B 203: Drehwurm-Lastkraftwagen absteigen

  • Tja, manchmal laufen die Sachen auch etwas blöde. Eigentlich wollte ich in drei Stunden mit meinem schneeweißen Bike Richtung Niebüll aufbrechen, um dort mit meinen in der Bahn anreisenden Kommilitonen die letzten 70 Kilometer Richtung Rømø mit dem Rad zu absolvieren. Schon die gestrige Teilstrecke von hundert Kilometern musste ich aber ungeplant aus terminlichen Gründen mit dem Rad hinten auf dem Auto zurücklegen und jetzt gibt’s plötzlich eine Sturmwarnung mit starken Regenfällen und Orkanböen. Alltagsradelei hin oder her, das ist nicht das richtige Wetter, um insgesamt über 160 Kilometer abzureißen. Mal sehen, wie das Wetter morgen Vormittag wird, so richtig Hoffnung habe ich aber nicht.

    Whatever, so bleibt ja Zeit für eine kleine Geschichte.

    Die ersten 20 Jahre meines Lebens habe ich ja sozusagen in der Provinz verbracht, ungefähr dort, wo sich der Nord-Ostsee-Kanal mit der Bundesautobahn 7 kreuzt. Ja, genau mit ebenjener Rader Hochbrücke, die letzten Sommer aufgrund von baulichen Mängeln zu baustellenbedingten Staus im Wochenendverkehr führten, teilweise verzögerte sich die Fahrt in den Urlaub um bis zu sechs Stunden. Das war total fies, weil nämlich keine Lastkraftwagen und ähnlich schwere Fahrzeuge über die Brücke fahren sollten, die Lastkraftwagenfahrer aber natürlich auf die Beschilderung pfiffen und deshalb die Polizei mit rund um die Uhr besetzten und nur langsam auf einem Fahrstreifen zu durchfahrenden Kontrollpunkten die Einhaltung der Straßenverkehrs-Ordnung kontrollieren musste. Dummerweise ist seit über zwei Jahren die einzige alternative Querung in dieser Gegend, nämlich der Kanaltunnel auf der parallel verlaufenden Bundesstraße 77, ebenfalls aufgrund von Bauarbeiten nur bedingt befahrbar, so dass man je nachdem, auf welcher Seite des Kanals man wohnte, für Strecken bis zu fünfzig Kilometer mit dem Rad deutlich schneller war als mit dem Auto.

    Ich fand’s ganz witzig.

    Man kann über das entlegene Büdelsdorf, das zwischen Rendsburg und der Autobahn liegt, geteilter Meinung sein. Die einen wollen hier wohnen, weil der Kanal mit seinen Traumschiffen direkt vor der Tür steht, die anderen bevorzugen den Ritt auf der Bundesstraße 203, um den Ort möglichst schnell und unbeschadet zu durchqueren. Nun ist witzigerweise, man hielt das wohl früher mal für eine gute Idee, die Strecke zwischen Büdelsdorf und dem Autobahnanschluss mit insgesamt vier Kreisverkehren gespickt — bei einer außerorts gelegenen Strecke von 2,5 Kilometern halte ich das schon für relativ viel. Erst wurde am Ortsausgang ein Kreisverkehr errichtet, um eine Kreuzung zu entschärfen, dann wurde der Autobahnanschluss umgebaut, so dass für jede Zufahrt ein Kreisverkehr angelegt wurde, dann dachte man sich, naja, ein vierter passt ja auch noch hin und setzte einen weiteren Kreisverkehr ungefähr in die Mitte, um ein Gewerbegebiet anzuschließen. Man kriegt echt einen Drehwurm, wenn man bis zur Autobahn will.

