Ein grundsätzliches Problem in der Radfahrer-Community besteht ja darin, dass völlig zu Recht und unbedingt notwendigerweise immer wieder auf die vielen Gefahrenpunkte hingewiesen wird, die durch eine schlechte Radverkehrsinfrastruktur hervorgerufen wird. Und je besser es gelingt, diese Gefahren öffentlichkeitswirksam zu erörtern, um so mehr steigt die Gefahr von Missverständnissen. Die aktuelle Debatte über Abbiegeunfälle bei LKW ist so ein Beispiel. Für vernünftige Forderungen halte ich die die Reduktion von LKW-Verkehr und weniger riskante und belastende Formen von Wirtschaftsverkehr (z. B. mehr Güter auf die Schiene) sowie technische Verbesserungen inklusive entsprechende Vorschriften, diese zu nutzen. (Der Abbiegeassistenz nutzt nichts, wenn er abgeschaltet werden darf.)
Leider führt die Diskussion aber auch dazu, dass Forderungen erhoben und zum Teil auch mit viel Beifall bedacht werden, die sich absolut kontraproduktiv im Sinne von mehr Verkehrssicherheit für Radfahrer und Fußgänger auswirken. So hatte in einem Leserbrief ein Schreiber gefordert, die Radfurten an stark befahrenen Straßen sehr stark zu verschwenken und die Ecken der Kreuzungen mit hohen Geländern zu sichern, "so wie das früher üblich war". Andere fordern die Ampelschaltungen so zu verändern, dass kein Längsverkehr von Fußgängern und Radfahrern mehr möglich ist, so lange Autos abbiegen. Ich befürchte, wenn man das konkretisiert, dann entstehen daraus längere Wartezeiten für den Fuß und Radverkehr. Vielleicht auch für den Autoverkehr, das wär mir das nur Recht, aber deren Lobby ist nicht zu unterschätzen.
Für viele, die die Diskussion nur oberflächlich verfolgen und die sich nicht so beinhart ins Detail verbeißen, bleibt aber bei der Diskussion dieser Themen oft nur eines hängen: Radfahren ist gefährlich und so lange selbst die Experten sich uneinig sind, was richtigerweise Abhilfe schaffen kann, treibe ich meine ganz "persönliche Aufrüstung" voran. (Heißt: Fahre mit Helm.)
Und da finde ich die Halskrausen-Diskussion (Airbag-Fahrradhelm) interessant. Sollen sich die "Helmis" anstatt einfach nur den Fahrradhelm zu propagieren doch lieber sich gegenseitig darüber in die Haare kriegen, ob die Halskrause mit Airbag-Helm dreimal oder achtmal sicherer ist, aber nicht vor herabfallenden Ästen schützt... Oder ob dieser oder jene Helm der sicherere ist.
Da werden sich dann viele, irgendwann überfordert von der Detailfülle des Themas, sagen: Was solls, fahre ich halt ohne Helm.
Das Helmtragen ist dann nicht mehr die einfache Antwort auf die komplizierte Thematik zur richtigen Radverkehrsinfrastruktur. Und möglicherweise wächst sogar die Bereitschaft sich wieder mit anderen Maßnahmen zu beschäftigen, zum Beispiel wie eine Verkehrsinfrastruktur auszusehen hat und durchgesetzt werden kann, die den Autoanteil reduziert und Fußverkehr-, Radverkehr und ÖPNV in den Mittelpunkt stellt.
Gelingt es eine Diskussion über den "richtigen" Helm zu entzetteln, dann ist die scheinbar einfache Antwort nicht mehr so einfach. Und die Diskussion über Radverkehrs-Infrastruktur-Schwachpunkte läuft nicht mehr so leicht Gefahr von vielen einfach nur mit "ich Kauf mir jetzt 'nen Helm" beantwortet zu werden. Stattdessen kann dann wieder Tempo 30 auch auf Hauptverkehrsstraßen auf's Tapet. Umbau von Parkplatzstreifen zu sicheren Radwegen usw..