschaftsweise Akzeptanz für das so genannte Sichtfahrgebot. Solange aber medial lediglich betont wird, nichtmotorisierte Verkehrsteilnehmer müssten bitte selbst für ihre Sicherheit sorgen, habe ich da wenig Hoffnungen. Und insofern hilft es mir im Zweifelsfall auch nicht weiter, wenn mich jemand beim Joggen über den Haufen fährt — allerdings bin ich mir nunmal nicht sicher, dass es mit Warnweste nicht passiert.