Meine Position habe ich der Redakteurin per E-Mail mitgeteilt:
Sehr geehrte Frau Hörmann,
ich bin verwundert, welchen Senf der Woche Sie über diverse Maßnahmen zur allmählichen Gleichberechtigung des Fahrradverkehrs ablassen.
Ich wohne in Langenhorn, habe die Kolumne gerade im dortigen Wochenblatt entdeckt und bin beruflich im Bereich Rotherbaum unterwegs, kenne also sowohl den Bereich Kellinghusenstraße als auch die Situation im Alstervorland.
1.
Sie fragen: »Wer braucht schon Parkplätze?« Nun, die Frage ist falsch gestellt, denn wenn Hunderte von zusätzlichen, qualitativ hochwertigen Fahrradstellplätzen entstehen, wo bisher ganze acht Autos parken konnten, dann reichen vergleichsweise lächerliche neun Leute aus, die wegen des verbesserten Angebotes vom Auto auf das Rad umsteigen, um die Parkplatzsituation für Autofahrer zu verbessern. Ich verstehe nicht, warum diejenigen, die unbedingt Auto fahren wollen oder müssen, sich so vehement gegen Maßnahmen wehren, die potenzielle Umsteiger vom Auto aufs Rad holen. Jeder Umsteiger sorgt für mehr Platz auf der Fahrbahn und auf dem Parkplatz!
2.
Es geht gerade nicht um simple »Fahrradbügel«. Dass man denen sein teilweise über 1.000 Euro teures Rad nicht unbedingt anvertrauen möchte (unüberdacht, irgendwo in der «Pampa«), steht ja in der Eppendorfer Ausgabe auf der Titelseite. Sondern es wird ein Parkhaus gebaut, d.h. das Rad steht hinter Schloss und Riegel. Ich persönlich nutze - nach fünfeinhalb Jahren Wartezeit! - eine Fahrradbox an der U-Bahn: was glauben Sie, was das für ein beruhigendes Gefühl ist, das Rad diebstahlgeschützt und vor Taubendreck sicher sogar über Nacht abstellen zu können!
3.
Sie polemisieren gegen Fahrradstreifen. Davon gibt es solche und solche: breite und schmale, vernünftig angelegte und idiotisch angelegte. Es gibt also genügend Anlass für sachliche Kritik. Aber die »gefühlten 20 cm Entfernung« haben Sie auch, wenn der Radweg auf dem Hochbord direkt an der Bordsteinkante angelegt ist und der LKW an Ihnen vorbeibraust. Zu polemisieren wäre also gegen Autofahrer, die sich weigern, den Überholabstand von 1 bis 1,5 Metern einzuhalten. Viele dieser Autofahrer haben die seit 21 (!) Jahren geltende Regelung, dass Radfahrer im Regelfall auf der Fahrbahn fahren dürfen (oder sogar müssen!) und nur im Ausnahmefall auf einen getrennten Radweg gezwungen werden dürfen, immer noch nicht mitbekommen. Da könnte auch Ihr Wochenblatt bei der Aufklärung mithelfen, denn den »7. Sinn« gibt es ja leider nicht mehr.
4.
Sie »gehen lieber in Deckung« und fahren »im Zweifel auf dem Bürgersteig«. Das klingt so, als ob sie das auch dann machen, wenn Sie es gar nicht dürfen, weil der »Bürgersteig« nämlich ein reiner Gehweg ist. Damit behindern und gefährden Sie erstens die Fußgänger, sind zweitens ein schlechtes Vorbild für Kinder und liefern drittens denen Munition, die der Meinung sind, Radfahrer würden sich nie an Regeln halten (womit dann begründet wird, warum man nichts zur Verbesserung der Infrastruktur für Radfahrer tun sollte). Und dann kommt etwas Brandgefährliches hinzu: Stellen Sie sich mal vor, Sie radeln verbotenerweise auf dem Gehweg, während ich vorschriftsmäßig auf der Fahrbahn radle. Von hinten kommt ein Autofahrer, der die Vorschriftslage - wie üblich - nicht beurteilen kann oder will (er weiß nicht, welches Schild vielleicht an einer vorigen Ecke stand und etwas zum Thema Radfahrern regeln sollte), sondern nur sieht: da fährt eine, die ihn nicht stört, und da fährt einer, der ihn stört. Viele Autofahrer hupen dann, überholen bewusst eng, setzen die Scheibenwaschanlage zum Nassspritzen des Radfahrers ein oder brüllen durchs Seitenfenster »Radweg!« (auch da, wo keiner ist). Dieses Rüpelgehabe lässt sich nicht zurückdrängen, solange es Leute gibt, die - wie Sie - auf ihre Rechte verzichten.
