Für Christen ist es wohl das Idealbild des schuldlosen Opfers: So wie Jesus ohne Schuld gekreuzigt wurde, soll sich die Ukrainische Bevölkerung von der russischen Armee abschlachten lassen. Wer geschlagen wird, soll bibelgemäß auch die andere Wange hinhalten. Wer selbst vor der Wahl steht, soll das meinetwegen tun. Aber vom warmen weichen Sofa aus zu fordern, dass andere sich ohne Gegenwehr vernichten lassen, ist nicht die Lösung sondern Teil des Problems.
Es gibt auch andere christliche Traditionen, etwa die, dass Christen die verdammte Pflicht haben, im Heiligen Krieg ihr Leben dran zu geben, schließlich habe ja auch Jesus sein Leben hergegeben. "Gott will es", war das mittelalterliche Kreuzzug-Motto mit dem andere Menschen abgeschlachtet wurden. Bibel-gemäß war das so wenig, wie der von Ihnen beschriebene Wohlstand-Pazifismus.
Vom warmen Sofa aus zu fordern, dass andere sich abschlachten lassen sollen, dass es einem selbst weiter gut geht, hat nichts mit Pazifismus zu tun.
Und wenn ich mir dann die Brandreden von FDP-Politikern anhöre, denen einerseits die Aufrüstung nicht weit genug gehen kann, und die andererseits ein Tempolimit radikal verneinen, obwohl es dazu beitragen könnte, Energie-Importstopps möglich zu machen, dann frage ich mich, mit welcher Berechtigung ein Alexander Graf Lambsdorff die Teilnehmer am Ostermarsch als "Fünfte Kolonne Putins" beschimpft. https://www1.wdr.de/nachrichten/la…kraine-100.html
Ich hatte schon weiter oben an Simone Weil erinnert. Vielleicht ist das ein bisschen untergegangen?
"1936 geht Simone Weil nach Spanien, um sich dem Kampf sozialistischer Truppen gegen die Putschisten unter General Franco anzuschließen. Sie kämpft nicht selbst an der Front (dazu fehlt ihr die als notwendig erachtete Körperkraft), erlebt jedoch aus nächster Nähe, wie die Erfahrung von Gewalt und Tod die Menschen verändert. Weil beschreibt die Kraft der Gewalt in ihren Schriften als „Verdinglichung“ und hebt hervor: Diese Wandlung könne nicht nur jene treffen, die Gewalt erleiden – im extremsten Fall sogar sterben und nurmehr wie ein lebloses Objekt erscheinen mögen –, sondern sie betreffe in gewisser Weise auch jene, die sie ausüben.
In diesem Sinne habe Gewalt „einen Doppelaspekt der Entmenschlichung“, so Eilenberger. Weil habe die Beobachtung gemacht, „dass es einen dunklen Sog im menschlichen Wesen gibt, der diese Gewalt auf Seiten des Ausführenden in eine Form der Blindheit übergehen lässt, dass man den, dem man Gewalt antut, überhaupt nicht mehr als Menschen in seiner Verletzlichkeit wahrnimmt und sich damit auch selbst als Mensch vergisst und entfremdet“."
Und solche Gedanken können denen nicht durch den Kopf gegangen sein, die voll Freude aufgesprungen sind von ihren Parlamentssitzen als Scholz seine großkalibrige Bundeswehrfinanzspritze angekündigt hat. Und die sich jetzt das Maul darüber zerreißen, dass die Menschen immer noch und in diesem Jahr deutlich mehr Menschen als im letzten Jahr zu Ostermärschen gehen, wo die Ostermarschierer*innen ganz gewiss nicht in warmen Sesseln zusammengehockt haben.