Los geht’s mit dem EC 33 von Hamburg nach Puttgarden! Hier sind bestimmt ein Dutzend Eisenbahnfotografen an Bord und ich bin der einzige von denen, der heute nicht in der ersten Klasse reist. Naja.




Es ist nun auch nicht so, dass die Stimmung sonderlich gedrückt wäre — die Verbindung wird ja nicht komplett eingestellt, sie fährt „nur“ eine andere Strecke. Und wirtschaftlich denkende Fahrgäste werden sich wohl eher über die Zeitersparnis von 20 Minuten freuen, anstatt der vorletzten Eisenbahnfährverbindung Europas hinterherzutrauern.
Spannend finde ich ja diesen klappbaren Führerstand. Bis zu fünf dreiteilige DSB-MF-Triebzüge können auf diese Weise verbunden werden. Zwischen den einzelnen Einheiten werden die Führerstände in einen Schrank geklappt und die Pausbacken aufgeblasen. Mehr als sechs Wagen hintereinander passen allerdings nicht auf die Fähre.



Beruhigend, dass auch das dänische Rollmaterial so seine liebe Not mit den Anzeigen hat und der Zug denkt, er wäre immer noch in Hamburg.


Kurzer Stopp im Lübecker Hauptbahnhof. Einigen Fahrgästen fällt erst hier auf, dass die sechs Wagen nummeriert sind — allerdings etwas ungünstig: Jeweils anderthalb Wagen haben eine Nummer, die ersten beiden 71 und 72, die hinteren beiden 82 und 81. Da kann man schon mal durcheinander geraten.

Schleswig-Holsteins Eisenbahninfrastruktur hängt ja traditionell gern etwas hinterher, die Strecke von Hamburg nach Lübeck wurde erst 2008 elektrifiziert. Der Fahrdraht reicht zwar immerhin bis Travemünde, allerdings nicht weiter nach Norden bis Neustadt, geschweigedenn Puttgarden; auf dänischer Seite sieht es nicht wesentlich besser aus. Als der Lübecker Hauptbahnhof elektrifiziert wurde, mussten die Gleise inklusive der Bahnsteige abgesenkt werden, um Platz für den Fahrdraht zu schaffen. Die denkmalgeschützte Treppe im Hintergrund wurde auf einen Sockel gesetzt, der auf weiteren Stufen bis zum Bahnsteig herabführt.

Auf der ab morgen befahrenen Strecke von Hamburg über Flensburg bis Puttgarden hängt zwar ein durchgängiger Fahrdraht, allerdings sind die dänischen DSB-ER-Züge nicht für den internationalen Verkehr nach Deutschland ertüchtigt. Es wird also weiterhin mit Diesel getuckert, was insbesondere den nächtlichen Umlauf über Kiel vereinfacht, wenn von Hamburg über Kiel nach Flensburg durch das nicht elektrifizierte Niemandsland gefahren wird.
Obwohl es keinen großen Bahhof geben sollte, grüßt auf der Laufschrift jemand „Tschüs Vogelfluglinie“ und „Farvel Fugleflugtslinjen“.

Ankunft in Oldenburg in Holstein. Der Bahnhof hat heute nur noch ein einziges Bahnsteiggleis an einem untermaßigen Regionalverkehrsbahnsteig, der aber immerhin lang genug für eine DSB-MF-Doppeltraktion oder die sommerlichen Wochenend-Doppelstockzüge mit fünf Wagen ist. Der Bahnsteig steht allerdings mitten auf einem alten Gleis, das einfach überbaut wurde. In Fahrtrichtung links träumt der Rest eines Güterbahnhofs von besseren Zeiten, rechts wartet ein Bus auf Anschlussreisende neben einer weiteren Laderampe.



Weiter geht’s über die Fehmarnsundbrücke. Das ist die, die bei stärkerem Wind immer wieder direkt gesperrt wird. Wenn hier im Zuge einer festen Fehmarnbeltquerung eine Autobahn und eine zweigleisige Eisenbahnstrecke nach Fehmarn führen, wird diese Brücke eventuell abgerissen und ersetzt. Bis dahin gehen aber noch einige Monde ins Land, vor 2028 ist damit nicht zu rechnen. Für ein Radverkehrsforum interessant wäre noch die Querung des Fehmarnbelts für nichtmotorisierte Verkehrsteilnehmer, aber das machen wir später mal, es ist grauenvoll.


Auf Fehmarn begegnet uns der verspätete EC 38 auf dem Weg nach Hamburg:

Das Gleisdreieck nach Fehmarn stammt noch aus Zeiten der Inselbahn, als noch eine Eisenbahnfähre von Großenbrodefähre nach Fehmarnsund dampfte und eine Inselbahn quer über die Insel bis nach Orth führte. Als die Fehmarnsundbrücke mit der querenden Strecke bis nach Puttgarden im Jahr 1963 gebaut wurde, entstand dieses Gleisdreieck, das 1995 wieder stillgelegt wurde, als die Eröffnung der Großen Belt-Brücke 1998 in Dänemark den Eisenbahngüterverkehr auf der Insel schlagartig beendete.


