Warum muss man denn beim Fahrradfahren immer mit irgendwem "mithalten"? Der Alltagsverkehr ist doch keine Sportveranstaltung.
Muss man in der Tat nicht, aber das Gefühl immer nach hinten durchgereicht zu werden, verstärkt sich bei den Nutzer*innen "normaler" Fahrräder, wenn zunehmend mehr Pedelecs am Start sind. Und das führt dann entweder zu dem Entschluss, dass es einem egal ist, immer nach hinten durchgereicht zu werden. Diese "Egal-Haltung" muss man aber auch erst mal mental hinbekommen. Oder es führt dazu, peu à peu auszusteigen aus dem Fahrradfahren oder es führt zur "Aufrüstung", also das alte Fahrrad ohne Hilfsmotor ersetzen durch ein neues mit eingebautem Rückenwind.
Mein ganz persönliches Erlebnis in dieser Hinsicht war eine Fahrradtour an einem windigen Tag an der Küste, die ich nur deshalb unternommen habe, weil ich auf ein Pedelec zugreifen konnte. Ohne E-Motor-Unterstützung hätte ich die Tour entweder erst gar nicht unternommen oder sie wäre deutlich kürzer ausgefallen. Das wäre letztlich auch nicht weiter schlimm gewesen, aber auf dem Dünenweg gegen den Wind radeln und ständig von Pedelec-Fahrenden überholt werden ist weniger spaßig, als in etwa mit dem Tempo der anderen mithalten zu können.
Wenn erst mal alle mit Pedelec unterwegs sind, dann kann das dazu führen, dass sich die bislang unterschiedlichen Tempi stärker aneinander angleichen, als das früher der Fall war, als alle noch Bio-Bike fuhren. Die unterschiedliche Fitness schlägt sich dann nur noch im unterschiedlichen Stromverbrauch nieder. Und vielleicht ist das ja auch der eigentliche Grund dafür, dass man richtigerweise von einem Pedelec-Boom sprechen muss und nicht so allgemein von einem E-Bike-Boom. Bei Partnerschaften habe ich das schon hin- und wieder herausgehört, dass der Spaß größer ist, gemeinsam eine Fahrradtour zu unternehmen, wenn beide E-Bike fahren statt Bio-Bike, wo dann eine*r naturbedingt langsamer unterwegs ist als die*der andere. Je nach Unterschiedlichkeit des Fitnessstandes gibt es auch die Kombi Pedelec - Bio-Bike.
Aufhalten kann diese Verwandlung des alten Fahrrades (Bio-Bike) zum neuen Fahrrad (mit Elektromotorunterstützung) vermutlich niemand. Den Anspruch will ich gar nicht erst erheben. Es hätte vermutlich auch niemand die Entwicklung aufhalten können, dass Fahrräder zunehmend mit Gangschaltungen ausgestattet werden. Ich datiere das mal so auf die späten 1960er und 1970er Jahre. Genauso hatte auch der Leerlauf noch früher seinen Siegeszug angetreten. In Frankreich zum Beispiel allerdings weitgehend ohne und in Deutschland mit Rücktritt.
Aber spannend ist es schon zu schauen, ob die Pedelec-Entwicklung (mit Tretunterstützung bis max. 25 km/h) ein endgültiger Höhepunkt oder zumindest ein länger anhaltender vorläufiger Endpunkt der Fahrradentwicklung sein wird. Immerhin hat die Innovation Gangschaltung rund 50 Jahre angehalten, bevor mit dem E-Motor-Hilfsmotor jetzt eine weitere wesentliche Innovation großflächig dazu kommt.