Beiträge von Malte

    Wenn man die Dahlenburger Landstraße stadteinwärts fährt, wird man auf dem Rad von dieser Übersehstelle am Bahnhof erwartet:

    Ich dachte erst, hier würden abbiegewillige Kraftfahrer vor geradeaus fahrenden Radfahrern gewarnt, wobei mir ja überhaupt gar nicht klar war, was angesichts dieser traumhaften Aussicht im Beifahrerspiegel denn problematisch sein sollte.

    Tatsächlich funktioniert das aber andersherum: Das Signal leuchtet auf, wenn es Fahrräder auf dem Radweg oder auf dem benachbarten Gehweg registriert und die Rüttelstreifen auf dem Radweg machen unmissverständlich klar, wer der Adressat dieser lichttechnischen Einrichtung ist: Der Radverkehr, der hier auf seine Vorfahrt verzichten soll.

    Zur Hauptverkehrszeit sieht das nämlich so aus. Es geht nach meinem Dafürhalten, anders als es die Abbildung auf dem Schild suggeriert, keineswegs nur um abbiegende Kraftfahrzeuge, sondern auch um einbiegende Kraftfahrzeuge. Es entsteht aufgrund des Rückstaus auf der Dahlenburger Landstraße permanent die Situation, dass ein Linksabbieger aus dem Pulverweg warten muss, dabei wahlweise den Fußgängerüberweg, die Fahrradfurt oder beides blockiert, unsichtbar rechts vom wartenden Kraftfahrzeug aber fleißig stadteinwärts abgebogen wird — und zu just jenen Kraftfahrern bestehen aufgrund des wartenden Kraftfahrzeuges sehr schlechte Sichtverhältnisse.

    Momentan ist das Einbiegen nach rechts in den Pulverweg untersagt, was noch für viel gefährlichere Situationen sorgt, weil sich a) nicht jeder daran hält und b) plötzlich Vollbremsungen auf dem Radweg oder dem Fußgängerüberweg hingelegt werden und eventuell c) hastig und unaufmerksam ausgeführte Wendemanöver folgen.

    Ich habe erst einmal bei der Stadt um eine Freigabe der unechten Einbahnstraßenregelung für den Radverkehr gebeten, würde aber gerne noch weitere Vorschläge anbringen, wie sich dieser offenkundige Unfallschwerpunkt entschärfen ließe. Einfach nur ein Blinklicht für Radfahrer aufzustellen kann’s ja nicht sein. Das Einbiegen auf die Dahlenburger Landstraße zu verengen, um die Sichtverhältnisse zu verbessern, wenn sich niemand an wartenden Kraftfahrern rechts vorbeidrängen kann, wird sich im Interesse der Leistungsfähigkeit dieses Knotens nicht machen lassen.

    So viel mehr bleibt dann ja auch nicht mehr übrig — oder hat noch jemand realistisch umsetzbare Vorschläge?

    Die Dahlenburger Landstraße führt vom Lüneburger Stadtzentrum nach Südwesten hinaus nach… Dahlenburg. Das finde ich in Lüneburg ganz angenehm: Die Straßen, die sternförmig aus der Innenstadt hinausführen, sind nach der Stadt benannt, in die sie führten. Die Dahlenburger Landstraße beginnt an der Altenbrückentorstraße, unterquert die beiden Gleisstränge des Lüneburger Bahnhofs und führt dann mit dem üblichen Querschnitt einer Straße, deren Verkehrsaufkommen schneller gewachsen ist als die Fahrbahnbreite, aus der Stadt heraus und geht dann in die Bundesstraße 216 über, die wiederum in einer Ortsumgehungsstraße um Dahlenburg herumgeführt wird.

    Ich bin vor einiger Zeit mal stadteinwärts gefahren und kam aus dem Staunen nur mühsam wieder heraus. Das geht los an der Auffahrt zur Bundesstraße, bei der mir im Angesicht der berühmten tiefstehenden Sonne kein besonders gutes Foto gelungen ist. Aber: Wer soll denn jetzt dieses Zeichen 205 beachten? Der abbiegende Fahrbahnverkehr? Oder doch der Radverkehr? Oder wollte man sich ein Baby-Dreieck sparen und sowohl Kraftfahrer als auch Radfahrer sollen hier irgendwie warten, wobei Radfahrer laut dem OLG Hamm ja noch weniger Vorfahrt haben als gar keine Vorfahrt — aber für Fußgänger dann plötzlich § 9 Abs. 3 StVO auf jeden Fall durchschlägt? Das kapiert doch kein Mensch — vielleicht mit ein Grund, warum hier das lustige Blinklicht angepflanzt wurde.

    So lustig geht’s dann weiter, denn anschließend folgt eine ampelgeregelte Querung, die zwar mit kombinierten Signalgebern für Radfahrer und Fußgänger ausgestattet ist, obwohl gleich nebenan noch ein viereckiges Spiegelei lacht — hoffentlich gerät da niemand mit den Vorfahrtsverhältnissen durcheinander. Ich habe jedenfalls recht schnell gelernt, dass man in Lüneburg im Interesse seiner Gesundheit und der Fahrtüchtigkeit des Drahtesels in diesen Situationen im Zweifelsfall auf die eigene Vorfahrt verzichtet:

    Aufgrund von Bauarbeiten an der Bahnbrücke und Arbeiten an der Fahrbahn ist die Straße im weiteren Verlauf momentan gesperrt…

    … aber bestimmt soll Zeichen 250 mal wieder nicht für den Radverkehr gelten: Man sieht doch, was gemeint ist:

    Nun wird’s interessant: Der folgende Abschnitt wurde von der Bundesregierung und vom Land Niedersachsen gefördert! Das klingt wie eine Drohung und fühlt sich beim Fahren auch so an:

    Seit dem Umbau der Hamburger Osterstraße habe ich immer wieder den Eindruck, dass diese Fördermittel für den Radverkehr hier und da vor allem dazu verwendet werden, die Kosten einer ohnehin anstehenden Baumaßnahme zu drücken, indem in die Baumaßnahme noch irgendwas mit Radverkehr integriert wird, so dass die Fördermittel fließen. Nicht dass ich das der Hansestadt Lüneburg unterstellen möchte, es handelt sich nach meinem Dafürhalten eher um einen Fehler im gesamten Prozedere, aber manchmal wundere ich mich schon, was an der Neupflasterung eines Radweges von 60 cm Breite dann wohl als besonders förderungswürdig empfunden wurde.

