RVA und Blindenleitsystem

  • Neu gebaute Gehwege müssen innerorts mit einem Blindenleitsystem an Querungen und ÖPNV-Haltestellen ausgestattet sein. Da Gehwege häufig per [Zeichen 239] [Zusatzzeichen 1022-10] oder [Zeichen 240] gleichzeitig zu Radverkehrsanlagen erhoben werden, sind auch diese von der barrierefreien Gestaltung "betroffen". Leider kommt es hier und da vor, dass durch sog. barrierefreie Gestaltung neue Barrieren geschaffen werden, z.B. Nordbahntrasse im WDR


    In Jena wurde 2020 der erste Bauabschnitt der Straßenbahnverlängerung zum nördlichen Stadtende freigegeben. Mit sehr vielen Mängeln (Critical Mass 2021) von denen die Gestaltung der Blindenleitsysteme eine gesonderte Betrachtung wert ist.

  • Ohne große Erwartungen habe ich folgende Anregung für das in Arbeit befindliche neue Radverkehrskonzept unserer Stadt gegeben.


    Sehr geehrter Herr ...,

    aufgrund der zahlreichen kritischen Kommentare auf https://www.radforum-jena.de/?a=reports für den sanierten Abschnitt der Naumburger Str. möchte ich auf ein wesentliches Detail aufmerksam machen, auf das Sie bei der Befahrung der Strecken bitte unbedingt achten sollen: Die Ausrichtung der Rillen in den Blindensperrflächen an Radverkehrsfurten

    Erfurter Str. / Mühltal (zweckmäßige Gestaltung):

    in Laufrichtung der Fußgänger (d.h. auch der Blinden) ein Sperrfeld vor der Radverkehrsfurt und ein Richtungsfeld vor dem nicht ganz abgesenkten Bordstein angebracht. Die Orientierung der Felder entspricht der Richtung des Weges anstatt der Richtung des (z.T. auf Null abgesenkten) Bords. Ri. stadtauswärts schließt sich seitlich an das Sperrfeld ein Leitstreifen zum Richtungsfeld an.


    Nun für die Naumburger Str. exemplarisch die Kreuzung Flurweg:

    Sämtliche Sperrfelder sind senkrecht zum abgesenkten Bord verlegt. Gerade die Felder an der Radwegfurt sind aus Laufrichtung der Fußgänger betrachtet eher Richtungsfelder als Sperrfelder. Wie werden sich Blinde hier orientieren? Die von den Sperrfeldern eingenommene Fläche vergrößert sich, die beim Queren mit dem Rad auf dem Sperrfeld zurückgelegte Strecke verlängert sich hierdurch erheblich. Der flache Winkel zwischen Rillen und Fahrtrichtung verunsichert nicht wenige Radfahrende beim Überfahren. Die Frequenz des Rüttelns erinnert sehr stark an die Rüttelstreifen für KfZ, deren Feedback dem Fahrer anzeigen soll: "Hier bist du falsch." Eben dieses Hier-bist-du-falsch-Feedback erfährt man beim Queren solcher Furten mit dem Rad (betr. einen Großteil der 2020 neu gebauten Furten). Ich habe erst kürzlich etwas ältere Radfahrer (ca. 60 J.) beobachtet, die Sonntagmorgen bei Verkehrsstille den Flurweg an der Rollstuhlfurt querten. Um nicht auf die "Rüttelstreifen" zu geraten.


    Darum ist es sinnvoll und bestimmt auch nötig, wenn das neue Radverkehrskonzept neben Anregungen zum Streckennetz auch sinnvolle Standards zur Bauausführung enthält. Sowohl um die Stadt vor einer erneuten Blamage zu bewahren als auch um hinreichend sichere und komfortable Radverkehrsanlagen bereit zu stellen, die auch Blinden keine Rätsel aufgeben.


    Mit freundlichen Grüßen, ...


