Ich habe mit der Bahn ja so meine liebe Not, wie ihr vielleicht in meinem Storys auf Instagram entnommen habt. Aus der 1. Klasse fliege ich momentan mit dem Faltrad relativ häufig unter Androhung der Bundespolizei raus, weil angeblich seit dem „kleine Fahrplanwechsel“ im Juni die Mitnahme von Falträdern in der 1. Klasse im Nah- und Fernverkehr verboten wäre. Stimmt natürlich nicht, aber das Personal verschiedener EVUs behauptet das ganz hartnäckig: Entweder stünde das in den Beförderungsbedingungen (erixx Holstein) oder andere Fahrgäste könnten sich belästigt fühlen (DB Fernverkehr AG) oder Falträder müssten auch im gefalteten Zustand im Fahrradwagen transportiert werden (Metronom Eisenbahngesellschaft). Irgendwas werden sich die Leute im Zweifelsfall schon ausdenken.
Heute habe ich aber mal alles zur Explosion gebracht.
Ich wollte mit dem ICE 886 von Lüneburg nach Hamburg fahren. Der kam mit einer Verspätung von 20 Minuten in Lüneburg an und verkehrte als Ersatzzug mit einer modernisierten ICE-1-Ganitur. Und schon draußen am Bahnsteig werde ich vom Zugpersonal äußerst höflich und professionell darauf hingewiesen, dass ich hier nicht einsteigen darf.
Denn: Der Zug wäre überfüllt. Ich stieg trotzdem ein, denn objektiv gesehen war der Zug nicht voller als das, was DB Fernverkehr ansonsten in den letzten Wochen auf die Reise geschickt hat. Es wurde dann schließlich mit der Räumung durch die Bundespolizei gedroht, so dass ich mich dann doch bemühte, Jacken, Taschen und Rucksäcke auf den Sitzen anzusprechen, ob ich wohl den Platz einnehmen könnte, aber es stellte sich heraus, dass auf jedem Platz jemand saß, der gerade rauchen oder auf Toilette oder im Boardrestaurant wäre. Das fand ich lustig, denn draußen rauchten nur zwei Personen, die Toilette war kaputt und das Bordrestaurant geschlossen — ich kam schnell dahinter, dass die Leute einfach wie immer keine Lust auf einen Sitznachbarn hatten und fragte beim fünften Mal direkt nach, wo sich denn das eigene Gepäck befände oder ob man nur mit dem Notebook auf dem Schoß allein reise. Kam auch nicht gut an.
Weil ich aber keine Lust hatte, von der Bundespolizei aus dem Zug getragen zu werden, stieg ich freiwillig aus. Zack, gingen die Türen zu, der Zug fuhr ab. Der einzige Blödmann, der sich von der Drohung der Bundespolizei beeindrucken ließ, war ich.
um 12:28 Uhr rollte RE 82120 ein. Die sieben Doppelstockwagen waren auch schon gut gefüllt — und der Zug ging im Angesicht von Malte Hübner und seinem Faltrad direkt kaputt. Wir sollten dann um 13:32 Uhr mit RB 81618 bis Hamburg-Harburg fahren und dort mit der S-Bahn weiter zum Hauptbahnhof, aber der Zug wartete leider nicht auf die ganzen Leute, die von Gleis 3 auf die andere Seite des Bahnhofs zu Gleis 6 rannten. Schade.
Stattdessen hielt plötzlich ein weiterer ICE auf Gleis 2, der fahrplanmäßig keinen Halt in Lüneburg hatte, aber wegen eines Polizeieinsatzes auf der Strecke hier schon mal die Türen öffnete. Ich stieg heimlich ein, stellte fest, dass die 1. Klasse wieder voll war, aber ein Wagen der 1. Klasse wegen defekter Klimaanlage gesperrt war. Da der gesperrte Wagen nicht kälter oder wärmer war als die anderen Wagen und ich annahm, es würden hier keine Schimmelpilzsporen oder tödliche Viren aus der defekten Klimaanlage strömen, beschloss ich mich stehend in dem defekten Wagen aufzuhalten.
Nach nicht einmal einer Minute stand das Zugpersonal neben mir und wies mich äußerst freundlich und professionell darauf hin, dass dieser Wagen gesperrt wäre. Ich gab genauso professionell und höflich zurück, ob wir noch eine zweite Person in diesem Zug finden würden, die sich dafür interessiert. Das war nicht nett, das war nicht deeskalierend, also drohte der Zugbegleiter mit der Bundespolizei und hielt sich zur Verdeutlichung dieser Drohung das Telefon ans Ohr, als riefe er direkt an. „Sie müssen erst eine Nummer eintippen, damit das Telefon funktioniert“, klugscheißerte ich ranzig, „aber Sie können auch einfach raus auf den Bahnsteig gehen, die Beamten stehen noch dort hinten, die wurden schon von Ihren Kollegen gerufen.“
Obwohl wir nun beide kundgetan hatten, kein Interesse an einer Deeskalation zu haben, kam plötzlich ein neuer Vorschlag: In der 2. Klasse wären noch 150 Plätze frei und ich bekäme dann ja die Differenz des Fahrpreises erstattet.
Und das stimmte nunmal beides nicht: Die 2. Klasse war noch voller als die 1. Klasse, denn auch dort stapelten sich die Beförderungsfälle schon in den Türbereichen und in den Gängen, und außerdem bekomme ich mit meiner BahnCard 100 natürlich auch keine Differenz erstattet, denn die kann niemand berechnen. Ich bekomme noch nicht einmal die 15 Euro für die verspätete Ankunft in Hamburg, weil mir das so genannte „Servicecenter Fahrgastrechte“ wieder vorhalten wird, der ICE 886 wäre doch mit 20 Minuten Verspätung in Hamburg angekommen und für 20 Minuten Verspätung gibt’s halt keine Erstattung. Es wird ja nirgendwo hinterlegt, dass dieser Zug überfüllt war und ab irgendeinem Bahnhof kein Zustieg mehr zulässig war.
Da weiß ich aus Erfahrung, dass man sich auf den Kopf stellen kann: Wenn wieder ein Zugteil fehlt, wenn der Zug überfüllt ist, wenn man von der Bundespolizei aus dem Zug geräumt wird, weigert sich das „Servicecenter“ hartnäckig, irgendeine Entschädigung auszuzahlen. Das müsste man wohl mal mit anwaltlicher Hilfe eskalieren, aber das sind mir die 15 Euro dann doch nicht wert.
Immerhin durfte ich dann noch später mit dem verspäteten ICE 1672 nach Hamburg fahren. Auch der fuhr als überfüllter Ersatzzug, aber hier hatte das Zugpersonal keine Lust, sich mit renitenten Beförderungsfällen auseinanderzusetzen.
Wenigstens haben das Zugpersonal davon abgesehen, mit den albernen „Lieblingsgast“-Keksen um sich zu werfen. Wie ein Lieblingsgast sehe ich nun ganz sicher nicht aus.