    So richtig toll ist der Radweg dann auch gar nicht geworden — weder in der Breite noch in der Länge:

    Moment, falscher Alarm, vielleicht war das noch gar nicht die geförderte Stelle. Vielleicht ist es diese hier, wo der Baum rohe Naturgewalten ordentlich krachen ließ?

    Oder diese, wo der Radverkehr quasi durch die Bushaltestelle hindurch geführt wird?

    Oder diese mit der neckischen Kante links und rechts, die in Gegenwart von Geisterradlern so richtig krachen?

    Gut, Spaß beiseite, hier geht’s dann wohl los. Und natürlich habe ich sogleich etwas zu meckern:

    Öhm, schön, dass der Radweg jetzt so schön breit ist und schon mal den Mindestmaßen aus den Verwaltungsvorschriften genügt. Aber was macht dieser schmale Taststreifen für seheingeschränkte Personen direkt zwischen Rad- und Gehweg und warum ist der Gehweg überhaupt so schmal? Hier können sich auch nach der Corona-Pandemie nicht zwei Menschen begegnen, ohne dass einer von beiden auf den Radweg ausweicht. Warum wird so etwas im Jahr 2021 noch gebaut und vor allem: gefördert? Diese Bewässerung der benachbarten Bäume ist im Sinne des Umweltschutzes sicherlich wünschenswert, allerdings hätte sich der Baum nach meinem Dafürhalten noch mehr gefreut, wenn er auch zu den drei anderen Seiten etwas mehr Bewegungsspielraum bekommen hätte. Immerhin gibt es einen gewissen Sicherheitsraum zum Seitenstreifen, so dass man nicht direkt von unmittelbar geöffneten Autotüren kollidiert, allerdings scheint mir der Sicherheitsraum etwas schmal zu sein — auf der linken Seite des Radweges führe ich aus gesundheitlichen Gründen dann doch lieber nicht.

    So geht’s dann weiter — oder auch nicht. Zwischen einer Fußgängerampel, einer Bushaltestelle und einer Schule wird der Radweg kurzerhand unterbrochen. Mir ist nicht klar, ob hier noch Verbesserungen angestrebt werden, der Radweg womöglich noch weitergeführt oder ein Zeichen 240 aufgestellt wird, aber nach dem momentanen Stand werden Radfahrer hier zum ordnungswidrigen Gehwegradeln angehalten — ausgerechnet dort, wo mit an der Ampel wartenden und tobenden Kindern zu rechnen ist. Ich kann mir die Schlagzeilen über rücksichtslose Radfahrer bereits jetzt ausmalen:

    Ungenügende Sichtverhältnisse im weiteren Verlauf an der Kreuzung mit der Walter-Bötcher-Straße. Hier blinkt sogar ein Warnlicht, dass man bitte auf Kinder aufpassen möge — ich rate mal und formuliere es bewusst frech: Das Auflassen von einen oder mehreren Parkplätzen zur Verbesserung der Sichtverhältnisse im Umfeld dieses Fußgängerüberweges war keine Option?

    Weiter geht’s dann auf dem alten Buckelpisten, bei denen die Kehrmaschine kraft Unterlassung einen Sicherheitsstreifen zu parkenden Kraftfahrzeugen markiert hat:

    Die Radlinge, die hier ordnungswidrig auf dem Gehweg kurbeln, werden schon wissen, was sie da tun:

    Ich bin ja mal gespannt, wie es mit der Sanierung weitergeht. Mit den Breiten von Geh- und Radwegen wird sich wohl nicht mehr viel tun, es blieb also beim üblichen Dilemma, dass der Querschnitt der Straße an den Seiten durch die unverrückbaren Grundstücksgrenzen beschränkt war, gleichzeitig aber keine Parkplätze entfallen durften und der Radweg irgendwie breiter werden muss, weil sich die Verwaltungsvorschriften vor 24 Jahren dann doch mal geändert haben.

    Ich kann leider den Originalbeitrag nicht mehr auftreiben, aber hier gibt es noch ein Video von den lustigen Staubsaugern:

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    Von dem Umstand, dass ein Radfahrer ohne Licht oder ohne Helm gefahren ist, kann der geneigte Leser nichts wissen. Deshalb wird es erwähnt.

    Dass der Kraftfahrer hingegen beim Zurücksetzen nicht sorgfältig genug war, ist offenkundig.

    Zu der Schuldfrage ist in beiden Fällen nichts ausgesagt.

    Gut, der Punkt geht erstmal zu einem Großteil an dich. Ich bin dann aber der Meinung, dass in diesem System der Unfallmeldungen ein ganz grundsätzliches Problem steckt, denn wenn abends im Presseportal die Meldungen des Tages veröffentlicht werden, steht in den seltensten Fällen der Unfallverursacher oder der genaue Unfallhergang fest. So entstehen dann solche Phrasen wie „der Kleinwagen geriet aus ungeklärter Ursache von der Fahrbahn ab“ — man weiß zum Zeitpunkt der Veröffentlichung eben noch nicht, ob der Fahrer vom Smartphone abgelenkt oder betrunken war, ob er viel zu schnell gefahren ist oder aufgrund einer bislang unbekannten Erkrankung kurzzeitig ohnmächtig war.

    Aber es folgt in den seltensten Fällen eine Folgemeldung über einen Unfall, in der fünf Wochen später steht: Es war unangepasste Geschwindigkeit. Nichts ist uninteressanter als die Zeitung von gestern und gleiches gilt erst recht für Unfälle, die Wochen zurück liegen.

    Ich persönlich begreife diese Polizeimeldungen als einen Teil dessen, was in der Fahrschule als „lebenslanges Lernen“ bezeichnet wurde: Man lernt jeden Tag mit jeder Teilnahme am Straßenverkehr dazu. Die Meldungen von Unfällen sollten nach meinem Dafürhalten nicht nur aufzeigen, dass irgendjemand irgendjemanden angefahren hat, sondern auch dafür sensibilisieren, dass Unfälle eben nicht nur eine Randnotiz in der Lokalzeitung sind, sondern jeden von uns treffen können.

    Es gibt zum Beispiel den § 3 Abs. 1 StVO, der unter anderem besagt:

    Zitat

    Wer ein Fahrzeug führt, darf nur so schnell fahren, dass das Fahrzeug ständig beherrscht wird. Die Geschwindigkeit ist insbesondere den Straßen-, Verkehrs-, Sicht- und Wetterverhältnissen sowie den persönlichen Fähigkeiten und den Eigenschaften von Fahrzeug und Ladung anzupassen. Beträgt die Sichtweite durch Nebel, Schneefall oder Regen weniger als 50 m, darf nicht schneller als 50 km/h gefahren werden, wenn nicht eine geringere Geschwindigkeit geboten ist. Es darf nur so schnell gefahren werden, dass innerhalb der übersehbaren Strecke gehalten werden kann. Auf Fahrbahnen, die so schmal sind, dass dort entgegenkommende Fahrzeuge gefährdet werden könnten, muss jedoch so langsam gefahren werden, dass mindestens innerhalb der Hälfte der übersehbaren Strecke gehalten werden kann.