    Das Problem ist nun, dass jene Strecke mit vier Kreisverkehren zu den ausgewählten Teststrecken für Gigaliner, also die überlangen Lastkraftwagen gehört. Zwischen dem Gelände der Firma ACO in Büdelsdorf und Neumünster fahren hin und wieder mal ein paar Lastkraftwagen hin und her und das ist dann immer ganz possierlich: Die Teile sind natürlich viel zu lang für so einen Kreisverkehr. Außerdem mussten die Lastkraftwagen früher in Büdelsdorf auf einer recht engen Kreuzung abbiegen, was inzwischen offenbar entschärft wurde, indem das Gelände von der anderen Seite angefahren wird; da bin ich mir allerdings nicht ganz sicher.

    Na gut, die Lastkraftwagen passten kaum durch den Kreisverkehr, die ganzen zusätzlichen umgeleiteten Transporte während der gesperrten Rader Hochbrücke machten dem Fahrbahnbelag ebenfalls zu schaffen, nun gibt es noch das Problem, das relativ häufig Schwertransporte durch den Ort geführt werden. Ich nehme mal an, hier werden Windmühlenteile bewegt, gesehen habe ich das allerdings noch nie, aber offensichtlich ist das jedes Mal so ein Drama, dass man sich fragt, warum man solche engen Kreisverkehre denn gebaut hat. Wusste man nicht vorher, dass dort kein Schwertransport mehr durch passt?

    Weil nämlich die Kreisverkehre auf gar keinen Fall auch nur ansatzweise um die Kurve kommen, musste das Straßenbegleitgrün gestutzt werden, dazu wurde außerdem eine Art mobile Straße neben der eigentlichen Fahrbahn ausgelegt. Und das ist dann der Punkt, an dem die Sache im wahrsten Sinne des Wortes den Radverkehr berührt:

    Der ohnehin schon durch die mangelhafte Qualität eines typischen schleswig-holsteinischen außerörtlichen Fahrradweges gemaßregelte Radverkehr darf sich hier noch seinen Sonderweg mit Schwertransporten teilen. Man beachte das Bombardement mit Leitbaken, die in beliebige Richtungen zeigen, sowie die abgesägten und in Fußplatten wieder aufgestellten Verkehrszeichen:

    So ein Schwerlastverkehr kommt offenbar auch wirklich um gar keine Kurve rum. Da hätte man ja aus praktischen Gründen auf den lustigen Aufbau in der Mittelinsel der Kreisverkehre verzichten und stattdessen eine entfernbare Absperrung wählen können, so dass die Schwertransporte gegebenenfalls geradeaus weiterfahren können. Das wiederum hätte wieder ein Problem aufgeworfen: Wie macht man’s dem normalen Autofahrer begreiflich? Der wäre ja, wenn er den Kreisverkehr zu spät erkennt, einfach mittig durch die Absperrung gebrettert — was dann wiederum weiter zu der nächsten Frage führt: Hätte man sich den ganzen Kram nicht ohnehin einfach schenken können?

    So, jetzt endlich zum Radverkehr:

    Ah, Pardon, gemeint war das hier:

    Das sind Aufnahmen aus dem Herbst 2012, damals wechselte tatsächlich täglich die Position des [Zeichen 205] - [Zeichen 240] -Verkehrsschildes. Eines Abends kam ich sogar mal dort vorbei, da lag es gerade mitten auf der Fahrbahn, vermutlich vom Wind umgestoßen. Sowas passiert eben, wenn man so ein langes Ding auf zu wenig Fußplatten aufstellen möchte. Allerdings hielt ich es damals für sinnvoller, das Schild wieder aufzurichten, anstatt erstmal ein Foto zu schießen.

