Ich bin privilegiert genug, um mit dem Fernverkehr fahren zu können. Aber jene Fahrgäste, die sich vielleicht in den letzten Jahren auf den Nahverkehr verlassen haben und sich nicht einfach Fernverkehrsfahrkarten aus dem Ärmel schütteln können (oder der Fernverkehr auf deren Route nicht fährt) sind ja echt vor Probleme gestellt. Unglaublich.
Das Schicksal setzt ja wirklich zuverlässig noch mal einen drauf.
Seit anderthalb Wochen fährt theoretisch wieder die RB 31 von Lüneburg nach Hamburg mit bis zu zwei Fahrten pro Stunde in den Stoßzeiten. Das ist natürlich aber auch nur Theorie, denn praktisch fällt die eine Fahrt zuverlässig aus und die andere wendet bereits in Hamburg-Harburg.
Und nach Hamburg-Harburg muss man ja erst einmal kommen: Wegen eines brennenden Lkws unter der Brücke vor dem S-Bahnhof Elbbrücken ist der S-Bahn-Verkehr zwischen Hamburg-Hauptbahnhof und Hamburg-Harburg momentan stark eingeschränkt. Ein Gleis ist aufgrund der beschädigten Brücke gesperrt, über das andere soll ein Langzug mit neun Wagen im 20-Minuten-Takt pendeln. In der Praxis ist es eher ein 50-Minuten-Takt, die Busse des Notverkehrs sind vollkommen überfüllt und stehen im Stau, also drängen in Harburg und am Hauptbahnhof alle Pendler in den Nahverkehr und in den Fernverkehr, der momentan für Inhaber von Zeitkarten freigegeben ist.
Wie das läuft konnte ich mir dann auch schon mal ansehen, beziehungsweise anfühlen, als letzten Dienstag plötzlich in Hamburg-Harburg hunderte Fahrgäste in den ICE einstiegen und mir ein Fahrgast unbeabsichtigt beim Versuch, über mein Faltrad zu steigen, erst mit dem Ellenbogen eine Edelstahl
fFlasche in meiner Tasche eindellte (!) und dann ebenso beherzt, wenngleich unbeabsichtigt den Ellenbogen treffsicher in meinem Gesicht versenkte. Das klang so ein bisschen wie eingedrücktes Styropor, aber es ist nicht einmal ein blauer Fleck entstanden. Nun denn.
Und heute stieg ich zum Zwecke eines kurzen Werkstattbesuchs in Harburg aus und kam anschließend nicht mehr von der Stelle. Die S-Bahn? Kann man vergessen. Den Busverkehr auch. Der Nahverkehr wechselt jedes Mal kurz vor der Einfahrt das Gleis, so dass man es gar nicht mehr rechtzeitig zum richtigen Gleis schafft und wenn man zufälligerweise schon am richtigen Gleis stehen sollte, ist der Zug schon überfüllt. Der Fernverkehr taucht in der Bahn-App gar nicht erst auf, weil er ja nur „zum Ausstieg“ hält.
Und so sieht die ganze Sache dann am Hauptbahnhof aus:
Ja, die wollen alle in den RE 4 nach Bremen auf Gleis 13 steigen. Und das sind noch längst nicht alle, oben stehen noch ein paar mehr und schaffen es nicht einmal mehr zum Bahnsteig herunter:
Aus dem ICE, mit dem ich dort auf Gleis 14 eingefahren kam, konnte man lediglich aus den vorderen Wagen aussteigen, weiter hinten kam man ernsthaft nicht mit dem Fuß auf den Bahnsteig.
Will sagen: Der Nahverkehr ist hier momentan komplett hinüber. Ich neige ja zu Fatalismus, aber man kann hier wirklich niemandem, den man mag, eine Fahrt mit der Bahn empfehlen.
Und das geht in alle Richtungen so: Der RE 6 nach Westerland ist mutmaßlich hinreichend aus der Berichterstattung in den Medien bekannt. Der RE 7 nach Flensburg und Kiel: überfüllt. RE 8 Richtung Lübeck: Überfüllt. RE 1 Richtung Rostock: Überfüllt. Und so weiter und so fort.
Am Wochenende bin ich naiverweise mit dem Fernverkehr nach Fehmarn gefahren. Ich hatte mir keine Gedanken über die Rückfahrt gemacht, beziehungsweise wusste wohl, dass es voller würde, aber ich hatte trotz meiner jahrelangen Erfahrung als Bahnfahrer keine Vorstellung: Ich kam über einen Zeitraum von fünf Stunden nicht von der Ostseeküste weg, weil die kleinen Nahverkehrszüge einfach überfüllt waren. Glücklicherweise hatte ich ja mein Rad dabei und fuhr einfach rüber zur Bahnstrecke Kiel–Lübeck, wo ich dann gerade noch eben so in einen Zug reinpasste. Die Bahn hat wohl noch bis zum Betriebsschluss um Mitternacht Leute am Bahnsteig stehen gelassen.
Insofern kann man wirklich nur hoffen, dass die Leute ab dem 1. September wieder artig ins Auto steigen.