Um in der gefordert kurzen Zeit im geforderten Ausmaß CO2 einzusparen, müssten wir derart massiv in Binnen- und Weltwirtschaft eingreifen, dass ein vollständiger und Jahre andauernder Zusammenbruch des Welthandels vorhersehbar ist, gegen den die Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre Kindergeburtstag war. (...)
Fehlt jetzt nur noch der Hinweis, dass sämtliche Forderungen nach einer Verkehrs- und Wirtschaftswende rein "ideologiegesteuert" seien und deshalb nicht weiter ernst genommen werden dürften.
Selbstverständlich - halte ich dem entgegen - ist eine Verkehrswende ebenso möglich wie nachhaltiges Wirtschaften. Wir sind nicht dazu verdammt, uns zu ruinieren und uns und unseren Kindern und Enkel die Lebensgrundlagen zu entziehen.
Und dieses Umsteuern führt auch nicht zu einer Weltwirtschaftskrise. Im Gegenteil: Ein Umsteuern ist notwendig, um eine Weltwirtschaftskrise, und noch mehr Krieg und Gewalt zu verhindern.
Ich nehme als Beispiel immer gerne und immer wieder die Möglichkeit, durch Tempolimits und der Reduktion der Verkehrsinfrastruktur für den Autoverkehr zugunsten von Fußverkehr, Radverkehr und ÖPNV eine Verkehrswende herbeizuführen, die niemandem schadet, allen nutzt und außerdem noch immense Staatsfinanzen einspart, die dann andernorts sinnvoll verwendet werden können.
Max. Tempo 60 auf Landstraßen, max. Tempo 80 auf Autobahnen, ÖPNV ganz klar vorrangberechtigt, zum Beispiel durch entsprechende Haltestellengestaltung, sodass beim Halten des Omnibusses keine Autos an dem Bus vorbeifahren können, während die Fahrgäste ein- und aussteigen. Was übrigens sehr viel schneller vonstattengeht, wenn wie in Hannover die Busse 3 (Solobus) bzw. 4 Türen (Gelenkbus) haben, alle Türen zum Ein- und Aussteigen freigegeben sind und der Busfahrer vom Fahrkartenverkauf und der Fahrkartenkontrolle entlastet ist. (Das mit dem Fahrkartenverkauf ist in Hannover noch Aufgabe des Busfahrers, in Oldenburg aber gibt es dafür Automaten im Bus.)
Warum mir das gerade jetzt in den Sinn kommt? Vorgestern fuhr ich in Hameln bei einem Bus mit, weil die mittlere Tür mir am nächsten war und da gerade Fahrgäste ausstiegen, stieg ich dort ein und wurde prompt vom Fahrer angebrüllt: "Vorne einsteigen und Fahrkarte vorzeigen!". Da sowieso keine anderen Fahrgäste einstiegen, bin ich im Bus nach vorne gegangen, was der Fahrer wohl schon für impertinent hielt. Aber ich kenne diese "Fahrerbrut": Steigst du dann hinten wieder raus, um vorne einzusteigen, dann macht er alle Türen zu und fährt vorher ab. Als ich ihm dann mein 9-Euro-Ticket zeigte und sagte, in Hannover sei es üblich, auch die hinteren Türen zum Einsteigen zu nutzen und die Hamelner Gepflogenheiten seien mir neu, konnte ich ihn halbwegs beruhigen.
Übrigens: Auch das ist eine Maßnahme, für die nicht viel Geld ausgegeben werden muss, nämlich Busfahrer zu Menschen zu machen, die Fahrgäste als Menschen akzeptieren und nicht für "Beförderungsfälle" halten. (Beförderungsfälle = Amtsdeutsch in Verkehrsbetrieben). Und wir schlittern auch nicht in eine Weltwirtschaftskrise damit, dass Busfahrer sich ein wenig menschlicher verhalten.
(Kleiner Genderhinweis: Tatsächlich ist es nach meiner Erfahrung so, dass Busfahrerinnen sich in der Regel den Fahrgästen gegenüber rücksichtsvoller und verständnisvoller verhalten!)