Ich sehe das wie das Helmtragen beim Radfahren und Treppensteigen. Endemische Krankheiten und Kopfverletzungen zählen zum allgemeinen Lebensrisiko. Ob und wie man sich dagegen schützt ist eine individuelle Entscheidung. Da soll einem niemand Vorschriften machen.
Das sehe ich allerdings anders. Im Prinzip stimme ich dir zu. Fahrradfahren zum Beispiel ist nicht per se so gefährlich, dass man Fahrradfahrer*innen einen Helm verordnen müsste. Aber die Sicherheit im Straßenverkehr und auch die Sicherheit nicht zu erkranken ist keine rein individuelle Entscheidung, sondern durch zahlreiche gesellschaftliche Einflüsse in einem hohen Maße vorgegeben.
Zum Beispiel wird immer wieder darüber berichtet, dass in vielen Berufen und Betrieben der Arbeitsdruck so hoch ist, dass sich die Mitarbeiter nicht trauen, krankzumelden. Auch dann nicht, wenn es nicht nur besser für sie selbst wäre, sondern auch für die Kolleg*innen. Und ein solches Verhalten wird durch gesellschaftliche Konventionen und gesetzgeberische Vorgaben beeinflusst. Als zum Beispiel zeitweise von der CDU-FDP-Koalition die Lohnfortzahlungen im Krankheitsfall gekürzt wurden, hatte die Zahl der Menschen zugenommen, die sich krank zur Arbeit schleppten.
Ein besonders krasses Beispiel ist die eklatante Unterversorgung bei den Kindergartenganztagsplätzen und Ganztagsschul-Angeboten in Deutschland. Das beeinflusst die Bereitschaft, sich für ein Kind zu entscheiden, negativ. Aber besonders konservative Politiker erwarten in dieser Frage, eine hohe Bereitschaft der Eltern, das eigene berufliche Fortkommen hinten anzustellen und Einkommensnachteile in Kauf zu nehmen.
Letztlich waren auch die Corona-Gegenmaßnahmen immer geprägt davon, dass es eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung dafür gibt, einer schweren Erkrankung durch gemeinschaftliches Handeln etwas entgegenzusetzen. Gerade deswegen hatte es ja viele Menschen zu Recht empört, wenn zum Beispiel Fußballspiele mit großem Publikumsandrang noch zugelassen wurden, während andere gesellschaftliche Zusammenkünfte bereits verboten waren.
Das Helm-Tragen beim Fahrradfahren wird ja besonders stark und engagiert von denjenigen propagiert, die nicht bereit sind, Tempo 30 als Regelgeschwindigkeit innerorts anzuordnen oder andere Maßnahmen zu ergreifen, die den Spaß beim Autofahren beeinträchtigen könnten. Einmal mehr unvergessen der Mann der CSU mit Benzin im Blut: