Die Angst einiger, das wäre jetzt der neue Superfaschismus und Beginn der dauernden Diktatur, ist aus drei Gründen hanebüchen: erstens sind gar keine neuen einschränkenden Gesetze verabschiedet worden, nur bestehende (sehr mild) umgesetzt worden, zweitens sind die Maßnahmen auf die Dauer der Epidemie begrenzt, und drittens wäre es für die Bürger ein Leichtes, einfach rauszugehen und das ganze zu beenden, wenn die Bedrohung vorbei, aber die Maßnahmen nicht eingestellt werden sollten. Das ist ja ein fest definiertes Problem - sobald die Zahlen fallen, die Krankenhäuser sich leeren, die Schutzausrüstung vorhanden und evtl. sogar Medikamente entwickelt sind, kann und wird niemand den Zustand aufrechterhalten - einfach weil kein Bürger mehr Angst hat, ihn zu brechen, da die konkrete Gefahr dann - anders als aktuell - nicht mehr existiert.
Nein, das Erstarken von Faschismus und Diktatur befürchte ich nun auch nicht direkt. Ich befürchte eher, dass Werkzeuge wie die Handy-Ortung, die ja im Eilverfahren implementiert werden soll, wieder die üblichen Begehrlichkeiten wecken und schließlich aus dem Kontext des Infektionsschutzgesetzes herausgelöst werden. Diese Begehrlichkeiten waren ja bei Bundesjustiz- und Innenministern zuverlässig zu erkennen, wenn es in der Vergangenheit um Internetsperren gegen Kinderpornographie ging oder das Fotografieren von Kfz-Kennzeichen in Section Control: Wenn man diese Werkzeuge hat, warum sollte man sie nicht zur Verbrechensbekämpfung nutzen?
Klingt doch eigentlich gar nicht mehr so übel, oder? Ich denke wir können durchaus mal einen Monat auf Parkbänke bei -5 bis +15 Grad Celsius oder Tischtennisplatten verzichten. Zumindest, wenn die Alternative ist, dass man beim Verlassen des Hauses von der Polizei aufgegriffen und in Quarantänelager verbracht wird. Die allermeisten Leute halten sich ja auch daran, weil sie instinktiv merken, dass lebenslang vernarbte Lungen und eine tote Oma schwerer wiegen als mal einen Monat Pause zu machen und ein paar weitere Monate vorsichtiger zu sein.
Ganz bestimmt können wir darauf verzichten, das wollte ich gar nicht zur Diskussion stellen. Ich finde nur, das sollten wir dann auch entsprechend kommunizieren, beziehungsweise in den Regelungen des Infektionsschutzes festhalten. Mit meinem — hoffentlich — gesunden Menschenverstand ginge ich nämlich davon aus, dass das Verweilen auf einer Sitzbank in Ordnung ist, ganz egal, ob ich mir dazu ein Buch bereit lege oder die Blumen bestaunen möchte wie Ferdinand der Stier. Hier oben in Schleswig-Holstein wird nach meiner Kenntnis immer noch der Aufenthalt im Freien zur Stärkung des Immunsystems und zur Vorbeugung gegen Depressionen empfohlen und nach meiner Kenntnis ist es außerhalb von Berlin auch unproblematisch auf einer Bank zu sitzen.
Wäre wie in Frankreich nur ein Spaziergang im Radius von einem Kilometer erlaubt, dann wäre mir angesichts dieser durchaus drastischen Maßnahme klar, dass ich wohl nicht unnötig lange im Freien sitzen sollte.