Guten Tag Herr Lengemann und Herr Süselbeck,
die Hansestadt Stade darf sich nun mit Ihrem Segen als "fahrradfreundlich" bezeichnen. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie Stade mit wahrheitsgemäßen Angaben im Fragebogen zur Zertifzierung die erforderliche Punktzahl erreicht haben könnte. In ihrem Facebook-Beitrag schreibt die Stadt Stade, dass die Jury unter Anderem "die langfristige und strategische Planung der Hansestadt Stade zur Stärkung des Radverkehrs" gewürdigt habe. Reicht für eine Zertifizierung bereits eine Absichtserklärung? Nicht umgesetzte Konzepte gibt es in Stade wahrlich genug.
Verstehen Sie mich nicht falsch: Stade hat zuletzt einige Maßnahmen ergriffen, die in die richtige Richtung gehen. Der Umbau der Harsefelder Straße, der im vergangenen Jahr begonnen hat, ist sicherlich das größte Projekt, welches sich über mehrere Jahre hinzieht. Es ist klar, dass große Umbaumaßnahmen Zeit brauchen und viel Geld kosten, so dass nicht alle Defizite der Vergangenheit in kurzer Zeit aufgeholt werden können. Auch die Neubourgstraße als einzige Fahrradstraße mit der neu gebauten Verlängerung zum Schiffertor ist ein Vorzeigeprojekt, auf das die Stadt Stade stolz sein darf.
Aber sonst? In Stade werden nicht einmal geltende Vorschriften konsequent umgesetzt, oder einfache Maßnahmen, die ohne großen Aufwand schnell machbar wären. Radverkehr wird vor allem dort gefördert, wo es den Autoverkehr nicht stört, denn ein ernsthafter Wille, Radfahrer als gleichberechtigte Verkehrsteilnehmer zu behandeln, ist nicht erkennbar.
Außer an den neu gebauten Abschnitten der Harsefelder Straße erfüllen die Radwege in Stade nicht einmal die Mindestvoraussetzungen der VwV-StVO und sind weiterhin trotzdem benutzungspflichtig, auch wenn das der seit 28 Jahren geltenden Rechtslage widerspricht. Dort, wo die Stadt Stade in den letzten Jahren regelkonforme Verkehrsführungen umgesetzt hat, erfolgte das oftmals erst auf Druck der Fachaufsichtsbehörde oder nach Klage vor dem Verwaltungsgericht.
Unfallschwerpunkte bestehen seit Jahren, ohne dass Maßnahmen ergriffen werden, die Sicherheit zu erhöhen, z.B. in der Hansestraße oder am ovalen Kreisverkehr Bremervörder Straße / Schiffertorsstraße mit dem Bypass, an dem es in jedem Jahr wieder Unfälle mit Radfahrern gibt.
An zahlreichen Kreuzungen fehlen die im Zuge von Vorfahrtstraßen vorgeschriebenen Radwegfurten vollständig. Erschwerend kommen an vielen Kreuzungen Sichthindernisse hinzu, sowie die Stader Eigenart, entgegen der Empfehlungen für Radverkehrsanlagen Radwege an Kreuzungen nicht fahrbahnnah zu führen, sondern in Richtung der einmündenden Nebenstraße zu verschwenken, wodurch sich die Sichtbeziehungen weiter verschlechtern.
Die Verbesserung der Ampelschaltungen für Fußgänger und Radfahrer wird seit Jahren angekündigt, aber nicht umgesetzt. Die Dunkelampel an der Glückstädter Straße, die Ihnen bei der Befahrung gezeigt wurde, ist die erste und immer noch einzige Ampel dieser Art. An anderen Stellen stehen Sie auch nachts am Wochenende an einer leeren Straße vor einer roten Ampel, die mit der Schulwegsicherung zu einer Grundschule begründet wird. Oder Sie warten einen ganzen Umlauf auf einer Verkehrsinsel, weil die zweite Ampel, die Sie bei der umständlichen Wegführung an der Hansebrücke queren müssen, nur auf Knopfdruck grün wird.
Winterdienst auf Radwegen und wichtigen Routen des Radverkehrs wird allenfalls nachrangig durchgeführt. Das Selbe gilt für die Reinigung der Wege im Herbst, wenn glattes Laub zur Falle wird.
An Baustellen wird Radverkehr nicht berücksichtigt, sondern komplett verboten, oder man löst das Problem einfach durch das Schild "Radfahrer absteigen".
Wenn in der Altstadt Veranstaltungen stattfinden (Stadtfest, Winzerfest, Weihnachtsmarkt, ....) werden Fahrradbügel ersatzlos abgebaut, um Platz für Buden oder den Toilettenwagen zu schaffen. An Schulen findet man immer noch überwiegend die alten Vorderradhalter ("Felgenbrecher"), obwohl seit Jahren angekündigt war, Anlehnbügel aufzustellen, an denen man Fahrräder fest anschließen kann.
Am Bahnhof gibt es abgeschlossene Fahrradstellplätze nur für Dauernutzer. Obwohl die Fahrradboxen insbesondere auf der Südseite des Bahnhofs meistens noch viele freie Plätze bieten, gibt es keine Möglichkeit für Gelegenheitsnutzer, ein Fahrrad sicher unterzustellen.
Zahlreiche Einbahnstraßen sind nicht einmal dort für den Radverkehr in Gegenrichtung freigegeben, wo damit direkte und attraktive Verbindungen geschaffen werden könnten (z.B. Eisenbahnstraße).
Wegweisungen für den Radverkehr sind oft nicht durchgängig. Zum Teil zeigen Wegweiser in Richtungen, wo man gar nicht Fahrrad fahren darf oder kann. Die ausgewiesenen Ziele wirken willkürlich und nicht bedarfsgerecht. Auf Wunsch von Stade Tourismus (100% Tochtergesellschaft der Hansestadt Stade) verläuft der Elberadweg entlang einer Straße mit der größten Häufung von Fahrradunfällen, nur damit er an der Tourist-Info vorbei führt.
Eigene Aktionen, die für das Radfahren werben, gibt es nicht. Selbst das Stadtradeln wird -eher lieblos- vom Landkreis Stade organisiert und verzeichnete im Jahr 2025 in Stade entgegen dem allgemeinen Trend rückläufige Teilnehmerzahlen.
Sicherheitskampagnen werden seitens der Hansestadt Stade nicht durchgeführt. Ich kenne kaum eine andere Stadt, in der so viele Radfahrer auf der falschen Straßenseite oder auf Gehwegen unterwegs sind. Auch die Stader Polizei scheint das nicht weiter zu interessieren.
Die einzige Servicestation steht nicht nur an einem ungünstigen Platz, sondern ist auch seit langem defekt und niemand kümmert sich darum.
Die "Arbeitsgespräche Radverkehr" sind ein Feigenblatt. Konstruktive Kritik und Hinweise werden seitens der Stadt Stade regelmäßig abgewehrt oder ignoriert.
Es ist zu befürchten, dass sich Stade auf den unverdienten Lorbeeren ausruhen und nun erst recht nicht mehr auf konstruktive Kritik eingehen wird. Schließlich hat die Stadt nun die Urkunde der AGFK, fahrradfreundlich zu sein. Dabei ist fast alles, was Sie in Stade an positiven Entwicklungen gesehen haben, von engagierten Bürgerinnen und Bürgern gegen die Beharrungskräfte in Politik und Verwaltung hart erkämpft worden.
Mit freundlichen Grüßen
Yeti