    Etwas weiter an der Büdelsdorfer Ortsgrenze fand man das damals auch ganz witzig:

    Auf den Schildern, die von hier aus nicht zu erkennen sind, stehen lediglich Weisheiten wie „Radfahrer absteigen“ und ähnliches:

    Und die Sache mit den abgesägten Schildern ist noch dreifach lästig, die erfordert nämlich einiges an Konzentration von demjenigen, der den Kram danach wieder aufstellen muss. Und glaubt ja nicht, dass das ein lustiges Versehen oder ein Streich von frechen Jungs war, nee, das stand dort wochenlang so herum:

    Für den Radverkehr ist das natürlich, naja, etwas lästig. Okay, es sind vier präperierte Kreisverkehre auf 2,5 Kilometern, das heißt, man muss im Durchschnitt alle 800 Meter absteigen und schieben. Fahren kann man auf den blöden mobilen Straßen nur bei gutem Wetter, im Regen wird das gleich so glitschig, dass [Zusatzzeichen 1012-32] eigentlich gar nicht mal die allerschlechteste Idee ist — wenn man sich nicht auch zu Fuß beinahe neben das Rad gelegt hätte. Für einige renitenten Hardcore-Radfahrer, über die man in der Zeitung immer so viel liest, war der Unfug natürlich Grund genug, die Kreisverkehre immer auf der Fahrbahn zu durchqueren. 2012 war das! Das muss man sich mal vorstellen, damals wussten die meisten Kraftfahrer noch nicht einmal, dass es so etwas wie Fahrräder überhaupt gibt, wenn man da als Fußgänger versucht hat, außerorts sein Vorrecht gegenüber aus dem Kreisverkehr ausfahrenden Fahrzeugen wahrzunehmen, fand man sich anschließend im Krankenhaus wieder, entweder aufgrund eines Unfalls mit dem Kraftfahrzeug oder einer mit den Fäusten ausgetragenen Meinungsverschiedenheit mit einem rechtzeitig bremsenden Kraftfahrer. Damals im Kreisverkehr zu fahren gab immer wieder ein Hupkonzert, außerdem befand fast jeder Kraftfahrer, der an der Einfahrt des Kreisverkehrs wartete, dass ein innen fahrender Radfahrer, der sich ja offenbar nicht an die Verkehrsregeln hält, auch keine Vorfahrt haben könne. Donnerwetter! Ich habe mir am dritten oder vierten Tag abgewöhnt, diese Strecke zu fahren, und bin stattdessen auf einen Umweg ausgewichen, der aber auch nicht gerade besser zu fahren war.

    Nun war witzigerweise eine ganze Zeit lang Ruhe, irgendjemand hat die mobile Straße beiseite geräumt, offenbar waren im letzten Jahr keine Schwertransporte geplant. Seit ein paar Wochen geht’s aber wieder los:

    Dieses Mal ist wenigstens ein Teil des Radweges befahrbar, wenngleich auf dem lustigen Kärtchen unter dem Schild natürlich „Radfahrer absteigen“ aufgedruckt wurde:


    Ansonsten hätte ich mir vielleicht doch erst einmal eine Warnweste zugelegt, um gegen fünf Uhr morgens als militanter Fahrbahnradler nicht gleich wieder „übersehen“ zu werden (als ob’s hilft…). Mit zwanzig Kilogramm Gepäck verlängert sich womöglich der Bremsweg etwas, das muss man ja nicht gleich ausprobieren.

    Ich bin allerdings gespannt, wie sich die Radwegoberfläche in den nächsten Wochen entwickeln wird. Die wird ja dieses Mal nicht von der mobilen Straße geschützt, sondern liegt, was ja erst einmal nicht so ganz schlecht ist, dieses Mal frei. Wenn man sich allerdings überlegt, wie sich angesichts eines Radweges, auf dem jahrelang normalschwere Personenkraftwagen parken, ein Radweg entwickeln wird, der direkt von Schwertransporten frequentiert wird, kann sich die Sache ziemlich schnell zum Schlechten entwickeln.

    Und nun merke ich gerade, dass trotz vieler langer Sätze keine so rechte Diskussionsgrundlage entstehen mochte. Was soll’s, ich schick’s jetzt ab und mache mich eventuell mal langsam auf den Weg. Vielleicht habe ich ja sogar etwas Rückenwind.

