Wenn ich aber den Weg dorthin mit öffentlichen Verkehrsmitteln bestreite, sitze ich quasi direkt in der Brutkammer für Viren: Es ist eng und voll, alle möglichen Leute fassen alles an und an jeder Haltestelle findet eine erneute Durchmischung statt. Es gibt zwar von den unterschiedlichen Bus- und Bahngesellschaften vornehme Regelungen, dass man doch bitte nur am Fenster sitzen und jeweils eine Reihe frei lassen sollte, aber wer in den letzten Wochen schon mal die Erfahrungen mit öffentlichen Verkehrsmitteln machen durfte, wird verstehen: Das funktioniert nicht ansatzweise.
Dem "es funktioniert nicht ansatzweise" muss ich widersprechen, denn ich habe in der Region Hannover aus verschiedenen dringenden Anlässen in den letzten Tagen und Wochen sowohl Bus und Straßenbahn als auch Regionalbahn und S-Bahn schon benutzt und da hat die Einhaltung der Corona-Schutzmaßnahmen funktioniert. Mit der bereits weiter oben beschriebenen Einschränkung, dass es beim Aneinandervorbeigehen zu einem kurzfristigen Unterschreiten des Sicherheitsabstandes kommt. Zugegebenermaßen waren das in der Regel keine Verkehrsspitzen, die habe ich so gut es ging bewusst vermieden.
Ein wichtige Maßnahme habe ich in diesem Zusammenhang beim Kundencenter angeregt: Fenster in Bus und Bahn öffnen. In den Stadtbussen und den Straßenbahnen in Hannover gibt es keine Klimaanlagen für den Fahrgastraum. Aber es gibt Klappfenster. Leider achtet fast niemand darauf, dass die geöffnet werden, auch die Fahrgäste nicht, obwohl das doch ein wesentlicher Beitrag zum Selbstschutz ist. Im Kundencenter versprach man mir, an dieser Stelle nachzubessern. Aber man schränkte zugleich ein, dass es morgens in der Frühe noch sehr kalt draußen sei, so dass man die Fenster leider nicht in geöffneter Stellung arretieren könne.
Das größere Problem sehe ich nicht darin, dass der ÖPNV grundsätzlich nicht "Corona-tauglich" zu gestalten sei. Vielmehr besteht das alte Problem fort, dass verkehrspolitisch die falschen Prioritäten gesetzt werden. Grob vereinfacht gesagt: Statt ÖPNV-Ausbau findet ÖPNV-Rückbau statt, bzw. es wird Mangelverwaltung betrieben.
Und in dieser Situation fällt es den "Auto-Strategen" leicht, den Eindruck vom "Viren-sicheren" Privat-PKW zu vermitteln.
Und natürlich wie so oft, wenn die Vorzüge des Autos gelobt werden, kommen dann die Erfahrungsberichte, wie toll einfach es sei (und garantiert virenfrei) von A nach B mit dem Auto zu fahren. Was nicht beachtet wird, die Begegnungsfälle nehmen zu, besonders die auf größere Distanzen. Manchmal sind das wichtige Anlässe, vermutlich sind es manchmal auch weniger wichtige. Aber wer so was laut ausspricht, der sieht sich schnell dem Vorwurf ausgesetzt, dass er die Freiheitsrechte der Menschen missachte.
Und dabei gehen einige ganz unverblümt so weit, dass sie ein Recht auf Corona-Partys und Ansteckung einklagen: "Sie wollen sich anstecken dürfen, Demos, Mahnwachen, eine neue Partei: Der Corona-Protest verstetigt sich, Rechtsextreme und Verschwörungstheoretiker mischen mit. Sie fordern ein Recht auf Infektion." Zeit vom 9.5.2020 https://www.zeit.de/gesellschaft/z…inschraenkungen