Damit kriegst du aber die offiziell gewünschten "Tausende von Menschen" nicht vom Auto aufs Fahrrad?
Ich denke: Das Elektromotor-unterstützte 1-Personen-Vehikel ist das Gefährt der Zukunft. Nur eine Frage der Zeit. Wenn auch der letzte Honk murrend eingestehen muss, wie absolut unsinnig es ist, tausende von Kilos an Fahrzeug in Bewegung zu setzen, nur um sich selbst ein paar Kilometer weit zu transportieren.
Wäre schön, wenn unsere neuen grünen Vertreter-Helden das endlich mal deutlich, laut und unüberhörbar thematisieren würden.
Was genau sollen die "grünen Vertreter-Helden" denn nun genau thematisieren?
"Gerade Radschnellwege und Fahrradstraßen sind dafür konzipiert, um mit dem Fahrrad über längere Distanzen schnell von A nach B zu kommen und damit prädestiniert für S‑Pedelecs in der alltäglichen Anwendung, sagt Markus Riese vom E-Pedelec-Hersteller Riese & Müller, der selbst leidenschaftlich gerne mit dem S‑Pedelec unterwegs ist. Besonders drastisch ist die Regelung an Landstraßen, denn hier ist die nominelle Differenzgeschwindigkeit zwischen S‑Pedelecs und Autos deutlich höher als innerorts. Wie es anders gehen kann, zeigt die Schweiz: Dort sind die Radwege für S‑Pedelecs freigegeben und der Verkaufsanteil der Räder liegt bei ca. 20 Prozent des gesamten E‑Bike-Marktes. Anja Knaus vom schweizerischen E‑Bike-Hersteller Flyer kritisiert deshalb die deutsche Rechtslage: „Solange Themen wie die Radwegenutzung nicht gelöst sind, wird sich das S‑Pedelec nicht durchsetzen können.“
Soll Radwege-Infrastruktur also so gebaut und konzeptioniert werden, wie das die Hersteller von S-Pedelecs fordern? In einigen Fällen mag das funktionieren. Aber nicht zu den Bedingungen, wie das zum Beispiel Herr Riese gerne hätte. Fahrradstraßen zum Beispiel sind ohnehin häufig für den KFZ-Verkehr freigegeben, zu denen auch die Speed-Pedelecs mit motorgestützten Geschwindigkeiten bis 45 km/h zählen. Allerdings dürfen die in einer Fahrradstraße oder Zone mit KFZ-Freigabe auch nur max. 30 km/h fahren.
Und auf Fahrradwegen, auch auf breiten und gut ausgebauten, haben Speed-Pedelecs einfach nichts verloren. Das ist ein Terrain für Muskelkraft-Mobilität. Und ist der Fahrradweg breit genug und sowohl der Fußgänger-Anteil als auch der Radverkehr-Anteil nicht allzu hoch, dann spricht auch nichts gegen
. Ist der Fußverkehr und/oder der Radverkehrsanteil höher oder soll ein höherer Anteil angestrebt werden, dann gibt es auch noch diese Möglichkeit: ![]()
Aber das eigentliche Ziel muss es sein, den Radverkehr an Stelle des Fahrzeugverkehrs auf die Fahrbahn zu bringen. Und damit meine ich den Muskel-betriebenen Fahrradverkehr, nicht den, bei dem überwiegend ein Hilfsmotor die Kraft erzeugt, um hohe Geschwindigkeiten zu erreichen, die jenseits von den natürlichen Grenzen liegen, die eine Person mit geringer oder mittlerer Konstitution mit einem konventionellen Rad erreicht. Nur so kann Radverkehr massentauglich werden. Auch dann, wenn dabei nicht die Distanzen erreicht werden, die bei stärkerer Motor-Unterstützung oder besonders gutem Training möglich sind.
Der bekannte Verkehrswissenschaftler Knoflacher warnt immer wieder, zum Beispiel in diesem Zeit-Interview vom 13.9.2007:
Frage der Zeitung: Ist Autofahren eine Sucht?
Antwort Knoflacher: "Auf jeden Fall! Das Auto ergreift vom Menschen Besitz. (...)"
Und ich befürchte, dass das bei Motor-unterstützten Fahrrädern ganz genau so der Fall ist, solche Verkehrsmittel beinhalten eine immense Suchtgefahr, wenn nicht ganz deutlich die maximale Motor-Unterstützung auf eine sehr niedrige Geschwindigkeit limitiert ist. Nach mehreren Selbstversuchen mit Pedelecs plädiere ich für ein Limit von 20 km/h (anstatt der bisher üblichen 25 km/h). Wobei mir aufgefallen ist, dass unterschiedliche "Kennlinien" voreingestellt sind oder eingestellt werden können. Nicht gefallen hat mir ein Pedelec-Fahrrad, bei dem erst bei 25 km/h die Unterstützung abbricht, und zwar sehr abrupt abbricht. Angenehmer fand ich Modelle, beziehungsweise Einstellungen, bei denen schon deutlich früher die Motor-Zusatzleistung langsam abnimmt. Und überhaupt sollte das Pedelec eher als Hilfsmittel für Menschen mit körperlicher Beeinträchtigung genutzt werden.
Deshalb sehe ich das auch eher kritisch, wenn "grüne Vertreter-Helden", die gerne die Vorreiter-Rolle spielen, Publicity-trächtig Radverkehrsinfrastruktur für KFZ wie Speed-Pedelecs (S-Pedelecs) öffnen:
"Als bundesweit möglicherweise erste Kommune hat Tübingen einen ersten Radweg für S-Pedelecs freigegeben. Dort darf man maximal 30 km/h schnell fahren. Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne) will weitere Radwege freigeben."
Immerhin wurde für den frei gegebenen Radweg ein Tempolimit von 30 km/h verhängt. Aber so richtig Sinn macht es meines Erachtens nicht, dann dort Fahrräder mit einer Motorunterstützung bis 45 km/h zuzulassen. Allerdings handelt es sich um einen Tunnel, der eine beliebte Abkürzung für Fahrradfahrer ist, und in dem es eine eigene Fußverkehr-Spur gibt:
Fahr mit bei mapillary:
Damit will ich keinesfalls gut trainierte Radsportler ausbremsen. Aber für die sind ja genug Fahrbahnen vorhanden, wo sie mit hohen Geschwindigkeiten fahren können. Und wenn auf einem Radweg oder einem Radschnellweg freie Sicht ist und wenig los ist, dann kann dort bitte, wer das schafft, auch mit 40 km/h pedalieren. Sehr viele Alltagsradler allerdings werden das nicht schaffen. Und es sollen ja auch noch deutlich mehr Alltagsradler werden, im Sinne einer echten Verkehrswende.