Meine bisherigen Erfahrungen in Bus und Bahn in Corona-Zeiten sind:
Es ist möglich den Sicherheitsabstand einzuhalten, allerdings nicht durchgehend konsequent zu jedem Zeitpunkt, weil du beim Ein- und Aussteigen zwangsläufig den Sicherheitsabstand für einen kurzen Zeitraum unterschreitest.
Die Busse, Straßenbahnen, S-Bahnen und Nahverkehrszüge, die ich jetzt in der Corona-Phase genutzt habe, waren so leer, dass es kein Problem war einen Sitzplatz zu finden, der genügend Abstand gewährleistet hat. Allerdings war das stets außerhalb der Hauptverkehrszeit. Und du hast das Problem, diesen leeren Sitzplatz anzusteuern, weil du dann zwangsläufig an anderen besetzten Sitzplätzen vorbeigehen musst, bei dem du zwangsläufig jeweils für kurze Zeit den Sicherheitsabstand unterschreitest.
Der stets wiederholte Hinweis von verschiedenen Seiten, das Auto biete doch ganz eindeutig ein Sicherheitsplus gegen die Ansteckungsgefahr, beinhaltet eine meines Erachtens unterschätzte andere Gefahr.
Wenn es kein Problem ist, mit dem Auto irgendwohin zu fahren, dann kann ich das jetzt ja auch wieder problemlos machen. So lange das Fahrten sind, bei denen die Fahrer und Mitfahrer nirgends aussteigen, ist das rein ansteckunstechnisch sicher auch kein Problem. Allenfalls könnte man Ressourcen-Verschwendung kritisieren.
Zwar fahren viele Leute mit dem Auto einfach nur irgendwo rum, aber es gibt auch viele Leute, die mit dem Auto irgendwohin fahren, wo sie andere Menschen treffen, besonders auch solche, die sie länger nicht mehr gesehen haben. Und da möchte man es dann nicht bei einem Fuß-Berühren belassen. Und es finden längere Gespräche statt, die insbesondere bei geringen Distanzen zueinander ein hohes Ansteckungspotenzial haben.
Ich will jetzt gar nicht unterstellen, dass die alle mit ihren Autos zu Après Ski Partys im Ischgl-Style fahren. Aber es hat sich gezeigt, dass es so was in diese Richtung gibt: "Der Corona-Ausbruch in Leer ist offenbar auf eine private Feier in einer Gaststätte zurückzuführen – mit möglichen Verstößen gegen die Hygienevorschriften. Elf Personen sind bisher infiziert, die Zahl könnte noch steigen." FAZ vom 23.5.2020 https://www.faz.net/aktuell/gesell…t-16782930.html
In diesem und anderen Artikeln wird zwar sehr viel darüber spekuliert, ob Abstandsregeln oder andere Hygieneregeln nicht eingehalten wurden, aber, wie ich finde, bezeichnenderweise, wird an keiner Stelle darüber berichtet oder auch nur spekuliert, wie die Gäste dorthin gekommen sind.
Ich vermute, dass die Mehrzahl der Gäste, die an der "privaten Feier" mit anschließendem Corona-Ausbruch teilnahmen, mit dem Auto dorthin gefahren sind, denn das Auto ist ja ein "Corona-sicheres" Verkehrsmittel.
![]()
Übrigens auch in der von dir verlinkten Studie, Malte, daraufhin hast du ja selbst schon hingewiesen, geht es nicht um die Frage der Verkehrsmittelwahl der Pendler. Deshalb ist es besonders perfide, den Artikel mit einem Bahn-Foto zu schmücken, weil das den Eindruck erweckt, als seien primär ÖPNV-Nutzer für die Virus-Verbreitung zuständig.
Spannend finde ich auf dem Hintergrund der aktuellen Diskussion über einen Neustart des Flugtourismus, dass diese Ansteckungsquelle nur sehr verhalten in der Kritik steht.
Da steht weitgehend unwidersprochen die Behauptung von Tui-Deutschland-Sprecher Dünhaupt im Raum: "„Die Luft an Bord entspricht im Grunde der eines Operationssaals“. Aber selbst wenn das zutrifft. Was die Flugtouristen nach dem Aussteigen bis zum Wiedereinstieg machen, kann Dünhaupt nicht wissen und auch nicht beeinflussen, auch nicht mit der von ihm hochgelobten Flugzeug-Klimaanlage.
Hier fand die "private Feier" in der Alten Scheune statt:
https://www.google.com/maps/@53.3160185,7.5120207,16.5z
Und hier ist der Fahrplan der Linie 481, der die in der Nähe des Lokals gelegene Haltestelle Jheringsfehn, Neuebeek anfährt. Immerhin es gibt eine Busverbindung. Letzte Abfahrt ist um 18:52 h bzw. um 19:58 h in Gegenrichtung. Deshalb vermute ich, dass die Gäste überwiegend mit dem Auto angereist sind.
Link zum Fahrplan: https://www.weser-ems-bus.de/weseremsbus/vi…lg_20190815.pdf