    Es gibt drüben im Verkehrsportal Berechnungen, dass mit einem normalen Kraftfahrzeug auf einer Überlandstraße nachts ein Tempo von 60 bis 70 km/h das höchste der Gefühle ist, möchte ich dieser Vorschrift entsprechen. Jeder, der schon mal nachts auf einer Überlandstraße mit einem Auto gefahren ist, wird mir sicherlich zustimmen, dass das außer ein paar ganz hartgesottenen StVO-Liebhabern niemand praktiziert, sondern ganz im Gegenteil tendenziell eher deutlich schneller als 100 km/h gefahren wird.

    Kurz vor dem Abitur gab es in meinem Umfeld zwei schwere Verkehrsunfälle, im Laufe meines Studiums verunglückten außerdem insgesamt drei (?) Kommilitonen — allen Unfällen war eines gemeinsam: Sie trugen sich in den Nächten von Freitag auf Sonnabend oder von Sonnabend auf Sonntag zu und der Fahrer geriet jeweils aus ungeklärer Ursache von der Fahrbahn und landete im Feld. Glücklicherweise gab es noch eine Gemeinsamkeit: Alle haben überlebt.

    Und eigentlich war auch die Ursache ziemlich klar: Die jungen Herrschaften hatten ihre Fähigkeiten überschätzt, waren auf unbekannter Strecke zu schnell unterwegs und sahen nachts eine scharfe Kurve nicht frühzeitig genug, um noch rechtzeitig am Lenkrad drehen zu können.

    Und obwohl hinreichend bekannt ist, dass überhöhte Geschwindigkeit eine Hauptunfallursache ist, mangelt es nach meinem Dafürhalten an greifbaren Beispielen dafür. Ich kann mich tatsächlich nicht daran erinnern, dass irgendwo mal in einer Polizeimeldung stand, man möge doch bitte auf nächtlichen Überlandfahrten seine Geschwindigkeit im Sinne von § 3 Abs. 1 StVO anpassen.

    Was ich aber dauernd lese, obwohl die Schuldfrage nicht geklärt ist, sind kluge Ratschläge an nichtmotorisierte Verkehrsteilnehmer: Tragt eine Warnweste! Fahrt nur mit Licht! Setzt einen Helm auf! Verzichtet auf eure Vorfahrt! Steigt ab und schiebt!

    Denn selbst wenn ein verunfallter Radfahrer womöglich gar kein schuldhaftes Verhalten an den Tag gelegt hat, wird mit diesen Ratschlägen impliziert, dass er halt doch irgendwas falsch gemacht hat. Und sei es, dass er nicht rechtzeitig auf seine Vorfahrt verzichtet hat. Plus: Der Radfahrer ist immer eine Person, die aktiv etwas falsches tut. Der Kraftfahrer hingegen wird hinter der Windschutzscheibe verborgen und tritt mitunter gar nicht in Erscheinung, sein Auto handelt für ihn:

    Während Autos rote Ampeln übersehen, werden sie von Radfahrern in der Regel missachtet. Während Autos aus ungeklärter Ursache von der Fahrbahn abkommen, wechseln Radfahrer unvermittelt vom Radweg auf die Fahrbahn. Während Autos aufgrund der tiefstehenden Sonne einen Fußgänger auf die Motorhaube laden, werden Fußgänger von Radfahrern gerammt. Während Autos aufgrund von Glatteis nicht rechtzeitig zum Stehen kommen und ein anderes Auto touchieren, waren Radfahrer trotz schlechter Witterung unterwegs und krachen ineinander.

    Ich finde, das ist schon ein deutlicher Unterschied, der auch eine gewisse Schuldfrage impliziert, auch wenn sie dort nicht explizit erwähnt wird.

    Und daraus resultiert dann auch, dass ich dir hier nicht zustimme:

    Dass der Kraftfahrer hingegen beim Zurücksetzen nicht sorgfältig genug war, ist offenkundig.

    Wann immer ich mich im Verwandten- oder Bekanntenkreis unterhalte, mich an Diskussionen in gesellschaftlichen Netzwerken beteilige, als Geschädigter oder Zeuge vor Gericht aussage oder bei der Unfallaufnahme zugegen bin, es fällt mir immer wieder auf, dass in unserer Gesellschaft so gut wie gar keine Sensibilisierung dafür erfolgt, dass man mit einem Kraftfahrzeug jemanden gefährden kann. Ich erinnere mich daran, dass mal jemand aus meinem Umfeld beim Abbiegen ein Kind auf einem Fahrrad „übersehen“ und angefahren hat. Das war quasi das normalste der Welt — das Kind war ja auch ganz bestimmt ganz schön schnell unterwegs. Außerdem: Radfahrer! Erst letzte Woche beim Bäcker, da ist einer mit dem Rad falsch herum auf dem Radweg gefahren!

    Da hat keiner auf den Tisch gehauen und darauf hingewiesen, dass man nicht nur ein zwei Tonnen schweres Kraftfahrzeug, sondern auch eine gewisse Verantwortung besitzt und sich dementsprechend umsichtig beim Abbiegen lieber drei Mal aufpassen sollte. Stattdessen warf man sich gegenseitig die Anekdoten als Beruhigungstabletten ein, dass man als Kraftfahrer sowieso nichts machen könne, weil Radfahrer ja alle ohne Licht führen. Das war eine recht unangenehme Situation.

    Wenn ich dann aber in der Zeitung bei vergleichbaren Unfällen keinen Hinweis finde, dass ich als Kraftfahrer beim Abbiegen allerhöchste Sorgfalt walten lassen muss, wohl aber lese, dass Radfahrer bitte eine Warnweste tragen, mit Licht fahren und im Zweifelsfall auf die Vorfahrt verzichten sollen, dann ist das zwar in erster Linie nicht verkehrt, verfestigt aber das Bild im Kopf des Lesers, dass Radfahrer ja irgendwie schuld an solchen Unfällen wären.