    PS: Ich habe Frau ... vom Blindenverband in CC gesetzt, damit sie ggfs. korrigieren kann, falls ich was Falsches geschrieben habe.



    Zu meiner Überraschung hat die Vorsitzende des Blindenverbands sofort reagiert:

    Zitat

    Sehr geehrter Herr ...,

    Vielen Dank, dass Sie mich in CC gesetzt haben. Das ist ja ein absoluter Schildbürgerstreich und ich werde mich kümmern, dass wir eine vor Ort Begehung machen, denn dieser Überweg geht überhaupt nicht.

    Da fragt man sich wieder, wer dies abgenommen hat,.

    Mit freundlichen Grüßen

    Am 5.5. ist die Begehung. Bin schon gespannt, ob und wann die Baufirma nachbessern muss.

    Einmal editiert, zuletzt von CKO () aus folgendem Grund: Beim ersten Versuch (Mein Schreiben als Zitat) gingen die Bilder verloren.

  • Neu gebaute Gehwege müssen innerorts mit einem Blindenleitsystem an Querungen und ÖPNV-Haltestellen ausgestattet sein. Da Gehwege häufig per [Zeichen 239] [Zusatzzeichen 1022-10] oder [Zeichen 240] gleichzeitig zu Radverkehrsanlagen erhoben werden, sind auch diese von der barrierefreien Gestaltung "betroffen". Leider kommt es hier und da vor, dass durch sog. barrierefreie Gestaltung neue Barrieren geschaffen werden, z.B. Nordbahntrasse im WDR


    In Jena wurde 2020 der erste Bauabschnitt der Straßenbahnverlängerung zum nördlichen Stadtende freigegeben. Mit sehr vielen Mängeln (Critical Mass 2021) von denen die Gestaltung der Blindenleitsysteme eine gesonderte Betrachtung wert ist.

    Dieser WDR-Bericht kann mich auf die Palme bringen. Weil er typisch ist für die Alibi-Berichterstattung der ÖR-Medien: "wir haben es mal erwähnt, aber ...". Warum haben die den Vertreter der Stadt nicht mit den eingeblendeten Aussagen konfrontiert? Warum kein gemeinsamer Termin mit dem Rollifahrer? Warum keine Vorführung eines Mountainbikers und eines Rollifahrers?

    Warum kein Wort zu dem Umstand, dass die Pflasterstreifen - im Gegensatz zu Holperschwellen, mit denen der Stadt-Typ sie vergleicht - nicht mit einem Warnschild angekündigt werden? Und warum stehen davor keine Schilder mit Tempobegrenzung?


    All das leistet der Bericht nicht. Erbärmlich.

  • War soeben mit der AG "Barrierefreies Bauen" vom Behindertenbeirat sowie unserem Ortsteilbürgermeister beim Vor-Ort-Termin. Dabei stellte sich heraus, dass die Vorsitzende des Blindenverbands mein obiges Foto Naumburger Str. / Flurweg nicht richtig erkannt hatte. Ihre zuvor geäußerte Kritik war damit hinfällig.


    Sie haben mir erklärt, dass die Verlegung der Sperrfelder parallel zum Bord der DIN entspricht, einer hatte sogar ein Buch dabei und zeigte die Seite mit der Norm. Dort war aber der Fall "Sperrfeld in der Krümmung" nicht enthalten. Die Sperrfelder im Buch waren allesamt sowohl parallel zum Bord als auch senkrecht zur Laufrichtung.


    Nun ja, die Blinden finden es dennoch i.O. wenn die Sperrfelder auch dann parallel zum Bord gehen wenn sie dadurch in flachem Winkel zur Laufrichtung sind. Schließlich wissen sie, dass die Nullabsenkung (Radverkehrsfurt) näher an der Fahrbahn liegt als ihre Querung mit dem >= 3 cm - Bord. Sie laufen also nicht aus Versehen in die falsche Richtung. Man sagte mir sogar, die Gestaltung in der Erfurter Str. sei falsch.