  • Rückwind hättest du auf dem Weg nach Italien :D
    Aber der Herr muss ja nach Däääääänemark. Selbst schuld. \o/

    Ich möchte als Radfahrer ehrlich gesagt diesen Gigalinern nicht unbedingt begegnen. Mir reichen schon Nahverkehrsbusse, denen aufgrund zu geringer Geschwindigkeitsdifferenz machmal der Platz auf der Gegenfahrbahn (=Überholspur) ausgeht und die in Abwägung von "wen töte ich jetzt - den Gegenverkehr und meine Passagiere oder den blöden Radler?" dann rechts rüberziehen und das Heck vor mein Vorderrad werfen.

    Bei Gigalinern würde das vermutlich so Chevy-Chase mäßig enden, dass man sich als Radfahrer neben der Anhängerkupplung und zwischen Zugmaschine und Anhänger wiederfindet. Wer langsamer wird, hat dann verloren...

  • Bei Gigalinern würde das vermutlich so Chevy-Chase mäßig enden, dass man sich als Radfahrer neben der Anhängerkupplung und zwischen Zugmaschine und Anhänger wiederfindet. Wer langsamer wird, hat dann verloren...

    ....das ist dann aber windschattenfahren in Perfektion.

    Gar nicht so lustiges und leider auch etwas realitätsnäheres musste ich leider wieder am Bahnhof Dammtor erleben. Ein LKW hatte es mal wieder geschafft im Stau auf dem Fußgängerüberweg zwischen Bahnhof und Moorweide zu "verhungern", die sitzen ja auch nicht hoch genug um zu erkennen das Stau ist. Als die Fußgängerampel auf grün schaltete, steuerte ein sehbehinderter Fußgänger mit Stock zielstrebig auf die Lücke zwischen Zugmaschine und Anhänger zu. Natürlich haben mehrere Fußgänger eingegriffen, der LKW Fahrer hat von dem ganzen wieder mal nichts mitbekommen. Im Ernstfall hätte er den Fußgänger natürlich "nur" übersehen, aber das ist ein anderes Thema.


  • Gar nicht so lustiges und leider auch etwas realitätsnäheres musste ich leider wieder am Bahnhof Dammtor erleben. Ein LKW hatte es mal wieder geschafft im Stau auf dem Fußgängerüberweg zwischen Bahnhof und Moorweide zu "verhungern", die sitzen ja auch nicht hoch genug um zu erkennen das Stau ist. Als die Fußgängerampel auf grün schaltete, steuerte ein sehbehinderter Fußgänger mit Stock zielstrebig auf die Lücke zwischen Zugmaschine und Anhänger zu. Natürlich haben mehrere Fußgänger eingegriffen, der LKW Fahrer hat von dem ganzen wieder mal nichts mitbekommen. Im Ernstfall hätte er den Fußgänger natürlich "nur" übersehen, aber das ist ein anderes Thema.

    Das Problem, das du hier beschreibst ist ein generelles Problem mit [stvo]§11 Absatz 1[/stvo], hier noch so ein Beispiel:
    Innerorts, zweispurige Strasse, Kreuzung. Auf der inneren Fahrspur will ein Auto links abbiegen, hinter diesem Auto steht ein andres Auto das geradeaus will (natürlich steht auch dieses Auto auch mitten auf der Kreuzung, wer braucht schon ).
    Da hier meist viel Verkehr ist kann das hintere Auto nicht auf die rechte Spur, das vordere aufgrund des Gegenverkehrs nicht abbiegen.
    Nun schaltet die Ampel auf Rot, der Linksabbieger kann Abbiegen ("problemlos", da 'seine' Fußgängerampel rot zeigt), der Geradeaus-Fahrer fährt über 'seine' bereits grüne Fußgängerampel und gefährdet so die Fußgänger.

    So etwas sieht man hier leider häufiger.