    Und dementsprechend hast du auch wieder teilweise recht:

    Es wäre aber sinnvoller, wenn man die Kritik an denjenigen richtet, den sie betrifft und dies nicht bis zum Ende seiner Tage gebetsmühlenartig in einem Forum vorträgt, wo man sich der Bestätigung sicher sein kann. Da entsteht dann doch der Eindruck, dass hier lediglich eine kleine, geschundene Seele nach etwas Zuspruch sucht, um sich dann besser zu fühlen.

    Ja, ich sollte wieder häufiger Leserbriefe schreiben. Das habe ich in den vergangenen Monaten deutlich schleifen gelassen. Ich habe allerdings die Erfahrung gemacht, dass es die meisten Journalisten auch gar nicht interessiert und die Polizei mit dieser Art der Kritik sowieso nichts anfangen kann. Letztere glaubt nach meiner Erfahrung, der Verkehrssicherheit einen großen Gefallen zu tun, so oft wie möglich auf Helme und Warnwesten hinzuweisen.

    Dennoch halte ich es nicht für überflüssig oder gar falsch, derartiges hier in diesem Thread aufzulisten: Irgendwo muss diese Gegenrede öffentlich gemacht werden. Es gab früher sogar ein eigenes Blog allein zu dieser Thematik, dessen Namen ich mittlerweile gar nicht mehr weiß (obwohl ich stets verdächtigt wurde, der Urheber des Blogs zu sein), jetzt steht es halt hier. Häufig genug verlinke ich in unterschiedlichen Debatten in den einschlägigen gesellschaftlichen Netzwerken in diesen Thread mit dieser Fülle an Beispielen, insofern ist es nicht so ganz sinnlos.

    Allerdings hast du recht: Bei den allzu tollen Beteiligungen mit der tiefstehenden Sonne geht es mitunter auch einfach erst einmal darum, etwas Frust loszuwerden.

    Was erwartest Du?

    Soll die Polizei oder die Presse die Schuld eines Verkehrsteilnehmers feststellen und dies schreiben? Sollen sie schreiben: "Hiermit wird zum Seelenheil der Radfahrer festgestellt, dass der Autofahrer schuld ist."

    Ist es dann besser?

    Die Polizei hat in der Regel wenige Probleme zu erwähnen, dass ein verunfallter Radfahrer ohne Licht oder ohne Helm oder nicht auf dem Radweg gefahren ist. Ich halte es nicht für allzu verwegen zu erwähnen, dass es eventuell unklar ist, ob ein Kraftfahrer sich vor dem Rückwärtsfahren hinreichend versichert hat, ob der Gehweg frei ist.

    Die Polizei hat sich gefälligst aus der Schuldfrage herauszuhalten, und die Presse darf schreiben, was immer sie will.

    Naja, klar. Aber ich darf die Formulierungen, nach denen sich mutmaßlich von Kraftfahrern verursachte Unfälle quasi aus reinem Schicksal ereignen („übersehen”, „tiefstehende Sonne”), während bei vermeintlich unfallverursachenden Radfahrern die Lage viel klarer scheint („missachten”, „achtete nicht auf den Verkehr”)), durchaus kritisieren.

    Uff — also wenn’s jetzt ums Bohren in diesem Material geht, dann ist das ja ohnehin ein Fall für die Werkstatt. Unser Haushalt ist jetzt zwar um eine Bohrmaschine angewachsen, aber ich bin dann halt eher der Typ, der erst in das eigentliche zu bearbeitende Material bohrt, dann durch die Unterlage und dann in den Boden hinein.

    Wenn ich das richtig sehe, ist aber die momentane Variante der Schutzbleche ohnehin nicht mehr im Verkauf, dann würde ich mir ja gleich für vorne und hinten neue anschaffen.

    Es passierte einfach so, als wäre es Schicksal, unabdingbar, vom Herrn persönlich angeordnet: Mädchen (6) auf Gehweg angefahren

    Zitat

    Er wollte wenden, legte den Rückwärtsgang ein und dann passierte es ... In Wilhelmstadt erfasste ein Autofahrer am Dienstagnachmittag ein Mädchen (6) auf einem Tretroller, wie die Polizei mitteilte.

    Immerhin wird der Vorfall noch soweit personifiziert, dass hier das Auto nicht autonom unterwegs war, sondern ein 44-Jähriger am Lenkrad saß. Ein in irgendeiner Weise schuldhaftes Verhalten konnte man bei der B.Z. nicht erkennen, denn der Fahrer wollte ja eigentlich nur wenden und hatte gar nichts böses im Sinn.

    Meines Erachtens fehlte es hier allerdings an einer ganz ordentlichen Portion „Rücksicht“ im eigentlichen Sinne des Wortes. Das junge Mädchen wird ja nicht aus heiterem Himmel mit einem Mordstempo auf dem Gehweg angerast gekommen, sondern muss schon vorher im Umfeld sichtbar gewesen sein.

    Wie ich schon auf Twitter schrieb: Verkehrswende, Klimaschutz und Aufenthaltsqualität haben viele Namen. Auf dem Altar des Clickbaits aber nur einen: Kieler Grüne wollen Autos verbannen

    Erstmal fordert hier niemand eine „autofreie Innenstadt“, denn Lieferverkehr, Buslinien, Rettungsdienste, Feuerwehr und so weiter werden weiterhin einfahren dürfen; nach meiner Kenntnis auch Fahrzeuge mit Versehrtenausweis. Und zweitens hat ja beispielsweise der Umbau der autogerechten Kreuzung am Berliner Platz in den lauschigen Kleinen Kiel-Kanal durchaus gezeigt, dass ein Weniger an Autos durchaus ein Mehr an Aufenthaltsqualität sein kann.

    Sofern aber der öffentliche Diskurs dadurch bestimmt wird, das alles, was in diese Richtung geht, als Verbot deklariert wird, brauchen wir diesen Diskurs nicht führen.

    Ich halte ja tatsächlich die Grünen für die einzige Partei, der in Zeiten der Klimakrise und Mobilitätswende eine entsprechende an Nachhaltigkeit und Umweltschutz orientierte Politik überhaupt zuzutrauen ist. CDU und FDP versuchen auf kommunaler Ebene hier wie dort aufgrund von Wahlkampftaktiken Kraftfahrer gegen alle anderen auszuspielen, die Linke mitunter gar nicht existent, Freie Wähler oder Wählervereinigungen oder unter welchen Bezeichnungen sie auftreten mögen sind ebenfalls dem Kraftfahrzeug verhaftet und dann gibt es noch die SPD, aber die besinnt sich dann doch plötzlich auf die Wurzeln der Sozialdemokratie und führt den Arbeiter an, der mittags von seiner Schicht aus der Werft nach Hause kommt und seinen Parkplatz braucht.