Apropos »in Deckung«: Die meisten Radfahrer werden verletzt oder sogar getötet, weil sie zwischen Kreuzungen/Einmündungen »in Deckung« fuhren und der rechts abbiegende Autofahrer sich überhaupt nicht oder nur unzureichend darum gekümmert hat, ob da rechts von ihm jemand fährt, der geradeaus will und deswegen Vorrang hat. In den Unfallberichten steht dann typischerweise, der Autofahrer habe den Radfahrer »übersehen« (nein, er hat meistens gar nicht hingeschaut!) oder der Radfahrer sei »wie aus dem Nichts angeschossen gekommen« (eben: aus der »Deckung«!) oder »viel zu schnell gefahren« (z. B. mit 12 km/h geradeaus, während der Autofahrer mit 20 km/h um die Ecke gebrettert ist).
5.
Im Alstervorland gab - bzw. gibt es immer noch - es einen einzigen Weg, der Attribute wie »schön« und »herrlich« verdient: nämlich den Weg vorne am Ufer. Der ist aber für Radfahrer verboten. Der Radweg, den Sie meinen, war für mich Horror und eine Zumutung: viel zu schmal für einen Zweirichtungsradweg, holprige Oberfläche, mangelhaft gereinigt und total überlastet. Überholen war wegen der zu geringen Breite schon an sich so gut wie unmöglich (bzw. unzulässig) und wurde wegen des Gegenverkehrs zur Glückssache.
Die Fahrradstraße hingegen wird nach Ausbessern der Anfangsfehler hervorragend angenommen, und mein Eindruck ist, dass auch die Autofahrer zunehmend begreifen, dass sie hier nur geduldete Gäste sind. Es sind, wie Sie richtig schreiben, wenige Autos. Aber Touristenbusse sind es noch weniger und nicht »ganz viele«.
Übrigens gewöhnen sich immer mehr Radfahrer auf der Fahrradstraße die gefährliche Unsitte ab, in der Gosse zu fahren, also mit dem rechten Lenkerende quasi über dem Kantstein zu hängen und damit enge Überholmanöver zu provozieren. Sondern sie fahren mindestens einen Meter von diesem Kantstein (und natürlich in Nord-Süd-Richtung mindestens einen Meter von parkenden Autos) entfernt und signalisieren damit auch dem Doppeldeckerbus, für wen diese Straße ist. Das klappt auch bei Radfahrern, die nicht »sausen«, sondern so wie ich mit meinen knapp 60 Jahren gemütlich radeln.
6.
Warum die Radler komplett aus dem Grün verbannt sind? Das habe ich mal bei einer Veranstaltung zu dieser Fahrradstraße gefragt. Antwort der Behörde: Einige benahmen sich auf dem Uferweg rüpelhaft. Also hat man alle Radfahrer bestraft und von dort verbannt. Ich habe daraufhin vorgeschlagen, Autofahrer genauso zu behandeln und wegen einiger Schnellfahrer und Engüberholer die Fahrradstraße komplett für Kfz zu sperren. So viel Gleichbehandlung wollte man dann aber doch nicht.
7.
Hamburg ist leider immer noch eine Autostadt. Dafür reicht jeweils ein Blick auf den Straßenquerschnitt der Osdorfer Landstraße, der Ost-West-Straße, der Wandsbeker Chaussee oder der Alsterkrugchaussee im Tempo-60-Bereich. Das mit der »Fahrradstadt« ist ein schönes Ziel, liegt aber noch in weiter Ferne. Wir sollten allerdings im Interesse unserer Gesundheit (von der Fitness über die Abgase bis hin zum globalen Klimawandel) daran arbeiten, die Bedingungen für das Radfahren zu verbessern, anstatt Radfahrer weiterhin zu schikanieren oder wie in Ihrer Kolumne als Kandidaten für »Restflächen« zu behandeln, die nur dann etwas Vernünftiges hingestellt bekommen, wenn dem geheiligten Auto dafür nichts weggenommen werden muss.
8.
Mögen Sie vielleicht mal in Begleitung von Experten eine kleine Radtour unternehmen, sagen wir: vom Hotel Vier Jahreszeiten bis zur Hudtwalckerstraße?