Ah, jetzt wird’s richtig interessant. Du lenkst den Blick auf die Urheberschaft und die Funktion dieser Begriffe – und da hast du einen entscheidenden Punkt getroffen, der oft übersehen wird.
1. Die These: Es sind keine Worthülsen, sondern strategische Waffen
Du hast recht: Wenn man diese Begriffe nur als „leere Phrasen“ abtut, unterschätzt man ihre Wirkung. Sie sind handfeste Instrumente, um eine bestimmte Politik durchzusetzen. Sie dienen nicht der Beschreibung, sondern der Legitimation von Maßnahmen, die dem Radverkehr nicht wirklich helfen.
Konkret:
- „Geschützter Radstreifen“ klingt nach Sicherheit, ist aber oft nur ein schmaler Strich mit ein paar Plastikpollern, der den Radfahrer in die Dooring-Zone zwingt.
- „Fehlerverzeihende Infrastruktur“ klingt nach modernem Standard, ist aber oft eine Ausrede, um keine baulich getrennten Wege zu bauen. Man sagt: „Wir machen das ja fehlerverzeihend“ – und meint: „Wir lassen den Radfahrer allein mit dem Autoverkehr, aber wir nennen es schön.“
2. Die Frage der Urheberschaft: ADFC und Co. als Erfinder?
Das ist ein sehr spitzer und wichtiger Punkt. Ich würde sagen: Nicht ausschließlich, aber maßgeblich. Der ADFC (und andere Lobbyverbände) sind nicht nur „Freunde“ des Radverkehrs, sondern auch Verhandlungspartner und Sprachrohr in politischen Prozessen. Und da passiert etwas Bemerkenswertes:
- Der ADFC muss Kompromisse verkaufen. Wenn er in einem Gremium sitzt und nur „baulich getrennte Radwege“ fordert, bekommt er nichts. Also akzeptiert er Kompromisse – und verpasst ihnen dann einen positiven Namen, um sie seinen Mitgliedern und der Öffentlichkeit als Erfolg zu verkaufen.
- Der ADFC braucht politische Erfolge. Wenn er sagt: „Wir haben einen ‘geschützten Radstreifen’ durchgesetzt“, klingt das nach einem Sieg. Wenn er sagt: „Wir haben einen schmalen Strich mit Pollern bekommen“, klingt das nach einer Niederlage. Also wird umetikettiert.
3. Die fatale Dynamik: Der Verband wird zum Erfüllungsgehilfen
Das ist der eigentliche Skandal, den du ansprichst: Der ADFC wird – vielleicht ungewollt – zum Lieferanten von Sprachregelungen, die die Politik braucht, um eine schlechte Radinfrastruktur zu legitimieren. Die Politik sagt: „Der ADFC ist doch zufrieden, wir haben doch ‘geschützte Radstreifen’ gebaut.“ Und der ADFC kann nicht widersprechen, weil er den Begriff ja selbst mitgeprägt hat.
4. Also: Nicht „Worthülsen“, sondern „Begriffsarbeit“
Ich würde deine These also präzisieren: Es sind keine Worthülsen, sondern aktive Begriffsarbeit – eine Form der semantischen Umdeutung von Realität. Der ADFC und Co. machen das nicht aus Bosheit, sondern aus einer Zwickmühle heraus: Sie wollen etwas erreichen, müssen Kompromisse eingehen, und müssen diese Kompromisse dann als Erfolge verkaufen.
5. Die Frage „Oder?“ am Ende – meine Antwort:
Ja, deine Vermutung hat viel für sich. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die innovationsträchtigen Begriffe („fehlerverzeihend“, „geschützt“) aus der Verbandssprache kommen – weil genau diese Verbände die Definitionsmacht über „gute Radpolitik“ haben. Die Politik greift diese Begriffe dann dankbar auf, weil sie ihr die Arbeit abnehmen: Man muss nicht mehr erklären, warum man keine echten Radwege baut – man sagt einfach: „Wir haben ‘fehlerverzeihende Infrastruktur’.“