    Aber auch im Jahre 2021 des Herrn, im Zeitalter der Klimakrise und des Mobilitätswandels, stimmen die Kieler Grünen für ein neues Parkhaus am Holstein-Stadion in Kiel, der Landeshauptstadt im Klimanotstand. Das ganze wird in grüner Watte verpackt, damit es sich nicht so doof anhört: Für einen Nachhaltigen Ausbau des Holstein Stadions & Klimaneutralen Verein

    Toll, dass das Parkhaus begrünt werden soll. Bestimmt wird man dem Wähler ähnlich wie beim Möbel-Höffner-Skandal erklären wollen, dass es der Natur mit Bebauung aufgrund des grünen Daches und ein paar grünen Ranken an der Fassade viiiiel besser geht als vorher, als es sich noch um eine Kleingartensiedlung handelte.

    Neben den vielen tollen Vorhaben und Ideen, die man dann fordern, aber nicht durchsetzen können wird — die Anbindung an die Stadtbahn halte ich für geradezu ausgeschlossen, weil man dazu eine Stadtbahn bräuchte — sollen dann Anwohner einen Parkplatz im Parkhaus anmieten. Gleichzeitig sollen die Parkplätze in den angrenzenden Wohngebieten zurückgebaut werden, um dort die Aufenthaltsqualität zu erhöhen.

    Bevor wir nach Lüneburg gezogen sind, wohnten wir zwar nicht am Holstein-Stadion, aber unweit davon entfernt im Kieler Marineviertel, das dermaßen vom so genannten Parkplatznotstand gezeichnet war, dass nach Feierabend zu Fuß mitunter kein Durchkommen über bestimmte Kreuzungen war, weil jeder Zentimeter von Kraftfahrzeugen befalschparkt wurde. Ein paar hundert Meter entfernt hätten die Anwohner kostenlos im Kieler Wissenschaftspark oder sogar in dessen Parkhaus ihr Fahrzeug abstellen können. Aber nur weil in Wohnungsanzeigen damit geworben wird, dass die nächste Bushaltestelle 300 Meter weit entfernt ist, muss es ja noch nicht bedeuten, dass ein Parkplatz in 300 Metern Entfernung akzeptabel wäre.

    Ich halte es eigentlich aus meiner empirischen Beobachtung für mehr als abwegig, dass die Leute nach Rückbau der Parkplätze im Wohngebiet ins Parkhaus fahren, um dann zu Fuß oder — Gott behüte! — mit dem E-Roller oder mit einem Leihrad nach Hause fahren (wobei man das Leihrad im Gegensatz zum Leihroller momentan nur an ausgewählten Stationen abgeben darf).

    Und dann gibt’s noch den Bonus: An Spieltagen muss der Parkplatz im Parkhaus geräumt werden. Das kann, wenn diese Pandemie vorbei ist, also bedeuten, ein- oder gar zwei Mal pro Woche das Auto irgendwo anders parken zu müssen. Und dann ist der Parkplatz nicht mehr 300 Meter weit entfernt, sondern vielleicht mehrere Kilometer, weil ja mehrere hundert Kraftfahrzeuge plötzlich einen anderen Parkplatz brauchen, den es ja im direkten Umfeld nicht mehr gibt, denn dort wurden die Parkplätze ja zurückgebaut. Ich habe ja grundsätzlich wenig Mitleid mit Kraftfahrern, aber auf diesen Deal kann man sich nicht ernsthaft einlassen.

    Zumal mir im Endeffekt immer noch der Glaube fehlt, dass Fußballfans nicht einfach im Umfeld des Stadions kostenlos parken, etwa im Wissenschaftspark oder in den anliegenden Wohngebieten. Ebenjener Wissenschaftspark bietet ja bereits heute ein Parkhaus an, sogar mit Holstein-Kiel-Rabatt an Spieltagen, aber meistens parken da… naja, ungefähr… sagen wir mal… drei Autos.

    Und ich finde, das ist insgesamt ein ziemlich autogerechter Beschluss. Klar, Kiel braucht den Fußballverein, der Fußballverein braucht sein Stadion und für die Bundesliga ein neues Parkhaus, alles richtig, aber herrje, dann lasst das Marketing mit dem Klimanotstand bleiben, wenn wichtige Dinge wie die Stadtbahn nur als frommer Wunsch angesehen werden. Aus der Nummer kommt man dann auch als grüne Partei nicht raus. Aber dann sollten wir vielleicht mal die lustigen Ideen unterlassen, dass Anwohner abseits von Spieltagen dort parken können, sondern ganz klar hinschreiben: Wir wollen den Fußballverein, wir brauchen darum das Parkhaus, und das wird an durchschnittlich zwölf von 14 Tagen leer stehen. Aber immerhin hat es ein grünes Dach.

    Beim Austauschen der Spacer verstehe ich aber nicht, inwiefern sich die Situation ändert. Wenn ich den oberen Spacer austausche gegen einen kleineren, dann wird das Schutzblech an der Stelle, an der es jetzt zu eng ist, doch noch weiter rangedrückt? Da leuchtet mir das Bohren eines weiteren Loches ja durchaus ein.

    Malte Ich weiß nicht, ob du es schon weißt, aber bei https://www.duh.de/pop-up-radwege-jetzt/ kann man Vorschläge in "seiner" Stadt für die Einrichtung von Popup-Radwegen und Bereichen mit 30 km/h machen. Die DUH verwurstet das dann in einen offiziellen Antrag, den man selber an die Stadtverwaltung schicken muss. Aber mit dem Hinweis auf ein Rechtsgutachten, das das zulässig ist.

    Mach ich jetzt gleich mal für Fürstenfeldbruck, wo es ähnlich elend aussieht wie in Lüneburg. Und wenns noch ein paar tausend machen, tut sich vielleicht was...

    Ich fürchte, es ist tatsächlich so, wie Gerhart vermutet: Die Verwaltung ist hier hinsichtlich der Verkehrswende noch nicht ganz so weit, insofern bin ich mir nicht sicher, ob die ganzen Anträge nicht nach ein paar Tage n in der runden Ablage landen. Es hat sich auch schon ein Radentscheid gebildet, um die Sache voranzubringen.

    Meinetwegen müssen auch nicht gleich Tempo-30-Bereiche eingerichtet werden, auch wenn das natürlich großartig wäre; mir würde es fürs Erste schon reichen, wenn die Benutzungspflicht auf linken Straßenseiten aufgegeben würde (was natürlich mit Popup-Radfahrstreifen korrespondieren könnte…) und ich nicht ständig an irgendwelchen Bettelampeln warten müsste. Ich habe da gerade relativ geringe Ansprüche.

