Mein Vater, inzwischen über 80 Jahre alt, hat mal erzählt, er könne sich noch erinnern, dass es "früher" überall Kreisel gab. Nach und nach wurden daraus ampelgesteuerte Kreuzungen gemacht. Heute werden wieder Kreisel draus. Das ist wohl wie mit der Mode...
"Um die Außenbezirke der Niedersachsenstadt schließt sich ein Ring von autobahnähnlichen, kreuzungsfreien Schnellstraßen, über die der Fern- und Durchgangsverkehr ohne Geschwindigkeitsbegrenzung surrt. Die City umfaßt ein zweiter, engerer Ring aus gleichfalls doppelbahnigen Schnellstraßen von 50 Metern Gesamtbreite, an deren Gelenken mächtige Verkehrskreisel wie Turbinenräder die Automobile in jede gewünschte Richtung wegschaufeln. Und im Westen und Süden der Stadt sind Baukolonnen mit Planierraupen und Betonierungsmaschinen schon an der Arbeit, die ersten aufgeständerten Hochstraßen Deutschlands zu errichten und mithin den Verkehr erstmals in die "zweite Ebene" zu verlegen.
Wenn sie fertig sind, können die Autofahrer aus der Richtung Ruhrgebiet - was kaum in einer anderen deutschen Stadt möglich ist - unbehindert durch Kreuzungen oder Ampeln mit unbeschränkter Geschwindigkeit bis zum Stadtkern preschen; über einen Verkehrskreisel werden sie dann auf den doppelbahnigen Innenstadtring geschleust, auf dem sie ihr Ziel in der City ansteuern."
Quelle: S. 56, 2. und 3. Spalte
https://magazin.spiegel.de/EpubDelivery/spiegel/pdf/42625552
Wenn dein Vater über 80 ist, dann hat ihn vielleicht das, was in dem zitierten Artikel von 1959 zu lesen ist, geprägt. Er war damals ja ein junger Mann. Das was vielleicht von dir und noch später Geborenen in der Zeit des Aufwachsens und der Entwicklung politischen Bewusstseins eher kritisch bewertet wurde, das galt für viele der Älteren in ihrer Jugend als außerordentlich erstrebenswert.
Die Fortschrittsgläubigkeit in den 50er und 60er Jahren war anfangs ungebrochen. Total! Was ja auch sehr eindringlich in dem oben zitierten Text deutlich wird!
Die Verkehrskreisel sind keine Modeerscheinung, sondern zwei "technischen" Faktoren zu "verdanken". Es ist eine Möglichkeit größere Mengen von Verkehr einigermaßen störungsfrei und schnell abzuwickeln, so lange die Verkehrsdichte das noch zulässt. Ab einer bestimmten Verkehrsdichte funktioniert das dann nicht mehr.
Und in den 50er-Jahren waren Ampeln noch längst nicht so weit verbreitet wie heute, dafür aber deutlich teurer und im Vergleich zu heute nur sehr begrenzt automatisch steuerbar und sie waren nicht vernetzt.
Entscheidender dürfte aber auch damals schon der psychische Faktor gewesen sein: Warum sonst beschreibt der Autor des Spiegelartikels die Verkehrskreisel als "mächtig" und vergleicht sie mit "Turbinenrädern", mit gewaltigen, riesigen Turbinenrädern, die in der Lage sind "Autos wegzuschaufeln"?
Vielen die ganz unkritisch auf die Vergangenheit schauen mit einem verklärten Blick, denen scheint es so zu ergehen, dass sie das nicht gar nicht wahrhaben wollen, dass sich Dinge ändern können. Und die finden dann auch heute noch Kreisel ganz toll.
Und tatsächlich funktioniert er ja auch, so ein bisschen jedenfalls, bei geringen Verkehrsmengen bei Einspurigkeit, wenn am besten gar kein Radverkehr stattfindet und nur sehr wenig Fußverkehr.
Vor allem aber funktioniert er als überdimensionierte Verkehrsanlage, die zeigen soll: Wir können uns das leisten, so einen Kreisel zu bauen. Das ist uns der fließende Autoverkehr wert. Als ein "Fortschrittssymbol" sozusagen.
Nachhaltige Mobilität für alle Menschen dagegen funktioniert ganz ohne Privat-PKW-Verkehr und Kreisel braucht es auch nicht.
Aber wer weiß vielleicht täusche ich mich ja? Gibt es Beispiele für eine reine Fahrrad- und Fußgängerinfrastruktur, in der Kreisel vorkommen?