Man sollte ein gesundes Maß finden, einerseits deutlich erkennbar zu zeigen, dass man beabsichtigt, die Kreuzung zu überqueren, ohne andererseits blind drauflos zu fahren. Wenn man sich zu defensiv verhält, gehen Autofahrer davon aus, dass man ohnehin warten wird. Dabei könnte bei dem ein oder anderen Autofahrer im Resthirn hängen bleiben, dass Radfahrer dort grundsätzlich keine Vorfahrt haben oder darauf verzichten oder dass das zügige Räumen der Kreuzung wichtiger ist als die Vorfahrt der Radfahrer. Man bringt so unter Umständen andere Radfahrer in Gefahr, weil man mit zu defensivem Verhalten das Recht des Stärkeren untermauert, anstelle die Einhaltung der Verkehrsregeln einzufordern.
Ich habe heute Morgen selbst eine ähnliche Situation erlebt, allerdings mit einem rechtsabbiegenden LKW, der von hinten kam und die Kreuzung zur selben Zeit erreichte wie ich. Ich hasse dieses "Chicken-Spiel": Ist ihm klar, dass ich geradeaus weiterfahre und er mich durchlassen muss? Ich bremse, um im Fall der Fälle, dass er doch einfach vor mir abbiegt, noch zum Stehen zu kommen. Wird er mein Bremsen jetzt so deuten, dass ich auf meine Vorfahrt verzichte und ihn vor mir abbiegen lassen möchte? Wie kann ich ihm anzeigen, dass ich weiterfahren werde? Wie kann er mir anzeigen, dass er mich wahrgenommen hat und mich durchfahren lässt? Ich habe schon Fälle erlebt, wo ein LKW-Fahrer an derselben Stelle vor dem Rechtsabbiegen sogar angehalten hat und genau in dem Moment losgefahren ist, als ich neben ihm war. Er hatte mich kurz vorher überholt und ich hatte Blickkontakt mit ihm über die Außenspiegel. Das Anhalten habe ich ganz klar so interpretiert, dass er mich vorher gesehen hatte und durchfahren lässt.
Im Zweifelsfall ist das eigene Überleben natürlich immer wichtiger als die Einhaltung der Regeln, aber ein zu unterwürfiges Verhalten gegenüber dem Kfz-Verkehr lehne ich ab.