    Obwohl Lüneburg eigentlich weit abseits der Elbe gelegen ist, war die Innenstadt häufiger dem Hochwasser ausgesetzt. Die Flüsse waren früher, als es das Wort „Klimawandel“ noch nicht gab, regelmäßig über Wochen vereist und tauten im Frühjahr auf, wodurch der Wasserspiegel der Ilmenau anstieg und Teile der Lüneburger Innenstadt unter Wasser setzte. Die Melioration der Ilmenau-Niederung nördlich von Lüneburg bis zur Elbe und der Bau des Lösegrabens parallel zur Ilmenau in Lüneburg konnten die jährlichen Fluten unterbinden — nur im Juli 1976, als unweit von Lüneburg der Damm des Elbe-Seitenkanals brach, trat noch einmal Hochwasser auf.

    Auf dieser schmalen Landzunge zwischen Ilmenau und Lösegraben führt heute die mehrstreifige WIlly-Brand-Straße entlang. Mit viel Mühe wurde an einer Seite noch ein Seitenstreifen zum Parken eingerichtet, aber für Fußgänger und Radfahrer bleibt dann leider so wenig Platz, dass Radfahrer, die bislang auf der linken Straßenseite fahren mussten, jetzt rüber auf die rechte Seite wechseln sollen, um dort unten am Lösegraben entlangzukurbeln. Das Schild sagt, wie’s läuft:

    Abgleich mit der Realität. Ich fahre also auf die Fahrbahn herunter, was sich auf der linken Straßenseite sowieso absolut falsch anfühlt. Wenn ich links abbiegen möchte, kann ich locker einen Rotlichtverstoß begehen, denn für mich gilt gar nicht der Signalgeber für den Fahrbahnverkehr auf der linken Straßenseite, der sich hier hinter dem Laternenpfahl verbirgt, sondern der Signalgeber für den Radverkehr gegenüber, der schon deutlich früher rotes Licht zeigt. Wenn ich links abbiegen möchte, darf ich auch nicht der lustigen Fahrbahnmarkierung folgen, die nach links wiederum auf den linksseitigen Radweg führt, denn obwohl es hier total normal ist, auf der falschen Straßenseite zu fahren, soll ich hier eigentlich geradeaus und dann nach links fahren; die Fahrbahnmarkierung gilt nur für Radfahrer, die aus der Querstraße rechts abbiegen.

    Soweit, so gut, aber wir wollen ja nach rechts abbiegen. Da beachte ich dann auch nicht den Signalgeber gegenüber, denn… dann kollidiere ich ja mit dem Fahrbahnverkehr, der ja ebenfalls grünes Licht hat. Indirektes Linksabbiegen kommt hier auch nicht in Frage, denn erstens biegen wir ja rechts und nicht links ab und zweitens haben wir eine absolut dämliche Ausgangsposition für solche Manöver.

    Okay, wir denken eine Weile nach und finden dann da hinten auf der rechten Seite einen weiteren Signalgeber, der halt irgendwie in unserer neuen Fahrtrichtung grün leuchtet. Es handelt sich um den kleinen zweifeldigen Signalgeber bei der Geisterradlerin; das Ding neben dem Signalgeber für den Fahrbahnverkehr ist für Fußgänger vorgesehen.

    Kann man diese Fahrradampel bei hellem Sonnenlicht aus dieser Position erkennen? Eher nicht. Aber dann fährt man halt los wenn der Verkehr aus der Querstraße links anfährt…

    … und natürlich kann man sich erstmal mit Kraftfahrern herumärgern, die aus ebenjener Querstraße rechts abbiegen und mit Glück noch auf Radfahrer in der gleichen Fahrtrichtung geachtet haben, aber ganz sicher nicht damit rechneten, dass von ganz rechts plötzlich noch jemand in die Kreuzung einbiegt und sich für einen kurzen Moment auf direktem Kollisionskurs befindet. In diese Situation bin ich bereits zwei Mal geraten, habe aber leider kein Foto davon und bin auch nicht scharf drauf, es zugunsten eines Fotos noch mal zu provozieren. Und selbst wenn man nicht mit abbiegenden Kraftfahrern aneinander gerät, muss man sich halt irgendwie so Schlängel-Schlängel in den Strom der von links nach rechts geradeaus fahrenden Radlinge und gehenden Fußgänger einordnen. Das fühlt sich schon ziemlich nach einem Rotlichtverstoß an, was hier aber offenbar so vorgesehen ist.

    Nach dem lustigen Manöver zum Rechtsabbiegen soll der Radverkehr wohl hier erneut warten, um anschließend links abzubiegen. Dank des Signalgebers gegenüber weiß ich, dass indirektes Linksabbiegen im Sinne der reinsten Lehre nicht vorgesehen ist und ich hier artig den gegenüberliegenden Signalgeber beachten soll:

    Wenn man das dann geschafft hat, fährt man übrigens quasi kopfüber runter auf einen Weg unten am Lösegraben — aber das schauen wir uns ein anderes Mal an.

    Manchmal, wenn man Pech hat, kommt man an dieser Ampel an und sieht dann diese Situation: Fahrbahnampel rot, gegenüberliegender Signalgeber für Radfahrer grün, da muss man echt erst eine Weile hirnen, dass das Linksabbiegen von dieser komischen Position aus jetzt erlaubt ist, das Rechtsabbiegen aber nicht.

    Und die nach meinem Dafürhalten spannende Frage ist dann doch tatsächlich: Ist dieses seltsame Hereinschummeln zum Rechtsabbiegen nicht ein qualifizierter Rotlichtverstoß?

    An meinem Fahrrad sind Schutzbleche namens „SKS Bluemels 35mm“ montiert; wir hatten ja ein paar Beiträge davor schon mal drüber gesprochen. Das Schutzblech am Hinterrad ist ein biiiischen eng montiert, so dass es bei nicht exakt geradem Einbau des Hinterrades dort schleift und grunzt wie ein alter Nadeldrucker.

    Als ich gestern fachmännisch und mit sagenhafter Geschicklichkeit den Antrieb erneuert habe (das Rad befindet sich momentan in keinem fahrbereiten Zustand), fiel mir plötzlich auf, wie sehr der Mantel in den letzten vier Jahren am Schutzblech geschrubbt hat. Anhand der Stromleitung für die Versorgung des Rücklichtes kann man ungefähr abschätzen, wie viel da auf der linken Seite fehlt:

    Nehmen wir mal an, ich bestelle mir ein neues Schutzblech, dann müsste ich ja an diesen beiden Abstandhaltern in irgendeiner Weise etwas ändern, um ein bisschen mehr Luft zwischen Hinterrad und Schutzblech zu bekommen? Nur: Was muss da getan werden?

