"„Es kann aber an der Witterung gelegen haben“, sagte die Sprecherin. „Da müssen wir erst prüfen.“ Auch Unfallbeteiligte berichteten nach Angaben mehrerer Medien, sie seien von der Sonne geblendet worden, außerdem sei plötzlich Nebel aufgezogen."
So steht es in dem von dir verlinkten Artikel im letzten Absatz, quasi als Resümee. Die zulässige Höchstgeschwindigkeit spielt nach Angaben der zuständigen Verkehrsbehörden keine Rolle und in den Augen der Autofahrer*innen ohnehin nicht.
Was stattdessen ausschlaggebend angeblich ist, steht in dem anderen von littlet verlinkten Artikel:
Zitat: "Auf dem Streckenabschnitt galt fast 20 Jahre lang Tempo 130. Nach einem Ausbau der Autobahn war dieses Tempolimit im März dieses Jahres aufgehoben worden." Zusammengefasst: Je breiter die Straßen, umso sicherer sind sie, nach Einschätzung vieler Verkehrsbehörden. Breite Straßen sind quasi angewandte Unfallverhütung.
So gesehen macht es wenig Sinn, niedrigere Tempolimits zu fordern. Zumindest nicht, wenn man versucht, das als Unfallverhütungsmaßnahme zu begründen. Vielmehr besteht die Gefahr, dass der Hinweis auf Unfallschwerpunkte dazu führt, dass die betroffenen Straßen verbreitert werden.
Den Ausbau-Befürwortern (nicht aber den Befürwortern niedriger Tempolimits) spielt es in die Hände, wenn auf Unfallschwerpunkte hingewiesen wird. Das ist ein schon viele Jahrzehnte altes und immer noch funktionierendes Schurkenstück der Autobesitzenden Klasse.
Hier ein paar Vorabinformationen zu einem Spiegel-Artikel-Absatz von 1956 (sic!), in dem es darum geht, mit welchen Widerständen der damalige CDU-Verkehrsausschussvorsitzende und CDU-Mitglied Rümmele zu kämpfen hatte, als er versuchte, in Deutschland erneut generelle Tempolimits festzulegen. Zur Erinnerung: von 1934 bis 39 hoben die Nazis die bis dahin geltenden Tempolimits auf. Autobahnbau und Tempolimit, das passt nicht zusammen, dachte man wohl. Ab Kriegsbeginn galt dann: Wir dürfen keine Menschenleben mehr im Straßenverkehr verlieren, wir brauchen Soldaten und deshalb wieder Tempolimits im Straßenverkehr.
1953 wurden im Zeichen der Massenmotorisierung erneut, diesmal nicht von den Nazis, sondern von der Adenauer-Regierung, sämtliche generellen Tempolimits aufgehoben.
1956 jedoch unternahm CDU-Verkehrsausschuss-Vorsitzende Oskar Rümmele aufgrund rapide ansteigender Unfallzahlen einen Vorstoß für die Wiedereinführung von generell geltenden Tempolimits und erreichte 1957 immerhin die Einführung von Tempo 50 innerorts. Unterstützt wurde Rümmele vom damaligen Verkehrsminister Hans-Christoph Seebohm, damals Mitglied der weit rechts angesiedelten "Deutschen Partei".
Und jetzt das Spiegel-Zitat von 1956:
"Noch deutlicher umreißt Müller Hermanns SPD-Kollege Helmut Schmidt [der spätere Bundeskanzler] die Ursachen der hohen Unfallziffern: »Rümmele sollte sich in erster Linie darum kümmern, daß endlich die Straßen verkehrsgerecht ausgebaut werden.«
Die SPD legte ein Gesetz vor, mit dessen Hilfe ein Straßenbaufonds - aus dem Aufkommen der Mineralölsteuer, der Mineralölzolle und der Kraftfahrzeugsteuer - gebildet werden soll. Allein für den Ausbau der Durchfahrtstraßen in den Großstädten werden 25 bis 30 Milliarden Mark benötigt. Der Ausbau der Durchfahrtstraßen ist besonders wichtig, denn dort ereigneten sich im vergangenen Jahr wegen der Verdichtung des Verkehrs trotz örtlicher Geschwindigkeitsbegrenzungen 84 Prozent aller Verkehrsunfälle. Vordringlich ist der verkehrsgerechte Ausbau des gesamten bundesdeutschen Straßennetzes:
- Verbreiterung der Bundesstraßen auf drei Fahrbahnen,
- bessere Gestaltung der Fahrbahnoberfläche und ausreichender Winterdienst,
- Beseitigung unübersichtlicher Stellen, Anlage von getrennten Radfahrwegen."
Spiegel-Ausgabe vom 16.10.1956
[Anmerkung von mir]
Diese Straßenausbau-Orgie, inklusive der Anlage von Radverkehr-separierenden Radwegen, wurde also keineswegs nur damit begründet, dass Verbesserungen für den motorisierten Fahrzeugverkehr angestrebt wurden, sondern es wurde quasi überhöht zu einer Politik gegen Rechts. Frei nach dem Motto: Wer Tempolimits fordert, ist ein verkappter Nazi.
Entschuldigung bitte für den etwas ausufernden langen Beitrag, aber ich finde es wichtig, über diese Propaganda-Lüge Bescheid zu wissen, um gegenwärtige Diskussionsbeiträge besser einordnen zu können. Insbesondere die unseligen Nazi-Vergleiche, die von manchen angestellt werden, wenn sie gegen die Forderung der Grünen nach niedrigeren Tempolimits polemisieren und oft auch regelrecht hetzen.
Noch mehr Informationen dazu findet man auch hier:
Die von littlet verlinkten Artikel zeigen, dass die Propaganda-Lüge von den breiten Straßen, die angeblich Unfälle verhüten, nach wie vor virulent ist.