Seit 2010 gibt es in Burg wieder einen Nahverkehrshalt, der sich etwas nördlich des früheren Bahnhofs befindet. 2022 soll dieser Bahnhof aufgrund der Bauarbeiten für die feste Fehmarnbeltquerung schon wieder stillgelegt und einige Jahre später mit dann nunmehr zwei Gleisen als Ersatz für den Bahnhof Puttgarden eröffnet werden.
Aus dem Archiv:An den Sommerwochenenden fahren zwei Mal pro Tag sogar längere Doppelstockzüge von Hamburg direkt nach Puttgarden, ansonsten nur ein kleiner Bummellint.



Weiter geht’s ins riesige Gleisfeld des alten Güterbahnhofs. Es ist mir unvorstellbar, was hier früher alles rangiert und verladen worden ist. Mittlerweile gibt es nach meiner Kenntnis nur noch ein einziges befahrbares Gleis, das sich hier so durchschlängelt und dann an einem von drei Bahnsteigen endet:



Ankunft in Puttgarden. Nebenan wartet schon 648 843 als RB 21719 auf die Rückfahrt nach Lübeck:



Auch hier lässt das einzeilige Fahrgastinformationssystem noch Platz für Höflichkeiten:


Nach einem kurzen Aufenthalt zum Personalwechsel geht’s dann rauf auf die Fähre. Die Fahrgäste bleiben während der Auffahrt im Zug, müssen dann aber während der Überfahrt den Zug verlassen:




Aus dem Archiv: Auf dem Zug sieht es dann so aus:


Der Zug passt haargenau, zum Ausstieg gibt es provisorische Bahnsteige:




Der Bahnhof Puttgarden macht derweil den gewohnt traurigen Eindruck. Von drei früher 400 Meter langen Bahnsteigen ist nur noch einer in Betrieb, gekürzt auf die nahverkehrsverträgliche Länge von 200 Metern. Unvorstellbar, was hier zur Blütezeit der Vogelfluglinie los gewesen sein muss —


Der mittlere Bahnsteig findet Verwendung als überdachter Parkplatz für die Scandlines-Verwaltung, der hintere Bahnsteig wird offenbar bereits abgebrochen: dort hängt sogar noch ein alter Zugzielanzeiger mit Fallblattanzeige — der hatte früher viel zu tun, über den Fehmarnbelt fuhren nicht nur Züge nach Kopenhagen und Stockholm, sondern auch nach Hoek van Holland und Rom.


Früher, also in besseren Zeiten, führte von allen drei Bahnsteigen eine Treppe hoch auf die Brücke in das mittlere Gebäude mit Wartehalle und Gastronomie, von wo aus ein mittiger, wirklich breiter Landgang zu den beiden Fähren führte. Letzterer wurde vor langer Zeit bereits abgebrochen, heute führt nur noch ein relativ schmuckloser Landgang links vorbei an die beiden Kaianlagen. In dem mittleren Gebäude befindet sich seitdem ein Bureau der Scandlines-Verwaltung:


Die Treppe vom noch in Betrieb befindlichen Bahnsteig wurde schon vor langer Zeit gesperrt, stattdessen müssen Fahrgäste an einem albernen Hindernislauf über Gleis 1 und 2 teilnehmen.



Hier ist noch ein bisschen zu erahnen, wie das früher funktionierte, als hier Güterzüge verladen wurden und der Wendezugbetrieb für Personenzüge noch nicht erfunden wurde. Die ziehende Lok wurde abgekuppelt und trollte sich nach links oder rechts auf ein Ausweichgleis, von hinten setzte eine Rangierlok an und schob den Zug auf die Fähre.

Hier gab es früher offenbar sogar ein relativ modernes Rollband für schwere Gepäckstücke:

Tja.


Ein bisschen fortschrittlich ist der Bahnhof Puttgarden aber gegenüber vielen Nahverkehrshaltepunkten immer noch: Es gibt eine beheizte Wartehalle mit Ticketautomat, drei Fressautomaten und sauberen Toiletten. Da kann man schon mal applaudieren.

Oben gibt es vier Ticketautomaten für die Fähre. Offenbar gibt es Zeiten mit höherem Andrang als heute.

Nur: Woher sollen denn die Fährgäste ohne Auto kommen? Touristen aus Fehmarn, die einmal rüber nach Rødby wollen, um sich dort die Stadt anzusehen? Fernverkehr findet hier ja ab morgen nicht mehr statt und die Nahverkehrsanbindung wird noch weiter eingedampft:

Einige Fahrten beginnen und enden aus mir unbekannten Gründen im benachbarten Burg auf Fehmarn, bis dahin fährt dann sogar ein Bus. Unbedingt attraktiv ist das Angebot allerdings nicht, aber vielleicht war das auch gar nicht das Ziel:

Oben auf der Brücke ist die Luft noch immer schwanger vom Geist der 70er, der hier nicht nur architektonisch noch gegenwärtig ist. Es sieht nicht nur alles alt aus, es riecht aus so. Was hier wohl früher alles los gewesen sein muss!


Noch mal ein verschwommener Blick zurück auf das Bahnhofsgelände:


Und rüber zu den Kaianlagen. Früher führte ein Landgang mittig zwischen die beiden großen Becken, der wurde dann irgendwann gegen den kleinen links im Bild ersetzt.



Bis zur Rückfahrt mit dem EC 38 in anderthalb Stunden kann man sich noch prächtig die Zeit mit dem Info-Point vertreiben, der recht kritisch die Notwendigkeit einer festen Fehmarnbeltquerung hinterfragt. Das ist angesichts des Betreibers auch nicht verwunderlich.
