Beiträge von CKO

    An eine zufällige Verteilung der Unfälle glaube ich jedenfalls nicht, sondern schätzungsweise 50% der Fahrradunfälle werden hier durch eine mangelhafte Infrastruktur und Verkehrsregelung mindestens sehr stark begünstigt.

    Die tödlichen Unfälle sind ja nur die (zum Glück recht kleine) Spitze des Eisbergs. In der Gesamtheit der Unfälle wird die Korrelation zu fehleranfälliger Verkehrsführung und Infrastruktur schon eher sichtbar.


    Dass in Stade so wenig auf Yeti gehört wird, ist schon fahrlässig seitens der StVB. So gründliche ehrenamtliche Mitarbeiter müsste man eigentlich mit Samthandschuhen anfassen. Dass in Stade auch im Neubau so viele Altlasten geschaffen werden, ist ein Jammer. Wahrscheinlich ist die Stadt zu klein. Als Unfallschwerpunkt gilt eine Kreuzung wohl erst bei mindestens 5 Unfällen / Jahr. Und solange die Polizei nicht Alarm schlägt, haben sie in der StVB ruhigen Schlaf. Aufgeschreckt werden sie mitunter, wenn sehr schwere oder gar tödliche Unfälle passieren.

    Darum finde ich es durchaus aufschlussreich zu beobachten, wie die Behörden reagieren wenn sie aufgeschreckt werden.

    Grundsätzlich erfreulich ist, dass Unfälle mit getöteten Radfahrern so seltene Ereignisse sind, dass es sehr schwer fällt, eine Korrelation zu schlechter Infrastruktur auszumachen. (Abgesehen vielleicht von den Abbiegeunfällen mit geradeaus Rad fahrenden im Seitenraum).

    Bei der Zuarbeit zur Verkehrsschau in meinem Stadtteil habe ich als größte Probleme Verkehrsdichte und -geschwindigkeit benannt. Wahrscheinlich liege ich da gar nicht so falsch. Die zunehmend strengeren innerörtlichen Geschwindigkeitsbeschränkungen scheinen tatsächlich den größten Beitrag zur statistisch sichtbaren Verringerung tödlicher Radunfälle mit Kfz-Beteiligung beizutragen.

    Aus Radfahrersicht denke ich nach wie vor, dass ein sehr gutes Antizipationsvermögen mehr wert ist als die beste Infrastruktur. Aber wie ist denen zu helfen, die das nicht haben?

    Dieser Ansatz baut darauf auf, dass besonders schwere Unfälle auf örtlichen Defiziten beruhen würden. Mein Eindruck nach mittlerweile knapp 3.900 ausgewerteten Todesfällen ist aber, dass es prädestinierte Unfallstellen ebensowenig wie prädestinierte Unfallverursacher gibt.

    Zunächst bin ich Ihnen sehr dankbar für die gewissenhafte Aufbereitung und Zugänglichkeit der Daten.

    An den meisten Stellen hat es wahrscheinlich im Vorfeld keine schweren Unfälle gegeben. Dort würde ich auch nicht erwarten, dass sich infolge des tödlichen Unfalls irgend etwas ändert.

    Was mich interessiert, sind jene Stellen, wo die Behörden der Meinung waren "Naja, geht gerade noch. Ist ja noch keiner umgefahren worden.". Dann werden im Anschluss oftmals die Ärmel hochgekrempelt usw.

    Noch ein Hinweis zu 19-411:

    Zwei Fahrspuren pro Richtung. Der Verursacher schoss bei Rot auf der rechten Spur mit > 80 km/h an den bereits wartenden Fahrzeugen links neben ihm vorbei, bemerkte zu spät den Linksabbieger von vorn, beschleunigte noch einmal, um noch vor ihm durchzukommen. Kollision mit Linksabbieger mit anschließender Verwüstung des rechten Seitenraums.

    Ja, Alkohol war im Spiel. Der Verursacher hatte im Rausch verschlafen und versuchte nun, irgendwie noch pünktlich auf Arbeit zu kommen.

    Und zu 20-026:

    Stoppschild + gelbes Blinklicht. Niemand weiß, warum die Radfahrerin direkt vor der fahrenden Tram die Gleise überqueren wollte.

