Und ich will auch gleich einmal deutlich machen, worauf ich keine Lust habe: Auf persönliche Angriffe.
Ich habe diese Idee mit der Fahrradstadt am Donnerstag etwas überstürzt in Gang gesetzt, weil ich aufgrund meiner Unfähigkeit, vernünftig mit dem Rad am Straßenverkehr teilzunehmen, in der S-Bahn versauerte und das auch nicht so geil fand.
Also schrieb ich auf facebook in diese berühmte Alltagsradler-Gruppe rein, warum wir denn eigentlich immer mit offenem Mund die Berliner Radlinge mit ihrem Radentscheid bestaunen, uns aber selbst mit Fotos von falsch parkenden Kraftfahrzeugen und der größten Critical Mass Nordeuropas zufrieden geben.
Da müsse doch eigentlich noch mehr drin sein.
Was denn meine konkreten Vorschläge wären, fragten dann — durchaus zu Recht — fünf andere Mitglieder der Gruppe. Daraufhin begann ich, insgesamt zwanzig mehr oder weniger sinnvolle Ideen ungefiltert in den dortigen Thread zu blubbern. Einige Ideen kamen wohl ganz gut an, andere eher nicht, aber das ist auch vollkommen okay, schließlich wollte ich die Sachen ja explizit zur Diskussion stellen.
Dann sickerte hingegen wieder diese Problematik durch, dass viele diese Fahrradstadt-Sache zwar insgesamt echt geil finden, aber… eben auch gespannt sind, was Malte da alles leisten wird. Daraufhin machte ich gleich mal deutlich, dass ich hier nicht wieder so eine One-Man-Show wie bei der alten Seite der Critical Mass Hamburg oder bei Radverkehrspolitik aufzuführen gedenke. Wenn schon, dann ziehen wir das gemeinsam durch, schrieb ich, so ganz ohne wesentliche Verpflichtungen als locker verbundene Organisation. Wenn das aber nicht in Gang kommt, sei es, weil meine Vorstellung von diesem ganzen Projekt vollkommen an den Anforderungen oder Erwartungen der Radfahrer vorbeigeht (oder, und das schreibe ich jetzt ganz ohne beleidigten Unterton, es sich herausstellt, dass diese ganze Fahrradstadt-Nummer nur für mein eigenes Wohlbefinden notwendig ist, das nach zwei Gehirnerschütterungen deutlich beeinträchtigt ist) oder ich einfach nicht genügend Mitstreiter begeistern kann oder einfach sofort wieder die Luft raus ist, dann lassen wir es halt bleiben — zwei Wochen wollte ich der Sache erst einmal als Startvorbereitung geben, um mal abzuschätzen, ob man so etwas in Hamburg durchziehen könnte.
Am Freitag, am Sonnabend und Sonntagabend hatte ich dann noch mal ein gutes Dutzend Gespräche über facebook oder Mail oder WhatsApp mit potenziellen Mitstreitern, die allesamt in die gleiche Richtung gingen: „Ja, total super, dass du das durchziehen willst, aber fick dich für deine Begeisterung für Radwege!“ Bitte?
Ich war leider so unklug, mich auch über den Themenkomplex Separation-Radweg-Fahrbahnradeln auszulassen. Ich schrieb, genau wie oben, dass weder Freundin noch Eltern in Hamburg Radfahren wollten und ich mir auch angenehmeres vorstellen könnte, als den Lokstedter Steindamm oder die Kieler Straße auf der Fahrbahn zurückzulegen. Ja, schön, dass wir uns hier das Fahrbahnradeln zutrauen, aber auf gewissen Strecken nervt es mich einfach nur noch: Ich komme einfach nicht entspannt im Bureau an, wenn mir in der Schanzenstraße jemand bei Tempo 40 direkt am Hinterrad nagt, weil es ihm nicht schnell genug voran geht.
Da kann ich tatsächlich nachvollziehen, dass manch einer lieber auf dem Radweg durch die dortige Außengastronomie und den Blumenladen und die drei Baustellen radelt. Selbst wenn ich meine Eltern oder meine Freundin dort zur Fahrbahnradelei überreden könnten sollte, was wird denn wohl passieren? In irgendeiner Straße werden sie angehupt oder bedrängelt werden und schon ist das Experiment Fahrbahnradeln beendet. Ist halt nicht jeder so kampfeslustig wie wir.
Ich hatte in der Alltagsradler-Gruppe allerings nicht derartige Denkverbote vermutet, die dort offenbar vorherrschen. @Vorstadt Strizzi ist auch dort aktiv und seine Vorschläge werden dort nicht mehr kontrovers diskutiert, sondern einfach nur noch abgelehnt. Das führt dazu, dass es auch manchmal ganz erhellende Ideen gibt, dass es ja gar kein Problem wäre, mit einem Kind auf mehrstreifigen Hauptverkehrsstraßen das Fahrbahnradeln zu praktizieren, weil ja schließlich § 1 StVO gelte und alle Kraftfahrer aufpassen müssten.
Ist ja ein super Vorschlag. Und weil die Straßenverkehrs-Ordnung gilt, kann mir ja an meinen drei erwähnten Lieblingskreuzungen nichts passieren, weil mich Autofahrer ja durchfahren lassen müssen. Naja.
Jedenfalls habe ich mich heute Abend entschlossen, die insgesamt drei Diskussionsstränge auf facebook zur Wahrung meines Wohlbefindens wieder zu entfernen.
