Ich hätte den Artikel so verstanden, dass es keine Fahrpreiserstattung bei Verspätung durch höhere Gewalt gibt.
Von "sehen sie selbst zu, wie sie ans Ziel kommen", lese ich so nichts und würde weiterhin davon ausgehen, dass die Bahn bei Streckensperrungen etc. Taxigutscheine ausgibt oder dich auf alternative Verbindungen hinweist oder dir zur Not eine Übernachtung im Hotel zahlt.

Naja, was dann passiert, haben wir beide ja schon hinreichend oft erlebt.
Wenn wieder mal der obligatorische Baum zwischen Pinneberg und Elmshorn in der Oberleitung abhängt, dann ist ja erstmal die Strecke stundenlang gesperrt. Fahrgäste sollen dann erstmal mit der S-Bahn bis Pinneberg fahren, von dort aus würde dann ein Schienenersatzverkehr bis Elmshorn bereitgestellt. Die Kapazität des Schienenersatzverkehrs genügt aber nicht im Ansatz dem Andrang der Fahrgäste, mitunter pendeln dort zwei (!) Reisebusse, die dann die Fahrgäste von sechs Regionalbahnen und einem Fernverkehrszug pro Stunde und Richtung aufnehmen sollen. Da können also locker mal fünftausend Fahrgäste pro Stunde nach Hause wollen, die kriegt man niemals mit Bussen und Taxis wegtransportiert.
In der Regel bildet sich dann eine riesige Schlange an Kraftfahrzeugen in Pinneberg, mit denen Partner, Freunde oder Kollegen die Fahrgäste einzeln nach Hause transportieren. Für diese Fahrt entstehen die üblichen Kosten für den Betrieb eines Kraftfahrzeuges, die sich im nicht nennenswerten Bereich bewegen, wenn es nur um ein paar Kilometer geht, aber doch ins Geld gehen, wenn mal jemand bis nach Kiel gebracht werden muss — ganz zu schweigen von weiteren Belastungen, etwa Verdienstausfall oder zu leistenden Überstunden oder verpassten Terminen und so weiter und so fort.
Nach zweieinhalb Jahren Pendeln halte ich das Bereitstellen des Schienenersatzverkehrs eher für eine Beruhigungspille im Sinne von „wir tun, was wir können“. Mir ist klar, das nicht an jedem Bahnhof zehn Doppeldecker-Reisebusse mit laufendem Motor warten können, um im Fall der Fälle einen Schienenersatzverkehr zu leisten. Aber es ist eben absolut witzlos, angesichts dieser Gesamtumstände die übliche Umleitung über Bad Segeberg oder Lübeck anzupreisen, wenn dort ein (!) Bummel-LINT 41 eingesetzt wird.
Mit den nun beschlossenen Fahrgastrechten ist der Fahrgast im Zweifelsfall der Dumme, obwohl politische Versäumnisse in der Vergangenheit und in der Gegenwart zu diesen ganzen Umständen geführt haben — auf Ausweichstrecken stumpf einen einzigen LINT fahren zu lassen, ist in Zeiten der so genannten Verkehrswende ohnehin keine gute Idee (die Nordbahn hat nach meiner Kenntnis übrigens nur drei LINT 41, mit denen die Strecken von Bad Oldesloe über Neumünster, Heide bis Büsum bestritten werden, wenn da einer kaputt geht, wird’s noch enger) und schon gar nicht, wenn diese Strecken ständig als Umleitung angespriesen werden.
Wenn die Politik die Bahn von der Entschädigungspflicht für den im Fahrdraht zappelnden Baum befreien möchte, kann sie sich ja Bitteschön andere Lösungen überlegen. Sogar ich bin dann bereit, Baumfällungen zuzustimmen — macht ja momentan eh nichts mehr aus angesichts der Waldflächen, die wir für Autobahnen und Gewerbegebiete vernichten. Oder es müssen Gleise, Weichen und Fahrdraht her und dann fahren die Züge statt über Elmshorn eben über Bad Oldesloe. Oder es wird bei der Bestellung künftiger Züge darauf geachtet, im Zweifelsfall eine Doppeltraktion Diesellokomotive davorspannen zu können, die den Zug über die Ausweichstrecken ans Ziel bringt.
Aber ich bin als Fahrgast nicht gewillt, diese politischen Versäumnisse als mein persönliches Pech hinzunehmen.