    Nach Verkehrsunfällen, bei denen ein Radfahrer getötet wurde, sind öffentliches Interesse und mediale Aufmerksamkeit für Sicherheitsverbesserungen an der Unfallstelle meistens sehr hoch.

    In einigen Fällen hat es im der Unfallstelle bereits mehrere Unfälle gegeben, die noch nicht tödlich ausgegangen sind. Dann steigt der Handlungsdruck für die zuständige Straßenverkehrsbehörde, Maßnahmen zur Unfallreduktion umzusetzen.

    Insbesondere auf von mir befahrenen Strecken in Thüringen und Sachsen schaue ich aufmerksam hin, wenn mir ein tödlicher Unfall bekannt wird achte darauf, ob und was sich infolgedessen dort verändert.

    Manche meiner Beobachtungen habe ich bereits in anderen Themen geteilt, würde sie aber gern hier zusammenführen. Zumal mich auch der deutschlandweite Vergleich interessiert.

    Aber egal, mit jedem mal in Folge nicht überfahren werden, steigt nach "meiner Erkenntnis" (was für Worte) die Wahrscheinlichkeit, am nächsten Tag doch überfahren zu werden und das macht mich --- nervös.

    Das liegt daran, dass wir jeden Tag älter werden. Ab einem gewissen Alter, welches auch ich bereits überschritten habe, bringt das vor allem Nachteile mit sich:

    * Verzögerte Wahrnehmung

    * nachlassende Reaktionsschnelligkeit (z.B. beim Ausweichen)

    * usw.

    Als ich vor einigen Wochen für meinen Vortrag im Beirat Radverkehr die BAST-Studie "Unfallhäufigkeit und Regelakzeptanz von Fahrradfahrern" gelesen habe, dachte ich mir vor dem Einschlafen noch: "Und du willst morgen wieder mit dem Rad auf Arbeit fahren?"

    Eigentlich kann ich froh sein, dass ich im "wilden Osten", wo man mit den Regeln oft etwas lockerer umging bzw. immer noch umgeht, ziemlich unbekümmert meinen eigenen Stil entwickeln konnte. Und dass mir mein Vater schon zum 5. Geburtstag ein Schachspiel geschenkt hat, war auch hilfreich.

    Wenn die Chance, überfahren zu werden, jeden Tag 1:1000 steht, dann bin ich nach 4 Jahren überfällig. Mist, da bin ich schon fast.


    Bei 1:5000 sind es schon 14 Jahre, bis ich überfällig werde. Da hätt ich noch ein bisschen Zeit...

    Das verdeutlicht einmal mehr, wie stressig z.B. das Fahren im linken Seitenraum ist. Selbst wenn 99,9% der abbiegenden Kfz-Fahrer aufpassen und anhalten würden, würde das nicht ausreichen, um Einmündungen sorglos passieren zu können.
    Man darf dem "Gegner" einfach keine Chance geben, einen aus Unachtsamkeit umzufahren.

    Heute hat Herr T. im Beirat den Beschilderungsplan für die Lobedaer Straße vorgestellt. Weil Schilder so einfach zu wechseln sind, liegt der Schwerpunkt auf:

    Aus [Zeichen 240] mach [Zeichen 239][Zusatzzeichen 1022-10]

    Dazu Bordsteinabsenkungen am Anfang und Ende der Saalebrücke (Nordseite) sowie der HInweis, dass der Gehweg auf der Brücke nicht freigegeben werden kann (zu schmal und v.a. Geländer nicht hoch genug).

    Eigentlich wollte er noch mehr Beschilderungspläne vorstellen, aber die Zeit ließ es nicht zu. Aber weil MTL hier so gut zugearbeitet hat, hat er mit der Lobedaer Str. angefangen.

    fährt er rechts ran (Halteverbot) und während ich an ihm vorbeifahre wieder los, drückt mich in den Gegenverkehr mit dem Auto, während er was von Radweg erzählt auf dem ich fahren müsste. Also, kein Lebensrecht für Nicht-Radweg-Benutzer.

    Triumphierend zeigt er kurz später auf, na was wohl:

    [Zeichen 239][Zusatzzeichen 1022-10]

    Me too. Allerdings wollte ich sowieso an der nächsten Einmündung links abbiegen, was ich auch getan habe. Er wollte die Polizei rufen, hat mich noch eine Straße weiter verfolgt aber dann aufgegeben. Ich hatte keine Zeit zum Diskutieren, da meine Tochter im Schulhort auf mich wartete.

