Es ist jetzt also passiert: Fünf Jahre und drei Monate, nachdem ich mein Auto abgeschafft hatte, steht wieder eines vor der Tür — Corona sei dank. Wir möchten nächste Woche zu meinen Schwiegereltern fahren, unter deren Dach allerdings auch noch die Großeltern wohnen, die man womöglich nicht mit Mitbringseln aus den öffentlichen Verkehrsmitteln versorgen möchte.
Also fahren wir mit dem Auto quasi parallel zur Bahnstrecke.
Zwei Dinge sind mir dann doch noch aufgefallen:
Erstens bin ich zu meinen Eltern, bei denen ich das Auto abgeholt habe, natürlich mit der Bahn gefahren. Das sind diese 30 Kilometer von denen ich oben schrieb, die ich für so einen kurzen Besuch dann doch nicht mit dem Rad zurücklegen wollte. Der kleine LINT 41, mit dem der RE 74 von Kiel nach Rendsburg fuhr, war quasi leer, dafür allerdings warm wie ein Brutkasten: Sofern die Lüftung oder gar Klimaanlage funktionierte, war sie nicht besonders ambitioniert zugange. Und während der halbstündigen Wendezeit im Kieler Hauptbahnhof wurde vernünftigerweise der Dieselmotor abgeschaltet, was allerdings unvernünftigerweise natürlich auch die Lüftung deaktiviert.
Eine halbe Stunde mit Maske in der Hitze hat mir dann auch genügt. Ich pflege momentan noch keine Ambitionen, mir diesen Spaß jeden Tag auf dem Weg zur Arbeit für zweieinhalb Stunden anzutun, auch wenn im Nah- oder Fernverkehr zwischen Hamburg und Kiel die Wahrscheinlichkeit höher ist, eine funktionierende Klimaanlage zu erwischen.
Und:
Wie geil ist es eigentlich ein Auto zu fahren? Ich bin heute nur ein bisschen herumgekurvt, aber mir wurde an jeder Ecke so viel Zucker in den Arsch geblasen, dass mir fast der Darm geplatzt wäre. Wenn ich an den Strand will, steige ich ins Auto und fahre aus der Stadt raus. Bums, 25 Minuten später stelle ich den Wagen auf einem der riesigen und natürlich kostenlosen Parkplätze ab, fünf Minuten später kann ich mit den Füßen im Wasser stehen. Wenn ich nicht an die Ostsee, sondern an die Nordsee fahren möchte, dann düse ich halt aus Kiel in die andere Richtung.
Ich bin gestern mit dem Rad nach Schönberg gefahren und es war ja so unglaublich lästig: Ich brauche erst einmal eine Dreiviertelstunde, bis ich überhaupt aus der Stadt rausgekommen bin. Die ganzen Modalitäten mit miserabler Infrastruktur, „übersehenden“ Rechtsabbiegern und großartig harmonierenden Ampelschaltungen brauche ich hier wohl nicht weiter ausführen. Dann durfte ich die ebenfalls hinlänglich bekannten schleswig-holsteinischen Naturerlebnisradwege genießen inklusive abertausenden Wurzelaufbrüchen, plötzlichen Seitenwechseln, rätselhaften Verkehrsführungen und Falschparkern, die ganz bestimmt nur ganz kurz auf dem Radweg parkten, um mit dem Hund Gassi zu gehen.
Und dann ist man irgendwann am Ziel und kann die Zeit nicht einmal genießen, weil man ja weiß: Die ganze Strecke muss man auch noch einmal wieder zurückfahren. Früher, als wir noch nicht angehalten waren, öffentliche Verkehrsmittel nach Möglichkeit zu meiden, war die Sache viel einfacher: Ich fuhr morgens vor der Rush-Hour zum Bahnhof, stieg in einen Zug und fuhr anschließend mit dem Rad von irgendwo nach irgendwo, vielleicht von einem Ort innerhalb Schleswig-Holsteins zurück nach Kiel, vielleicht irgendwo in der Bundesrepublik die obligatorischen einhundert Kilometer für den monatlichen Gran Fondo. Um das fahrradtechnisch unzureichend ausgestattete östliche Kiel zu umgehen, konnte ich ja noch nicht einmal mit der RB 76 vom Hauptbahnhof die fünf Kilometer nach Kiel-Oppendorf fahren, denn Corona-bedingt fährt die kleine Bummelbahn momentan gar nicht.
Und ich merke, dass mit jedem Mal, bei dem ich erstmal eine halbe Stunde oder länger durch die Stadt fahren muss, meine Lust schwindet, mit dem Rad ins Umland zu fahren. Es macht einfach überhaupt gar keinen Spaß. Selbst wenn ich von unserer Wohnung nach Norden oder nach Westen rausfahren will, mir also den ganzen Weg einmal um die Förde herum spare, steht der für den Kopf notwendige Aufwand, mich aufzuraffen und erstmal die ganze autogerechte Stadt hinter mir zu lassen, in gar keinem Verhältnis zum eigentlichen Entspannungsfaktor dieser Radtour.
Und das blöde an dieser Situation ist eben: Mit dem Auto, das jetzt für ein paar Wochen vor unserer Tür steht, schwebe ich geradezu auf einer autogerecht ausgebauten Infrastruktur, der ja Fahrrad- und Fußgängerinfrastruktur zum Opfer fiel, aus der Stadt raus und abends wieder rein. Selbst am Pfingstmontag hat das Verkehrsaufkommen noch nicht einmal für einen ordentlichen Stau gereicht. Für den Kopf ist das viel entspannter, für den Bewegungsapparat natürlich nicht.