Ich entführe das einmal aus dem Corona-Nachbarthread:
Wobei mir so viel eigentlich gar nicht fehlt
Vielleicht ist „Fehlen“ der falsche Ausdruck, aber es wird ja langsam lästig. Wir wollten eigentlich am 22. Mai heiraten, das steht auch weiterhin nicht zur Disposition, aber wir sind uns überhaupt nicht im Klaren, ob wir nun eigentlich Gäste mitbringen dürften oder nicht.
Um Ostern herum war plötzlich die Rede davon, dass Feiern mit bis zu 100 Gästen möglich wären und Hochzeiten sowieso, dann waren Hochzeiten nur im engsten Familienkreis mit den absolut notwendigen Gästen möglich, dann galt die Regelung plötzlich nicht mehr für Hochzeiten, sondern für Eheschließungen, und wenn man beim Amt anruft oder eine Mail schreibt, bekommt man jedes Mal eine andere Antwort.
Momentan lautet die Regelung:
(2) Der Aufenthalt im öffentlichen Raum ist nur allein, in Begleitung von im selben Haushalt lebenden Personen und einer weiteren Person gestattet. Kontakte zu anderen als den in Satz 1 genannten Personen sind auf ein absolut notwendiges Minimum zu reduzieren und es ist, wo immer möglich, ein Mindestabstand von mindestens 1,5 Metern einzuhalten.
(3) Öffentliche und private Veranstaltungen sowie öffentliche Zusammenkünfte und Ansammlungen jeglicher Art mit mehr als den in Absatz 2 genannten Personen sind untersagt.
(…)
(7) Ausgenommen von den Verboten nach Absatz 2 und 3 sind ferner Bestattungen und Eheschließungen. Diese sind jedoch auf das unbedingt notwendige Maß an Teilnehmern zu beschränken.
Mit Eheschließung ist aber keine Hochzeit im umgangssprachlichen Sinne mit allem drum und dran gemeint, sondern nur die eigentlich 20-minütige, momentan offenbar auf fünf Minuten zusammengekürzte Zeremonie im Standesamt. Das letzte Wort hat aber natürlich die Standesbeamtin oder der Standesbeamte, nach meiner Kenntnis durften in der Vergangenheit noch nicht mal Trauzeugen mit rein. Wie das am 22. Mai aussieht, lässt sich 14 Tage vorher noch nicht mal ansatzweise vermuten: Findet die Trauung überhaupt statt oder stecken wir schon im nächsten Lockdown? Dürfen Trauzeugen, Eltern, sogar ein Fotograf mit rein? Dürfen wir die Trauung als Video aufzeichnen?
Danach ist die Eheschließung aber in jedem Fall vorbei, aus dem Trauzimmer die Treppe hinunter raus auf den Rathausmarkt gelten dann wieder die einschlägigen Regeln: Anderthalb Meter Abstand. Ab dem 18. Mai dürfen sich dann sogar Angehörige zweier Haushalte treffen, was bei einer Hochzeit im Regelfall aber nichts ändert, denn da sind wir ja insgesamt drei Haushalte, ihre Eltern, meine Eltern, wir.
Bei der gestrigen Pressekonferenz über die Konktaktverbote nach dem 18. Mai hieß es dann:
Ein Regierungssprecher erläuterte auf Nachfrage nach der Rede, welche Veranstaltungen damit unter anderem gemeint seien: Gemeindevertretersitzungen, Seminare, Unterricht, kulturelle Lesungen und Talkrunden. Eine Hochzeit, bei der gefeiert, getanzt wird, man eng zusammenkommt – das ginge dann nicht und wäre auch unverantwortlich, so der Regierungssprecher.
Der Plan war bislang, sich mit den direkten Angehörigen im Garten aufzuhalten und jedenfalls noch gemeinsam Mittag zu essen. Natürlich alles mit gebührendem Abstand, wohl aber unter der Prämisse der aktuellen Kenntnisse, dass der Aufenthalt im Freien dem Virus die Übertragung verleidet. Wenn es regnet, wären wir nicht ins trockene Wohnzimmer gegangen, sondern nach Hause gefahren.
Aber gut, es klappt nicht, es ist verboten, es ist unvernünftig, also lassen wir es im Zweifelsfall sein. Die Hochzeit zu verschieben ist ein bisschen witzlos, denn obwohl es vom Gefühl her beinahe ein bisschen egal ist, ob man nun verheiratet ist oder „nur“ zusammen, es führt uns ja auch nicht so richtig weiter. Momentan gibt es zwar Ausweichtermine ohne Ende, weil viele Hochzeiten tatsächlich auf das nächste Jahr verschoben wurden, aber so sieht es im Kalender des Standesamtes für das nächste Jahr eben auch aus: Voll. Dann bekommt man mit Glück irgendeinen 8-Uhr-Termin zu irgendeinem Datum, das man womöglich erst zwei Wochen vorher erfährt, weil aus gesundheitlichen Gründen eine Trauung ausfällt oder einer der Partner kalte Füße bekommen hat. Zwei Wochen sind allerdings ein sehr ambitionierter Zeitraum für die Planung einer Hochzeit.
Also heiraten wir im Zweifelsfall allein, falls sich nichts gegenteiliges ergibt. Wir leben nunmal in Interessanten Zeiten, die Großeltern würden sicherlich wieder behaupten, „im Kriech hamm wa auch allein geheirat, da war nicht mal der Pfaff dabei“, aber ich sehe noch ein paar Unterschiede zwischen einer Corona-Pandemie und dem Krieg.
Alles soweit okay: Wir verzichten auf den ganzen Kram drumherum und unsere Familien werden sich immerhin nicht bei unserer Hochzeit anstecken, falls jemand den Virus aus der Bahn mitbringen sollte.
Ich hoffe nur, dass es nicht allzu komisch wird, wenn wir dann nach der eigentlichen Trauung alle wieder brav nach Hause gehen, während die Innenstadt gerammelt voll ist, die ersten Restaurants wieder Außengastronomie betreiben und IKEA schier endlose Schlangen auf dem Parkplatz flechtet.
Das sind dann diese Momente, in denen ich mich sehr zusammenreißen muss, diese ganzen Lockerungen nicht für allzu seltsam zu halten. Einen Tag vor unserer Hochzeit ist übrigens Vatertag — SARS-CoV-2 freut sich bestimmt schon mega.