    Die Forderung nach Radverkehrsförderung sehe ich deswegen auch eher als Greenwashing. Es wird unterwellig angedeutet, dass dann weniger Autos fahren, was ich nicht erkenne kann. Eher wird der ÖPNV geschwächt, was ich für problematisch halte.

    Was ich noch problematischer sehe, sind die E-Scooter. Die zielen auf Leute, die sonst viel ÖPNV fahren, nutzen die lokale Infrastruktur und ziehen das Geld aus den Städten ab. Und (zumindest hier in Jena) genießen sie völlige Immunität im ruhenden Verkehr.

    An anderer Stelle hatte ich einmal vorgeschlagen, dass man reine Angebots-Fahrradwege oder Fußwege mit Radfahrer frei nur noch für solche Fahrradfahrer*innen freigibt, die bei 50 Pedalumdrehungen pro Minute maximal 15 km/h schnell fahren. (Das entspricht etwa 1. bis 2. Gang bei einer Dreigang-Nabenschaltung) Oder bei denen die Motorunterstützung bei 15 km/h abschaltet. Das halte ich nach wie vor für erwägenswert, aber nur für die (noch) vorhandenen Angebotsradwege und nicht mit dem Ziel noch mehr Fußwege für den Radverkehr frei zu geben.

    Ja, das ist ungefähr die Grenzgeschwindigkeit. Die Erlaubnis zum Gehwegradeln an die Geschwindigkeit statt ans Alter zu knüpfen, ist sicher sympathischer.

    Es gibt aber auch viele Leute Ü60, die Jahrzehnte quasi nicht mehr Rad gefahren sind und sagen: "Bei dem Verkehr trau' ich mich nicht auf die Straße."

    Der bekannte Verkehrswissenschaftler Knoflacher sagt zu der Frage: "Welche Fortbewegungsart hat Vorrang?

    Das Gehen erhält oberste Priorität, das Rad mit seinen 12 bis 13 km/h Reisegeschwindigkeit steht an zweiter Stelle. Für höhere Geschwindigkeiten gibt es den öffentlichen Verkehr. Aber meistens brauchen wir keine höheren Geschwindigkeiten."

    Mmh, der Ansicht scheint (bis auf den letzten Satz) der Jenaer Nahverkehr auch zu sein. Leute wie ich, die ihren 10-km Arbeitsweg ohne Motor mit einer Reisegeschwindigkeit von 24-30 km/h zurücklegen, schädigen nur das Geschäft. Schließlich schafft die Tram nur 20 km/h. "Also muss der Radverkehr runter von der Straße", geben sie regelmäßig zu verstehen: "Vorfahrt muss der ÖPNV haben." ...

    Aber in der Generation meiner Großeltern sind die Bergmänner noch 15 km bis zum Schacht gelaufen. Unglaublich.

    Der von CKO zitierte Bericht kommt meiner Erinnerung nach zu dem Ergebnis, dass die Aufhebung der Radwegebenutzungspflicht alleine nicht zu einer Erhöhung der Verkehrssicherheit beiträgt, solange man nicht dafür sorgt, dass die Leute anschließend tatsächlich auf der Fahrbahn fahren, bzw. dass das Fahrbahnradeln durch entsprechende Maßnahmen unterstützt wird. Das Gehwegradeln weiterhin offiziell zu erlauben, trägt aber sicherlich nicht dazu bei.

    Ja, die Studie "Unfallrisiko und Regelakzeptanz von Fahrradfahrern" aus 2009 hat zwischen benutzungspflichtigen und nicht benutzungspflichtigen Radwegen nur geringe Unterschiede festgestellt, sowohl Nutzung als auch Unfallhäufigkeit betreffend. Und die Studie aus 2013 hat geradezu resigniert festgestellt: Nichts zu machen! Der linke Seitenraum ist und bleibt gefährlich für Radfahrer.

