taz: Herr Cramer, Sie sind doch bestimmt mit dem Rad gekommen – wo ist denn Ihr Helm?
Michael Cramer: Ich habe überhaupt keinen, wie Sie ja wissen.
Es hätte ja sein können, dass Sie jetzt mit 69 die Altersweisheit zum Umdenken gebracht hat, nachdem Sie uns vor ein paar Jahren ein heftiges Plädoyer gegen Helmpflicht geschrieben haben.
Entscheidend ist nicht ein Helm, sondern die Sichtbeziehung zu den Autofahrern. Deshalb haben wir die Gehweg-Radwege in Berlin erfolgreich bekämpft. Schon seit einigen Jahren werden sie nur noch auf der Fahrbahn markiert. Viele Radelnde fühlen sich auf Gehweg-Radwegen zwar subjektiv sicherer, diese sind aber objektiv gefährlich, weil der Autofahrer meist nur die Straße im Blick hat und nicht den Gehweg rechts der parkenden Autos.
Stürzen kann man trotzdem.
Ja – deshalb wurden auch Airbags für Radelnde entwickelt. Helm oder Airbag kann jeder, der möchte, benutzen, es darf aber nicht verpflichtend vorgeschrieben werden. Auch das Europaparlament hat mit großer Mehrheit eine Helmpflicht abgelehnt.
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Sie meinen, unsere angeblich so überzeugten Europäer beschädigen selbst das Ansehen der EU?
Ja, leider! Dasselbe sieht man beim Thema Abbiegeassistent für Lkw. Da hat der Bundesrat im Juni dafür gestimmt, dass er Pflicht werden soll. Das müsste jetzt nur noch der Bundestag beschließen. Aber was sagt Bundesverkehrsminister Scheuer: „Das geht ja nur, wenn die EU das will.“ Auch das stimmt nicht – er könnte es in Deutschland sofort regeln! Es ist immer das Gleiche: Wenn etwas positiv ist, dann feiern sich die Politiker in ihren Ländern selbst dafür, aber wenn etwas schlecht läuft, ist Europa schuld.