    Desillusionierung ist ein Konzept, das mir in Zeiten einer Pandemie allgegenwärtig erscheint. Ich bin desillusioniert, dass wir diese Pandemie mit einem wissenschaftlichen Ansatz in den Griff bekommen hätten, ich bin desillusioniert, dass ich in absehbarer Zeit eine Impfung bekomme, ich bin desillusioniert, dass wir die Klimakrise überhaupt in irgendeiner Art und Weise in den Griff bekommen, wenn wir noch nicht einmal ein relativ einfach umzusetzendes Maßnahmenpaket hinbekommen, um im Vergleich zur Klimakrise überschaubare Pandemie in den Griff zu bekommen.

    Und in diesen leicht depressiv angehauchten Trott reiht sich die Stadt Lüneburg perfekt ein.

    Nachdem ich im Herbst 2018 zu Lischen-Radieschen von Hamburg nach Kiel gezogen bin, sollte es planmäßig zweieinhalb Jahre später nach Abschluss ihres Studiums wieder näher an Hamburg rangehen. Lisa-Marie wollte gerne in ihre Heimat nach Niedersachsen, ich wollte eine regelmäßige ICE-Anbindung mit überschaubarer Fahrzeit nach Hamburg, da kommt man dann zwangsläufig bei Lüneburg raus. Außerdem hat Lüneburg eine bezaubernde Altstadt, die den Krieg besser überlebt hat als den vorherigen Salzabbau, denn die Löcher, die das weiße Gold hinterlassen hat, lassen einige Häuser eindrucksvoll schief stehen.

    Was mich bei meinen sporadischen Besuchen in der Hansestadt an der Ilmenau auffiel, waren abseits der schiefen Häuschen und mit Kopfsteinpflaster ausgelegten Gässchen die vielen Fahrräder, die hier im Stadtbild zu sehen waren. Wo in anderen Städten der angeblich überlebenswichtige Kraftverkehr hofiert wird, reihten sich hier an den Seitenstreifen, auf den Plätzen und vor den Häusern voll Fahrradbügel aneinander. Das war für mich der vorsichtige Inbegriff einer Art Fahrradstadt, vielleicht nicht vergleichbar mit Groningen, Utrecht, Amsterdam, Kopenhagen, aber hier sind Radfahrerïnnen willkommen, hier fuhren Alltagsradlerïnnen neben Rennradlerïnnen, dort sauste der Lieferdienst einer hippen Burgerkette vorbei und überholte das Lastenrad einer Buchhandlung namens Lünebuch.

    Monat fuhr Monat besuchte ich pflichtbewusst die Critical Mass Lüneburg, kurbelte eine Stunde mit der örtlichen Fahrrad-Gang durch den Montagabend und sprang wieder in den ICE nach Kiel.

    Nun wohnen wir seit zweieinhalb Monaten in Lüneburg und ich bin… desillusioniert.

    Das hier ist keine Fahrradstadt.

    Ganz im Gegenteil: Für mich als jemand, der wirklich gerne Fahrrad fährt und aus Hamburg und Kiel schon so einiges gewohnt ist, rangiert Lüneburg noch einmal mit einem gewissen Abstand hinter Hamburg.

    In Büdelsdorf, in Wedel, in Hamburg, in Kiel, überall dort, wo ich bislang längere Zeit gewohnt habe, war Radfahren nicht so ganz der Hit. Diese Städte waren gespickt mit schlechter, aber benutzungspflichtiger Infrastruktur, unfreundlichen Kraftfahrern, untätigen Behörden und einer Polizei, die im Falle eines Unfalles offenbar zunächst mal Klingel und Speichenreflektoren des Unfallopfers kontrolliert. Aber: Man kam halt doch mehr oder weniger gut durch die Stadt. In der Regel verlief in Fahrtrichtung rechts eine Art Infrastruktur, meistens ein benutzungspflichtiger Radweg, mitunter auch ein Radfahrstreifen oder ein Schutzstreifen oder man fuhr auf der Fahrbahn und die Ampelschaltungen waren zwar im Regelfall unfreundlich gegenüber nichtmotorisierten Verkehrsteilnehmern, aber ich legte für mich ein einigermaßen okayes Tempo an den Tag. Selbst in Hamburg denke ich mir mit bald drei Jahren Abstand: Es geht noch deutlich schlimmer, es war für eine Großstadt mit unterschiedlichen Zuständigkeiten schon okay.

    Nun also Lüneburg. Ich halte mich mal zurück und schmeiße lediglich eine Ecke als Symbolfoto rein:

    Gut, der direkte Weg über die Bundesstraße 4 ist gefährlich. Das ist lustig, denn bei der Straße im Hintergrund handelt es sich mitterweile gar nicht mehr um die Bundesstraße 4, sondern um eine stinknormale innerörtliche Straße, die nach der Verlegung der Bundesstraße 4 auf eine Umgehungsstraße sogar gar nicht mal soooo stark befahren ist, dass man hier nicht queren könnte. Stattdessen werden Fußgänger auf dem Weg durch dieses Naherholungsgebiet angehalten, doch Bitteschön einen Umweg von 1,2 km zu latschen; Bettelampel inklusive.

    Das ist interessant, denn das macht natürlich kein Mensch. Aber man wollte wohl damals irgendwas machen (vulgo: Aktionismus zeigen, und hat diese Schilder der Einfachheit halber stehen lassen. Mittlerweile sollte es das Verhältnis vom Fahrbahnverkehr zum querenden Verkehr wenigstens im Sommer zulassen, eine Bedarfsampel zu installieren, aber die kostet halt Geld und das muss man auch wollen und einfach Fußgänger auf eigene Gefahr queren zu lassen geht natürlich auch.

    Und dieser Geist der autogerechten Stadt weht immer noch durch Lüneburgs Gassen.

    Wo ich in Hamburg oder Kiel, ja sogar in Berlin oder im Ruhrgebiet einen benutzungspflichtigen Radweg in Fahrtrichtung vorfinde, muss ich in Lüneburg überraschend oft auf der falschen Straßenseite fahren. Da gibt’s dann nur einen Weg, der sich mal hier und mal da irgendwie so durch die Gegend schummelt, dann in einer Unterführung verschwindet und woanders wieder auftaucht und im Endeffekt kann ich an überraschend vielen Stellen sehen, wo ich dann wohl mit dem Rad abbleibe.