    Doch bis heute nimmt kaum jemand wahr, dass die "Bekloppten", die trotz linksseitigem Radweg auf einer Hauptstraße fahren, das aus Sicherheitsgründen tun. Aber in Leipzig haben sie nun angefangen, es zu begreifen: https://www.lvz.de/Leipzig/Lokale…or-Unfallgefahr

    Was das Gehwegradeln betrifft, so denke ich inzwischen, dass man es für Senioren generell freigeben sollte wo Tempo 50 erlaubt ist. Also die Radfahrer nicht mehr als homogene Gruppe betrachtet. Schließlich sind sie diejenigen mit den größten Geschwindigkeitsunterschieden innerhalb der Stadt.

    Aber in kleineren Städten und auf Dörfern scheinen sich die Empfehlungen der BASt noch nicht sehr weit rumgesprochen zu haben. Aber immerhin prangen auch dort [Zeichen 240] mittlerweile etwas häufiger rechts als links. Bis 2050 wird die aktuelle VwV StVO vielleicht komplett umgesetzt sein.

    Was das Geisterradeln betrifft, so ist Jena zumindest groß genug, dass dabei regelmäßig Radfahrer von abbiegenden Kfz umgefahren werden, allein in Jena-Nord jedes Jahr mehrere. Da hat man erstmal eine Argumentationsgrundlage. In meinem Vortrag vor einem Monat habe ich dann mit Fachliteratur nachgelegt:

    Um die lokalen Unfälle und ihre Ursachen im nationalen Kontext einzuordnen, wurde Fachliteratur zu Rate gezogen.

    Die umfangreiche Studie aus 2009 (37000 Fahrten, 1100 Unfälle) brachte folgende Erkenntnisse:

    •Sichtbeziehungen / abbiegende Kfz als häufigste Ursachen

    •wenige Unfälle im Längsverkehr

    •Höheres Unfallrisiko auf Radwegen

    •Insbes. bei linksseitiger Radwegnutzung (mangelnde Wahrnehmung durch Kfz-Fahrer)

    Die Studie aus 2013 thematisiert das auch in Jena-Nord größte Unfallrisiko für Radfahrer.

    Die Ergebnisse der Studie wurden in Jena insofern beherzigt, dass die Benutzungspflicht linksseitiger Radwege an vielen Stellen aufgehoben wurde. Eine Aufklärungskampagne über die Gefahren des Linksfahrens steht noch aus. Diese Kampagne sollte auch Kfz-Fahrer mit ansprechen, um die Akzeptanz von Radfahrern auf der Straße auch bei vorhandenem, aber nicht benutzungspflichtigem, linksseitigem Radweg zu verbessern.

    Mal sehen, ob es gelingt, eine solche Kampagne zu motivieren. Immerhin haben wir hier auch einige Radfahrer, die in puncto Öffentlichkeitsarbeit was drauf haben.

    Die Fotos von Yeti zeigen schon so etwas wie eine Pervertierung der RWBP. Da wird man geradezu zu regelwidriger Fahrweise gezwungen.

    Dem Chef der Jenaer Straßenverkehrsbehörde habe ich neulich gesagt: "Wissen Sie, dass es immer mehr Radfahrer gibt, die sich vorgenommen haben, bis 2030 100% regelkonform zu fahren?" Und habe auch ergänzt, wie schwer das für uns Eltern ist, den Kindern zu erklären, dass sie hier und da sicherheitshalber regelwidrig fahren müssen.

    Es gibt also noch Hoffnung für Freie-Fahrt-Wer-bist-du-dass-du-mich-duzt-Bürger.

    Die Hoffnung, dass er einsieht, seine Strafe verdient zu haben, sollte man nie aufgeben.

    Sein Führerschein wurde ja gestern, also am Tag nachdem der Fall im Fernsehen kam, beschlagnahmt.

    Die mediale Aufmerksamkeit für den Fall ist schon enorm und überrascht auch mich. Ins Fernsehen zu kommen, ist gar nicht so leicht.

    Stern schreibt:

    Laut "Siegener Zeitung" wird gegen den 56-Jährigen wegen gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr und Gefährdung des Straßenverkehrs ermittelt.

    Also §315b *und* §315c. Da können sich die Richter aussuchen, ob es ein Inneneingriff (Pervertieren des Verkehrsvorgangs mit dem Auto) oder ein Außeneingriff (als er auf den Radsportler zugerannt ist) war. Beides war ja der Fall.