Und dann noch VICE.
Es ist ja nun kein Geheimnis, dass man mit Online-Qualitätsjournalismus irgendwie Geld verdienen will. Das kann man so machen wie bei SPIEGEL ONLINE, wo man sich noch wenigstens etwas Mühe macht und die Kundschaft mit Inhalten auf die Seite lockt, oder wie bei FOCUS ONLINE, wo man die Kundschaft mit reißerischen Überschriften und zusammengeklöppelten Artikeln lockt. Um die Reichweite zu steigern verlinkt man diverse Artikel gerne auf facebook, wo es dann wiederum darauf ankommt, eine möglichst hohe Reichweite innerhalb des Netzwerkes zu erreichen. Es ist also wünschenswert, wenn möglichst viele Besucher mit dem Artikel interagieren, also ihn teilen oder kommentieren oder den Daumen heben.
Und das blöde ist: Das klappt am besten bei Aufreger-Themen. Wenn man sich beispielsweise die Seiten der Hamburger Zeitungen anschaut, werden dort in der Regel nur eine Handvoll Themen behandelt: Flüchtlinge, Fußball, ein bisschen Prominenz, Olympia, ein bisschen Politik und Polizeimeldungen. Und tatsächlich auch gerne die üblichen „Radfahrer gegen Autofahrer“-Artikel — die bringen schließlich ganz besonders viele Klicks, denn fast jeder Kraftfahrer hat zu diesem Thema etwas zu sagen. Mindestens hundert Kommentare sind garantiert, das steigert die Reichweite, weil bei vielen facebook-Nutzern plötzlich der Artikel angezeigt wird mit dem Hinweis „XYZ hat einen Kommentar dazu geschrieben“.
So ungefähr funktioniert das mit der Reichweite. Darum kann den Zeitungen eigentlich gar nichts besseres passieren als diese Flüchtlingskrise, in deren Kommentaren sich die Leute die Köpfe einschlagen. Mehr Reichweite zum Nulltarif gab es eigentlich noch nie. Und wenn dann morgens im Berufsverkehr ein Radfahrer „übersehen“ wird — hej, besser kann der Tag doch gar nicht anfangen, denn jeder hat schon mal einen Radfahrer gesehen, der ohne Speichenreflektoren gefahren ist, da ist die Reichweite ebenfalls geschenkt.
VICE macht es nun ganz witzig und bemängelt die negativen Kommentare unter einem YouTube-Video der Critical Mass Linz, bei dem ein Audi-Fahrer durch die Masse fährt und mehrere Radfahrer zur Seite drängelt: Ein Autofahrer fährt einen Radfahrer an und wird im Netz gefeiert
Tatsächlich hat sich der Autor hier sogar noch recht viel Mühe gegeben, um einen längeren und durchaus leicht kritischen Artikel zu schreiben.
Dann wurde der Artikel auf facebook verlinkt und dürfte eine durchaus bedeutende Reichweite geschafft haben. Hunderte Kommentare, in denen sich Radfahrer und Kraftfahrer gegenseitig die Köpfe einschlagen, verursachen abertausende Klicks auf den Artikel und damit abertausende Werbeeinblendungen. Das dürfte sich finanziell durchaus gelohnt haben.