Ich muss mich weder dafür rechtfertigen, dass ich solche lustigen Fahrradstadt-Ideen habe, noch muss ich mich dafür rechtfertigen, wenn mir irgendwann die Lust vergehen sollte. Nur auf solche Gespräche, teilweise auch von Menschen, die ich mal zu meinen Freunden gezählt habe, in denen mir vor allem vorgeworfen wird, dass ich ja wohl vollkommen bescheuert und von Sinnen wäre, plötzlich das Schild mit der Separation hochzuhalten, auf solche Gespräche habe ich keine Lust. Die muss ich mir echt nicht geben. Ich habe mich bei Radverkehrspolitik zwischen Anwälten zerreiben lassen, ich habe bei der Critical Mass Hamburg meinen Namen im Impressum der Webseite belassen, während auf facebook debattiert wurde, ob zur nächsten Tour nicht jeder einen Pflasterstein für die Polizei mitbringen sollte. Ich werde jetzt nicht versuchen, irgendwelche Fahrradstadt-Aktionen gegen den Willen der Radfahrer-Gemeinde durchzusetzen.
Meinetwegen, und das darf man jetzt durchaus mit beleidigtem Unterton lesen, können die Leute in der Alltagsradler-Gruppe weitermachen wie bisher: Lustige Bilder übers Radfahren teilen, werkstags die üblichen Falschparker anprangern und sich beschweren, dass die Lage für Radfahrer in Hamburg nunmal so ist, wie die Lage für Radfahrer in Hamburg nunmal ist.
Warum sollte man als Radfahrer etwas dagegen tun? Ja, okay, berechtigte Frage — dafür haben wir ja eigentlich unsere Volksvertreter gewählt. Nur wird die Planung für eine neue Infrastruktur in der Regel offenbar immer noch von Menschen ausgeführt, die eher selten mit dem Rad unterwegs sind. Wenn die Anwohner in der Walddörferstraße keine Fahrradstraße wollen, bilden sie eine Interessengemeinschaft. Aber wenn die Radfahrer an der Kieler Straße Sorge haben, dass ihre Radwege nach der Sanierung nur eine andere Farbe bekommen, ansonsten aber unbrauchbar bleiben, dann jammern sie auf facebook in ihrer Gated Community herum, wo es niemanden stört.
Natürlich kann man sich auf den Standpunkt zurückziehen, dass man nur genügend Radfahrer auf die Fahrbahn bringen müsse, um das Fahrrad-Paradies zu proklamieren, aber ich glaube nicht, dass das ein wirklich toller Weg ist. Wie wäre es denn mit einer Zwischenlösung?
Gute Radwege brauchen keine Benutzungspflicht, heißt es doch immer. Dann könnte man ja dafür sorgen, dass es beispielsweise entlang der Kieler Straße gute Radwege gibt. Zwei Meter breit, vernünftige Linienführung, sichere Knotenpunkte mit dem Fahrbahnverkehr. Wir könnten ja versuchen, dort unsere Ideen einzubringen. Und für diejenigen, die lieber schnell auf der Fahrbahn entlangbrausen wollen, sorgen wir dafür, dass erst gar keine blauen Schilder aufgestellt werden.
Und für solche Gegenden wie die Schanzenstraße und das Schulterblatt könnte man sich auch ordentliche Lösungen überlegen. Anstatt einfach die ADFC-Lösung „Ab auf die Straße“ durchzusetzen, bei der auf in der Schanzenstraße nach meinem Gefühl 98 Prozent der Radfahrer auf dem Radweg bleiben, könnte man ja beispielsweise ein Tempolimit von 30 Kilometern pro Stunde anstrengen, so dass sich auch unsicherere Radfahrer auf die Fahrbahn trauen. Und warum dann in einer Holterdipolter-Kopfsteinpflaster-Straße wie dem Schulterblatt so viel Durchgangsverkehr herrschen muss, ist mir auch nicht so ganz klar. Dieser Bereich ist doch eigentlich prädestiniert dafür, den Menschen wieder etwas mehr in den Vordergrund zu rücken, anstatt möglichst viele Parkplätze zu schaffen.
Nur: Dazu muss man eben auch mal für seine Interessen eintreten. Das kostet Zeit, das kostet auch manchmal Geld. Aber mit der ganzen Expertise, die sich allein schon dort auf facebook und hier im Forum versammelt, könnte man etwas bewegen. Man stelle sich vor, wir könnten die hundert aktivsten Mitstreiter dazu bewegen, jede Woche eine Stunde zu investieren: Abzüglich der Reibungsverluste wegen Koordination und so weiter blieben bestimmt 80 Stunden pro Woche übrig — das sind zwei Vollzeitstellen, die vermutlich mehr Biss hätten als unsere Radverkehrskoordinatorin, bei der man auch nicht so richtig mitbekommt, was sie eigentlich so treibt.
Und parallel zur politischen Arbeit könnte man eben versuchen, etwas Marketing in Richtung Fahrradstadt zu betreiben. Indem man eben irgendwelche Aktionen durchführt, die alle nur einen partiellen Nutzen haben, aber über soziale Netze und Medien multipliziert eben an den richtigen Adressaten gelangen — und womöglich beim ein oder anderen im Gedächtnis bleiben.
Ich glaube, man könnte mit etwas Koordination und vielen neuen Ideen wirklich etwas bewegen. Ob es nun etwas großes sein wird, das sei mal dahingestellt, aber vielleicht könnte man Hamburg an der einen oder anderen Stelle zu einem schöneren Ort zum Radfahren machen.
Das geht aber nicht, wenn wir uns selbst zerlegen, weil man in Hamburg eben so sehr aufs Fahrbahnradeln abfährt, dass andere Möglichkeiten überhaupt nicht mehr in Betracht gezogen werden.