    Es gibt Bettelampeln ohne Ende, sogar an Stellen, an denen ich tatsächlich einfach nur entlang der Vorfahrtstraße geradeaus fahren möchte, aber damit das Warten nicht so nervig wird, wurden den Bettelampeln irgendwann gelbe Haltegriffe spendiert — mit dem Ergebnis, dass ich bei der Nutzung von Bettelknopf und Haltegriff den übrigen Radfahrern auf dem engen Geh- und Radweg zwischen Fahrbahn und Hauswand erst recht im Weg stehe. Vielleicht hat niemand damit gerechnet, dass pro Umlauf auch mal zwei Radfahrer queren könnten.

    Nach dem bebettelampelten Abbiegen kann ich in der nächsten Straße dann gucken, wie ich mich dort im Sinne der Straßenverkehrs-Ordnung wieder auf der Fahrbahn oder aber auf dem benutzungspflichtigen Radweg einfinde und eine Kreuzung weiter ist das Abbiegen dann dermaßen kompliziert, dass ich als neu zugezogener tatsächlich erst einmal absteigen und mir einen Überblick verschaffen muss, wie ich denn eigentlich vom benutzungspflichtigen Radweg geradeaus fahren kann, während der Fahrbahnverkehr fröhlich an mir vorbei saust.

    Wenn wir mit dem Fahrrad zum Einkaufen wollen, landen wir auf dem Weg dahin beinahe zwangsläufig auf der linken Straßenseite, sofern wir denn nicht irgendwelche großen Umwege fahren wollen. Dann beginnt das übliche Ritual: Kraftfahrerïnnen möchten links abbiegen, achten auf den entgegenkommenden Kraftverkehr, fahren dann in einer Lücke an, stellen fest, oh Mist, Radfahrer aus der falschen Richtung, legen eine Vollbremsung hin, stehen dann dem entgegenkommenden Fahrbahnverkehr im Weg und müssen sich entscheiden: Lieber die beiden Radlinge gefährden oder vom Fahrbahnverkehr anhupen lassen? Ihr kennt das Ergebnis.

    Natürlich kann ich auch einfach auf der Fahrbahn bleiben, kommt aber halt nicht so gut an. Mitunter werde ich vom Kraftverkehr mit tosenden Fanfaren darauf hingewiesen, dass irgendwo ein Radweg durch die Windschutzscheibe sichtbar ist, selbst wenn es sich überhaupt nicht um einen Radweg handelt, sogar von der Polizei bekam ich schon mal den Hinweis, doch bitte im Interesse meiner eigenen Sicherheit auf dem für den Radverkehr freigegebenen Gehweg zu kurbeln. Der Betreiber des öffentlichen Nahverkehrs heißt hier praktischerweise wie In Kiel KVG, da muss ich mich gar nicht groß umgewöhnen, denn die Leute fahren hier ähnlich robust wie in der schleswig-holsteinischen Landeshauptstadt.

    Und dann gibt es hier dermaßen viele Straßen, bei denen ich mich echt nur noch wundern kann. Megaviel Platz für den motorisierten Verkehr auf der Fahrbahn, Fußgänger und Radfahrer teilen sich ein schmales Handtuch namens benutzungspflichtiger Fuß- und Radweg, und im Verlauf der Straße werde ich auf dem Fahrrad angehalten, mehrmals die Straßenseite zu wechseln und wenn ich das nicht möchte, werde ich auf der Fahrbahn abgedrängt und im Endeffekt…

    … endet alles damit, dass heute einer der wenigen warmen Tage dieses Frühlings ist und ich absolut gar keine Motivation habe, aufs Fahrrad zu steigen. Es ist einfach nur noch nervig.

    Ich werde versuchen, hier in unregelmäßigen Abständen Bilder reinzuschmeißen, wie sich das Radfahren in Lüneburg so anfühlt.

    Und mein Eindruck von dieser ganzen Aktion geht eher in die Richtung, dass es gar nicht so sehr um die Sicherheit radfahrender Verkehrsteilnehmer geht. Natürlich hält man Radlinge davon ab, eine rote Ampel zu ignorieren wenn man die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass es dafür 60 Euro und einen Punkt in Flensburg gibt, ja. Aber man schützt Radfahrer nicht mit Kontrollen in Fußgängerzonen, so ärgerlich Radfahrer in Fußgängerzonen auch sein mögen, und nicht mit kostenlosen Klingeln, weil Klingeln in solchen Situationen absolut nichts bringen. Ich behaupte mal frech: Am meisten wäre wenigstens in Lüneburg für den Radverkehr getan worden, wären konsequent alle Falschparker im Bereich der Innenstadt angesprochen und im Zweifelsfall abgeschleppt worden.

    In den Pressemitteilungen, die im Nachgang des Aktionstages von den jeweiligen Polizeibehörden verschickt wurden, klingt das dann doch etwas umfassender. Die Hamburger Polizei vermeldet nach 555 kontrollierten Fahrzeugen (auch Fahrräder?) und 559 kontrollierten Personen (auch Fahrräder???):

    Zitat
    • 73 x Missachtung des Rotlichtes von Autofahrern
    • 123 x Missachtung des Rotlichtes von Radfahrern
    • 281 x Parkverstöße (Parken auf Rad- und Gehwegen, Einmündungen/Kreuzungen)
    • 215 x Befahren der falschen Radwegseite, Gehwegen, Fußgängerzonen
    • 22 x zu geringer Seitenabstand beim Überholen
    • 30 x Handynutzung als Autofahrer
    • 4 x Handynutzung als Fahrradfahrer
    • 617 x Geschwindigkeitsverstöße (davon 18 x Bußgeldverfahren)
    • 6 x sonstige Ordnungswidrigkeiten

    Ich finde es ja angenehm, dass sogar 22 Mal der geringe Seitenabstand beim Überholen geahndet wurde. Die Polizei kann ja mal den Wördemannsweg oder den Nedderfeld ein paar Mal rauf und runter fahren, da ist dann ja nur noch der zeitliche und personelle Aufwand zum Sanktionieren der Engüberholer der limitierende Faktor.

    Radfahrstreifen mit Zeichen 237 sind ja in Hamburg eine Seltenheit, weil man in Hamburg der Meinung ist, das ginge auch kraft des Rechtsfahrgebotes für Radfahrer ohne Zeichen 237, aber mit Zeichen 241 geht es schon mal auf gar keinen Fall:

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