    Da wir uns nun an dieser Haltestelle aufhielten,

    kam das Gespräch unweigerlich auch auf die Radverkehrsführung im Haltestellenbereich. Die Leute vom Behindertenbeirat würden hier auch lieber eine Radverkehrsführung hinter dem Wartehäuschen sehen. Einzig die Vorsitzende des Blindenverbands sagt: "Wenn ich mit meinem Stock komme, dann haben sie schon Respekt." Aber andere sind schon über den Haufen gefahren worden.


    Nebenbei fiel den Teilnehmern bereits nach wenigen Minuten auf, dass hier die meisten Radfahrer auf der falschen Seite fahren:

    Der Regelhüter der AG "Barrierefreies Bauen" hat darum mal einen Radfahrer angehalten: "Sie wissen sicher, dass das nicht erlaubt ist, Warum tun sie das?" Der Radfahrer machte aus seiner nicht unberechtigten Kritik an der Gestaltung und dem "bitteren Ende" der RVA keinen Hehl, monierte die Verantwortungslosigkeit der Planer. Darauf der Herr mit dem DIN-Buch in der Hand: "Aber die müssen so planen, weil es die Norm so vorschreibt. Das ist Gesetz." ..

    Als Repräsentant der Radfahrer habe ich noch dies und das zu hören bekommen. Aber eine Frau, die währenddessen mit ihrem ca. 7-jährigen Sohn über die Bettelampel auf die linke Seite wechselte um dort weiterzufahren, habe ich in Schutz genommen, wegen des Kindes. Unser OTB hielt auch zu ihr: "Zufällig kenne ich sie. Das ist eine hochqualifizierte Frau." ;)

  • Kinderverleihstation aufmachen.

    wer geister- und/oder gehwegradeln will, kann sich ein Kind ausleihen.


    Win-win-win :|


    hoffentlich haben die Vertreter vom Barrierefreien Bauen gelernt: lieber noch 3x selbst gucken, als Fotos falsch interpretieren.

    Gerade bei so baulichen Sachen, die ohnehin nicht direkt vor Ort mit Spaten in der Hand behoben werden können. :rolleyes:

  • Was ist Gesetz? Die Straßenbahnschienen dorthin verschwenken, wo Radfahrer fahren müssen?

    Der Vertreter vom Barrierefreien Bauen hat sich nur auf die Haltestelle und das Blindenleitsystem bezogen, während der Radfahrer auch die Gleise im weiteren Verlauf meinte. Erst danach habe ich den Teilnehmern die prekäre Situation für den Radverkehr mit dem Wechsel auf die Fahrbahn bei 2x Vorfahrt gewähren und 2 spitzwinkligen Gleisquerungen erläutert.


    Als sie mich fragten, wie ich hier fahre, konnte ich richtig dick auftragen: Ich, liebe Schwestern und Brüder, fahre bereits im Haltestellenbereich auf der Fahrbahn, nehme den Regelverstoß in Kauf, um keine Fußgänger zu gefährden. :saint: (zumindest wenn ich allein fahre)

  • An sich dürfte die Querung des Philosophenwegs eigentlich kein großes Risiko sein, wenn dort die vorgeschrieben Radverkehrsfurt markiert und die Haltlinie entsprechend zurückgesetzt wäre.

    In westlicher Fahrtrichtung ist vor dem Philosophenweg ein benutzungspflichtiger Geh- und Radweg, danach folgt ein (recht schmaler) Gehweg mit Radverkehrsfreigabe. Gemäß VwV-StVO wäre also eine Furt zu markieren. Der entsprechenden Behörde ist der Mangel jetzt mindestens seit gut einem Jahr bekannt und nach acht Monaten Stillschweigen konnte man sich sogar dazu durchringen, den Bereich mal anschauen zu wollen:

    #5337-2021 Straße/Gehweg/Radweg | Jena Mängelmelder

    Veränderungen im Sinne der VwV-StVO sind meines Wissens jedoch noch nicht erfolgt.